"Die Engel des Lebens"Die reine Stirn der Engel

Sie spielen eine zentrale Rolle in der Bibel und bleiben doch unbegreiflich. Können wir noch an Engel glauben?

Auch die Engelkunde hat ihre Gretchenfrage: Sind die „Boten Gottes“ lediglich Metaphern, die wir ersonnen haben, um mit der Fülle des Lebens zurechtzukommen – oder gibt es sie als eigenständige Wesen, als „Lichtgestalten“, die den „immerwährenden Lobpreis Gottes“ singen? Solche Charakterisierungen scheinen vielen mittlerweile naiv, auch wenn der Skeptiker Gottfried Benn bei seiner Frage nach dem Guten und dem Sanften noch die „reine Stirn der Engel“ einfiel. Für Uwe Wolff freilich, der als Theologe, Kulturwissenschaftler und emsiger Publizist seit Jahrzehnten den Spuren der Engel nachgeht, stellt sich hier auch die Frage nach unserem Weltverständnis: Hat die Schöpfung ein „Herz“, eine göttliche Mitte, von der aus alles seine „heilige Ordnung“ bekommt?

Wer diese Frage bejaht, der tut gut daran, den zahllosen Stimmen der religiösen Überlieferung, der Literatur und Kunstgeschichte zu lauschen, die Engel-Begegnungen bezeugen, lyrisch verdichten, in Bildern meditieren. Für Wolff sind es die „Engel des Lebens“, die dabei zu Wort oder ins Bild kommen. Der „Engel der Geburt“ zum Beispiel, der dafür einsteht, dass jedes Leben erwählt ist, „von Gott beim Namen gerufen, noch bevor es empfangen wird“. Der „Engel des Kampfes“ auch, der – wie beim Ringen des biblischen Jakob mit dem Engel am Fluss Jabbok – den Menschen versehren kann, mit dem man gleichwohl seine Lebensaufgabe entdeckt: „Am Jabbok kämpft ein reifer Mann in der Lebensmitte um den Bestand seiner Berufung. Was dem jungen Träumer zufiel, will jetzt in zähem Ringen neu erworben werden.“ Das ist himmlische Erzählung und geerdete Weisheit zugleich. Von diesen Ingredienzen gibt es in Wolffs Betrachtungen eine ganze Menge. Beeindruckend nicht zuletzt die Bezüge, die er beispielsweise zwischen Jakob und dem Maler Paul Gauguin oder zwischen der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und Martin Luther herstellt. Es ist eine „Kulturgeschichte“, ein Buch der Andeutungen, die man aufgreifen mag, um sie zu meditieren. „Einen Engel“, so ein Sprichwort, „erkennt man erst, wenn er vorübergegangen ist.“

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Wolff, Uwe

DIE ENGEL DES LEBENSEine Kulturgeschichte

Rückersdorf 2022, 292 S., 16,90 €

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