Engelfest am 29. SeptemberDer Engel und der Satan

Der Erzengel Michael besiegt Luzifer, den gefallenen Engel. Diese machtvolle Bronzefigur dominiert die Portale der Jesuitenkirche St. Michael in München. Eine Annäherung.

Am 17. Dezember 1583 kletterten einige bayerische Soldaten durch die Latrinen der Festung Godesberg bei Bonn, die seit einem Monat von bayerischen und italienischen Söldnern eingeschlossen, mit schweren Kanonen beschossen und mit 680 Kilo Schwarzpulver zur Hälfte in die Luft gesprengt war. Erst dann ergab sich der Kommandant. Dadurch verlor der vom Papst abgesetzte Kurfürst-Erzbischof von Köln, Gebhard Truchsess von Waldburg, der geheiratet hatte und zum Calvinismus übergetreten war, seinen wichtigsten Stützpunkt. Ernst von Bayern, Fürstbischof von Freising, Hildesheim und Lüttich, seit 22. Mai erwählter Erzbischof von Köln, gewann den Krieg. Damit war die katholische Mehrheit im Kurfürstenkollegium gesichert bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahr 1806.

Der sogenannte Kölner Krieg betraf nicht nur die Reichskirche, sondern auch die Kultur des Barockzeitalters. Denn von da an orientierte sich die eine Hälfte des Reichs an Rom und Florenz, Madrid, Brüssel und Lissabon, während die andere sich nach Amsterdam, London, Kopenhagen und Stockholm wandte. Die in der italienischen rinascita wiedergeborene Kunst der Antike wurde zum Stil einer im Konzil von Trient erneuerten römisch-katholischen Kirche.

Die Jesuitenkirche St. Michael in München, deren Bau 1583 begonnen wurde, bezeugte dies nördlich der Alpen als erste. Sie kann noch nicht barock genannt werden, aber sie öffnete dem aus der italienischen Renaissance erwachsenen Barock den Weg über die Alpen. Zwischen ihren beiden Portalen steht in einer halbrunden vergoldeten Nische die monumentale, über vier Meter hohe Bronzefigur des Erzengels Michael. Er tritt auf ein bocksbeiniges Ungeheuer. Der jugendliche Erzengel hat die Flügel weit ausgebreitet, er trägt ein priesterliches Gewand mit gekreuzter Stola, im lockigen Haar ein Diadem von einem Kreuz bekrönt. Wie im Hochaltarbild der Michaelskirche von Christoph Schwarz und im Holzschnitt der Apokalypse von Albrecht Dürer tritt der Engel barfuß in einem bodenlangen Gewand auf. Darüber trägt er eine Art gegürteter Dalmatik, die von auf der Brust gekreuzten Bändern gehalten wird. Nach 1600, von Peter Paul Rubens, Guido Reni und anderen, wurde Michael meist mit einem Brustpanzer, Schwert und Schild dargestellt, mehr Ritter als Priester.

Das Ungeheuer, auf das er tritt, auf den Bauch und in die rechte Achsel, und dem er den langen Kreuzstab an den Hals drückt, Luzifer, der Führer der abtrünnigen Engel, ist mit Beinen und Hörnern eines Ziegenbocks als halbes Tier, wie der Faun in der griechischen Kunst, gebildet. Krallen an den Fingern, eine verzerrte Fratze mit spitzen Zähnen im offenen Mund, hängende Brüste einer alten Frau und ein langgeringelter Schwanz machen ihn zum Bild des Niedrigen, Hässlichen, Satanischen, Gefährlichen, das vom Schönen, Guten aus der Höhe besiegt wird. Die langen Brüste des Teufels, die auch Dürer im letzten Holzschnitt seiner Apokalypse zeigt, ebenso wie Giorgio Vasari im Gemälde der Domkuppel von Florenz, könnten eine Erinnerung an den weiblichen Dämon Lilith sein, der in Goethes Faust als Adams erste Frau auftritt, denn solange man die Bibel als fortlaufende Geschichte las, meinte man, die Frau sei zweimal erschaffen worden (Gen 1,27 und 2,22). Im Hochaltarbild ist Luzifer dagegen ein nackter, schöner junger Mann, dem erst im Sturz aus Himmelshöhen Krallen aus den Fingern wachsen, die Zehen sich zu Hufen verklumpen, die gezackten Flügel brandrot werden.

An der Engelskampfgruppe lässt sich ablesen, dass die Kirche, die man hier betritt, eine Michaelskirche ist. Sie bewegt mit ihren aus der Nähe sichtbaren, lebensvollen Formen das Gemüt der Betrachter und stellt die Macht und Kraft Gottes dar. Für den Bau von Kirche und Kolleg der Jesuiten wurde unter anderem eine Michaelskapelle im Schäftlarner Klosterhaus an der Neuhauser Straße abgebrochen.

Die Übertragung ihres Patroziniums auf die neue, weit größere Kirche war auch eine Wiedergutmachung. Am Festtag des Erzengels, am 29. September 1548, ist der Stifter, Herzog Wilhelm V. von Bayern, geboren. Er hat Michael als Beschützer seiner Person und seines Landes verehrt. Dies bezeugt als Erstes sein kunstvolles Wappen. Die überlebensgroße Figur, knapp über Kopfhöhe der Passanten aufgestellt, ist der künstlerische und inhaltliche Höhepunkt einer hohen Fassade, die alle Maßstäbe der mittelalterlichen Stadt sprengte und mit den anschließenden Gebäuden von Kirche, Kolleg, Gymnasium, Höfen und Gärten den größten Baukomplex in München bildete, bis ab 1616 der Ausbau des fürstlichen Residenzschlosses zu einer vergleichbaren Baumasse wuchs, allerdings niedriger und an engen Gassen. Kirche und Kolleg der Jesuiten ragen dagegen an der Westachse der Stadt, an der breiten Marktstraße, die über Neuhausen nach Augsburg führt, auf.

Der Bildhauer Hubert Gerhard (1540/50–1620) war ein Niederländer, aus 's-Hertogenbosch in Brabant, der wie Friedrich Sustris und Peter Candid in Florenz gelernt hat. Die drei wurden von der in den Adel aufgestiegenen Kaufmannsfamilie Fugger nach Augsburg geholt und an den Münchner Hof weiterempfohlen. Sie prägten die Kunst Münchens und von dort auch Altbayerns zwischen 1580 und 1620 im Stil des Manierismus, der auf die Nachfolger Michelangelos zurückgeht. Gerhard entwarf und modellierte mit einer großen Werkstatt auch die Terrakottafiguren an der Fassade und im Inneren der Kirche, außen Fürsten, innen Apostel, Propheten und Engel darstellend.

Von Gerhard stammen auch die Bronzefigur des Weihbrunnengels in der Kirche, die Marienfigur auf der Münchner Mariensäule, die vier Wappenlöwen an der Residenzfassade sowie Figuren auf Brunnen und am Grabmal für Kaiser Ludwig den Bayern in der Münchner Frauenkirche. Die von seiner Werkstatt ausgegangene Kunst wirkte nach Augsburg, Prag, Sachsen und Tirol und machte München zwischen 1580 und 1640 zu einem Zentrum der europäischen Bronzeplastik. Die Michaelskirche mit ihrem weiten, hohen Gewölbe wurde zum Vorbild für unzählige Kirchen des Barock, bei denen der Raum nicht mehr durch Pfeilerreihen in Schiffe geteilt war.

Die Verehrung des Erzengels Michael als Engelsfürst geht auf drei Nennungen seines Namens in der Heiligen Schrift zurück – Daniel 10,13–12,1; Offenbarung 12,7 und Judas 9 – sowie auf apokryphe Schriften und Legenden, die sich um heilige Berge und Inseln zwischen Anatolien und Irland ranken. Da Michael auch als Totengeleiter und Seelenwäger verehrt wird, sind ihm viele Friedhofskirchen geweiht. In der Gruft unter dem Chor der Kirche ist Herzog Wilhelm V. bestattet sowie viele seiner Nachfolger bis zu König Ludwig II.

 

(Foto: Erzbischöfliches Ordinariat München)

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