Friedrich Erxleben im PorträtEin morgendliches Gloria im KZ

Obwohl sein Leben von Leid und Zurücksetzung durchzogen war, bewahrte er sich Mut und Zuversicht: Vor 140 Jahren wurde der Theologe und Widerständler Friedrich Erxleben geboren.

Als wär’s ein Stück von mir – so betitelte der Schriftsteller Carl Zuckmayer 1966 seine Autobiografie. Er wollte damit an Weggefährtinnen und -gefährten erinnern, deren Freundschaft sich in den Höhen und Tiefen seines Lebens „wie ein festes, sichtbarliches, unzerreißbares Band“ durch sein Leben zog. „Selbst wenn der Tod die Freunde von meiner Seite riß…, so war und ist es jedes Mal, als wär’s ein Stück von mir.“ Zu diesen Freunden gehörte der Theologe, Religionswissenschaftler und Widerständler gegen die NS-Gewaltherrschaft Friedrich Erxleben. Aus jeder Zeile, die Zuckmayer über seinen Weggefährten schrieb, klingen Zuneigung und Wertschätzung.

Beide lernten sich im bewegten Berlin der 1920er Jahre kennen, wurden vom Nationalsozialismus mit aller Brutalität getrennt, fanden aber nach 1945 in bewährter Freundschaft wieder zusammen. Zuckmayer besuchte den von schwerer Folter gezeichneten Erxleben an seiner einzigen und nur kurz währenden Pfarrstelle in Müden sowie an seinem späteren Ruhesitz in Linz am Rhein. Dort starb Erxleben 1955, wenige Wochen nach dem Silvester-Besuch seines Freundes.

Geboren wurde Erxleben am 29. Januar 1883 in Arenberg, einem Dorf, Kur- und Wallfahrtsort auf der Rheinhöhe bei Koblenz. Zu seinen Ahnen gehörte die berühmte Ärztin und Frauenrechtlerin Dorothea Christiane Erxleben, die 1754 als erste Frau in Deutschland im Fach Medizin promovierte. Die Arenberger Familie war erst kurz vor Friedrichs Geburt von Wien ins Rheinland gezogen und gründete in Koblenz eine Speditions- und Schifffahrtsfirma. Friedrich machte in Koblenz sein Abitur und studierte Theologie und Philosophie in Trier, Wien, Heidelberg, Innsbruck und zuletzt in Rom, wo er in beiden Fächern promovierte. Er war aber nicht nur wissenschaftlich, sondern auch musisch begabt und machte eine Ausbildung in Gesang und zum Violinvirtuosen, so dass er später als Oratoriensänger bekannt wurde und unter Pseudonym auch mit weltlichen Programmen auftrat.

1908 empfing Erxleben in Trier die Priesterweihe, wurde aber in seiner Zeit als Kaplan (in Dillingen und Ehrang bei Trier) im Generalvikariat denunziert, weil er angeblich „Modernist“ sei. Das hatte weitgehende Konsequenzen: Das Bistum, das ihm in einer Examinierung nichts nachweisen konnte, ließ ihn ins Leere laufen. Trotz seelsorglicher Eignung und zahlreichen Bewerbungen erhielt er keine Pfarrstelle. Dass man einen so vielfältig begabten jungen Mann – seelsorglich und intellektuell, kommunikativ und musikalisch, menschenfreundlich und spirituell – bedenkenlos kaltstellte, sagt viel über das damalige Bistum Trier und seinen Bischof Michael Korum aus. Welche Ressentiments gegenüber einem weitblickenden Intellektuellen und überzeugten Europäer hier wohl am Werk waren? Einsatz fand Erxleben schließlich in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung in Linz am Rhein. Im Ersten Weltkrieg erlitt er als Militärpfarrer zweimal Verwundungen, die seine Gesundheit nachhaltig schädigten.

Glücklicherweise verfügte Erxleben über Ressourcen, die dem kirchlichen Zugriff entzogen waren. Um es mit einer Unterscheidung von Pierre Bourdieu auszudrücken: Er war kein Oblate, der außerhalb der Unterwerfung unter das System nicht zu überleben weiß, sondern Erbe, der auf Alternativen setzen kann. Ab 1920 baute er sich als Seelsorger, Wissenschaftler und Musiker in Berlin ein anderes Leben auf. Dies blieb prekär, bescherte ihm aber auch die spannendsten Bekannt- und Freundschaften in Wissenschaft, Kultur und Politik (Albert Einstein, Theodor Heuss, Wilhelm Staehle) sowie Beziehungen in alle Welt. Im Rückblick auf sein Leben schrieb er später von „Begegnungen mit Päpsten, Tenören, Medizinmännern, Primadonnen, Philosophen, Zauberern, Geigenbauern, Juden, Jesuiten, Winzern, Trinkern, Dichtern“.

Im quirligen Berlin der zwanziger Jahre bewegte er sich wie ein Fisch im Wasser. Zeitweise war er Dozent für vergleichende Religionswissenschaft an den Universitäten Prag, Krakau und Wien sowie im Jesuitenkolleg in Rom Professor für alte Sprachen und asiatische Kulturen. Latein und Altgriechisch sprach er selbstverständlich fließend. Trotz widriger Umstände führte er seine wissenschaftlichen Studien fort und entwickelte sich zu einem allseits anerkannten Experten für asiatische Religionen und Kulturen.

In seine Berliner Zeit fiel auch ein Besuch im österreichischen Henndorf am Wallersee (bei Salzburg), wo Zuckmayer seit 1926 mit seiner Familie lebte. Der Schriftsteller hatte ihn gebeten, am „Frauentag“, dem 15. August 1932, der als Dorffest überschwänglich gefeiert wurde, „auf einer baumumhegten Wiese unter freiem Himmel“ die „Feldmesse“ zu feiern. Am Horizont drohte bereits der Nationalsozialismus. In seiner Predigt schwor Erxleben auf das ein, was heute gesellschaftlicher Zusammenhalt genannt wird: Vertrauen und wechselseitige Hilfe, weil „über ihnen ein Himmel und unter ihnen die harte Erde der Bauern allen gemeinsam ist, so daß jeder für den andren zu stehen habe, weil auf dieser Welt jeder den anderen braucht“ – so gibt Zuckmayer die Predigt wieder.

Als Seelsorger war Erxleben im Berliner Staatskrankenhaus der Schutzpolizei engagiert. Hier erlebte er hautnah die Grausamkeit des Nationalsozialismus, als er den schwer, häufig tödlich verwundeten Opfern der SA beistand. Aus diesen Erfahrungen heraus schloss er sich dem Berliner Solf-Kreis an, einem Treffpunkt von Gegnerinnen und Gegnern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Seine Mitglieder hatten Kontakte zu niederländischen Widerstandsgruppen, setzten sich für Verfolgte des Nazi-Regimes ein und verhalfen etlichen Menschen zur Flucht. Erxleben soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich einige Juden in der „Invalidensiedlung“ verstecken konnten.

Der Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh bezeichnete Erxleben in seinem Bericht als „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“ und warf ihm vor, er habe „über die Behandlung der Juden und über Maßnahmen der nationalsozialistischen Staatsführung auf kirchenpolitischem Gebiet“ geschimpft. Bereits im März 1933 hatte sein Freund Zuckmayer buchstäblich in letzter Minute die Flucht aus Österreich in die Schweiz, dann in die USA ergriffen. Bei Erxleben schlug das Nazi-Regime elf Jahre später zu.

Im Mai 1944 wurde er zunächst ins KZ Ravensbrück, danach Sachsenhausen eingeliefert. Die Folter war besonders hart, weil er entgegen ausdrücklichem Verbot allmorgendlich mit seinem volltönenden Tenor das Gloria sang. Sein Glaubensbekenntnis ließ er sich nicht verbieten – und setzte vielen Häftlingen ein hörbares Zeichen der Hoffnung. Das Gloria wurde zum Widerstandsakt, der ihn selbst und andere stärkte. Aber der Preis war hoch. Der Häftling wurde in einen Käfig gesperrt, in dem er weder sitzen noch stehen noch liegen konnte. Die erzwungene gebückte Haltung ruinierte seinen Knochenbau.

Von Sachsenhausen kam er ins Gestapo-Gefängnis an der Lehrter Straße in Berlin, wo er schrecklichen Hunger litt. Zudem stand ihm die Hinrichtung bevor. Aber ein Prozess am Volksgerichtshof, mehrfach verschoben, fand schließlich nicht mehr statt, weil eine Bombe seine Gerichtsunterlagen zerstörte. Wenige Tage vor einem neuen Verhandlungstermin wurde er von sowjetischen Soldaten befreit. Äußerst knapp entkam er dem Tod.

Nach dem Krieg fand Erxleben zunächst bei seiner Familie Obdach, die in Koblenz-Metternich eine Brauerei betrieb. Erst nachdem er als „Verfolgter des Naziregimes“ anerkannt worden war, bot das Bistum ihm eine kleine Pfarrstelle in Müden an der Mosel an. Dort empfing er in alter Freundschaft Theodor Heuss, mittlerweile Bundespräsident, zu Besuch. Als guter Seelsorger zog er sich die Kritik seiner benachbarten Mitbrüder zu – weil er auch für die evangelischen Christen da war; oder weil er auf einer neuen Moselfähre eine Messe feierte, die von seinen Kollegen abfällig „Wassermesse“ genannt wurde, um die Gültigkeit der Wandlung in Zweifel zu ziehen. Aber seine Gemeinde liebte den besonderen Pfarrer und widmete ihm vier Jahrzehnte später die Professor-Friedrich-Erxleben-Straße.

Kann Widerstand stärken? Wird Glauben so zum Lebenselixier? Die Vita Erxlebens macht ganz den Eindruck. Trotz größter Schmerzen blieb der weltgewandte Rheinländer lebensfroh und genoss Geselligkeit und Moselwein. Sein Leben könnte unter dem Motto stehen: Christlich-weit glauben – widerständig- beherzt handeln – und zuversichtlich leben.

Anzeige: Warum ich an Gott glaube. Von Gerhard Lohfink

Der CiG-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen CiG-Newsletter abonnieren und willige in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zweck des E-Mail-Marketings durch den Verlag Herder ein. Den Newsletter oder die E-Mail-Werbung kann ich jederzeit abbestellen.
Ich bin einverstanden, dass mein personenbezogenes Nutzungsverhalten in Newsletter und E-Mail-Werbung erfasst und ausgewertet wird, um die Inhalte besser auf meine Interessen auszurichten. Über einen Link in Newsletter oder E-Mail kann ich diese Funktion jederzeit ausschalten. Weiterführende Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.