Olga GrjasnowaKöpfe aus der einen Welt

Eine Schriftstellerin, die zwischen den Welten aufgewachsen ist. Geboren wurde sie 1984 in Baku, Aserbaidschan.

Olga Grjasnowa, Deutschland
Olga Grjasnowa, Deutschland© Foto: picture alliance / Dave Johnston

Die drei Kaukasus-Länder Aserbaidschan, Armenien und Georgien sind nur selten im Blick der Weltöffentlichkeit. Dabei treffen in dem Gebiet mehrere Kulturkreise aufeinander, existieren tolerant nebeneinanderher oder beanspruchen die absolute Macht für sich. Europa, Russland, der Orient sowie die regionalen Traditionen sind einander dort so nah wie kaum an einem anderen Ort. Die Menschen haben viele Herrscher kommen und gehen sehen, entsprechend viele Identitäten angenommen und auch wieder abgelegt. Lange hat die Dominanz der Sowjetunion viele Konflikte überdeckt. Seit der Unabhängigkeit treten die Unterschiede wieder deutlicher zutage. In diesen Tagen zeigt das der noch immer schwelende Konflikt um die Region Bergkarabach.

Olga Grjasnowa ist eine Schriftstellerin, die zwischen diesen Welten aufgewachsen ist. Geboren wurde sie 1984 in Baku, Aserbaidschan. Im Alter von elf Jahren siedelte sie mit ihrer jüdischen Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland um. Am Deutschen Literaturinstitut studierte sie später „Literarisches Schreiben“ und veröffentlichte 2012 ihren Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Darin erzählt sie die Geschichte von Mascha, einer jungen Frau, die – in Aserbaidschan geboren und in Deutschland aufgewachsen – ihre Heimat in einer Welt sucht, die für ihre Generation eigentlich schon keine Grenzen mehr kennt. In einem Gespräch mit der ARD erklärte Olga Grjasnowa einmal, dass sie die Frage nach der Herkunft umtreibe: „Wie wird man eigentlich wahrgenommen, wenn man eine bestimmte Herkunft mitbringt? Was ist überhaupt diese Herkunft?…Welche Freiheit hat man, sich weiterzuentwickeln, wenn man das denn möchte?“

Um Heimat und Identität geht es der Autorin auch in ihrem neuen Roman „Der verlorene Sohn“. Er handelt von Jamalludin, dem Sohn des Imam Schamil. Schamil ist eine historische Gestalt. Ihm gelang es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die muslimischen Bergvölker Dagestans und Tschetscheniens im Widerstand gegen die russische Eroberung zu vereinen. Nach einer Niederlage musste er seinen Sohn als Geisel an die Russen übergeben. Die Handlung des Romans setzt am Morgen vor der Übergabe Jamalludins ein. Der Junge ist neun Jahre alt und „wusste genau, wer er war – Schamils Sohn, Sohn des Imams…Er war der Nachfolger seines Vaters, und nach dessen Tod würde er, Jamalludin, über den gesamten Nordkaukasus herrschen.“

Jamalludin wird nach Sankt Petersburg gebracht. Er ist eine wertvolle Geisel, und Zar Nikolai plant, ihn zu einem Verbündeten heranzuziehen und als loyalen Alliierten auf den kaukasischen Thron zu setzen. Jamalludin sind die russische Sprache und Kultur völlig fremd. Doch nach und nach wird ihm klar, dass er nicht so schnell, vielleicht sogar nie wieder in seine Heimat wird zurückkehren können. „Jamalludin hortete Erinnerungen an sein Zuhause, denn er wollte, dass sie möglichst lange reichten. Er rief sich das Gesicht seiner Mutter, seines Vaters, seines Bruders und den Geruch seines Pferdes ins Gedächtnis. Dann ging er die Reihenfolge der Häuser in seiner Straße durch, aber als er sich nicht mehr daran erinnern konnte, wem das Haus am großen Tor des Auls (so heißen die Dörfer im Kaukasus; d. Red.) gehörte, wusste er, dass er gegen die Zeit verloren hatte.“

Jamalludin arrangiert sich mit der Situation und wird langsam heimisch in Russland. Er lernt die Sprache, findet Freunde und erhält eine Ausbildung, die ihm einen Posten in der russischen Armee ermöglicht. Immer häufiger stellt er sich die Frage, ob er wirklich noch der zukünftige Kaukasus-Herrscher ist, oder ob er nicht schon längst zum Russen geworden ist. Als Jamalludin sich in eine Russin verliebt, entscheidet er sich für Russland, das ihm vor Jahren aufgezwungen wurde.

Doch es kommt anders. Erneut tauschen Zar Nikolai und Imam Schamil Geiseln aus, und Jamalludin wird zu seinem Volk in den Kaukasus zurückgeschickt. Jamalludin „wusste noch nicht einmal mehr, wer er war…Er hatte seine Familie und seine Herkunft weggesperrt, und nun drangen sie gewaltsam wieder in sein Leben ein.“ Er freut sich nicht über seine Heimkehr. Auch sein altes Leben in Russland kommt ihm nun wie eine Farce vor.

Jamalludin kommt wie der verlorene Sohn aus dem Lukasevangelium – dies auch der Titel des Romans – nach Hause zurück und wird von seiner Familie freudig empfangen. Olga Grjasnowa führt die Geschichte allerdings weiter. Jamalludins Heimat ist nicht mehr seine Heimat, er kann nicht mehr an das Leben seiner Kindheit anknüpfen. „Im Prinzip war er auf alles und jeden wütend, aber vor allem auf das Leben, das man ihm aufgezwungen hatte. Schon wieder.“

„Ich glaube, worum es mir tatsächlich geht, das ist diese staatlich organisierte Gewalt.“ So schildert es die Autorin in einem Gespräch mit der ARD. Ihre Großmutter, eine deutsche Jüdin, floh vor der Wehrmacht aus Weißrussland. Olga Grjasnowa selbst kam als Kind aus den Wirren des Kaukasuskonfliktes in ein fremdes Land. Die Figuren in ihren Büchern erleben ebenfalls diese staatliche Gewalt. Jamalludin wird zum Spielball zweier Mächte und zerbricht schließlich daran.

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