Brillen für EntwicklungsländerGläser, die die Welt bedeuten

Brille oder Kontaktlinsen tragen und scharf sehen: für die einen selbstverständlich, für die anderen ein unerreichbares Ziel. Ein Verein stellt Brillen für die Ärmsten her. Und verändert so Leben.

Ein Sehtest mag vielerorts zu den Regeluntersuchungen gehören. In etlichen Weltgegenden, wie hier in Indien, ist er eine Seltenheit – und wäre doch so wichtig.
Ein Sehtest mag vielerorts zu den Regeluntersuchungen gehören. In etlichen Weltgegenden, wie hier in Indien, ist er eine Seltenheit – und wäre doch so wichtig.© Foto: eindollarbrille.de

Um die Welt zu retten, braucht es manchmal weder den Umhang noch die besonderen Kräfte eines Superhelden. Etwas Draht und zwei Kunststoffgläser können bereits einen gewaltigen Unterschied machen im kleinen Kosmos eines Einzelnen. Mit diesen Bauteilen stellt der Verein „EinDollarBrille“ Sehhilfen für Menschen in Entwicklungsländern her, die sich keine Brille leisten können. Die Materialkosten: knapp ein US-Dollar.

Eine Sehschwäche kann für den betroffenen Menschen weitreichende Konsequenzen haben. „Eine Näherin, die ihren Faden nicht mehr richtig einfädeln kann, kann dann diese Arbeit nicht mehr machen“, sagt Claudia Wittwer, ehrenamtliche Pressesprecherin des Vereins. „In Malawi sitzen in einer Schulklasse teilweise hundert Kinder oder mehr“, erklärt sie. „Das Unterrichtsmedium ist die Tafel – wer nichts ablesen kann, fällt zurück und hat weniger Perspektiven.“

Endlich wieder Durchblick! Ein neues Lebensgefühl für einen Dollar.
Endlich wieder Durchblick! Ein neues Lebensgefühl für einen Dollar.© Foto: eindollarbrille.de

Obwohl gutes Sehen also entscheidend ist für das Überleben und die Zukunft von Menschen, spielt das Thema in vielen Entwicklungsländern keine große Rolle. Dabei könne schlechtes Augenlicht sogar die Existenz von Menschen bedrohen, so Wittwer. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge brauchen circa 950 Millionen Menschen eine Brille, können sich diese aber nicht leisten.

Bei vielen Arbeiten muss man genau hinschauen. Die Brillen helfen dabei.
Bei vielen Arbeiten muss man genau hinschauen. Die Brillen helfen dabei.© Foto: eindollarbrille.de

Seit 2012 ist der Verein „EinDollarBrille“ aktiv und inzwischen in acht Ländern vertreten, von Burkina Faso und Malawi in Afrika bis nach Bolivien und Brasilien. Auch in Indien gibt es die Brillen. Bis Ende letzten Jahres konnte das Projekt rund 256000 Menschen mit einer Sehhilfe ausstatten.

Die Idee stammt von Martin Aufmuth, dem Vereinsgründer. Zwei Jahre lang entwickelte er sein Konzept und experimentierte mit Materialien. Schnell war ihm klar: Es braucht mehr als nur günstige Brillen. Sein Ziel: eine umfassende augenoptische Grundversorgung für Menschen in Entwicklungsländern – vom Sehtest über die lokale Herstellung von Brillen bis hin zu Ersatzteilen und Reparaturdiensten.

Aber wie erklärt sich der niedrige Preis? Kosten neue Brillengläser hierzulande doch gut und gerne einmal hunderte Euro beim Optiker. Das Material der Ein-Dollar-Brillen sei relativ günstig, sagt Wittwer. Draht und schlichte Kunststoffgläser, die ein befreundeter Hersteller in China produziert, führen zu einem einfachen Produkt, das seinen Zweck erfüllt. Dennoch sind die Brillen der Organisation gut auf die Verhältnisse in Entwicklungsländern angepasst: bruch- und kratzfeste Kunststoffgläser, flexible Gestelle – die Ein-Dollar-Brille ist für „raue Bedingungen“ ausgelegt, so Wittwer.

Aufwändige Handarbeit zum kleinen Preis. Der Verein arbeitet mit Fachkräften vor Ort.
Aufwändige Handarbeit zum kleinen Preis. Der Verein arbeitet mit Fachkräften vor Ort.© Fotos: eindollarbrille.de

„Trotzdem ist auch die Optik der Brillen nicht unwichtig. Auch in armen Ländern wollen Menschen hübsch aussehen“, erklärt die Vereinspressesprecherin. Deswegen lassen sich die Sehhilfen auch mit farbigen Perlen verzieren. Das helfe zusätzlich gegen die immer noch häufige Stigmatisierung von Brillenträgern, so Claudia Wittwer. Beratung und Verkauf der Brillen findet in den acht Projektländern in größeren Städten mit viel Laufkundschaft statt. Dort gibt es Brillen mit Gläsern für weit- und kurzsichtige Menschen, aber auch Sonnenbrillen.

Hergestellt werden die Sehhilfen vor Ort in den Entwicklungsländern. Die Brillengestelle entstehen mit Hilfe einer einfachen Biegemaschine. Die braucht keinen Strom und lässt sich somit auch in ärmeren und ländlichen Regionen einsetzen. Rund 220 Arbeitsplätze hat das Projekt so geschaffen. „Der Mangel an augenoptischer Grundversorgung in Entwicklungsländern liegt auch daran, dass es wenig Fachkräfte gibt“, sagt Wittwer. „Das gehen wir mit einer einjährigen, abgespeckten Optikerausbildung an. Damit wollen wir zumindest dazu beitragen, die bestehende Lücke langfristig zu füllen.“

Eine Biegemaschine bringt die Brille in Form – ganz ohne Strom funktioniert sie überall.
Eine Biegemaschine bringt die Brille in Form – ganz ohne Strom funktioniert sie überall.

Dass das Konzept Erfolg hat, überrascht Claudia Wittwer nicht. Seit der Gründung ist die Organisation von Martin Aufmuth stark gewachsen. Die Nachricht von den Brillen für die Armen verbreitet sich, die ausgebildeten Fachkräfte vor Ort bilden wiederum selbst aus. Das Anliegen des Vereins sei eben sofort verständlich, meint Wittwer. Man müsse sich nur fragen: Wie würde ich selbst leben und arbeiten, wenn ich als Fehlsichtiger keinen Zugang zu einer Brille hätte?

Infos unter www.eindollarbrille.de

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