"Dein Wille geschehe" aus der Arte-MediathekGlaubenskonflikt mit der Brechstange

Tatsächlich ist „Dein Wille geschehe“ am stärksten, wenn es bei den ganz persönlichen Lebensgeschichten der Seminaristen bleibt.

Am Anfang steht eine Enthauptung. In der Abenddämmerung greift eine düstere Gestalt zur Brechstange und schlägt der Statue der heiligen Claire den Kopf ab. Blinde Zerstörungswut, die sich an religiösen Symbolen austobt. Wer „Dein Wille geschehe“ heute sieht, vergisst schnell, dass die französische Serie schon vor acht Jahren anlief. Viele Fragen, die das Drehbuch aufwirft, Probleme, die es beleuchtet, wirken so aktuell wie lange nicht mehr. Jetzt können die drei Staffeln über das Leben im fiktiven Pariser Priesterseminar in der Arte-Mediathek angesehen werden. Und wie im echten Leben ist die Schuldfrage auch hier manchmal nicht so offensichtlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Die heilige Claire stand im Innenhof des Seminargebäudes. Der Vandale muss einer der Nachwuchspriester gewesen sein. Die Kirche, so kann man es lesen, zerstört sich von innen heraus selbst.

Zum Glück belassen es die Serienmacher nicht dabei. Obwohl die Autoren keine gläubigen Kirchgänger sind, bemühen sie sich sichtbar, das Christentum des 21. Jahrhunderts respektvoll darzustellen. Als geistige Heimat von Menschen, die bei allen Anfeindungen und Problemen ihr Bestes geben. „Kirchenvertreter haben ein Charisma, das mich seit der Kindheit beeindruckt und beschäftigt“, erklärte Produzent Bruno Nahon nach Veröffentlichung der ersten Staffel. Dieses ganz spezielle religiöse Charisma sieht man besonders an der Figur des so weisen wie weltgewandten Étienne Fromenger, des Regens des Seminars. Während um ihn her das Misstrauen wächst und Spekulationen die Runde machen, wer denn nun die heilige Claire auf dem Gewissen hat, bleibt Fromenger ruhig. „Die Statuen sind nur Stuck, nur zur Erinnerung. Wer sie geschändet hat, braucht unser Mitleid.“

Mit solchen Weisheiten wird der Regens schnell zum moralischen Ankerpunkt für die fünf sehr verschiedenen Seminaristen, die wir durch ihre Ausbildung begleiten. Die haben natürlich alle sehr serientauglich-dramatische Hintergrundgeschichten. Einer hat gerade eine schwere Depression hinter sich, ein anderer schlägt ein riesiges Firmenerbe aus, um seiner Berufung zu folgen, und ein dritter wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Sie wachsen aber im Lauf der Serie zu lebendigen Persönlichkeiten heran. Und Regens Fromenger macht ihnen die Entscheidung, Priester zu werden, nicht leicht: „Wenn ihr euch schon für einen unmöglichen Beruf entscheidet, dann solltet ihr fest davon überzeugt sein.“

Tatsächlich ist „Dein Wille geschehe“ am stärksten, wenn es bei den ganz persönlichen Lebensgeschichten der Seminaristen bleibt. Das Rätsel um die geköpfte Statue ist nur die erste von immer neuen Gewissensentscheidungen, die die jungen Seminaristen auf die Probe stellen. Wann soll man sich Zeit für alte Freunde nehmen und wann besser auf Abstand gehen? Was tut man, wenn Menschen sich einfach nicht helfen lassen wollen? Und was, wenn ein Rückzugsort für Obdachlose plötzlich von Polizisten geräumt wird? Diese Herausforderungen, die der „unmögliche Beruf“ Priester mit sich bringt, werden sehr fernsehtauglich-dramatisch, aber auch menschlich genug behandelt, um zum Nachdenken anzuregen.

Bei den innerkirchlichen Konflikten, mit denen es das Seminar im Lauf der Zeit zu tun bekommt, wurde leider weniger auf Fingerspitzengefühl geachtet. Regens Fromenger muss sich mit dem gewieften Erzbischof von Paris herumschlagen, dem jedes Mittel recht ist, um seine Macht auszubauen. Dieser schmiedet so überzeichnet böse Pläne, um den Regens aus dem Amt zu mobben, dass Fromengers weise Deeskalationsversuche etwas hohl klingen: „Es genügt nicht, Recht zu haben, man muss auch die Demut haben, sich den Standpunkt des anderen anzuhören.“ Wenn es um den ewigen Konflikt der reform-offenen modernen Christen gegen die Machthierarchie der Kirche geht, gehen die Autoren selbst mit der Brechstange vor. Aber immerhin zeigen sie anhand der Statue der heiligen Claire auch gleich, wie man Schäden wieder kitten kann und wieder zusammenfügt, was zusammengehört. Mit Mörtel und Klebemasse – und mit einer ernst gemeinten Entschuldigung.

„Dein Wille geschehe“ ist bis zum bis 14. Juni 2021 in der Arte-Mediathek zu sehen.

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