BuchbesprechungWeil es in der Seelsorge um Gott geht

Es ist etwas Besonderes, ein spezieller „Zugriff“, wenn ein systematischer Theologe über Pastoral – über die konkrete Seelsorge also – schreibt. Man kann sicher sein: Da geht es dann um große Traditionen und nicht um kleinkariert zementierte „Traditiönchen“ konservativer Zirkel. Das umfangreiche Werk Walter Kaspers bietet auch in dieser Hinsicht Ermutigungen, sich den „Herausforderungen eines epochalen Umbruchs“ gerade nicht restaurativ, rückwärtsgewandt, sondern offensiv zu stellen.

Sehr viele Themen kommen in den Blick: etwa Kommunionempfang, Gemeindeleitung, Sakramentenkatechese, Neu-Evangelisierung, Kirche in der Großstadt, Religionsunterricht, Schulpastoral, Solidarität mit Behinderten, Weltkirche, Entwicklungshilfe. So ist ein hilfreicher Überblick entstanden, geerdet durch kritische Rückfragen, trainiert gerade durch die Erfahrungen eines früheren Diözesanbischofs (die meisten Texte dieser Bände stammen aus der Zeit zwischen Kaspers akademischer Tätigkeit und der Berufung nach Rom). Solche theologischen Tiefenbohrungen sind eine wohltuende Unterbrechung angesichts der Alltagshektik in der Pastoral.

Viele Argumentationen können zudem eine gute theologische Grundlage gerade für die anstehenden Entscheidungsprozesse im Zusammenhang der Amazonassynode sein: Wie geht es etwa weiter mit Gemeindeaufbau und Gemeindeleitung, pastoralen Entscheidungen zur Rückgewinnung der Eucharistie – gerade wenn man die kirchliche Selbstzerstörung stoppen will, die sich in vielen Regionen angesichts der immer seltener werdenden Eucharistiefeiern abzeichnet.

Verkündigung sieht Walter Kasper als „Provokation“: Für ihn muss die Gottesfrage auch in der Pastoral an erster Stelle stehen. Entsprechend ist für Kasper der eigentliche Hintergrund der Kirchenkrise die Gotteskrise. Auch sind für ihn die Christusfrage und die Frage nach dem Heiligen Geist, den er als den eigentlich Handelnden bei der Evangelisierung ausmacht, zentral.

Die beiden Bände bieten differenzierte, aber gut verständlich formulierte theologische Grundlagen ebenso wie Konkretionen für verschiedenste Situationen, in denen wir weiterkommen müssen. Die Lektüre lohnt, auch wenn man abschnittsweise liest oder thematisch auswählt. Sie trägt zu einer Horizonterweiterung der Verkündigungspraxis bei. Man darf vermuten: Nachdem Walter Kasper einige Jahre mit Papst Franziskus „unterwegs“ ist, wird er einen weiteren Band hinzufügen: mit Themen etwa wie Option für die Armen, verheiratete Priester, Kurienreform, spirituelle Mentalitätsänderungen.

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