Eine literarische Meditation über das VaterunserDein Reich komme

Wo, bitte, geht es zum Reich Gottes? Den Weg zu beschreiben, vermag niemand, weil die menschliche Rede stets in den Grenzen von Zeit und Raum gefangen bleibt. Also lieber schweigen? Aber dann finden wir ja nie hinein. Und versuchen müssen wir es.

In der erfolgreichen dänischen Fernsehserie „Die Wege des Herrn“ (Arte) wird rund um die Uhr gepredigt: in Kirchen, auf Podien, in Gemeindehäusern und am Tisch der Familie. Die Hauptfigur, der charismatische Pfarrer Johannes, Sohn einer Pfarrerdynastie mit Tradition, möchte nicht nur die sich zunehmend leerenden Kirchen füllen, sondern nebenbei auch noch Bischof werden. Dafür bringt er die scheinbar besten Eignungen mit: Er ist leidenschaftlich, sieht ziemlich gut aus, ist intelligent und ehrgeizig, rhetorisch begabt.

Doch die Karriere läuft schief, denn dem Gesetz der Serie folgend hat die Sache natürlich einen bösen Haken, das Böse selbst, von dem Johannes immer wieder heimgesucht wird: Er betrügt seine Frau, er erdrückt seine Söhne unter einer tückischen Mischung aus Liebe und Anspruch, er kujoniert seine Belegschaft, weil er unhinterfragbare Gefolgschaft verlangt, und flüchtet sich in regelmäßigen Abständen in den Rausch der totalen Bewusstlosigkeit: Pfarrer Johannes ist ein verzweifelter Trinker, der nur beten kann, wenn er verrät und verlässt und dabei selbst verlässlich verraten ist; nur im Zustand höchster Verzweiflung ist er dazu in der Lage, Kontakt mit einem Gott aufzunehmen, an den er vermutlich längst nicht mehr glaubt, an dessen Kreuz er aber trotzdem festhalten will, obwohl er sich im Zustand der Ungnade weiß, aus der es, wie wir allzu gut wissen, keinen rhetorischen Ausweg gibt, weshalb er von der rettenden Liebe träumt.

Pfarrer Johannes hat in der skandinavischen Literatur einen berühmten Vorfahren: Pfarrer Gösta Berling, dem Selma Lagerlöf in ihrem Erstlingswerk (Gösta Berlings saga, Stockholm 1891) eine unverwechselbare Gestalt gegeben hat: „Endlich stand der Pfarrer auf der Kanzel (...) Der Pfarrer war jung, hochgewachsen, schlank und strahlend schön. (…) Die Leute in der Kirche fühlten sich merkwürdig ergriffen, als sie ihn so sahen. Sie waren mehr gewöhnt, ihn schwankenden Schrittes aus dem Wirtshaus kommen zu sehen. (...) Der Pfarrer hatte so schrecklich getrunken, daß er seit mehreren Wochen sein Amt nicht mehr hatte verwalten können. (...) Jetzt war der Bischof selbst gekommen, um Visitation und Abrechnung zu halten. (...)

Der Pfarrer wäre gern auf die Knie niedergefallen und hätte sie um Erbarmen angefleht. Aber im nächsten Augenblick überkam ihn ein dumpfer Zorn. (...) Jawohl, er trank. Aber wer hatte ein Recht, ihn deswegen anzuklagen? (...) Nein, er, der Pfarrer hier oben auf der Kanzel, er wußte, daß man in diesem Teil des Landes ohne Branntwein nicht leben konnte, alle seine Zuhörer wußten es, und jetzt wollten sie zu Gericht über ihn sitzen. (...) Wollten die sich denn einbilden, daß sie einen anderen Gott hätten als den Branntwein? Er hatte das Eingangsgebet gesprochen und beugte sich jetzt nieder, um das stille Vaterunser zu beten. (...)“

Gebete

„Gösta Berling“ ist, mit Abstand, mein Lieblingsbuch. Und für den Fall, es gäbe Lieblingsgebete, wäre sein Vaterunser ohne Zweifel mein Lieblingsgebet. Aber es gibt keine Lieblingsgebete, so wenig, wie es einen lieben Gott geben kann; jedes Gebet, selbst das Stoßgebet, bleibt von menschlichen Fragen und Zweifeln umzingelt. Im Vaterunser, so formelhaft bekannt und beruhigend es klingt, kehrt weder Beruhigung noch Ruhe ein: Man bleibt an jeder einzelnen Zeile hängen, obwohl sie bereits in die nächste drängt, weil keine ohne die andere lebt, sondern jede von der, die vor ihr war und die nach ihr kommt.

Denn sie sind unverzichtbar miteinander verbunden, weshalb wir über jede einzelne stolpern: Ich stolpere bereits über den Vater im Himmel und über seinen geheiligten Namen; von seinem kommenden Reich erst gar nicht zu reden, in dem ein Wille geschieht, von dem wir auf Erden nicht besonders viel wissen, weil wir auf Brot und Bischof fixiert sind. Ganz zu schweigen von unserer Schuld und dem Wunsch nach Vergebung, dem seit je die Versuchung im Wege steht, andauernd verlässlich das Böse zu tun, von dem wir uns nicht selbst erlösen können.

Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Gegenüber, auf etwas, das uns entgegenkommt, das schöner und größer ist als wir selbst, aber nur kommt, wenn wir uns darauf zubewegen. Das erfordert, neben Ausdauer, Geduld und Vertrauen, Glaube, Hoffnung und Liebe. Große Worte, die von einer Schriftstellerin nicht andeutungsweise zu füllen sind. Das Reich Gottes, sagte unser irdischer Vater, wenn wir ihn gelegentlich danach fragten, wobei wir von Pomp und Posaunen träumten, kommt eben einfach, oder es kommt eben nicht, ganz danach, was ihr selbst dafür tut, aber ihr müsst euch schon etwas Mühe geben. Wir gaben uns Mühe, aber genau genommen taten wir wenig und meistens vermutlich eher das Falsche.

Aber mein Vater tat alles, um uns vom Guten zu überzeugen. Zu diesem Zweck las er uns Geschichten vor, von denen er glaubte, sie würden uns auf einfache Weise das Reich Gottes und all seiner Heiligen näherbringen. Dabei nahmen, neben der Bibel, Legenden, Sagen und Märchen einen besonderen Platz ein: das Märchen als Vorhof des Paradieses, in dem man ohne theologische Um- und Irrwege lernt, wie sich das Reich Gottes auf Erden befördern lässt, weil das Märchen, jenseits von Herkunft und Stand, ohne Ansehen von Schönheit, Begabung und Fleiß, ohne analytischen Ehrgeiz und Expertise die Guten belohnt und die Bösen bestraft.

Im Märchen erfüllt sich auf überraschende Weise das biblische Wort von den Letzten, die am Jüngsten Tag die Ersten sein werden. Glück ist kein Ergebnis von Leistung, sondern ein Geschenk, sofern man nur an das Gute glaubt, allem voran an die eigene Stimme, mit der man in einem dunklen Wald voller menschlicher Räuber Lieder singt, die uns Mut zusprechen und die uns glauben machen, dass es im Zweifelsfall reicht, seine Schürze in Richtung Himmel zu halten, um mit Silber und Gold überschüttet zu werden.

Doch Märchen sind alles andere als harmlos, kein Schatz, der einfach zu heben ist; jedes einzelne inszeniert auf mal zauberhafte, mal grausame Weise sein eigenes Jüngstes Gericht. Trotzdem setzen wir, drei Schwestern, zwei Brüder, bis heute auf die Kraft und Macht der Verwandlung, in anderen Worten auf ein kommendes Reich, in dem die Rechnungen zwischen Diesseits und Jenseits unwiderruflich beglichen werden. So belastet der Begriff des Reiches bis heute auch ist, solange von irdischen Reichen die Rede ist, deren Grenzen nur mit Macht zu verteidigen sind und deren Verteidigung bis heute Mord und Totschlag befördert – unser eigenes Reich ist magisch phantastisch geblieben wie das Märchenreich hinter den sieben Bergen, das wir nie mit eigenen Augen gesehen haben.

Denn die Reiche des Märchens sind unbestimmt, ihr Territorium ist ohne Begrenzung, Zeit und Raum haben jede Bedeutung verloren, ihre Könige tragen keine Namen; und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie bekanntlich noch heute, in anderen Worten: Sie sind entrückt und gegenwärtig zugleich, denn ihre Reiche sind so wenig von dieser Welt wie das Reich des berühmten Königs Artus, an dessen rundem Tisch, in Nachahmung des letzten Abendmahls, bekanntlich nur die Besten der Besten sitzen.

Drei Dinge

Aber wie wird man ein Ritter der Tafelrunde? Der Weg in die Reiche von Glück und Glanz ist bekanntlich mit Herausforderungen und Abenteuern gepflastert. Abenteuer – was ist das? Das Abenteuer, die Avventure, ist nicht planbar, sondern unwägbar, sie lebt weit weniger von dem, was wir erwarten, als von dem, was uns tatsächlich entgegenkommt, und ist, neben der Angst vor der großen Gefahr, vom Glauben an Wunder und Ankunft grundiert: Avventure – das ist der Advent, die Ankunft von Königen und Kaisern, mit denen wir nicht mehr gerechnet haben.

In den Gesta Romanorum, einer Sammlung mehr oder weniger erbaulicher Geschichten aus dem vierzehnten Jahrhundert, ist die Rede „von einem gewissen Manne namens Ganterus, der sich immer Vergnügungen und Freuden ohne Ende wünschte; der stand eines Morgens in der Frühe auf und spazierte auf der Heerstraße, bis er an ein Land kam, in welchem der König erst neulich gestorben war. Die Fürsten des Reiches, als sie ihn so mannhaft sahen, erwählten ihn zu ihrem Könige, und er freute sich über seine Wahl. Wie aber die Nacht kam, da führten ihn die Seinigen in ein Gemach, in welchem er einen grimmigen Löwen am Kopfende seines Bettes erblickte, am Fußende einen Drachen, an der rechten Seite aber einen Bären und auf der anderen Seite Schlangen und Kröten. Da sprach Ganterus: ‚Was soll das denn heißen? Muss ich denn in diesem Bette, bei diesen Bestien schlafen?‘ Jene aber antworteten: ,Freilich, Herr, denn alle Könige vor dir haben in diesem Bette gelegen und sind von diesen Tieren gefressen worden.‘“

Diese Aussicht gefällt Ganterus wenig, er schlägt die Königswürde aus, zieht weiter und kommt in ein anderes Land, in dem man ihm gleichfalls die Krone anträgt, doch auch die schlägt er aus, da er sich, um sie zu erringen, in ein Bett voller Schermesser legen soll. Auf seinem Weg trifft er einen Greis, der mit einem Stock in der Hand an einer Quelle sitzt. Der Greis befragt den machtscheuen Wanderer nach seinem Woher und Wohin und erhält von Ganterus folgende Antwort:

„‚Ich suche drei Dinge und kann sie nicht finden. (...) Erstlich Überfluss ohne Mangel, zweitens Freude ohne Leid, drittens Licht (...) ohne Finsternis.‘ Da sprach der Greis: ‚Nimm diesen Stab und gehe immer auf dieser Straße fort: Du wirst bald einen Berg vor dir erblicken, und am Fuße dieses Berges steht eine Leiter, welche sechs Sprossen hat: diese steige hinan, wenn du aber auf die sechste Sprosse gekommen sein wirst, wirst du auf dem Gipfel des Berges eines sehr schönen Palastes gewahr werden. An die Pforte desselben tue drei Schläge, und der Pförtner wird dir antworten. Dann zeige ihm deinen Stab und sprich: ‚Derjenige, welcher der Eigentümer dieses Stabes ist, befiehlt dir hiermit, dass du mich hineingehen lässt.‘ Wenn du aber darinnen sein wirst, wirst du alles jenes Dreies finden, was du suchest.‘ Jener aber erfüllte alles, wie es ihm der Alte gesagt hatte; und wie der Türhüter den Stab sah, ließ er ihn hinein, und da fand er alles Dreies und mehr noch, und blieb sein ganzes Leben daselbst.“

Die Geschichte ist märchenhaft und verwirrend: Wer ist dieser seltsame Ganterus wirklich, der sich dem irdischen Königtum so entschieden wie scheinbar naiv entzieht und mühelos in den fernen Palast entkommt? Warum stellt er sich nicht der Herausforderung, warum verzichtet er darauf, einfach sein Schwert zu ziehen, um nach altbekannter Rittermanier Drachen und Bären zu erschlagen? Womit hat er sich seine Belohnung verdient? Haben wir es nicht mit einem Feigling zu tun, der sich bloß vor ein paar Schermessern fürchtet? Oder, weit schlimmer, mit einem vergnügungssüchtigen Müßiggänger? Und was hat es mit diesem Palast auf sich, in dem sich nicht nur „alles Dreies“, sondern „mehr noch“ befindet? Ist das der Gipfel der menschlichen Wünsche, das Paradies, der Himmel, die Ewigkeit? Oder nur das, was der unbekannte Erzähler in seiner Phantasie dafür hält?

Fabeln

Der Text illustriert auf anschauliche Weise, dass das Reich Gottes von Legenden und Märchen umzingelt ist, von denen wir allerdings nicht sicher sein können, ob sie den Blick auf das „Kommende“ tatsächlich erhellen oder ob sie ihn nicht eher verstellen. In den Literaturen aller Zeiten wimmelt es von Paradies- und Gesellschaftsutopien, an denen die Bilder der Bibel bis heute ihren lebendigen Anteil haben. Nicht nur politisch, sondern vor allem poetisch ist das Gottesreich Fundgrube und Inspiration, weshalb es auf den ersten Blick immer scheinbar märchenhaft zugeht: „Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR“ (Jesaja).

Bei Äsop hörte sich das noch etwas anders an: „Ein Lämmchen löschte an einem Bache seinen Durst. Fern von ihm, aber näher der Quelle, tat ein Wolf das gleiche. Kaum erblickte er das Lämmchen, so schrie er: ‚Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?‘ ‚Wie wäre das möglich‘, erwiderte schüchtern das Lämmchen, ‚ich stehe hier unten und du so weit oben; das Wasser fließt ja von dir zu mir; glaube mir, es kam mir nie in den Sinn, dir etwas Böses zu tun!‘“ Darauf der Wolf: „‚Ei, sieh doch! Du machst es gerade wie dein Vater vor sechs Monaten; ich erinnere mich noch sehr wohl, daß auch du dabei warst, aber glücklich entkamst, als ich ihm für sein Schmähen das Fell abzog!‘ ,Ach, Herr!‘, fleht das zitternde Lämmchen, ‚ich bin ja erst vier Wochen alt und kannte meinen Vater gar nicht, so lange ist er schon tot; wie soll ich denn für ihn büßen.‘“ Der Wolf fletscht die Zähne: „‚Tot oder nicht tot, weiß ich doch, daß euer ganzes Geschlecht mich hasset, und dafür muß ich mich rächen.‘“ Also zerreißt er das Lämmchen und verschlingt es.

In beiden Geschichten tritt uns in fabelhafter Weise die menschliche Wirklichkeit entgegen; doch während die Äsop’sche Welt, wie alle Fabeln, von der realen Erfahrung des Menschen grundiert ist, von Rachedurst und von Sippenhaft, vom altbekannten Kampf zwischen den Starken und Schwachen, tritt in der biblischen Variante das Wünschen in Kraft, die schillernde menschliche Vorstellungskraft, die die reale Erfahrung wenigstens kurzfristig zu überschreiten versucht und damit Möglichkeitsräume betritt, die nur auf den ersten Blick utopisch erscheinen.

Denn sobald wir hinter die Bilder sehen, geht es nicht um Visionen, nicht um den Entwurf einer neuen Welt, sondern, weit schlichter und schwieriger, um einen anderen Umgang mit der vorhandenen Welt, der eine andere Form des Sehens voraussetzt und eine andere Form des Handelns. Die neue Welt ist keine andere Welt, so wie auch der neue Mensch kein anderer Mensch ist, sondern einer, der sich entschieden hat, in genau dieser Welt entschieden anders zu handeln, weil er das Ziel seines Lebens anders begreift. Er nimmt das, was ist, nicht für bare Münze, sondern ist auf eine andere Währung aus. Grammatikalisch gesprochen: Er lebt nicht im Indikativ, sondern im Konjunktiv, nicht in der Wirklichkeits-, sondern in der Möglichkeitsrede, die allerdings nicht vom Unmöglichen spricht, sondern von der neuen Wahrnehmung einer uralten Welt.

Wahrheit

Davon zu erzählen, ist schwierig, denn die Erzählung vom Leben bleibt an die menschliche Zeit gebunden, an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist die Zeit im Raum, die unsere Vorstellung von der Welt modelliert und unser Handeln und Tun bestimmt: eine Vergangenheit, die wir bewältigen müssen, eine Gegenwart, die wir gestalten sollen, und eine Zukunft, in der wir endlich unseren Lohn, die Ernte unserer Leistungen einfahren wollen. Selbst da, wo die Erzählung ihr Vergnügen daran findet, über die Erzählung der Fakten hinauszuwachsen und bessere Welten zu imaginieren, geht sie davon aus, dass wir das Beste noch vor uns haben: Überfluss ohne Mangel, Freude ohne Leid und Licht ohne Finsternis.

Davon erzählt seit jeher das Märchen, das unsere Träume von einer besseren Welt auf magische Weise immerhin kurzfristig realisiert. Doch im Reich Gottes herrscht zwischen „schon“ und „noch nicht“, zwischen Dasein und Kommen, eine andere Zeit, eine Brückenzeit, das Ewigkeitstempus, für das es im Deutschen ein schönes doppeltes Substantiv gibt: Geistesgegenwart. Geistesgegenwärtig sind auch die Helden im Märchen, aber was im Märchen nicht mehr als ein Rätsel ist, das sich mit etwas Geschick und Sportsgeist immer irgendwie lösen lässt, um unseren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bleibt in der Bibel ein Geheimnis, das sich weder magisch beschwören noch aufdecken lässt. Denn obwohl (oder gerade weil) sein Reich nun mal nicht von dieser Welt ist, ist Jesus alles andere als ein Märchenerzähler.

Was Jesus wirklich (tatsächlich) gesagt hat, wissen wir nicht, es bleibt unserer Spekulation vorbehalten. Wir bleiben angewiesen auf Botenberichte, die uns bis heute glauben machen, dass er sich beim Sprechen sprechender Bilder und Vergleiche bediente, die man bis heute nicht als Märchen, sondern als Gleichnis bezeichnet. Doch weisen uns die vier Besten der Besten, die vier Evangelisten, gelegentlich darauf hin, dass Jesus auch seine Gleichnisse am Ende für Krücken und Notnägel hielt, in anderen Worten für Geschichten und Bilder, deren wir im Reich Gottes vermutlich nicht mehr bedürfen.

Auf ihre Frage nämlich, warum er zu ihnen in Gleichnissen rede, antwortet Jesus: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“

Keine gute Nachricht für eine Künstlerin, die bekanntlich von nichts als Geschichten lebt und nun vor der Aufgabe steht, unberufen vom Reich Gottes zu sprechen! Denn sobald man das Reich Gottes tatsächlich für mehr als ein Märchen hält, lässt es sich erzählend bereits nicht mehr fassen: Jede Erzählung vom menschlichen Leben ist räumlich und zeitlich befangen, sie ist nicht auf Ruhe, sondern auf Rache und auf Vergeltung aus, in milderen Fällen auf Wiedergutmachung; selbst da, wo sie vermeintlich nach Frieden sucht, kann sie vom Bösen nicht schweigen. Sie ist unablässig dazu gezwungen, von einer Wirklichkeit Zeugnis zu geben, die mit dem Reich Gottes niemals zur Deckung kommt.

Täuschungen

Wovon man nicht sprechen kann, soll man bekanntlich schweigen. Doch wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Das betrifft auch die Zweifel, von denen jeder Glaube grundiert ist: Was, wenn es auch dort, im kommenden Reich, wider Erwarten von Bestien und Schermessern wimmelt, von Macht und Gewalt, von lautem Heulen und Zähneknirschen? Von selbst ernannten Königen und falschen Propheten, von Märchenerzählern und Geistesgauklern, deren Reiche immer noch territorial definiert sind; und von Schriftstellern, die Sonntagspredigten halten?

Vielleicht haben wir, genau wie Pfarrer Johannes, einfach viel zu lange davon gesprochen und viel zu oft davon erzählt, viel zu klug und beredt, zu intelligent und exegetisch so ausgeklügelt, dass wir tatsächlich nicht mehr in der Lage sind, es uns wirklich ganz einfach vorzustellen: dieses Reich Gottes, das angeblich kommt und dann doch nicht kommt; jenen herrlichen Garten, in dem Löwen und Wölfe zwischen Lämmern schlafen, in dem verlorene Schafe gerettet werden, wo die Hungrigen endlich satt und die Nackten endlich gekleidet sein werden. Kann aber auch sein, wir haben uns in den Schafen und Lämmern getäuscht, in unserer menschlichen Vorstellung von ihrer rührenden Unschuld.

Womöglich haben wir uns in fast allem getäuscht, allem voran in den Geschichten und Bildern, die uns immer wieder von vorn weismachen wollen, dass das Reich Gottes nur dann wirklich kommt, solange sich davon erzählen lässt? Kann es nicht sein, dass die Erzählung selbst dem Glauben im Wege steht, dass sie uns daran hindert, endlich zur Sache zu kommen? Kann es nicht sein, dass sogar Jesus am Ende von seinen eigenen Gleichnissen so ermüdet war, dass er längst davon träumte, wenigstens kurzfristig einfach den Mund zu halten und nicht mehr vom Reich seines Vaters zu sprechen?

Kontakt

In seinem Buch „Franny und Zooey“ hat der amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger eine Hommage auf den schweigenden Jesus verfasst: „Mein Gott! (...)Wem ist er nicht haushoch überlegen? Beide Testamente sind voll von Pundits, Propheten, Schülern, Lieblingssöhnen, voll von Salomons, Isaias Davids und Pauls – aber, mein Gott, wer außer Jesus wußte wirklich, worum es ging? Keiner. Kein einziger. Auch nicht Moses. Hör mir auf mit Moses. Er war ein netter Mann und hielt guten Kontakt mit seinem Gott, und so weiter – aber das ist genau der Haken. Er mußte Kontakt halten. Jesus wußte, daß es keine Trennung von Gott gibt. (...)“

Und er fährt fort: „Wer sonst hätte etwa den Mund gehalten, als Pilatus um eine Erklärung bat? Salomon bestimmt nicht. (...) Aber das Wichtigste ist, wichtiger als alles andere –, wer in der Bibel außer Jesus wußte – wußte –, daß wir das himmlische Königreich in uns tragen, im Innern, wohin wir nie blicken, weil wir so verflucht dumm und sentimental und phantasielos sind? Man muß eben ein Sohn Gottes sein, um dieses Zeug zu wissen.“

Aber wer will „dieses Zeug“ wirklich wissen? Wahrscheinlich nicht einmal Franny, der nach der exaltierten Rede ihres großen Predigerbruders kurzfristig der Atem stockt: „Sie hielt aber weiter den Hörer ans Ohr. Natürlich folgte, nachdem die Verbindung ordnungsgemäß unterbrochen war, das amtliche Tuten. Franny schien es außerordentlich schön zu finden, ihm zu lauschen, fast als wäre es der einzig mögliche Ersatz für jenes Urschweigen, das am Anfang aller Dinge stand. (...) als sie den Hörer auflegte, schien sie genau zu wissen, was sie zu tun hatte.“

Im Anfang war weder das Wort noch ein Telefon, sondern die große Stille, das Schweigen. Doch machen wir uns nichts vor. Das Telefon ist die tröstlichste Erfindung von allen; denn nicht anders als Moses sind wir nach wie vor darauf angewiesen, Kontakt zu halten. In der kleinen Stadt Osuchi im Norden Japans, die von einem Erdbeben der Stärke 9 heimgesucht und von dem darauffolgenden Tsunami fast völlig zerstört wurde, gibt es sogar ein Telefon des Windes, mit dem man bis heute die Verstorbenen anrufen kann, selbst dann, wenn sie nicht mehrt abheben können. Solange wir in einer Welt unterwegs sind, in der es um Krankheit und Tod, um Verluste und Hunger geht, um die niemals zu stillende Sehnsucht nach Liebe und Licht, werden die Menschen nicht müde, davon zu erzählen, unter welcher Nummer auch immer.

Hoffnung

In Becketts berühmtem Stück „Warten auf Godot“ spricht der Landstreicher Wladimir dem Landstreicher Estragon von der Kreuzigung des Erlösers, allem voran von jenen zwei Dieben, die mit Jesus gekreuzigt wurden, von denen der eine erlöst, der andere aber verdammt worden sei. Und fragt: „Wie ist es möglich, dass nur einer von den vier Evangelisten die Dinge so darstellt? Sie waren doch alle vier dabei – jedenfalls nicht weit weg. Und nur einer spricht von einem erlösten Schächer. (...) Von den drei anderen sagen zwei gar nichts darüber, und der dritte sagt, dass beide ihn beschimpft hätten.“ „Wen“, fragt Estragon. „Den Erlöser“, sagt Wladimir, „weil er sie nicht erlösen wollte.“

Zwei Branntweintrinker, die Theologie betreiben. Gösta Berling kann ein Lied davon singen. Ihr Thema kann gar nicht groß genug sein, es geht um die Erlösung vom Bösen, für den günstigen Fall, dass der Erlöser uns überhaupt mitnimmt. Denn welcher Räuber darf von sich behaupten, schon morgen im Reich Gottes zu sein? Doch in Wahrheit geht es in diesem Stück um die Tugend des Wartens, in anderen Worten um die Tugend der Hoffnung, die nicht auf Anspruch, sondern auf Erkenntnis aus ist. Hoffnung ist die Grundtugend des Vaterunsergebets. Das Reich Gottes ist auf Geduld angewiesen, auf Ausdauer und Aufmerksamkeit, auf Vertrauen und die menschliche Vorstellungskraft.

Ist es nicht denkbar, dass Wladimir und Estragon sich nur deshalb nicht von der Stelle rühren, weil sie wissen, dass Godot nur deshalb nicht kommt, weil er längst da ist? Wo zwei oder drei, in diesem Fall zwei, in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen, auch wenn der Zustand der Welt sich bis heute nicht gut anfühlt: Mangel trotz Überfluss, Leid ohne Freude und Finsternis ohne jede Aussicht auf Licht!

Allerdings ist die Aussicht, wirklich erkannt, in anderen Worten tatsächlich geliebt zu werden, eine zweischneidige Verheißung, sie ist Glück und Bedrohung zugleich. Vermutlich sind wir deshalb so in die Literatur verliebt, die uns, neben der Möglichkeit der Erkenntnis, die Möglichkeit einer Ausflucht verheißt, den geliebten Spielraum der Interpretation: Im Lesen unseres eigenen Lebens möchten wir ausweichen können, wir möchten auf Ab- und Umwege gehen, weil der Gang der Dinge uns nicht überzeugt, weil wir es gerne anders hätten; denn wir träumen von unserem eigenen Reich: Mein Reich komme! Mein Wille geschehe! Also erpresse mich nicht mit meiner Schuld!

Paradiese, Übersee

Als Schriftstellerin ziehe ich das Schreiben dem Predigen vor, denn im viel beschworenen Jenseits wird man mich nicht an meinen Reden, sondern an meinen Früchten erkennen. Doch was immer ich tue, treibe und schreibe, ich setze auf Beistand – und auf den Fortschritt des Telefons. Ich halte Kontakt. Ich bin auf Dolmetscher und Fährleute angewiesen, die mich ans andere Ufer bringen. Weshalb ich bis heute davon träume, einen Roman über den heiligen Christophorus zu schreiben.

In meinem Roman „Paradiese, Übersee“ (den ich bereits geschrieben habe) ist es allerdings kein Mann, sondern eine Frau, die für die Überfahrt in die bessere Welt zuständig ist; als Wirtin einer Pension in Echternach betreut sie die wechselnden Gäste und Pilger der Springprozession:

„Mit letzter Kraft heben wir unsere Hände, spitzen unsere Zeigefinger und klopfen dreimal mit verdoppeltem Zeigefinger gegen die Tür. Die Tür geht auf. In der Tür steht Frau Conzemius. Sie hat kein einziges graues Haar. Durch das Treppenhaus zieht der Duft von frisch gebackenem Brot. Vorsichtig hebt sie uns auf. Wir legen unsere Gesichter in ihre Achseln. (...) Ich werfe mich auf das kleine Feldbett. Ich bin sterbensmüde, aber ich kann beim besten Willen nicht schlafen. Die Pferde, rufe ich, die Pferde, man muss sie trockenreiben, man muss sie kämmen, man muss sie schmücken, bevor die Könige kommen.

Frau Conzemius lacht. Leise erbebt der Knoten in ihrem Nacken. Sie tritt an mein Bett, beugt sich über mich und sagt: Du weißt doch genau (...), dass die Pferde schon versorgt sind. Man hat sie längst in den Stall gebracht, getrocknet, gestriegelt und mit roten und grünen Girlanden versorgt. Wir sind auf alles vorbereitet, das weißt du doch. Seit Jahren sind wir darauf vorbereitet. Also ruh dich jetzt aus und schlaf ein wenig.“

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