Religion und GesellschaftWie politisch dürfen die Kirchen sein?

Ein Dauerbrenner und doch hochaktuell: Die Frage danach, wie politisch die Kirchen sein dürfen. Der Sozialphilosoph Hans Joas hat sich dazu konkret mit Bezug auf das Flüchtlings- und Migrationsthema in einem kleineren Buch mit dem Titel „Kirche als Moralagentur?“ im Jahr 2016 zu Wort gemeldet. Er beschäftigt sich mit den Tendenzen, die er bei den Kirchen feststellt: nämlich, die Botschaft des Evangeliums zu moralisieren und selbst in Bezug auf die Gesellschaften die Rolle der Moralagentur zu übernehmen. Die Herausforderung der impliziten kritischen These haben nun renommierte Theologinnen und Theologen kompetent angenommen. Entstanden ist ein Band mit dem nahezu identischen Titel „Kirche nur eine Moralagentur?“, herausgegeben vom Bonner Moraltheologen Jochen Sautermeister. Das Format des Sammelbandes ist interessant, weil es tatsächlich einen Diskurs abbildet: Er beginnt mit einem Beitrag von Hans Joas selbst, in dem er seine Ausgangsthese noch einmal komprimiert verdeutlicht. Sodann folgen die Beiträge, die sich mit verschiedenen Aspekten des Ansatzes auseinandersetzen: Wie kann der christliche Glaube seine Bedeutung für die Gesellschaft und ein „Weltethos“ entfalten (Annette Schavan), sich doch gesellschaftlich, verantwortungsethisch begründet, einmischen (Eberhard Schockenhoff), ohne „unlautere Komplexitätsreduktion“ (Magnus Striet) zu betreiben, was bedeutet die Weizsäcker-Formel, dass die Kirchen nicht Politik machen, sondern Politik möglich machen wollen (Ulrich Körtner), wie ist die Unterscheidung, nicht Trennung, zwischen Moral und Religion begrifflich und sachlich zu fassen (Peter Dabrock), welche Bedeutung kommt der Idee der Autonomie zu, was bedeutet die Vorstellung einer missionarischen Kirche? Abschließend nutzt Joas noch einmal die Gelegenheit zu einer differenzierten Replik. Der Band stellt einen sehr gelungenen Diskursbeitrag dar, dessen Lektüre nur zu empfehlen ist. Er lädt an einigen Punkten auch zur Fortsetzung der Auseinandersetzung ein, etwa mit der hoch relevanten Weber’schen Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik oder auch mit der Relevanz der über das Diesseits hinausreichenden Hoffnung und dem Vertrauen darauf, „dass das Ganze an ein gutes Ende geführt wird“ (Striet, 134).

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Jochen Sauermeister (Hg.)

Kirche – nur eine Moralagentur? Eine Selbstverortung.

Verlag Herder, Freiburg 2019. 160 S. 18,00 € (D).

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