Die jüdische Sicht auf den Körper

In den Religionen finden sich auch viele Vorgaben für den Umgang mit dem eigenen Körper. Das Buch des Medizinhistorikers Robert Jütte nimmt unter dieser Hinsicht detailreich das Judentum in den Blick.

Häufig ist die Rede davon, dass das 21. Jahrhundert dem Körperkult huldige. Viele Zeitgenossen halten Gesundheit für das höchste Gut. Schönheitsoperationen haben Hochkonjunktur. In der Religion wird Jesus oft auf den „Heiler“ oder „Heiland“ reduziert, und aus der ostasiatischen Meditationsform Yoga wird bei uns ein Weg zur Erhaltung der Gesundheit.

Da kommt das Buch von Robert Jütte gerade recht. Der Autor, Leiter des Instituts für Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, fragt: Was bedeutet der Leib, was bedeutet das Leben im Judentum? Schon im ersten Kapitel weist er darauf hin, dass die jüdische Tradition den Körper mit all seinen Teilen als das „Ebenbild Gottes“ ansieht und ihm daher eine religiös begründete hohe Würde zuspricht. Einerseits erläutert Jütte, wie sich die Lebenswelt eines Juden, soweit sie sich auf die körperliche Dimension bezieht, von der eines Nichtjuden unterscheidet, etwa beim morgendlichen Aufstehen, bei der Hygiene und der koscheren Nahrungsaufnahme, bei Bewegung und Schlaf sowie besonders auch bei den Todesbräuchen. Andererseits betont der Autor, dass es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem jüdischen und dem nichtjüdischen Körper gibt. So kann schon der Jude Shylok in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ fragen: „Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften“ (zu ergänzen wäre: „wie Nichtjuden“)?

Immer begründet der Autor seine Aussagen mit aufschlussreichen Zitaten jüdischer Lehrer. Auch Sigmund Freud, der jüdische Arzt und Begründer der Psychoanalyse, kommt häufiger zu Wort. Der Leser erfährt, wie sich die jüdische Einstellung zu Leib und Leben in der Geschichte, insbesondere in Zeiten der Verfolgung und in der Epoche der Aufklärung verändert hat. Abwechslungsreich bedient sich der Autor in allen Kapiteln der historischen, phänomenologischen und psychoanalytischen Methoden und blendet dabei oft auch Aspekte zur sozialen Struktur des Körpers ein.

Von dem Detailreichtum des Buches zeugen die Ausführungen über Körperbedeckung und Nacktheit, über das Geschlecht und die Hygiene. Kleine Exkurse zur Beschneidung führen diese einerseits auf Gottes Weisung an Abraham zurück, andererseits soll sie das sexuelle Ungestüm des Mannes mäßigen und seine Gesundheit fördern. Homosexualität ist seit den Tagen der Tora und des Talmuds strikt verboten, während die lesbische Liebe unter Frauen nur als Zuchtlosigkeit getadelt wird. Heute gibt es aber im liberalen Judentum intensive Bestrebungen, Homosexualität gesellschaftlich und juristisch zu akzeptieren.

In ausführlicher Darstellung werden Gesundheit, Krankheit, Schmerz, Euthanasie, Sterbebegleitung, Suizid, die ergreifenden Todesriten, das Begräbnis, der Auferstehungsglaube dargestellt. Man wird das Buch wohl nicht in einem Zug von vorn bis hinten lesen. Aber als Nachschlagewerk kann es gute Dienste leisten. Wünschenswert wäre, auch über die christliche Auffassung vom Körper ein entsprechendes Buch zu haben.

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Jütte, Robert

Leib und Leben im Judentum

(Jüdischer Verlag, Berlin 2016, 544 S., 32,95 €)

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