Zukunft der Kirche in DeutschlandWann endlich tut sich was?

Ein Zwischenruf des Theologen und Religionswissenschaftlers Hans Waldenfels zur Lage der katholischen Kirche

In einer Stellungnahme zum jüngsten Dokument über sexuellen Kindesmissbrauch durch Geistliche in Deutschland spricht der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, von Scham und Schuld. Alles soll auf den Prüfstand. Es solle „kein Tabu“ geben. Man will auch einen Gesprächsprozess eröffnen über den Zölibat und „verschiedene Aspekte der katholischen Sexualmoral“.

Diese Reaktion ist einseitig, jedenfalls auch geschichtsvergessen. Vor knapp sechzig Jahren, Ende 1969, hat der ehemalige Papst Benedikt XVI. als junger Professor schon für das begonnene Jahrtausend angesagt: Die Kirche „wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen. In vielen kleineren Gemeinden beziehungsweise in zusammengehörigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfüllt werden. Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein.“ Leider hat Joseph Ratzinger selbst als Bischof und Papst diese Einsicht nicht weiterverfolgt und umgesetzt. Wichtig ist aber, dass es hier nicht um Missbrauch und mangelnde Bewältigung der Sexualität von Priestern geht, sondern um das Leben der Gemeinden und den Umgang mit den Sakramenten.

Lichter anzünden

Kardinal Walter Kasper hat seit Längerem auf verschiedene Schwächen der Theologie aufmerksam gemacht. So weist er in seinem großen Werk „Die Katholische Kirche“ darauf hin, „dass das Neue Testament unseren Begriff Amt im Sinn einer mit bestimmten Kompetenzen ausgestatteten gesellschaftlichen Position nicht kennt“. Er nennt die entsprechenden griechischen Begriffe, die man heutzutage vergebens sucht. Das müsste eigentlich ein Anlass sein, mit der Übersetzung „Amt“ etwa für das griechische episkope vorsichtiger umzugehen.

Autorität schließt immer auch Macht ein. Macht an sich ist wertneutral, doch schlägt der Umgang mit Macht zu schnell in Machtmissbrauch um. Dann steht man am Ende vor Problemen, von denen man heute nicht mehr wegschauen kann und die zur Schamesröte treiben. Dabei ist das Ende noch längst nicht erreicht. Wie geht es in Afrika zu, wie in Indien, wie auf den Philippinen?

Doch jenseits der Selbstbespiegelung ist es an der Zeit, den eigentlichen kirchlichen Auftrag in den Blick zu nehmen. Ist es richtig, dass wir uns von den Rändern der Gesellschaft zurückziehen? Leider werden keine Lichter angezündet, sondern das rote Licht des Tabernakels wird gelöscht, das Allerheiligste fortgetragen. Allein in Essen wurden in den letzten Jahren sieben Kirchen nicht nur geschlossen und umgewidmet, sondern abgebrochen und zerstört. Zwei weiteren steht der Abbruch bevor. Wie viel dabei an Kunstgegenständen, Fenstern und anderem lieblos zugrunde geht, ist ein eigenes Thema.

Ein anderes wichtiges Thema ist das Geld. Die Schließung katholischer Schulen in Hamburg wegen Geldmangels ist ein Signal. Auch in anderen Bistümern wird unter finanzieller Rücksicht über das Problem Schule nachgedacht. Doch was ist eigentlich der Bildungsauftrag der Kirche? Wie soll es in einem konfessionsübergreifenden Religionsunterricht, wie er zum Beispiel in Teilen von Nordrhein-Westfalen beschlossen ist, noch eine Identifizierung etwa mit der katholischen Kirche geben? Was tut die Kirche angesichts eines erstarkenden Islam? Es erscheint absurd, wenn die Kirche sich für den islamischen Religionsunterricht stark macht und den eigenen vernachlässigt.

Unter Berücksichtigung des personellen Notstandes und der finanziellen Engpässe werden pragmatische Wege gesucht, welche die klerikale Kernstruktur möglichst unberührt lassen. Dabei hat der Münchener Theologe Peter Neuner schon vor Jahren vom „Ende der Ständekirche“ gesprochen.

Man fragt sich, was die Worte und das Beispiel Jesu und die Worte der Heiligen Schrift bei all den Zukunftsüberlegungen eigentlich noch bedeuten. „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst sollt ihr es geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab!“, heißt es im Matthäusevangelium (10,8–10). „Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen sein, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren; er sei kein Trinker und kein gewalttätiger Mensch, sondern rücksichtsvoll; er sei nicht streitsüchtig und nicht geldgierig. Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen. Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?“, schreibt der erste Timotheusbrief (2,2–4). Die bekannteste Metapher für den Leiter ist der gute Hirte. Ein Hirte geht seiner Herde voran, zeigt ihr gute Futterplätze und führt sie dorthin. Falls ein Schaf sich verirrt, holt er es liebevoll zurück und rettet es. Wo erweisen sich unsere Hirten als Hirten?

„Wir beerdigen samstags nie“

In den letzten Wochen und Monaten habe ich folgende Klagen und Beispiele mitgeteilt bekommen: Evangelische Partner können in der einen katholischen Gemeinde angstfrei die Hand bei der Kommunionausteilung ausstrecken, in der Nachbardiözese nicht. Ein junger Kaplan fragt ihm Unbekannte, ob sie katholisch sind.

Eine Familie erbittet für ihren Verstorbenen die Totenmesse zu einer für sie günstigeren Zeit zu feiern, doch der Pastor besteht auf seiner frühen Zeit. Die Familie geht gleich zum Friedhof. Eine andere Familie erhält vom Pfarrbüro die Auskunft: „Wir (!) beerdigen am Samstag nicht. Der Pfarrer bereitet seine Sonntagspredigt vor“ (der Friedhof war dieses Mal nicht das Problem).

Ein alter kranker Mensch öffnet sich spontan der Gemeindereferentin, erzählt sein Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Sie kann mit ihm beten, das Wort der Vergebung darf sie nicht sprechen, das tröstende Sakrament der Salbung darf sie nicht spenden. Dafür müsste sie einen der vielbeschäftigten Priester „einfliegen“. Die evangelische Kollegin feiert längst ihren Gottesdienst mit Abendmahl, weil katholische Besucher das vermissen. Und ein Töpfchen Salbe hat sie auch in der Tasche.

Echte Hirten bei den Menschen

Die deutsche Kirche wirkt wie ein Flickenteppich, wenn man nach der Zulassung nichtkatholischer Christen zum Kommunionempfang fragt oder nach dem Umgang mit den Missbrauchsfällen der Vergangenheit. Es gibt viele kleine und große Herrscher und viele kleine und große Dienende in der Kirche. Überfällig ist, dass die Bischofskonferenzen kirchenrechtlich zu gemeinsamem Handeln verpflichtet werden. Noch ist es nach wie vor das Recht des einzelnen Bischofs, in seinem Bistum so zu verfahren, wie er es für richtig und angemessen hält. Inzwischen ist die Uneinigkeit der Bischöfe nicht mehr zu verbergen.

Hinzu kommt, dass unsere Hirten zu wenig bei den Menschen im Alltag sind. Ein offizieller Empfang bei der Firmung oder einer anderen Festfeier, wenn gleichsam der rote Teppich ausgerollt wird, ist kein Maßstab. Ist es immer noch kein Signal für die Situation, wenn ein Weihbischof und der Dompropst kommissarisch die Stelle eines leitenden Pfarrers einnehmen?

Es ist höchste Zeit, dass die Bischöfe wieder agieren, statt nur noch gezwungenermaßen zu reagieren. Zu vieles erinnert leider an das Markusevangelium (6,34): „Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Der CiG-Newsletter

Mit unserem kostenlosen Newsletter informieren wir Sie über Neuheiten auf unserer Homepage.