Das Werden der Wissenschaft

In der Scholastik bildete sich eine neue Organisation der Forschung heraus – mit Folgen bis heute. Frank Rexroth stellt diese Bezüge dar.

Wenn Wissenschaft heute von manchen polemische Kritik und Ablehnung erfährt, als Expertise der Elite gegen „alternative Fakten“ gestellt oder als fake science verworfen wird, wird deutlich: Das System steht vor großen Herausforderungen. Zu den Angriffen von außen kommen kritische Entwicklungen an den Universitäten selbst – etwa Ökonomisierung, die einzelne Disziplinen zur Rechtfertigung zwingt und Beurteilungsmaßstäbe wie Produktivität, Effizienz und Nützlichkeit setzt.

Das Werk des Göttinger Historikers Frank Rexroth will vor allem die Entwicklung der „modernen“ Wissenschaft zur Zeit der Scholastik vorstellen. Der Leser erhält eine gelungene Summe von Ergebnissen, die am Ende umfangreicher Quellenaufarbeitungen und Forschungen stehen. Sie zeigen die Folgen, welche die Veränderungen einer „jahrhundertealten Bildungswelt“ hatten, wie wesentlich Denken und Handeln von der sozialen Gruppe und deren emotionalem „Repertoire“, wie Rexroth es nennt, abhängig waren und welche – oft nicht beabsichtigten – Folgen Veränderungen wie die gregorianischen Reformen hatten.

Es sind Wissensordnung, Gruppenstruktur und Emotionsrepertoire, die ein tieferes Verstehen scholastischer Entwicklungen ermöglichen. Welche konkreten Folgen etwa hatte der soziale Wandel für die Lehrer-Schüler- beziehungsweise Schüler-Schüler-Beziehungen an den Schulen der Klöster und Kathedralen? Wie prägten Liebe, Freundschaft, Verehrung oder Neid, Eifersucht und Konkurrenz die Entwicklung von Wissenschaft und den Umgang mit den verhandelten Stoffen? Ein gesteigerter geistiger Wettkampf in dieser Zeit förderte ein Wissensideal, das die intellektuelle Praxis in oft nicht harmonische Gruppenformen einpflegte. Die Brüchigkeit, die diesen Prozessen und der selbstbezogenen Interpretation der (antiken) Bezugstexte folgte, war aus heutiger Sicht ein Glück, denn aus ihr ergaben sich Impulse, welche die Entwicklung der Scholastik förderten. Autoritäten verloren an Bedeutung, und Lehrer konnten nun irren. Widerspruch wurde möglich, ja nötig. Wissenschaft wurde selbstbezüglich und wendete sich der Wahrheitssuche zu. Die Scholastik entwickelte einen selbstreferenziellen, also auf die eigene Disziplin bezogenen Wissenschaftsbegriff. Das wissenschaftliche Ergebnis allein war das Ziel.

Selbstreferenzialität, der Autor spricht auch vom „Eigensinn“, ist eine bis heute nachwirkende (Wieder-)Entdeckung der Scholastik. Zwar gibt es antike Vorbilder, doch war sie in vorscholastischen Jahrhunderten der „Fremdreferenzialität“ gewichen. Wissen war nützlich für Schriftverständnis und Seelenheil, sein Zweck lag außerhalb der Wissenschaftsprozesse. Auch heute sehen wir wieder Formen fremdreferenzieller Wissenschaftsbegründung. In der Scholastik überließ man sich dagegen zunächst der Suche nach Wahrheit, die, einmal angestoßen, stetig Folgefragen nach sich zog.

Die Einordnung der scholae, alsoder Forschergruppe, die zusammenlebte und disputierte, sowie der Ausweis der Nähe der in diesen Gruppen gepflegten Lebensform zu „anderen utopischen (und anfänglich oft eremitischen) Entwürfen der Jahre ab etwa 1070“ sind zentral für Rexroth. Philosophie wurde (wieder) Lebensform, und diese ist verbunden mit den aufkommenden Wissensformen. Fachdisziplinen wurden immer feingliedriger, entwickelten unterschiedliche Typen des Nachdenkens über die eigenen Methoden und forderten eine Ablösung von einhegenden Traditionsvorstellungen, eine Neubestimmung von Wahrheit.

Die neuen Wissenschaftsformen blieben nicht lange weltabgewandt, wurden zu „Bewohnern der Städte“, suchten die Wahrheit unter den Bedingungen von Mensch und Welt. So kam dem Menschen neuer Wert zu. Die sich entwickelnden Diskursformen ermöglichten eine Vielzahl von Wissensformen. Expertenkulturen wurden begünstigt. Wichtig wurde jetzt wieder der Zugang zum „richtigen“, nützlichen Wissen. Andreas Kirchner

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Rexroth, Frank

Fröhliche ScholastikDie Wissenschaftsrevolution des Mittelalters

C.H. Beck Verlag, München 2018, 505 S. mit 8 farb. Abb. und 6 Karten, 26,95 €

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