So klappt die Eingewöhnung Du schaffst das!

Der Schritt ist groß und will geübt sein. Wenn Kinder in die Kita oder zur Tagesmutter kommen, trennen sie sich oft zum ersten Mal von ihren Eltern. Und auch diese müssen lernen, ihr Kind loszulassen

Die ersten Tage in der Kita sind nicht immer leicht
Die ersten Tage in der Kita sind nicht immer leicht© Juanmonino - Getty images

Emma ist 14 Monate alt, als sie zum ersten Mal ihrer Tagesmutter gegenübersteht. Mit Worten kann sie nicht ausdrücken, was sie offensichtlich fühlt: „Was soll ich hier? Ich will bei Mama und Papa bleiben!“ Emma weint. Ihre Eltern schmerzt der Kummer der Tochter. Aber sie verlassen sich ganz auf die Tagesmutter und das, was diese nun vorschlägt. „Sie gehen, wenn Emma durchs Spielen mit mir abgelenkt ist“, entscheidet sie.

„Wir hatten schon ein komisches Gefühl“, gestehen Mutter Susanne (40) und Vater Frank (48) knapp drei Jahre später. Zumal ihre Kleine auch weinte, wenn sie begriff, dass Mama ohne Tschüss zu sagen gegangen war. Das erfuhren sie von der Tagesmutter. Ein anderes Vor gehen bei der Eingewöhnung forderten die Eltern jedoch nicht. „Wir wussten ja nicht, wie die Tagesmutter reagiert. Und außerdem war es ja auch unser erstes Kind.“ Wenn sie Emma abgegeben hatten, überwältigte auch die Eltern oft der Schmerz. Auch bei ihnen fl ossen Tränen. „Manchmal habe ich überlegt, sie wieder abzuholen“, gesteht Frank. Er tat es nicht.

Dass Emma einen dauerhaften seelischen Schaden erlitten hat, glauben die Eltern nicht. Zumal sie alles getan haben und tun, um der heute Vier jährigen Verlässlichkeit zu geben und ihr Vertrauen zu stärken. Dass es auch anders hätte kommen können, formulierte der Diplom-Soziologe Hans-Joachim Laewen 2011 einmal so: „Sich ‚wegzuschleichen‘, ohne sich vom Kind zu verabschieden, ist auf keinen Fall eine Option.“ Das Vertrauen des Kindes werde dabei langfristig aufs Spiel gesetzt, die sichere Bindung riskiert. Es würde so lernen, dass immer dann, wenn es einmal entspannt spielt, die Mutter plötzlich weg sein könnte.

Kinder und Eltern brauchen Zeit

Bei der Eingewöhnung in die städtische Kita lief alles anders. Zwar plagte Emma auch hier der Trennungsschmerz. Doch die Erzieherinnen agierten nach einem klaren Konzept, dem Berliner Modell, das allen Beteiligten Sicherheit gab. Es besteht aus sechs Phasen, beginnend mit der dreitägigen Grundphase, in der sich zumindest ein Elternteil mit dem Kind in der Einrichtung aufhält. Am vierten Tag startet in der Regel der erste Trennungsversuch. Schon an diesem Tag lässt sich anhand der Reaktion des Kindes erahnen, wie lange es dauern wird, bis es sich an die neuen Bezugspersonen gewöhnt haben wird. Erst dann folgt die Stabilisierungs phase. In ihr übernimmt die Fachkraft – wenn möglich – zunehmend auch das Wickeln oder Füttern. Allgemein gilt: Die Eingewöhnungsphase ist erfolgreich abgeschlossen worden, wenn sich das Kind nach der Trennung relativ schnell beruhigen lässt. Vier bis sechs Wochen werde das bei Emma dauern, schätzten die Erzieherinnen. Ihre Erfahrung trog sie nicht. Inzwischen ist Emma die Große. Vor eineinhalb Jahren kam Ava auf die Welt. Seit einigen Monaten verbringt diese, sanft herangeführt, den Vormittag bei ihrer Tagesmutter. Sie geht gerne dorthin. „Zum Glück“, strahlen Susanne und Frank.

Auf die Individualität der Kinder weist auch Daniela Kobelt Neuhaus hin. Sie ist Vorstandsmitglied der Karl Kübel Stiftung und Expertin für Frühpädagogik. Unabhängig davon, ob eine Kita oder Tagesmutter nach dem Berliner oder dem Münchener Modell, das auf eine längere Anwesenheit der Eltern während der Eingewöhnungsphase baut, arbeite, müsse sie stets das einzelne Kind im Auge haben. „Wir brauchen da eine große Flexibilität. Ich weiß, dass dies die ErzieherInnen, aber auch Eltern vor große Herausforderungen stellt. Aber es gibt nun einmal Kinder, die eine 15- oder 30-minütige Trennung anfangs überfordert. Andere können direkt zwei Stunden bleiben.“ Wichtig sei es, allen Beteiligten ausreichend Zeit zu geben, Vertrauen und Bindung aufzubauen.

Jedes Kind ist anders

Das Alter der Kinder spiele dabei eine wesentliche Rolle. Einjährige verfügten noch über kein Zeitgefühl und selten über Trennungserfahrungen. Sie müssten zumindest einen Elternteil – sprich eine Bezugsperson – im Blick haben. Dreijährige dagegen hätten sicher schon Erfahrung mit der Abwesenheit von Mutter und Vater gesammelt. Etwa, wenn sie bereits eine Zeitlang bei den Großeltern oder auch bei Nachbarn verbracht hätten. „Entscheidend ist, dass das Kind erfährt, Mama und Papa kommen wieder. Das erfordert Grundvertrauen“, sagt Kobelt Neuhaus. Sie rät zu einfachen Mitteln: „Man kann zum Beispiel den Wecker stellen und dem Kind erklären, dass Mama und Papa wiederkommen, wenn es klingelt.“ Sie gibt Eltern einen weiteren Tipp: „Nehmen Sie Anteil an dem, was Ihr Kind in der Kita erlebt hat. Zeigen Sie Interesse. Aber loben Sie es nicht, wenn es ihm gelungen ist, lange in der Einrichtung zu bleiben. Das ist keine Leistung, sondern das Erlernen von etwas ganz Normalem.“

Eine Frage des Vertrauens

Zu Geduld in der Eingewöhnungsphase rät auch Anja Urlaub. Die Mutter zweier Kinder leitet die kleine katholische Kita Sankt Sebastian in Bonn. „Das Kind muss neue Bindungen aufbauen. Es kennt uns alle und die neue Umgebung ja noch nicht. Das ist wie, wenn wir Erwachsenen einen neuen Job anfangen. Das alles erfordert Zeit“, erklärt sie. Und wünscht sich einen Vertrauensvorschuss für sich und ihr Team. „Wir gucken auf jedes Kind. Wenn es am Anfang mit der Trennungssituation nicht zurechtkommt, sich in Hysterie schreit, rufen wir eine Bezugsperson an, damit sie es abholen kann. Wir wollen schließlich keine traumatisierten oder dauerhaft bindungsunfähigen Kinder.“

Anja Urlaub hat die Erfahrung gemacht, dass es auch vielen Eltern schwerfällt loszulassen. Solchen Müttern und Vätern bietet sie an, sich auch nach den gemeinsamen Tagen von Kind und Eltern in der Gruppe (Grundphase des Berliner Modells) mit einer Tasse Kaffee ins Büro zu setzen. Allerdings ohne Sichtkontakt zu Tochter oder Sohn. „Das dient mehr der Beruhigung der Eltern und ihrem Sicherheitsbedürfnis, eingreifen zu können, wenn es ihrem Kind nicht gut geht“, betont sie. Aus Erfahrung weiß sie: Am Ende gelingt allen die Eingewöhnung. Kindern wie Eltern.

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