Alleine beschäftigenAlles voll öde!

Kinder, die sich langweilen, können ziemlich anstrengend sein. Neue Spielimpulse und mehr Gelassenheit helfen Eltern, solche Situationen entspannter zu überstehen

Nicht alle Kinder können sich alleine ins Spiel vertiefen
Nicht alle Kinder können sich alleine ins Spiel vertiefen© Radist - iStock

Mir ist langweilig!“ – kaum ein Satz wird von uns Eltern so sehr gefürchtet wie dieser. Denn wir wissen, dass die Mitteilung unseres Kindes nicht als harmlose Feststellung eines Gemütszustandes verstanden werden darf, sondern vielmehr bedeutet: „Spiel jetzt endlich mit mir!“, „Unterhalte mich bitte sofort!“, oder auch: „Organisiere doch schnell mal ein paar Spielkameraden für mich!“ Gelangweilte Kinder fordern uns heraus, denn sie erwarten, dass wir alles stehen und liegen lassen, um uns ihnen ganz zu widmen. Zudem sind sie in ihrer Forderung unglaublich hartnäckig, besonders dann, wenn wir uns mit jemandem unterhalten wollen oder etwas Dringendes erledigen müssen.

Sicherlich ist es jedem Kind ab und zu mal langweilig. Aber es gibt auch große Unterschiede: Mein ältester Sohn kann sich beispielsweise gefühlte drei Minuten lang alleine beschäftigen. Danach fällt ihm partout nichts mehr ein und er behauptet steif und fest, er habe keine Spielsachen und zudem mit allem schon einmal gespielt. Meine Bemerkung, dass das ein Widerspruch in sich sei, fegt er stets mit einem Achselzucken metaphorisch vom Tisch. Ist ihm langweilig – und das ist sehr oft der Fall – läuft er mir auf Schritt und Tritt hinterher und lehnt meine Spiel- und Vergnügungsvorschläge kategorisch ab, weil er alle blöd fi ndet. Sehr blöd sogar. Und total langweilig. Ich kann mir das Hirn zermartern und fortlaufend neue Empfehlungen abgeben. Doch dieser Ansatz funktioniert fast nie, denn im Grunde will er nicht einfach nur spielen, sondern mit MIR spielen oder wenigstens meine ungeteilte Aufmerksamkeit haben.

Von wegen Kreativität

Akademische Abhandlungen darüber, wie wertvoll Zeiten der Langeweile im Leben von Kindern doch sind, da sie unweigerlich zu Kreativität und geistreichen Ideen führen, sind in solchen Momenten so alltagstauglich wie ein Philosophielexikon. Bei meinem Sohn entspricht die Dauer der Langeweile bis hin zu der ersehnten kreativen Idee ungefähr der einer kleinen Eiszeit, und die ist lang, besonders gegen Ende. Und ganz besonders dann, wenn man in Ruhe telefonieren will. Ich jedenfalls habe noch nie erlebt, dass er plötzlich ganz von selbst zündende Einfälle hatte.

Meine Tochter jedoch, die Zweitgeborene, ist ein ganz anderer Charakter. Sie verkriecht sich gerne mal in ihr Zimmer, kann dort ziemlich lange alleine spielen und genießt diese Auszeiten sogar. Auch an Orten, wo es keine Spielsachen gibt, findet sie immer etwas, womit sie sich beschäftigen kann: Der kleine Bruder wird zum Pferd, dem sie mit einem unsichtbaren Werkzeug die Hufe auskratzt. Einfallsreich – und das ohne eine Eiszeit durchlaufen zu müssen, bevor die Ideen sprudeln. Woran das liegt? Keine Ahnung. Ich schiebe es auf angeborene Charakterzüge.

Wie reagieren?

Für Eltern, deren Kind meinem ältesten Sohn ähnelt, kann dessen Langeweile eine große Herausforderung sein. Es braucht viel Geduld, wenn ein Kind ständig unsere Aufmerksamkeit einfordert und unsere Nerven mit der ewig gleichen Leier einer Zerreißprobe aussetzt. Wie gehen wir damit um?

Ich persönlich bin immer wieder versucht, das Problem der Langeweile „ lösen“ zu wollen, indem ich meinem Sohn kontinuierlich Vorschläge mache, was er tun könnte, auch wenn das eigentlich fast nie funktioniert. Ich muss mich selbst immer wieder daran erinnern, dass die Langeweile sein Problem ist und nicht meines. Folglich muss er auch irgendwie einen Weg finden, dieses selbst zu lösen. Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, Kinder ständig zu unterhalten und zu bespaßen. Wir sind keine Entertainer, sondern können lediglich Anregungen geben. Für mich heißt das, dass ich immer wieder Impulse in Form von neuen Spielmöglichkeiten gebe oder einen Spielnachmittag mit anderen Kindern ermögliche, aber eben nicht immerzu. Doch es gibt Situationen, in denen Kinder es schaffen, ihre Langeweile zu unserem Problem werden zu lassen, nämlich beispielsweise dann, wenn wir Besuch haben und uns gerne ungestört unterhalten möchten. In solchen Fällen hilft nur eines: Vorbereitet sein!

Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass mein Sohn genau dann, wenn jemand zu Besuch war und wir ein wenig reden wollten, die Langeweile-Leier abspielte. An ein nettes Plauderstündchen war nicht zu denken! Nach einigen solcher nervenaufreibenden Situationen legte ich mir eine neue Strategie zurecht. Ich holte zuvor Bücher, Puzzles oder Spiele aus der Bibliothek, mit denen mein Sohn sich beschäftigen konnte, während ich meinem Gegenüber ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Das funktioniert bis heute sehr gut, da das ausgeliehene „Unterhaltungsmaterial“ für mein Kind neu und folglich interessant ist – jedenfalls für eine Weile. Seither sind wir nach solchen Besuchen alle entspannter. Natürlich mache ich das nicht wöchentlich und wenn jemand mit Kindern zu Besuch kommt, tritt das Problem gar nicht erst auf.

Die innere Einstellung

Während der Langeweile-Phasen hilft es mir auch, meinem ideenlosen Kind innerlich die „Erlaubnis“ zu geben, gelangweilt zu sein und mich mit meinen Vorschlägen zurückzuhalten (auch wenn es ungemein nervt und ich mir am liebsten Ohrenstöpsel in meinen Gehörgang stopfen möchte). Das heißt, ich entscheide mich in solchen Momenten ganz bewusst dafür, diese Zeiten der Langeweile zu ertragen.

Des Weiteren habe ich sehr gute Erfahrungen mit klaren Abmachungen gemacht. Mir und meinem gelangweilten Kind hilft es, wenn wir seine Langeweile zeitlich eingrenzen und eine Vereinbarung treffen: „Sobald ich mit meiner Arbeit fertig bin, spiele ich 30 Minuten mit dir. Wenn du mich aber ständig unterbrichst, dauert es länger, bis ich fertig bin.“ Dies leuchtet ihm dann meist doch ein und plötzlich – welch Wunder – hat er etwas zu tun.

Ich wage zu behaupten, dass die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen Teil eines Entwicklungsprozesses ist, den viele Kinder durchlaufen. Wir Eltern dürfen getrost sein, dass er nicht ewig dauert – auch wenn es uns manchmal so vorkommt.

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