Eingewöhnung in der KitaAuch Eltern müssen das Loslassen lernen

kizz sprach mit der Kindheitspädagogin und Fachberaterin Gabriele Schmal aus Freiburg über Trennungsprozesse in der Kita

Auch Eltern müssen das Loslassen lernen
Auch für Eltern beginnt mit der Kita eine Zeit voller Herausforderungen © Melpomenem - iStock

Die Eingewöhnung in die Kita ist für Eltern und Kinder ein großer Schritt. Wie gelingt das Loslassen?

Tatsächlich ist die Eingewöhnung für alle Beteiligten eine sehr sensible Phase. In dieser Zeit geht es darum, dass das Kind eine bindungsähnliche Beziehung zu einer Fachkraft aufbaut, damit es sich in der neuen Umgebung wohlfühlt und sich entfalten und gut entwickeln kann. Der Eingewöhnungsprozess beruht auf einer guten Kommunikation, das erkläre ich auch immer den Eltern, und zwar innerhalb eines Dreiecks: Eltern, Kind und Fachkraft. Dieses Dreieck sollte ganz ausgewogen sein und auf einem wertschätzenden Miteinander beruhen. Entscheidend für den Eingewöhnungsprozess sind die Vorerfahrungen aller drei Beteiligten

Wie wirkt sich das Verhalten der Eltern auf das Gelingen der Eingewöhnung aus?

Grundsätzlich beeinflussen das Verhalten und die Gefühle der Eltern den Gewöhnungsprozess genauso wie das Verhalten und die Gefühle der anderen Beteiligten. Zwischen Eltern und Kind kommt es zu einer sehr intensiven Wechselwirkung, das heißt, die Emotionen der Erwachsenen übertragen sich auf das Kind. Ein Beispiel, das ich öfter erlebt habe: Die Eltern des Kindes haben nicht viel Verständnis für die Praxis der Eingewöhnung, weil es in ihrer Herkunftskultur keine Eingewöhnungszeit gibt. Sie sind es gewohnt, dass Kinder in der Kita an der Tür abgegeben werden, und möchten die Zeit für eine behutsame Eingewöhnung nicht aufbringen. Das ist dann eine große Herausforderung für alle Beteiligten und die Fachkraft muss die Anstrengungen intensivieren, um Zugang zu der Familie zu gewinnen und Vertrauen aufzubauen.

Anderen Müttern oder Vätern stehen während der Eingewöhnung buchstäblich die Tränen in den Augen.

Das gibt es auch. Dann ist es gut, wenn die Erzieherinnen Gefühle zulassen. Das ist generell in unserem Beruf eine ganz wichtige Grundvoraussetzung: Dass wir damit umgehen können, dass Menschen Gefühle haben und dass sie diese auch zeigen, egal ob Zorn, Leid oder Freude. Unsere Aufgabe ist es, aktiv zuzuhören und zu bestätigen, dass wir die Gefühle verstehen. Das gilt auch für die Eltern. Meist ist dann schon die erste Brücke geschlagen.

Wie entwickelt sich ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern?

Vertrauen muss entstehen und die Basis für das Vertrauen muss man erst gemeinsam aufbauen. Dafür ist eine ehrliche und wertschätzende Kommunikation wichtig. Außerdem empfehle ich meinen Fachkräften, einen Schritt auf die Eltern zuzugehen, vielleicht auch etwas aus dem eigenen familiären Hintergrund zu erzählen, sich privat zu öffnen. Wenn ich Einblickt in meine Welt gewähre, erhalte ich auch Einblicke in die neue Familie, die ich kennenlernen möchte. Grundsätzlich gilt: Wenn die Kinder spüren dass ihre Eltern sich in der Kita wohlfühlen und gerne dort sind, dann entfalten sie sich ganz anders.

Was tun, wenn die Trennung zwischen Eltern und Kind nicht gelingen will?

Ich habe als Kitaleitung viele Eingewöhnungen begleitet, auch sehr schwierige, zum Beispiel, weil das Kind noch sehr jung und noch nicht bereit für den Kita-Alltag war. In solchen Fällen muss diese Ablösungsphase umso sensibler geschehen. Dann helfen Gespräche und vielleicht auch noch ein Aufschub beim Arbeitgeber, damit alle mehr Zeit haben. Denn in dem Moment, in dem einer der Beteiligten in Stress gerät, überträgt sich das aufs Kind. Dann kann die Ablösung nicht gelingen. Unsere pädagogische Aufgabe ist es, Stressmomente zu minimieren und den Prozess für alle Beteiligten gut zu gestalten, dafür sind wir ausgebildet.

Haben manche Eltern auch ein Problem damit, dass ihr Kind eine enge Beziehung zu einem anderen Erwachsenen aufbaut?

Ich glaube am Anfang spielt das weniger eine Rolle, aber wenn die Eingewöhnung gut gelungen ist und das Kind zur pädagogischen Fachkraft eine Bindung aufgebaut hat, dann kann das durchaus sein. Dann entstehen Situationen, die für Eltern manchmal schwer zu ertragen sind. Etwa wenn das Kind nicht gleich mit nach Hause kommen möchte oder viel Körperkontakt zur Erzieherin sucht. Das kann Konkurrenzgefühle auslösen. Für erfahrene Pädagogen ist das ein guter Prozess, denn sie wissen, dass die Gefühle gut und wertvoll sind und dass man sich über sie austauschen kann. Wenn das gelingt, wird das Dreieck umso stabiler.

In den letzten Jahren hat man viel über überbehütende Eltern gelesen. Fällt Vätern und Müttern das Loslassen heute schwerer als früher?

Ich arbeite seit 25 Jahren in unterschiedlichen Einrichtungen und würde sagen, dass es zu allen Zeiten Eltern gegeben hat, denen das Loslassen schwerfiel. Was sich geändert hat, sind die medialen Möglichkeiten. Es gibt heute Eltern, die den Entwicklungsprozess ihres Kindes sprichwörtlich überwachen möchten. Manche übersehen dabei, dass ihr Kind auch eine kleine Persönlichkeit ist, die eigene Rechte hat und sich eigenverantwortlich und autonom selbst bildet. Das Tempo seiner Entwicklung bestimmt letztlich das Kind selber. Da müssen wir Fachkräfte Eltern manchmal schulen und ihnen erklären, was Kinder wirklich brauchen, um gesund groß zu werden. Trotzdem wollen solche Eltern auch nur das Beste für ihr Kind.

Würden Sie sagen, dass die technischen Möglichkeiten den Wunsch nach Überwachung fördern, zum Beispiel mit einer Webcam in der Kita?

Die technischen Möglichkeiten sind ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber natürlich kommen Eltern darauf, ihre Kinder beim Spielen zu beobachten, weil es die Möglichkeiten gibt. Dabei ist ihnen nicht bewusst, wie wichtig es für das Kind ist, sich ohne das Auge der Erwachsenen entfalten zu können. Da müssen wir Fachkräfte dann vermitteln und als Anwälte des Kindes auftreten. In der Einrichtung fotografieren und dokumentieren wir ja auch die Entwicklungsschritte des Kindes, aber in einem Rahmen, den wir für pädagogisch vernünftig halten. Auch ein kleines Kind muss gefragt werden, ob es gefilmt oder fotografiert werden mag – und ich kenne keines, das das unentwegt möchte. Ein Kind bewegt sich nicht so frei, wenn es gefilmt wird, die Erfahrung machen wir. Es ist also auch unsere Aufgabe, den Spielprozess des Kindes zu schützen.

Sind Eltern heute ängstlicher, wenn es um Gefahren beim Spielen geht?

Ja, ich nehme wahr, dass sich da etwas verändert hat. Das hat aus meiner Sicht mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun. Eltern beschäftigen sich heute mehr mit der Entwicklung von Kindern, das merken wir generell. Und sie tauschen sich mit anderen Eltern aus, zum Beispiel in Chatrooms, in denen sehr offen und ohne Hemmschwellen über Ängste und Sorgen geredet wird. In meinen Augen vergrößert das die Ängste. Weil dann der eine Fall, in dem ein Kind in der Kita vom Baum gefallen ist, überall verbreitet wird. Und plötzlich denken Eltern, jeden Tag fällt in jeder Kita ein Kind vom Baum. Eltern formulieren diese Sorgen und wir Fachkräfte müssen dann hin und wieder für das Kind eintreten und erklären, was zu einer gesunden Entwicklung dazugehört und welche wertvollen Möglichkeiten die Kita bietet.

Das heißt, Sie als Fachkräfte werben bei besorgten Eltern für die Entfaltung und die Freiheit der Kinder?

Wir versuchen den Eltern zu vermitteln, dass Gefahren zum Leben dazugehören und dass es nicht schlecht ist, wenn ein Kind mal hinfällt. Nur so kann es die Erfahrung machen, dass es wieder aufstehen kann und dass Schmerzen auch nachlassen. Das ist eine Lebensphilosophie, die wir Pädagogen gut vertreten können. Wir können nicht alle Risiken minimieren, das ist unmöglich, und wenn wir uns im Straßenverkehr bewegen, ist die Gefahr, einen Unfall zu erleiden, ungleich höher als in der Kita. Das machen wir den Eltern deutlich, gehen aber auch auf ihre Ängste ein und sprechen darüber, wie wichtig es ist, dass Kinder lernen, mit Gefahren umzugehen. Umso selbständiger und besser vorbereitet sind sie für unsere globalisierte Welt, die täglich neue Herausforderungen bereithält.

So gelingt das Loslassen

  • Verstehen Sie die Eingewöhnung als eine Entwicklungsaufgabe für alle Beteiligten, in der das Kind das Tempo vorgibt.
  • Treten Sie in einen offenen und ehrlichen Austausch mit den Fachkräften, um Gefühle zu verarbeiten und den Prozess gut zu gestalten.
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