Mit Kindern richtig kommunizierenSprich mit mir!

Kinder wollen von ihrem ersten Lebenstag an mit uns kommunizieren. Eltern tun intuitiv das Richtige, wenn sie möglichst oft darauf eingehen, sagt die Logopädin Uta Hellrung

Sprich mit mir!
Im Dialog mit den Erwachsenen verstärken Kinder ihre sprachlichen Fähigkeiten © fizkes - iStock

Es ist eine gewaltige Aufgabe, die Kinder mühelos bewältigen: der Erwerb der Muttersprache. Innerhalb weniger Jahre lernen sie die Bedeutung vieler Tausend Wörter und eignen sich die Funktionsweise unserer Sprache an. Bis zum Ende der Kitazeit können sie grammatikalisch richtige Sätze formulieren und wissen, was ihnen Sprache alles ermöglicht: Wünsche äußern, von Erlebnissen berichten, Pläne machen und anderen mitteilen, mithilfe von Sprache Konflikte lösen und über die eigenen Gefühle sprechen.

Die frühe Kommunikation

Diese sprachlichen Lernerfolge haben ihren Ursprung schon im ersten Lebensjahr, also deutlich bevor die Kinder ihre ersten Wörter sprechen. Sprachliches Lernen findet sogar schon im Mutterleib statt. Bereits in dieser Zeit macht sich das kindliche Gehör mit der Sprachmelodie der Umgebungssprache vertraut.

Außerdem gibt es schon im ersten Lebensjahr sehr viel kommunikativen Austausch zwischen einem Baby und seinen Bezugspersonen. Das funktioniert deshalb so gut, weil das Verhalten von Kind und Bezugspersonen optimal aufeinander abgestimmt ist. Das Baby bringt wichtige Voraussetzungen für ein erfolgreiches sprachliches Lernen mit und die Bezugspersonen verhalten sich wie perfekte Lehrer, indem sie genau die passenden Informationen anbieten, welche das Kind für den jeweiligen Entwicklungsschritt braucht. Dabei denken die Eltern in der Regel gar nicht darüber nach, wie sie sich in der Interaktion mit ihrem Kind verhalten. Ganz intuitiv sind sie Profi s im Erkennen und Beantworten der ersten Signale ihres Babys. Eine wichtige Rolle spielt in diesen Interaktionen die Blickrichtung, mit dem das Kind die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zum Beispiel auf einen Gegenstand lenken kann.

Eltern sind die geborenen Lehrer

Zu dem intuitiven Verhalten von Eltern gehört auch, dass sie mit ihrem Baby anders sprechen als mit anderen Menschen. Sie verwenden nicht nur einfachere und kürzere Sätze, sie reden auch langsamer und mit höherer Stimmlage. Außerdem variieren sie die Sprachmelodie stärker und ermöglichen ihrem Kind, die Bedeutung des Gesagten anhand sich wiederholender Muster zu erkennen. Ganz wichtig ist die Reaktion der Eltern auf alles, was das Baby tut, und ganz besonders auf seine Lautproduktionen. Durch die positive Reaktion der Eltern wird das Baby zur Wiederholung seiner Lautäußerungen und zum Spiel mit der eigenen Stimme angeregt. Zunächst steuern hauptsächlich die Erwachsenen den Dialog, behandeln ihr Baby dabei aber so, als ob es ebenfalls schon in der Lage wäre, einen Dialog zu führen. Die ersten Wörter entstehen deshalb, weil die Eltern den noch zufälligen kindlichen Äußerungen Bedeutung zuschreiben: „babababa“ – „Ja genau, da ist der Papa“.

Auch im weiteren Verlauf der Sprachentwicklung können Eltern feinfühlig und mit dem richtigen Lernangebot auf ihre Kinder reagieren. Schritt für Schritt erweitern die Kinder ihren Wortschatz, lernen alle Wortarten und die Regeln der Grammatik. Das läuft nach einem festen Plan mit aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritten ab. Wenn die Kinder einen davon gemeistert haben, sind sie offen für den nächsten sprachlichen Input. Auch hier sind Eltern in der Regel gute Lehrer. Sie gehen nämlich ganz automatisch optimal auf die Wörter und kleinen Sätze ihrer Kinder ein. Dabei korrigieren sie Fehler indirekt, indem sie die Äußerungen ihres Kindes erfreut aufgreifen, erweitern und vervollständigen: „da Auto“ – „Ja genau, da fährt das Auto“; „Mama, tutt mal, was ich deschnitten hab“ – „Lass mich mal gucken. Was hast du denn da Tolles ausgeschnitten?“. Eine solche Haltung, die auf Dialog und Kommunikation setzt, vermittelt den Kindern, dass es wichtiger ist, was sie erzählen, als wie sie es tun.

Ein Alltag voller Anregungen

Sprache fördern heißt vor allem: miteinander sprechen. Kinder profitieren sehr davon, wenn Eltern die vielen kleinen Kommunikationsanlässe, die der Alltag bietet, auch nutzen. So können sie zuhören, wenn ihre Kinder etwas zu erzählen haben, sich ihnen zuwenden und mit ihnen über die Dinge sprechen, die gerade interessant sind. Sie können ihnen die nötige Zeit geben, eigene Gesprächsbeiträge zu formulieren und ihnen helfen, durch anregende Fragen Dinge selbst herauszufinden und zu formulieren. Im gemeinsamen Tun können sie Dinge versprachlichen („Komm, wir machen einen Salat. Schneidest du die Gurke? Ich schneide die Tomaten.“) oder beim gemeinsamen Betrachten eines Buches die Kinder erzählen lassen. Und schließlich können sie Vorbild sein beim lustvollen Experimentieren und Spielen mit Sprache, indem sie Reime anbieten oder gemeinsam mit den Kindern Quatschwörter erfinden.

Kinder bringen die Voraussetzungen mit, jede Sprache zu erwerben. Welche sie tatsächlich lernen, hängt davon ab, welchen sprachlichen Input sie bekommen, also welche Sprache sie ständig hören. Das können ohne Weiteres auch zwei oder sogar mehr Sprachen sein. Je früher Kinder eine zweite Sprache lernen, umso leichter fällt ihnen das. Aber auch dann, wenn sie im Erwerb der Muttersprache bereits vorangeschritten sind und dann eine zweite Sprache lernen, brauchen sie ausreichend sprachlichen Input in beiden Sprachen. Gleichzeitig brauchen sie die Erfahrung, dass sie mit beiden Sprachen etwas bewirken können, dass sie Teil einer Gruppe sind, mit anderen in Kontakt treten und sich auseinandersetzen können. Leider stehen Kinder mit Migrationshintergrund oft unter einem großen Druck, Deutsch als zweite Sprache möglichst schnell zu lernen. Dann werden sie zum Beispiel aufgefordert, Wörter und „richtige“ Sätze nachzusprechen, und das sonst so lustvolle Betrachten eines Bilderbuches wird plötzlich zum Unterricht mit „Abfragen“. Hilfreich für mehrsprachig aufwachsende Kinder sind daher: klare Regeln für den sprachlichen Alltag in der Familie, Wertschätzung der Mehrsprachigkeit und der (nichtdeutschen) Muttersprache, viele positive Dialoge und Interaktionen in beiden Sprachen.

Sprachförderung im Kindergarten

Im Kindergarten treffen viele unterschiedliche Kinder aufeinander, von denen sich manche mit dem Spracherwerb nicht so leichttun oder Deutsch als zweite Sprache lernen. Die meisten Konzepte zur Sprachförderung im Kindergarten behandeln Sprache nicht als eigenständiges Bildungsthema, dem sich in einer bestimmten „Sprachförderzeit“ gewidmet wird. Vielmehr setzen sie am kommunikativen Aspekt von Sprache an und verstehen Sprachförderung als ein den gesamten Alltag durchziehendes Querschnittsthema. In unterschiedlichsten Situationen, die am Interesse der Kinder anknüpfen, sollen die Kinder durch den Dialog mit den ErzieherInnen (und den anderen Kindern) in ihrer Sprachkompetenz gestärkt werden. Dafür bedarf es Fachkräfte, die im Bereich Sprach- und Kommunikationsförderung geschult sind und ausreichend Kapazität haben, um sich den Kindern aufmerksam zu widmen.

Hilfe bei Sprachproblemen

Wenn die sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes sich anders entwickeln als erwartet, ist es für Eltern schwieriger, kommunikationsfördernd zu reagieren. Gerade diese Kinder bräuchten jedoch das unterstützende Verhalten der Erwachsenen, oft weit über das Kindergartenalter hinaus. Außerdem ist in manchen Fällen eine Sprachtherapie notwendig, in der gezielt an den sprachlichen Strukturen gearbeitet wird, bei denen die Kinder Schwierigkeiten haben.

kizz Elterntipp

Das unterstütz Ihr Kind

  • Beobachten Sie Ihr Kind genau: Womit beschäftigt es sich gerade? Wo schaut es hin? Versuchen Sie, darüber mit ihm ins Gespräch zu kommen.
  • Überlassen Sie Ihrem Kind im Gespräch oder beim Betrachten eines Buches die Führung: Was möchte es anschauen? Wann möchte es blättern? Worüber möchte es sprechen?
  • Verzichten Sie auf „Abfragen“.
  • Seien Sie ein guter Zuhörer und geben Sie Ihrem Kind Raum, um sprachlich oder kommunikativ aktiv zu werden.
  • Weisen Sie Ihr Kind nicht auf sprachliche Fehler hin, sondern wiederholen Sie das, was Ihr Kind gesagt hat, in korrigierter Form („korrektives Feedback“).
  • Achten Sie vor allem darauf, was Ihr Kind sagen möchte, nicht wie es etwas sagt.
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