Trauer bewältigenWenn der Tod ins Leben tritt

Trauernde Kinder brauchen Erwachsene die offen mit ihnen reden

Wenn der Tod ins Leben tritt
Kinder mit dem Thema Tod nicht allein lassen © Ole Graf - gettyimages

Meine Schwägerin war eine gesunde, junge Frau, die mitten im Leben stand. Sie war glücklich verheiratet, hatte einen siebenjähren Sohn und eine vierjährige Tochter und schmiedete stets Pläne für die Zukunft. Im November 2013 bemerkte sie, dass ihre Lymphknoten geschwollen waren – ohne Grund, wie es schien, denn sie war weder erkältet noch sonst gesundheitlich angeschlagen. Drei Wochen später teilten ihr die Ärzte mit, sie habe Lymphknotenkrebs im dritten Stadium, eine Krebserkrankung, die zwar sehr aggressiv sei, gerade deshalb jedoch gut auf Chemotherapie anspreche.

Elf Monate später, nach unzähligen medikamentösen Therapien, starb meine Schwägerin. Die moderne Medizin hatte versagt, die hoffnungsvollen Prognosen der Ärzte hatten sich nicht bewahrheitet. Mein Bruder war noch keine vierzig Jahre alt und Witwer, die Kinder Halbwaisen. Der Tod war im Leben der beiden Kinder von einer vagen Möglichkeit zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden. Einer Wirklichkeit, die uns alle oft überfordert.

Der rosa Elefant im Raum

Die Reaktionen auf den Tod meiner Schwägerin fielen unterschiedlich aus, doch eines war klar: Viele Menschen wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Die meisten schrieben meinem Bruder eine Karte oder einen Brief, murmelten an der Beerdigung ein „Mein herzliches Beileid“ und schenkten den Kindern Spielzeug. Danach folgte das große Schweigen. Es war, als stünde ein rosa Elefant im Raum und niemand traute sich, diesen außergewöhnlichen Sachverhalt anzusprechen.

Erwachsene sind überfordert

Es ist nachvollziehbar, warum viele Menschen mit Schweigen reagierten. Sie wollten niemanden vor den Kopf stoßen, nichts Falsches sagen, die Kinder nicht überfordern. Ihr Schweigen bedeutet: Das, was passiert ist, ist so schlimm, dass es dafür keine Worte gibt. Doch obwohl der Tod immer etwas Schreckliches ist, täten wir gut daran zu lernen, über ihn zu reden. Denn er gehört zum Leben.

Kinder beobachten sehr genau, welche Strategien Erwachsene anwenden, um Herausforderungen zu meistern, und so wunderte ich mich nicht, als meine Nichte nach dem Tod ihrer Mutter forderte: „So, nun reden wir nicht mehr darüber.“ Glücklicherweise hat sie einen weisen Vater, der ihr erklärte, wie wichtig es sei, immer wieder über den Tod der Mama zu reden, denn sonst werde der „Klumpen im Herzen“ ständig größer. Heute kann meine Nichte sehr gut ausdrücken, was sie fühlt, ob sie ihre Mutter gerade stark vermisst oder vielleicht gerade ganz glücklich ist.

Kinder reagieren unterschiedlich auf traumatische Ereignisse, nicht nur Verdrängen ist eine häufige Reaktion, sondern auch Aggression oder plötzliche Ängste. Auch hier hilft es, wenn man diese Gefühle thematisiert und den Kindern zeigt, wie man sie in den richtigen Kontext rückt: „Du bist wütend, weil die Mama gestorben ist“ oder „Du hast Angst, dass der Papa auch krank werden könnte.“ Die Auseinandersetzung mit dem Tod kann auch im Spiel geschehen. Meine Kinder spielen heute noch „Mama ist gestorben“, woran man erkennen kann, dass ihre erste Begegnung mit dem Tod Spuren hinterlassen hat. Wir können ihnen helfen, indem wir für sie verbalisieren, was wir beobachten: „Dass deine Tante gestorben ist, beschäftigt dich immer noch sehr.“

Reden ist Gold, Schweigen ist Schrott

Ich erwähne meine Schwägerin und damit auch ihren Tod im Familienalltag immer wieder ganz bewusst. Das kann ganz natürlich geschehen und braucht nicht in einer künstlichen Wohlfühlatmosphäre als Frage- und Antwortspiel stattzufinden. Schon eine Feststellung wie „Das hätte eurer Tante jetzt auch gefallen“ erzeugt Bemerkungen oder Fragen meiner Kinder und dadurch auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben. Es gibt Kinder, denen es sehr schwerfällt, ihre Gefühle auszudrücken. Da kann professionelle Begleitung durch Psychologen sehr hilfreich sein, denn alles, was man unterdrückt, wird stärker, wohingegen alles, was man in Worte fassen kann, mit der Zeit seinen Schrecken verliert. Die Wunde kann heilen, eine Narbe wird bleiben.

Viele Leute in meinem Umfeld waren erstaunt, dass ich meine beiden älteren Kinder mit zur Beerdigung nahm. Sie waren damals sieben und viereinhalb Jahre alt. Für mich war es selbstverständlich, dass ich sie miteinbezog, denn sie waren genauso betroffen wie wir Erwachsenen und hatten folglich auch ein Recht darauf, an dem „physischen Abschied“ von meiner Schwägerin teilzunehmen. Außerdem war es mir wichtig, die Kinder an meiner persönlichen Trauer teilhaben zu lassen. Wenn ich weinen musste, tat ich das nicht im stillen Kämmerlein, sodass meine Kinder es auch sehen konnten. Natürlich fragten sie nach dem Grund für die Tränen. Meine Antwort, dass ich gerade sehr traurig sei, weil ihre Tante gestorben ist, reichte ihnen aus – denn dass man weint, wenn man traurig ist, können Kinder sehr gut nachvollziehen und finden dies nicht weiter tragisch. Unsere Gefühle überfordern Kinder nicht. Es beruhigt sie vielmehr, wenn wir diese benennen können und nicht einfach „Es ist nichts“ antworten.

Kinder sind von Natur aus neugierig und interessiert. Mein Sohn und meine Tochter stellten viele Fragen über die Krebserkrankung ihrer Tante, ob sie etwas mit Krebsen zu tun habe, warum man die Haare verliere und ob die Krankheit ansteckend sei. Mir war es wichtig, ihre Fragen altersgerecht zu beantworten, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Frühzeitiges Informieren half ihnen auch bei der Beerdigung. Sie wussten, wie der Ablauf sein würde und wie sie sich verhalten sollten, dass es zum Beispiel wichtig ist, still zu sitzen und nicht zu reden. Das gab ihnen Sicherheit.

Informationen lösen meist weitere Fragen aus. „Wo ist unsere Tante jetzt?“, „Was geschieht nach dem Tod?“, „Tut Sterben weh?“ Meine Tochter wollte zum Beispiel wissen, ob die Toten direkt in den Himmel gehen oder warten müssen, bis sie begraben sind. Außerdem fragte sie, ob man im Himmel Kleider trägt oder splitternackt ist; eine Vorstellung, die sie amüsierte. Es ist wichtig, dass Kinder ihre Eltern alles fragen dürfen und es keine Tabus gibt. Auch wenn uns das herausfordert und zwingt, darüber nachzudenken, was wir eigentlich selbst glauben. Man darf Kindern auch zumuten, dass man etwas nicht weiß. Es ist viel authentischer, das zuzugeben, als ihnen aufgrund der eigenen Ratlosigkeit zu sagen: „Davon verstehst du noch nichts.“

Rituale helfen

Für alle wichtigen Ereignisse im Leben haben wir Menschen Rituale: Geburtstagsfeste, Hochzeiten, Taufen, Diplomfeiern und nicht zuletzt Beerdigungen. Rituale können uns helfen, einschneidende Begebenheiten zu zelebrieren oder eben auch zu verarbeiten. Als meine Schwägerin starb, kauften wir für die Kinder Luftballons. Sie durften für ihre Tante ein Bild malen oder einen Brief schreiben und ihr diese dann symbolisch „per Luftpost“ zuschicken. Meine Tochter verlangte auch mehrere Monate nach dem Begräbnis immer mal wieder nach diesem Ritual, denn so konnte sie das, was sie weiterhin beschäftigte, zu Papier bringen und loslassen. Wir beten auch regelmäßig mit den Kindern für ihren Onkel und die Cousins. In ihren Gebeten bringen die Kinder ihre Sorgen zum Ausdruck, aber auch ihre Anteilnahme und den Wunsch, dass alles gut wird.

kizz sprach mit der Psychotherapeutin Barbara Mayer über Trauerbewältigung bei Kindern

Geborgenheit geben

Wann braucht ein trauerndes Kind therapeutische Unterstützung?

Eltern sollten darauf achten, dass das Kind innerhalb einer angemessenen Zeit zu seinem Alltag zurückkehrt. Wenn es in seiner Entwicklung stagniert, sich zurückzieht, ungewohnt ängstlich oder aggressiv ist, benötigt es zusätzliche Unterstützung. In der Therapie wird ihm geholfen, seine unterschiedlichen Gefühle (Trauer, Angst, Verzweiflung, Erleichterung, Wut) kennenzulernen und auszudrücken, zum Beispiel durch Spielen oder Malen. So kann es seine Vorstellung vom Tod entwickeln und Rituale finden, die das Abschiednehmen erleichtern. Entscheidend ist, dass das Kind wieder Sicherheit erleben kann.

Welche Rolle spielt das Vorbild der Erwachsenen beim Umgang mit Tod, Trauer und Verlust?

Je offener, klarer und sicherer Erwachsene damit umgehen, desto leichter fällt es dem Kind, seine Gefühle und Fragen auszudrücken. Auch dann, wenn die Eltern durch die eigene Trauer sehr belastet sind. Erwachsene im näheren sozialen Umfeld können eine zusätzliche Hilfe sein, indem sie ein offenes Ohr anbieten.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu. Welche Auswirkung hat das auf Kinder?

Es erschwert es ihnen, den Tod als einen natürlichen Teil des Lebens zu sehen und in ihr Verständnis der Welt zu integrieren. Wenn sich Kinder frühzeitig und altersangemessen mit dem Thema auseinandersetzen können, haben sie eine bessere Chance, Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Kindergarten, Schule und das gesamte soziale Umfeld können dabei einen wichtigen Beitrag leisten.

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