MehrsprachigkeitZwei Sprachen im Kopf

Wenn Kinder bilingual aufwachsen ist das eine große Chance. Wie Kita und Eltern richtig unterstützen

Zwei Sprachen im Kopf
Kinder brauchen Bilderbücher in der nichtdeutschen Muttersprache © Catherine Falls Commercial - Getty Images

Mama, can you mal help me, bitte?“ Der fünfjährige Noah zerrt und zupft am Reißverschluss seiner Jacke, während er mühelos zwischen Englisch und Deutsch hin- und herwechselt. Seine Mutter ist Amerikanerin, lebt aber schon lange in Berlin. Zu Hause spricht sie mit ihren Söhnen Deutsch und Englisch. Damit ist Noah eines von vielen Kindern, die mit zwei oder mehreren Sprachen aufwachsen. Das sind inzwischen ziemlich viele. Über 40 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Auch wenn von diesen Kindern nicht alle mehrsprachig sind und auch nicht alle mehrsprachigen Kinder einen Migrationshintergrund haben: Die Einwanderung ist der Hauptgrund für die zunehmende Sprachenvielfalt in Deutschland. Laut Bundesfamilienministerium wird bei jedem fünften Kita-Kind zu Hause kaum oder gar nicht Deutsch gesprochen. „Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen bringen viele Kinder eine nichtdeutsche Familiensprache mit in die Kita“, sagt Maria Ringler, Soziologin und Referentin für Interkulturelle Beratung und Bildung beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Wie man damit umgeht, ist unterschiedlich: Im Saarland etwa ist die Hälfte aller Kitas zweisprachig, und auch in Großstädten gibt es eine kleine, aber zunehmende Zahl an Einrichtungen, die bilinguale Erziehung in ihrem Konzept verankert haben. Auch Noah besucht so eine Einrichtung. Jede Gruppe wird von einer deutsch- und einer englischsprachigen Fachkraft betreut, die ausschließlich in der jeweiligen Muttersprache mit den Kindern sprechen. Die Kita ist auch bei deutschen Eltern sehr begehrt.

Mehrsprachigkeit nicht immer akzeptiert

Der weitaus größte Teil aller Kindertagesstätten sieht Mehrsprachigkeit jedoch eher als Hürde, sagt Maria Ringler. „Erzieherinnen und Erzieher wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, auch weil das Wissen dazu in der Ausbildung nicht selbstverständlich vermittelt wird. Dazu kommt noch der Auftrag, den Kindern möglichst schnell Deutsch beizubringen.“ Länder wie Kanada oder Schweden begreifen sich seit Jahrzehnten als Migrationsgesellschaften und haben entsprechende Konzepte zur Förderung von Mehrsprachigkeit entwickelt – auch für den schulischen Unterricht. Hierzulande sind gute Deutschkenntnisse Voraussetzung für Bildungserfolg und Integration. Daher werden aus mehrsprachigen Kindern erst einmal einsprachige gemacht, sagt Ringler. Das ist im Grunde paradox. Später, in der weiterführenden Schule, werden Fremdsprachen nämlich wieder wichtig. Und überhaupt, gilt das Beherrschen von mehreren Sprachen nicht als Schlüsselkompetenz in unserer globalisierten Welt? „Nicht jede Sprache ist gleich angesehen“, gibt Ringler zu bedenken. Prestigesprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch oder Chinesisch gelten als förderungswürdig. Türkisch, Arabisch oder Farsi hingegen haben ein eher schlechtes Image – überhaupt alle Sprachen, die man mit „Gastarbeitern“ und Geflüchteten assoziiert. „Kinder, die diese Sprachen sprechen, machen leider immer noch häufig die Erfahrung, dass ihre nicht-deutsche Sprache keine Rolle spielt oder sogar unerwünscht ist“, sagt die Soziologin. Unter Umständen mit dem Ergebnis, dass sie gar nicht mehr in diesen Sprachen kommunizieren.

Wann gibt es Probleme?

Mehrsprachig aufwachsende Kinder sind überfordert, wenn …

  • sie schlechte Lernbedingungen haben, es zum Beispiel immer sehr unruhig ist
  • es kein sprachliches Angebot gibt, das Anreize schafft
  • es niemanden gibt, der die zu erlernende Sprache fehlerfrei und fließend spricht
  • Eltern oder Fachkräfte negativ gegenüber Mehrsprachigkeit eingestellt sind
  • das Sprachenlernen mit Druck verbunden ist und keinen Spaß macht.

Den Spracherwerb verstehen

Weil die wissenschaftliche Erforschung der Mehrsprachigkeit noch relativ jung ist, geistern immer noch jede Menge Vorurteile und Halbwissen herum – bei Eltern ebenso wie bei pädagogischen Fachkräften. Etwa, dass es Kinder überfordert, wenn sie in mehreren Sprachen sprechen lernen. Das ist Unsinn, wie man heute weiß. Im Gegenteil: Kinder können problemlos mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Sie haben zudem oft ein ausgeprägtes Bewusstsein für Sprachen und eine gute interkulturelle Kommunikationskompetenz. Ebenso wurde es als Defi zit betrachtet, dass multilinguale Kinder oft Wörter mischen oder mitten im Satz in eine andere Sprache umschalten, so wie Noah. Dabei sind Code-Mixing und -Switching, wie Linguisten die Phänomene bezeichnen, völlig normal und kein Anzeichen für eine Sprachentwicklungsstörung. Allerdings verläuft die Sprachentwicklung von mehrsprachig aufwachsenden nicht identisch wie die von einsprachig aufwachsenden Kindern. „Leider wird das immer noch wenig differenziert betrachtet, es heißt dann schnell, mehrsprachige Kinder sind langsamer in der Sprachentwicklung. Dass die Kinder dafür viele Wörter in einer anderen Sprache kennen, wird nicht berücksichtigt“, sagt Samuel Jahreiß. Der Professor lehrt an der Berufsakademie Sachsen das Fach Bildung und Erziehung in der Kindheit, zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit in Kitas. Anstatt Mehrsprachigkeit als Hindernis in der Früherziehung zu begreifen, sollten Einrichtungen sie als Normalität wahrnehmen, rät er. Wie aber kann das gehen? Fachkräfte sind oft der Meinung, dass sie nicht viel tun können. Professor Jahreiß kennt die Bedenken. Er hat unter anderem an der IMKi-Studie (Integration von Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen) mitgearbeitet, die untersucht, wie Kitas unterschiedliche Herkunftssprachen in ihren Alltag integrieren können. „Die Gruppen sind groß, der Anteil nicht-deutschsprachiger Kinder hoch, meistens sind viele verschiedene Sprachen vertreten. Das ist alles eine Herausforderung“, sagt der Wissenschaftler. Dazu kommt, dass ErzieherInnen mit Migrationshintergrund und eigener Erfahrung mit Mehrsprachigkeit in der Frühpädagogik deutlich unterrepräsentiert sind. Laut IMKi-Studie sind sie zudem oft eher skeptisch gegenüber der Idee, im Kitalltag die nichtdeutsche Sprache zuzulassen. Zu schlecht sind wohl ihre eigenen Erfahrungen als Zuwanderer in Deutschland, das sich bis vor kurzem weigerte, sich als Einwanderungsland zu bezeichnen und in dem bis heute viele denken, dass Herkunftssprachen den Integrationsprozess behindern.

Die Muttersprache ist essenziell

Tipps für binationale Eltern

In welcher Sprache soll ich mit meinem Kind reden?
Am besten in der, die Sie am besten beherrschen und in der Sie eine gute emotionale Beziehung zu Ihrem Kind aufbauen und authentisch kommunizieren können. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Kinder gut entwickeln – und auch die beste Voraussetzung für den Erwerb einer Zweitsprache.

Was kann ich tun, um die Zweisprachigkeit bei meinem Kind zu fördern?
Empfohlen wird oft das Modell „one person, one language“. Der Vater redet dann zum Beispiel nur Arabisch, die Mutter nur Deutsch. Das ist aber im Alltag oft schwierig durchzuhalten. Man kann es auch anders aufteilen, etwa dass es eine Sprache für Montag bis Freitag und eine für das Wochenende gibt. Es gibt viele Modelle, die erfolgreich sind.

Mein Kind hat in meiner Muttersprache gesprochen, jetzt weigert es sich. Was tun?
Das passiert oft dann, wenn Kinder ab einem bestimmten Alter merken, dass ihre bilingualen Eltern selbst gut Deutsch verstehen. Experten raten dann, dranzubleiben und weiterhin in der Muttersprache mit dem Kind zu sprechen, auch wenn dieses auf Deutsch antwortet. Wichtig ist auch, sich zu überlegen, welchen Anspruch man an die Sprachkenntnisse seines Kindes hat. Es macht einen Unterschied, ob sich das Kind mit der Großmutter in der Türkei verständigen oder später in Ankara studieren soll.

Wie kann ich mein Kind motivieren, am Ball zu bleiben?
Gehen Sie spielerisch und vor allem ohne Druck an die Sache heran. Machen Sie die Sprache interessant, etwa mit spannenden Bilderbüchern oder einem Ausfl ug. Es hilft auch, wenn Kinder bestimmte Sachen nur in einer Sprache dürfen, etwa Filme gucken. Wichtig ist, sich Verbündete zu suchen, zum Beispiel andere bilinguale Familien. Am wichtigsten: Reden Sie mit Ihrem Kind, kommunizieren Sie mit ihm, und zwar von Geburt an.

Kreativität im mehrsprachigen Kita-Alltag

Dabei ist gar kein so großer Aufwand nötig, um in der Kita eine Atmosphäre zu schaffen, die Mehrsprachigkeit anerkennt. Man kann die Raumgestaltung anpassen, etwa indem man Landkarten, Bilder oder Plakate in unterschiedlichen Sprachen aufhängt. Auch beim Morgenkreis, beim Singen oder beim Spielen könne man nicht-deutsche Sprachen berücksichtigen, sagt Jahreiß. „Als tägliches Ritual können Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln zusammen mit allen Kindern gelernt und angewandt werden.“ Mehrsprachige Eltern könne man zu Vorlesestunden einladen oder den Austausch untereinander auf speziellen Aktionstagen anregen. Tatsächlich ist es eher die Einstellung und die Haltung der Fachkräfte zu dem Thema, die sich dafür ändern muss. „Mehrsprachigkeit zu fördern, erschwert es Kindern aus Zuwandererfamilien nicht, Deutsch zu lernen, im Gegenteil“, sagt Jahreiß. Man weiß heute, dass Kinder ihre Muttersprachen nicht nur dazu brauchen, um sich emotional und kognitiv gut zu entwickeln, sondern auch sprachlich. Nicht zuletzt betrifft Mehrsprachigkeit alle, auch die Kinder aus deutschen Elternhäusern. Zu einer diversen Gesellschaft gehören unterschiedliche Sprachen. Kinder, die von Anfang an damit Bekanntschaft machen, haben ein besseres Gespür für kulturelle Unterschiede und Besonderheiten in der globalen Welt. Noahs bester Freund kommt übrigens aus Südafrika. Dort ist es völlig normal, dass die Menschen mehr als eine Sprache sprechen. Neben Englisch gibt es zehn weitere amtliche Landessprachen.

kizz Interview

„Fremdsprachen lernen – je früher desto besser?“

kizz sprach mit Dr. Pauline Schröter, Psychologin und Sprachwissenschaftlerin am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) der Humboldt-Universität zu Berlin.

Es heißt, kleine Kinder lernen Sprachen schneller und besser als Erwachsene. Stimmt das?
Ja und nein. Es hat viele Vorteile, wenn man Sprachen früh, also im Vorschulalter lernt, weil das Lernen implizit stattfindet. Die Kinder lernen Sprache spielerisch, quasi nebenbei. Aber: Wenn man älter ist und das Prinzip von Sprache verstanden hat, sich also gut in Satzbau und Grammatik auskennt, kann man das in einer anderen Sprache leichter umsetzen. Die Nachteile des späteren Lernens werden dann mit metasprachlichem Wissen ausgeglichen.

Macht Englisch in der Kita Sinn?
Wenn ein deutschsprachiges Kind eine Kita besucht, in der konsequent in allen Alltagssituationen eine Fremdsprache gesprochen wird, dann lernt es diese Sprache relativ schnell. Nach dem sogenannten Immersionsmodell, bei dem Kinder in eine fremde Sprache „eintauchen“, arbeiten ja auch viele bilinguale Kitas. Zwei oder drei Englischstunden pro Woche, in der man englische Lieder singt und ein paar Wörter lernt, führen nicht dazu, dass Kinder mehrsprachig werden.

Was ist anders bei Kindern, die in zwei Sprachen sprechen lernen?
Kinder, die zweisprachig aufwachsen, haben erst einmal einen kleineren Wortschatz in beiden Sprachen. Das heißt, sie hinken, was den deutschen Wortschatz anbelangt, etwas hinterher. Das gleicht sich aber spätestens nach der Grundschulzeit wieder aus. Oft haben sie zudem domänenspezifische Sprachkenntnisse: Mit dem deutschen Vater sind sie vielleicht eher in der Küche zusammen, dann lernen sie alle Wörter rund ums Kochen und Backen auf Deutsch. Die spanischsprachige Mutter bringt sie immer in die Kita, und so können die Kinder Begriffe wie Auto, Ampel, Fahrrad erst einmal nur auf Spanisch. Zusammengenommen ist der Wortschatz genauso groß wie bei einsprachigen Kindern.

Ist das ein Nachteil?
Es kann sich darauf auswirken, wie Kinder lesen und schreiben lernen. Wenn ich Wörter schon kenne, dann kann ich mir auch besser merken, wie sie geschrieben werden. Aber ob das zum Nachteil führt, hängt auch von anderen Faktoren ab.

Welche sind das?
Kinder, deren Eltern beispielsweise keinen Schulabschluss haben, denen nie vorgelesen wird, die in Haushalten aufwachsen, in denen es nur wenig Anregungen gibt, die tun sich auch beim Lesen- und Schreibenlernen schwer – egal ob sie mehrsprachig oder einsprachig aufwachsen. Der sozioökonomische Status hat auf den Schriftspracherwerb viel mehr Einfluss als der Faktor Mehrsprachigkeit.

Was hindert Kinder daran, eine Zweitsprache gut zu lernen?
Aus der Fremdsprachendidaktik weiß man, dass man Sprachen nur dann lernt, wenn man sie anwendet. Wenn Kinder zum Beispiel Deutsch lernen sollen und den größten Teil ihres Tages damit verbringen, eine andere Sprache zu sprechen, dann dauert das natürlich länger.

Ist es ein Problem, wenn sie mit anderen Kindern spielen, die diese Sprache selbst nur gebrochen oder schlecht sprechen?
Kinder orientieren sich an den Sprachvorbildern in ihrer Umgebung. Kinder aus Familien, die zu Hause gar kein Deutsch sprechen, müssen daher in Kontakt mit der deutschen Sprache kommen, deswegen wird ja auch ein früher Kitabesuch empfohlen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es nicht unbedingt ein Problem, wenn man sich mit jemandem unterhält, der die Sprache nicht perfekt spricht. Es schult sogar ein bisschen das Verständnis für Fehler. Allerdings nur, wenn man schon ein gewisses Maß an Sprachkompetenz besitzt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man das Gegenüber aufgrund der Fehler kaum versteht beziehungsweise die Fehler sogar übernimmt.

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