Gute ManierenSind die wohlerzogen!

Warum können sich die Kinder eigentlich bei anderen Leuten so gut benehmen, während sie zu Hause oft maulig und kratzbürstig sind, fragt sich Kolumnistin ASTRID HERBOLD

Sind die wohlerzogen!
Kinder haben zwei Gesichter © Daniela Kohl

Meine Kinder führen ein Doppelleben. Das eine ist das Leben mit uns, ihren Eltern. Es ist laut und launisch. In diesem Leben wird gelacht und getobt, aber auch gebrüllt, gezickt und gebockt. Dann ist da noch ihre Parallelexistenz, die ist ganz sanft und leise. Da sortieren meine Kinder artig Legosteine, waschen sorgfältig ihre Hände mit Seife, sagen danke, bitte, dürfte ich mal. Manchmal essen sie sogar Nudelsoße mit Paprikastückchen drin. Kurz: Sie sind liebreizend, wohlerzogen, zuvorkommend.

Ich weiß das alles aber nur vom Hörensagen. Miterlebt habe ich diesen merkwürdigen Geisteszustand meiner Kinder selbst nie. Dabei holen sie ihren Zweitcharakter angeblich in schöner Regelmäßigkeit hervor – nämlich immer, wenn sie bei Oma und Opa, Freunden, Bekannten oder Patentanten sind. Egal, wo ich sie abhole, zum Abschied erschallt eine Lobeshymne. „So süß!“, schwärmt die Schwiegermutter. „Total pflegeleicht!“, berichtet der Babysitter. „Ganz entzückend!“, strahlt die Mutter des Kita-Freundes. Halt, stopp, denke ich dann. Reden wir von den gleichen kleinen Menschen? Meint ihr wirklich meinen lärmenden, stänkernden Haufen?

Kinder können irgendwie einen inneren Schalter umlegen. Sie können sich binnen Sekunden von einem Feuer speienden Rachegott in ein frommes Lamm verwandeln. Und dann sogar so tun, als hätten sie alle Benimm-Bücher dieser Welt auswendig gelernt. Das funktioniert aber nur, wenn Mama und Papa nicht in der Nähe sind.

Ich habe lange über das Phänomen nachgedacht. Mögliche Erklärung: Die ausgezeichneten Manieren gehen auf unsere ausgezeichnete Erziehung zurück. Der Nachwuchs gibt zwar zu Hause gerne mal die unbelehrbaren Egomanen, hat aber in Wahrheit doch einiges aus seiner guten Kinderstube aufgesogen. Diese Erklärung gefällt mir übrigens sehr, sehr gut. Vielleicht, weil ich damit auch einen Teil der Lorbeeren einheimsen kann?! Trotzdem quälen mich weiter Zweifel. Möglicherweise sind wir Eltern einfach nur Versager, und alle anderen Erwachsenen, mit denen unsere Kinder Zeit verbringen, haben den Dreh besser raus. Im Kindergarten zum Beispiel räumen alle Kinder, die ich kenne, widerspruchslos auf. Während 98,7 Prozent zu Hause lieber auf dem Teppich liegend den sterbenden Schwan geben, als auch nur ein Stofftier aufzuheben. Oder duschen mit Haare waschen und anschließend kämmen: bei den Großeltern selbstverständlich, bei uns eine unerträgliche Zumutung. In den eigenen vier Wänden stellen Kinder buchstäblich ihre Borsten auf. Und ihre Antworten fangen plötzlich wieder mit „immer muss ich, nie darf ich“ an. Irgendwas läuft da doch verkehrt, oder?

Meine Kinder sehen die Sache mit ihren temporär guten Umgangsformen übrigens ganz anders. Was, sie seien im Beisein ihrer Mutter grundlos übellaunig? Gar nicht wahr! Es verhalte sich genau umgekehrt: „Du meckerst doch immer mit uns rum, wenn du gestresst bist!“ Ich gebe zu, dass da ein Körnchen Wahrheit drinstecken könnte. Mehrfach habe ich mich in letzter Zeit beim Umlegen meines eigenen inneren Schalters ertappt. Mitten in den turbulenten Abendessen-Vorbereitungen klingelt das Telefon. Dass es beruflich ist, hören die Kinder sofort an meiner flötenden, schnurrenden Stimme. Kaum ist der Hörer aufgelegt, werden wieder einsilbige Anweisungen in Richtung Kinderzimmer gerufen.

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