Gekreuzte PerspektivenUnserem Gottesglauben Worte schenken!

Auf den ersten Blick haben die Schriftstellerin Mirijam Günter, aufgewachsen in Kinder- und Jugendheimen, und der ehemalige Kölner Generalvikar Dominik Meiering kaum etwas gemeinsam. Doch ihr Glaube an Gott verbindet sie.

Blick in einen Altarraum
© Pixabay

Für mich ist die katholische Kirche mein einziger, stetiger Begleiter. Egal, wie krass mein Leben war, angefangen von einer Heimkarriere, gefolgt von Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt, revolutionären Zeiten bis hin zu meiner Schriftstellerkarriere: Der wöchentliche Gottesdienst gab und gibt meinem Leben Halt, Tritt und Ruhe. Wieso sollte ich aus einer Kirche austreten, die immer für mich da war?

Ich habe in jungen Jahren mit Gott einen Pakt geschlossen, dass ich nicht untergehe. Er hat Wort gehalten. Aber darf ich mit Gott einen Pakt schließen? Was ist das denn für ein Verhältnis? Und was tue ich umgekehrt für ihn? Zu ihm halten?

Ich war nie ohne Kirche. Im Unterschied zu Mirijam bin ich behütet aufgewachsen, in meiner Familie und in einigermaßen geordneten Welten. Kirche und Musik waren immer dabei. Als Kind in den Kölner Domchor gekommen, bin ich in dieser Welt hängen geblieben, wurde Messdiener und dann Priester. Es waren die schönen Dinge, die hohe Kultur der Gottesdienste, die mich gefangen genommen haben. Gott ist da, ich kann ihn erleben, konkret. Nicht selten habe ich als Jugendlicher in gleich mehreren Messen hintereinander im Kölner Dom „gedient“, habe heimatliche Gefühle entwickelt. Was nicht bedeutet, dass ich nicht manchmal denke: Mein Gott, wie blauäugig und naiv bist Du damals gewesen. Denn so sehr die Kirche für mich Heimat ist, nicht selten leide ich auch an ihr.

„In schwierigen Zeiten hat Gott immer eine Chance“ (Erich Maria Remarque). Mit diesem Satz könnte man meine sehr jungen Jahre beschreiben. Ich hatte damals immer so ein Bildchen dabei, auf dem stand: „Bleib sein Kind“. Ich habe das Bild allerdings als mein Versprechen verstanden. Mein Familienvertrag mit Gott. Ich bleibe sein Kind, fertig. Bei beidseitigem Verstand und Verständnis unterschrieben und bis heute keine Unterschrift gelöscht.

Erstaunen angesichts gläubiger Menschen

Ich habe damals schon mit meinem Aussehen den „falschen“ Eindruck erweckt. So manch ein Erwachsener dachte bei der renitenten Jugendlichen in Militärhose und mit nur Mist im Kopf, er könne mit ein paar gotteslästerlichen Sprüchen punkten. Mann, waren die erstaunt, dass sie einen gläubigen Menschen vor sich hatten. Wenn ich Glück hatte, wollten sie dann nur mit mir diskutieren, warum denn Gott all das Leid zulassen würde. Wenn ich gut drauf war (und das war ich selten), antwortete ich, dass das Leid von Menschen gemacht ist.

Das war nicht so einfach, außerhalb der Familie in Wohngruppen, als gläubiger Mensch aufzuwachsen. Meine Schicksalsgenossen kamen mit meinem Glauben aber ganz gut zurecht. „Du hast wenigstens jemanden“, hörte ich oft von ihnen. Trotz meines Glaubens und meiner Gottesdienstbesuche war ich ja kein Kind von Traurigkeit. Ich war nicht nur bei jedem Mist dabei, sondern auch oft der Ideengeber. Und natürlich wusste ich, wenn ich Scheiße gebaut hatte: Dafür brauche ich keinen Gott, der mir das erklärt.

Einmal hatte ich Hunger und mal wieder kein Geld. Da bin ich in die katholische Kirche gegangen und entdeckte auf dem Gabenbereitungstisch eine Schale mit Hostien. Ich habe mich nach jeder Hostie hingekniet und für meine guten Leute gebetet, danach auch für die schlechten. Als die Schale leer war, hatte ich immer noch Hunger. Gott fand das nicht so schlimm. Ich glaube eh nicht an diesen strafenden, bösen Gott. Ich glaube, das Gott mich ganz cool findet und versucht, mich ohne großen Totalschaden durchs Leben zu bringen. Aber als Kind und Jugendliche war ich so heftig unterwegs, da hat er schon ganz gut aufgepasst. Das hätte anders enden können.

Als Jugendlicher habe ich bestimmt weniger Mist gebaut als Mirijam. Dafür habe ich mich irre für den Dom interessiert und erkundet, was ich konnte. Und einmal, als ich im Kölner Dom bei einer Dächerführung dabei war, stand ich im Triforium, also im Wandelgang auf halber Höhe im Dominneren, und dachte: Wer hier nicht fromm wird, ist selbst schuld. Gott ist da. Ohne Zweifel. Vermittelt durch den jahrhundertealten steingewordenen Glauben der Vorfahren. Die Weite, die Höhe, die tausende Quadratmeter Fenster: Das funktioniert auch heute noch. Der Raum wird spürbar als Sinnbild der Schönheit und Gegenwart Gottes. So heißt es ja auch in den Psalmen: Lobt den Herrn, denn er ist gut! Singt und spielt seinem Namen, denn er ist schön! (Ps 135)

Ich mag den Dom und „meine“ Kirchen übrigens nicht nur leise und still und menschenleer. Am stärksten sind die Kirchen, wenn dort Gottesdienst gefeiert wird. So habe ich das kennengelernt, jeden Sonntag im Kölner Dom, immer lateinisches Hochamt. Was man einmal als Kind gelernt hat, vergisst man nicht. Weihrauch, Kerzen, Chorgesang, Orgelmusik, Prozessionen – ich liebe es. Ein richtig schöner, saftiger, festlicher Gottesdienst. Etwa an Weihnachten oder Ostern. Das ist ein Hochgenuss, das ist ein Ereignis. Das fühlt sich an wie ein „Kunstwerk“.

Ich meine das positiv. Kunst kommt von können. Der Mensch kann das: feiern. Mit allen möglichen Zeichen, Ritualen, Handlungen, Materialien, Worten, Klängen, Gesängen. Und das mit allen Sinnen: die Klänge hören, leibhaft tastend Ruhe suchen, den Weihrauchduft riechen, die Schönheit des Raumes sehen, den kostbaren Wein schmecken. Wenn es gut geht, sind unsere Gottesdienste voller schöpferischer Kunst, durchweht von der Kreativität der feiernden Menschen.

Wann immer Menschen etwas kreativ auf die Beine stellen, wird etwas von Gottes Schöpfungskraft sichtbar. Das ist meine Erfahrung. Wo Menschen etwas machen, da passiert etwas, da entwickelt sich etwas, da wird das Leben lebenswert.

Das waren jetzt viele fromme Worte von meinem Freund Dominik. Allerdings sagte mein Lieblingsjesuit mir mal, dass es eigentlich egal sei, was der Priester in der Messe predigt. Bis zu einem gewissen Teil gebe ich ihm Recht. Der Gottesdienst ist dazu da, meinen Kopf frei zu bekommen, meiner Seele Ruhe und Trost zu geben und meine Beziehung zu Gott zu prüfen. Praktisch Eheberatung auf einer anderen Ebene. Also, man schaut, ob die Beziehung stabil ist. Wenn nicht, guckt man bei dem Termin, dass man den Riss wieder gekittet bekommt. Das ist mein Denken zum Glauben. Ich bin jetzt aber auch kein Erklärbär, der seinen Glauben und Gott in intellektuellen, theologischen Diskursen darlegen kann. Das überlasse ich mal den Experten. Gestört wird mein Beziehungsgespräch mit Gott nur, wenn der Priester vorne zu viel Unsinn verzapft oder zu gut ist. Oder mich nervt, weil er erzählt, wie schlecht die Welt ist und dass wir alle Sünder sind. So was regt mich echt auf.

Unerschütterliches Vertrauen in Gott

Im Grunde geht es mir darum, dass man zu Gott ein unerschütterliches Vertrauen hat, er hat es umgekehrt ja auch. Warum ich denn nicht für mein Gebet in den Wald gehen würde, fragte mich eine Journalistin. Weil es Gotteshaus und nicht Gotteswald heißt. Mein Glaube hat sich in all den Jahren auch nicht großartig verändert. Bibelfest bin ich auch nicht geworden, wie so manch ein Atheist bei Diskussionen feststellen musste – die führe ich eh nicht gerne. Ich bin auch nicht so der Typ, dem man zwei Kilometer gegen den Wind ansieht, dass er gläubig ist. In meinem sehr weitläufigen, riesigen Bekanntenkreis ist die Anzahl der Gläubigen, egal welcher Konfession, sehr überschaubar. Deshalb bin ich so etwas wie ein Kerzenbeauftragter geworden.

Ich hätte da einen guten Draht nach oben, wird erzählt. Bei schwierigen Lebenssituationen werde ich gefragt, ob ich eine Kerze aufstellen kann. Und so stelle ich immer fünf Kerzen in Kreuzform auf, wenn ich eine Kirche besuche. Meinen Draht zu Gott, den ich Glauben nenne, nutze ich da. Das habe ich sowieso immer gemacht. Ich habe Kerzen für besetzte Häuser, linke Wagenplätze und Menschen in der Illegalität aufgestellt. Ist doch nur meine Sache und die von Gott. Das ist mein Glaube, da hat mir niemand was vorzuschreiben. Ich kann beten, für wen ich will. Wenn ich ein Problem habe, eine Entscheidung fällen muss oder von Traurigkeit überfallen werde, setze ich mich am liebsten in die Kirche und verlasse mich auf meinen Glauben an Gott. Ich erwarte da nicht irgendwelche Zeichen, Blitze oder so. Es ist gut, wie es ist.

Ich kläre auch nicht mit Gott, ob ich ein Bier zu viel trinke. Solche Menschen habe ich auch schon erlebt. Dann ist nachher Er für deinen Kater verantwortlich. Oder Menschen, denen Jesus gesagt hat: Da ist der Mensch fürs Leben für dich. Dann hatte Er aber vergessen, das dem anderen Menschen auch mitzuteilen. Und schon war es vorbei mit dem Glauben. Sowas halte ich für Quatsch. Mein Glaube ist, dass mir Gott Menschen in mein Leben schickt. Da glaube ich nicht an Zufälle. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass bei allem Heftigen, das ich erlebt habe und noch erfahren werde, mir Gott Menschen schickt, die mich davor bewahren, dass mein Leben vor die Wand knallt. Die, die mich schützen, sind die Engel.

Mir gefällt, was Mirijam von ihrem Glauben erzählt. Und ich frage mich, wo Mirijam diesen Glauben her hat. Jeden Tag muss und soll ich den Menschen in der Kirche von Gott erzählen, Tag für Tag. Besonders sonntags und feiertags. Ich mache das auch ganz gern. Aber manchmal bin ich mir selbst unsicher, ob ich eigentlich das Richtige glaube?! Ich habe etwas von meinen Eltern und Großeltern gelernt, von einigen Priestern und von meinen Religionslehrern: theologisches Denken, philosophisches Hinterfragen, existentielles Erspüren. Mit einer Anleitung, zu schauen, ob das stimmt, was man denkt, oder es wenigstens nicht völlig sinnlos und wider die Vernunft ist. Aber das ist ja noch kein Glaube. Dass ich glaube, das ist einfach so. Es klingt schlicht. Aber wer weiß schon, was er glaubt.

Ich habe meinen Glauben von den Vorfahren und Mitmenschen ererbt. Und dieser Glaube hat mich ganz und gar in Besitz genommen. Der wurde zum Grund meiner Existenz. Der hält mich tagtäglich am Arbeiten, Beten, Leben. Es gibt für mich heute gar keine andere Existenz mehr. Anderes kann ich kaum noch denken, zu sehr bin ich der geworden, der ich bin. Durch die, die mich geprägt haben und mich immer weiter haben zweifeln, hoffen, verzweifeln, glauben lassen. Die Menschen an meiner Seite geben mir dabei die größte Kraft.

So unterschiedlich unsere Biographien sind, so anders, wie wir beide ticken, grenzt es fast an ein Wunder, dass wir uns kennen und schätzen gelernt haben. Man kann sich ja schon fragen, warum so verschiedene Typen wie wir beide etwas miteinander zu tun haben. Und wenn es den Glauben nicht gäbe, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns begegnen, wohl gleich null gewesen. Und dabei ist es doch gerade in diesen krisengeschüttelten Zeiten wichtig zu wissen, dass wir zusammengehören und zusammenhalten – so verrückt das auch erscheinen mag angesichts unserer Lebensgeschichten.

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