DialogprozessZweites Gesprächsforum in Hannover

Am 14. und 15. September fand in Hannover das zweite „Gesprächsforum“ im Kontext des Ende 2010 begonnenen Dialogprozesses der Kirche in Deutschland statt. Am Ende stand eine ganze Reihe bemerkenswerter, wenn auch nicht überraschender Selbstverpflichtungen der einzelnen Gruppen, auch der einladenden Bischöfe.

Die Premiere ließ sich nicht einfach wiederholen, etwas ganz anderes durfte es aber auch nicht sein, sollte doch eine Richtung, vor allem ein gewisser Fortschritt erkennbar werden: Das zweite „Gesprächsforum“ im Rahmen des von der Deutschen Bischofskonferenz verantworteten und veranstalteten Dialog- oder Gesprächsprozesses stand zweifelsohne unter hohen Erwartungen; es fand am 14. und 15. September in Hannover statt.

Die Auftaktveranstaltung zum Dialogprozess, das erste „Gesprächsforum“ Anfang Juli 2011 in Mannheim, hatte schlussendlich auch die durchaus zahlreichen Skeptiker überzeugen können: durch eine inspirierend-originelle Gesprächsmethode und eine offene Gesprächsatmosphäre selbst (vgl. HK, August 2011, 385ff.). Viele Themen – das Forum in Mannheim sollte in erster Linie „Bestandsaufnahme“ sein – hatten die rund 300 nach Mannheim entsandten Vertreter und Vertreterinnen aus Diözesen und Verbänden, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der verschiedenen kirchlichen Berufsgruppen, der Orden und der theologischen Fakultäten gesammelt: Themen, derer sich die Kirche auf allen ihren Ebenen in den nächsten Jahren besonders widmen sollte, um verlorene Glaubwürdigkeit und die Sprachfähigkeit nach innen wie nach außen wiederzuerlangen. Denn Anlass für die Dialoginitiative „Im Heute glauben“ gaben ja die im Jahr 2010 ans Licht gekommenen Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker und Ordensleute beziehungsweise der oft völlig unangemessene Umgang der Kirchenleitung mit Tätern und Opfern.

Ganz oben auf der in Mannheim unter kompetenter Moderation zusammengetragenen Agenda stand der Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen beziehungsweise, weiter noch gefasst, der Umgang mit gescheiterten oder gebrochenen Lebensentwürfen und der Vielfalt von Lebensformen überhaupt. Hohe Priorität hatte für die Delegierten aber etwa auch ein partnerschaftlicheres Miteinander von Priestern und Laien und vor allem – seit Jahrzehnten von unterschiedlichster Seite immer wieder angemahnt – von Männern und Frauen in der Kirche; die Forderungen zu Letzterem reichten dabei von gezielten Frauenförderplänen in kirchlichen Organisationen und Institutionen bis zum Diakonat für Frauen. Viele der Delegierten sorgten sich aber auch um das kirchliche Leben und Zeugnis vor Ort angesichts immer größer werdender, nach Maßgabe verfügbarer Priester konstruierter pastoraler Räume.

Gesprächsforen als „geistlicher Motor“ des Gesamtprozesses

Die Bischöfe ihrerseits ordneten die Herausforderungen, die in diesem Selbstverständigungsprozess der deutschen Ortskirche bis zur Feier des Konzilsjubiläums im Jahr 2015 mit besonderer Dringlichkeit anzugehen sind, nach den drei kirchlichen Grundvollzügen „Verkündigung, Diakonie, Liturgie“ zu Jahresthemen. Die Diakonie, beziehungsweise Auftrag und Verantwortung der Kirche in und für die Gesellschaft sollte im Jahr 2012 im Zentrum stehen. Darauf war jetzt auch die Tagesordnung des zweiten Gesprächsforums in Hannover abgestimmt; es stand unter dem Leitwort „Zivilisation der Liebe – unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft“.

Würde aber eine quasi nur Neuauflage des Mannheimer Treffens mit verändertem thematischem Zuschnitt ausreichen, die hohen Erwartungen gerade nach dem gelungen Auftakt zu erfüllen? Konnte die schiere Freude über eine gute Gesprächsatmosphäre jetzt noch genügen? Wie sollte beim zweiten Gesprächsforum an den in Mannheim zusammengetragenen Themen und Herausforderungen weitergearbeitet, wie diese vertieft und dann auch noch mit dem Thema Diakonie, der gesellschaftlichen Verantwortung der Kirche, verbunden werden (vgl. HK, Mai 2012, 217ff.)?

Die meisten dieser Themen stehen doch seit Jahren auf der kirchlichen Agenda. Und viele Wortmeldungen in Mannheim hatten genau dieses Dilemma beschrieben: Der innerkirchliche Reformstau, vor allem aber der Verlust von Glaubwürdigkeit und Sprachfähigkeit der Kirche blockieren doch gerade die Wahrnehmung von Verantwortung in und für die Gesellschaft.

Nicht zuletzt stellte sich auch die Frage nach Format und Methode: Ließen sich mit einer Veranstaltung dieser Größe, in einer solchen Veranstaltungsform eine vertiefende Bearbeitung der nun ja ausreichend identifizierten drängenden Themen erreichen, verbindliche und handhabbare Handlungsempfehlungen und Impulse erarbeiten? Ist kontinuierliche Arbeit überhaupt erwünscht? Oder würde sich jetzt in Hannover, beim zweiten Gesprächsforum nicht erst recht zeigen, dass die Kirche in Deutschland dringend einer „richtigen“ Synode bedarf: mit klaren Regeln und Rollen für die verschiedenen Akteure, einer in transparentem Verfahren abgesprochenen Zielsetzung?

Befragt nach ihren Erwartungen an das Gesprächsforum mahnten entsprechend auch die nach Hannover Gekommenen – ein Teil von ihnen war schon beim ersten Mal dabei –, die Themen von Mannheim aufzugreifen und weiterzubearbeiten. Vor allem forderte man aber jetzt konkrete Schritte und Ergebnisse, Verbindliches. Greifbar war ebenso die Unsicherheit über den eigentlichen Status dieses Gesprächsforums, seine Rolle im Dialogprozess insgesamt.

Umgekehrt hatte der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz und Initiator des Dialogprozesses, schon im Vorfeld dieses zweiten Gesprächsforums vor Ungeduld und zu hohen Erwartungen gewarnt und dies auch zu Beginn der Veranstaltung wiederholt. Obgleich die Bischöfe Befürchtungen vor einer „Kultur der Folgenlosigkeit“ sehr ernst nehmen würden, mahnte Zollitsch doch auch, die Gesprächsforen nicht misszuverstehen: Diese seien keine parlamentarischen Kirchenversammlungen, bei denen über Normen und Strategien abgestimmt werde. Die Jahresveranstaltungen – 2013 geht es dann um die Liturgie – verstünden sich vielmehr als „geistlicher Motor“ des Gesamtprozesses.

Zugleich rief Zollitsch in Hannover mehrfach dazu auf, wahrzunehmen und wertzuschätzen, was unter dem Vorzeichen des Dialogprozesses bereits zwischen den Treffen in Mannheim und Hannover sowohl bundesweit wie in einzelnen Diözesen, Dekanaten und Gemeinden geschehen und auf den Weg gebracht worden sei. So widme man sich beispielsweise auch innerhalb der Bischofskonferenz bereits ausführlich den wiederverheirateten Geschiedenen, der Fortentwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts und ebenso auch der Rolle von Frauen in der Kirche; zu Letzterem wird die Vollversammlung der Bischofskonferenz im kommenden Frühjahr einen eigenen Studientag gestalten.

Zollitsch erinnerte auch an die vor wenigen Monaten veröffentlichten „Arbeitsthesen“ einer Arbeitsgruppe der Gemeinsamen Konferenz von Bischofskonferenz und ZdK zum Zusammenwirken von Priestern und Laien (vgl. HK, August 2012, 384). Und im Vergleich zum Auftakt in Mannheim waren jetzt in Hannover, wie der Vorsitzende der Bischofskonferenz eigens betonte, auch mehr seiner Amtskollegen anwesend; 33 (Weih-)Bischöfe insgesamt, davon 16 Ortsbischöfe.

Aus den vierzig Zukunftsbildern einer Kirche mit (wieder-)erlangter „großer Ausstrahlungskraft“, die die Teilnehmenden am Mannheimer Gesprächsforum erarbeitet haben, hatte die bischöfliche Steuerungsgruppe des Dialogprozesses für Hannover drei ausgewählt. Im erkennbaren Bemühen, die wichtigsten Themen von Mannheim aufzunehmen und doch auch das Themenspektrum auf den diakonischen Auftrag und Dienst der Kirche hin zu weiten. So widmete sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck in seinem Impulsreferat einer Kirche, die die, von ihm durchaus ambivalent beschriebene, Vielfalt in den eigenen Reihen wie in der Gesellschaft insgesamt „als Bereicherung“ erlebt. Dabei mahnte Overbeck, nachdem Bischöfe und Priester der Kirche nun einmal ein „männliches Angesicht“ verliehen, müsse man ihr auch ein „weibliches“ hinzufügen, damit ihr Dienst für die Welt noch überzeugender wahrgenommen werden könnte; dazu sollten zunehmend Frauen auch kirchliche Leitungsfunktionen übernehmen.

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode entfaltete in seinem Impulsreferat das Zukunftsbild einer Kirche, „die den Menschen nahe“ ist. Dazu skizzierte er in Grundlinien die Herausforderungen einer Pastoral und Caritas, „die den komplexen Lebenslagen und Lebenssituationen der Menschen heute gerecht werden“. Kardinal Reinhard Marx, Münchner Erzbischof und Dritter im Bunde der bischöflichen Steuerungsgruppe für den Dialogprozess, hatte mit seinem Impulsreferat offensichtlich die Aufgabe übernommen, das Gesprächsforum in Hannover noch stärker in Richtung „Auftrag und Verantwortung der Kirche für die Gesellschaft“ zu bewegen – was angesichts der eigenen Dynamik des Treffens nur beschränkt gelang.

Dabei schien sich das Treffen von Hannover zumindest am ersten Tag zu einer (schlechteren?) Neuauflage von Mannheim zu entwickeln. Offenkundig deutlich weniger kompetent moderiert und angeleitet gerieten die noch „gemischten“ Tischgruppen wieder ausführlich ins Sammeln von Themen, die fraglos alle es wert sind, mit hoher Dringlichkeit bearbeitet zu werden. Mehr und mehr aber mahnten dann zahlreiche Teilnehmer zu Konzentration, Priorisierung oder Reduktion, Vertiefung und Konkretion statt Verbreiterung. Am folgenden Vormittag schließlich drohte die Veranstaltung ganz zu kippen, zu unklar und undefiniert schien plötzlich die Aufgabe und Zielsetzung des Forums überhaupt.

Die atmosphärische Wende in Hannover kam zum Schluss, als die nun wieder in „Funktions-Gruppen“ sitzenden Teilnehmer, also Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien unter sich (mit Blick auf die Themenstellung hatte man auch dem Caritasverband eine eigene Delegation und damit einen eigenen Tisch zugebilligt) jeweils drei konkrete Selbstverpflichtungen formulierten, konkrete Schritte zur Verwirklichung der „Zivilisation der Liebe“.

Dabei betonten die Bischöfe sich in nächster Zeit neben dem Lebensschutz den wiederverheirateten Geschiedenen (auch mit Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht) noch intensiver anzunehmen, ebenso der Frauenförderung; Letzteres schrieben sich beispielsweise auch die katholischen Verbände ebenso wie die Geistlichen Gemeinschaften ins Pflichtenheft.

Auf eine bessere Vernetzung von Caritas und Pastoral sowie ein stärkeres diakonisches Engagement der Gemeinden im Sinne der Option für die Armen wollen künftig die Vertreter des Caritasverbandes, aber beispielsweise auch Priester und Diakone besonders achten.

Die Ordensleute ihrerseits kündigten unter anderem ein innerkirchliches „Versöhnungsprojekt Donum vitae“ an. Dabei durfte niemand überraschen, dass, wo es um den glaubwürdigen Dienst der Kirche in und für die Gesellschaft geht, Forumsteilnehmer in Hannover mehrfach forderten, sich diesem „Grundtrauma“ der deutschen Ortskirche zu stellen: dem von Rom erzwungenen Ausstieg der katholischen Beratungsstellen aus der Schwangerschaftskonfliktberatung und der seitdem praktizierten Ausgrenzung aller, die sich im „bürgerlichen Verein“ Donum vitae engagieren.

Am Ende des Treffens in Hannover freute sich ZdK-Präsident Alois Glück, es sei wohl ein einmaliger Vorgang, dass Bischöfe durch Selbstverpflichtungen zusagten, Probleme nun konkret anzupacken. Andere lobten erneut die gute Gesprächsatmosphäre. Hat damit Hannover nun die fraglos hohen Erwartungen erfüllt? Aus mancher vorsichtigen Bilanz einzelner Teilnehmer und Teilnehmerinnen ließ sich erkennen, dass man zumindest nicht enttäuscht nach Hause geht.

Schon jetzt aber scheint sich ebenso abzuzeichnen, dass für das Mitte September nächsten Jahres geplante nächste Gesprächsforum – Stichwort: Liturgie – andere Formen und Formate gefunden werden müssen. Einen weiteren Austausch über drängende Reformthemen, die ohnehin seit Jahren auf dem Tisch liegen, braucht es sicherlich nicht. Und dass Bischöfe, Priester und Laien auf Augenhöhe miteinander reden können, sollte (wieder) selbstverständlich geworden sein. Was aber dann? Die Fallhöhe des Dialogprozesses bleibt gewaltig, das Frustrations- und Resignationspotenzial hoch (vgl. HK, September 2012, 433ff.).

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