Zum Einfluss der Schriftstellerin AynRand in den USAWenn Egoismus zur Tugend wird

Verantwortungslosigkeit und Leichtsinn vor allem im Bankensektor haben in den Augen vieler die weltweite Finanzkrise der letzten Jahre heraufbeschworen. Dabei ist es höchst interessant, auch indirekte Einflüsse aus dem geistigen Hintergrundrauschen zu analysieren: etwa das Werk der amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand (1905 bis 1982). Zwar haben ihre Romane kaum literarische Anerkennung gefunden. Als Kultfigur prägt sie aber bis heute nicht nur die Populärkultur der USA, sondern auch politische Akteure insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Als angesichts der Finanzkrise die politische Eindämmung auf der Tagesordnung stand, kam es 2009 auf dem Gipfel der sogenannten G-20 Staaten im amerikanischen Pittsburgh zu einer Überraschung besonderer Art. Die Staats- und Regierungschefs sowie die Finanzminister der wirtschaftsstärksten Industrie- und Schwellenländer verabschiedeten nach ihren Beratungen über die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft ein Schlussdokument, das wie eine Beichte Reue, Schuldbekenntnis und Vorsatz enthielt. Sie versprachen auf dem „Pittsburgh Summit“, „die Ära der Verantwortungslosigkeit (era of irresponsibility) hinter uns zu lassen“ und die Exzesse, den Leichtsinn und den „Mangel an Verantwortung“ in der Finanzwirtschaft nicht mehr hinzunehmen. Zum Bekenntnis der verantwortungslosen Exzesse und des Leichtsinns traten also Reue über die Unterlassungen in der Vergangenheit sowie der Vorsatz für die Zukunft, sich zu bessern. Denn nun wolle man darangehen, „ein Zeitalter nachhaltigen, verantwortungsvollen Wirtschaftens einzuläuten“ (a new era of sustainable global economic activity grounded in responsibility). Schließlich bekennen sich die Teilnehmerstaaten in einer rhetorisch imposanten Selbstverpflichtung zur Verantwortung.

Ob dieses kollektive Bekenntnis, Pardon wird nicht gegeben, Gipfelprosa geblieben ist oder politisch nachhaltig gewirkt hat, bleibe dahingestellt. Immerhin zeigt es dringenden politischen, wirtschaftlichen und moralischen Korrekturbedarf. Denn es geht nicht nur um finanztechnische Fragen, sondern auch um ethische Grundeinstellungen, die im Stichwort der Verantwortung zusammengefasst sind. Diese Kategorie hatte im 20. Jahrhundert vor allem durch Max Weber („Verantwortungsethik“) und Hans Jonas („Das Prinzip Verantwortung“) Karriere gemacht und ist seitdem Bestandteil der individual- und sozialethischen Diskurse. Schon die Etymologie des Begriffs verrät ein zugrunde liegendes „responsorisches“ Prinzip, wonach eine Instanz im Spiel ist, vor der es sich zu verantworten gilt; so spricht die Präambel des Grundgesetzes von der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“.

Wie es zu Verantwortungslosigkeit, Leichtsinn und Exzessen auf höchsten Ebenen kommen konnte, haben Fachleute zu klären. Doch gibt es auch indirekte Einflüsse aus dem geistigen Hintergrundrauschen, die etwa in jener radikalen Umwertung der Werte zu Tage treten, welche die amerikanische Schriftstellerin Ayn Rand (1905 bis 1982) vertritt. Als Kultfigur prägte sie nicht nur die Populärkultur, sondern auch politische Akteure insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, wie den langjährigen Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan (geb. 1926). Auch der viel jüngere Kongressabgeordnete und Fiskalpolitiker Paul Ryan (geb. 1970), im Wahlkampf 2012 republikanischer Vizepräsidentschaftskandidat, hat mit Vergnügen Rands Roman gelesen, distanziert sich aber von ihrer atheistischen Philosophie. Um welchen Roman geht es?

Ein Roman für wirtschaftliche Krisenzeiten

Im Krisenjahr 2008 waren unterschiedliche Reaktionen bei den betroffenen Bankleuten zu verzeichnen. Die einen bevölkerten die Kirchen im New Yorker Finanzdistrikt, insbesondere die zwischen Broadway and Wall Street gelegene Trinity Church, die eine erhebliche Zunahme an Besucherzahlen meldete. Denn zahlreiche von der Finanzkrise gebeutelte oder entlassene Bankangestellte besuchten die Kirchen als Orte der Besinnung und des Trostes oder suchten nach pastoraler Beratung und nach Möglichkeiten eines schuldenfreien oder schuldfreien Neuanfangs.

Andere, der weitaus größere Teil wohl, machte sich einen anderen Reim auf die Krise. Sie waren eher der Meinung, sie hätten vielleicht nur ein paar finanztechnische Fehler gemacht, prinzipiell aber richtig gehandelt. Also müssten sie nur strategisch und taktisch aufrüsten, um beim künftigen Platzen von Blasen besser gewappnet zu sein. Bei solchen Gelegenheiten greift man in den USA gern zu einem Roman, der in den fünfziger Jahren zum Bestseller wurde und seitdem ununterbrochen verkauft wird. Typisch für diesen Roman ist, dass seine Verkaufszahlen in ökonomischen Krisenzeiten sprunghaft ansteigen, wie im Fall der Rezession des Jahres 2000, als die Spekulationsblase der New Economy platzte, oder in der seit 2008 anhaltenden Finanzkrise. Allerdings zeigt die steigende Nachfrage in Krisenzeiten kein zunehmendes literarisches Interesse an, sondern eher den Bedarf an individueller Selbstvergewisserung und moralischer Bestätigung.

Es handelt sich um den dickleibigen Roman „Atlas shrugged“ (1957) der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand. Der Titel knüpft an die mythologische Figur des antiken Atlas an, der die Last der Welt auf den Schultern trägt. Das Titelbild einer amerikanischen Ausgabe zeigt die bekannte Atlas-Skulptur im Art-Deco-Stil vor dem Rockefeller Center an der New Yorker Fifth Avenue. Dieser Hauptroman Rands ist auch mehrfach auf Deutsch erschienen, allerdings unter verschiedenen Titeln: „Atlas wirft die Welt ab“ (1989), „Wer ist John Galt?“ (1997), „Der Streik“ (2012).

Es handelt sich um einen typischen Ideenroman von geringer literarischer Qualität, aber von großer Wirkung in der gehobenen Populärkultur. Die Handlung des mit Science-Fiction, Romanzen und politischer Botschaft angereicherten Wirtschaftkrimis dreht sich um die Heldin Dagny Taggart, Vizepräsidentin einer Eisenbahngesellschaft, die dem Verschwinden von erfolgreichen Unternehmern nachgeht und in John Galt die Schlüsselfigur und den ebenbürtigen Helden findet, der das rationale Selbst-Interesse des Einzelnen in einer neuen Gesellschaft gegen den räuberischen Staat verteidigt – und damit die von der Autorin als Ethik ausgegebene Ideologie. Die Romanfiguren repräsentieren diese Ideen und dienen dem Ziel, einem unregulierten und unkontrollierten, im wahrsten Sinn rücksichtslosen Laissez-faire-Kapitalismus den Weg zu bereiten.

Harry Potter für Finanzleute

Der allegorische Roman, der harsche Kritik, aber auch begeisterte Leser gefunden hat, illustriert die von der Verfasserin vertretene Philosophie des „rationalen Objektivismus“, wonach das ausschließliche Streben nach dem eigenen Wohl und Glück die einzige Basis der Moral und der allgemeinen Wohlfahrt bilden. Daher erklärt die Autorin ganz im Sinn von Friedrich Nietzsches „Umwertung aller Werte“ den Egoismus (selfishness) zur Tugend und die Selbstlosigkeit zum Laster, was erhebliche Folgen für ihr Welt- und Menschenbild hat. Wirtschaftlich hält die Autorin den vom Staat völlig ungestörten Kapitalismus für das einzige Mittel, um Prosperität für alle zu sichern, weshalb sie die Staatstätigkeit völlig zurückdrängen möchte und analog zur Trennung von Staat und Religion eine Trennung von Staat und Wirtschaft befürwortet; letztlich habe der Staat nur den polizeilichen Schutz des egoistischen Individuums vor der Gewalt anderer zu gewährleisten.

Alle anderen staatlichen Tätigkeiten und Interventionen einschließlich der Steuererhebung und der Sozialprogramme sind ihrer Auffassung nach von Übel, da sie nur das sich selbstisch entfaltende Individuum behindern, das seine eigenen Interessen voranbringt. Dementsprechend besteht für Rand die Immoralität darin, die Interessen anderer zu berücksichtigen, sich solidarisch für sie einzusetzen oder gar Opfer für andere zu bringen. Die größte Bedrohung sei der Altruismus, der eigene Interessen zugunsten anderer zurückstellt.

Daraus resultiert die Ablehnung jeder sozialstaatlichen Tätigkeit oder Regulierung. Der Roman lehrt also alles andere als eine „soziale Marktwirtschaft“, sondern im Gegenteil die libertäre Ideologie eines „reinen“, von allen sozialen Rücksichten befreiten Kapitalismus. Der Roman ist ein Harry Potter für Finanzleute und Unternehmer, die spekulativ „zaubern“ wollen und dafür in jene Parallelwelt eintreten, in der Ayn Rand die Apotheose des „Ich“ verspricht und den größtmöglichen Individualismus; daher sehen Rands Adepten in diesem Roman Amerikas zweite Unabhängigkeitserklärung.

Eine Umwertung des Egoismus zur Tugend

Die Autorin Ayn Rand, ein Pseudonym für Alisa Rozenbaum, entstammte einer begüterten russisch-jüdischen Apothekerfamilie, die durch die Revolution ihr Vermögen verloren hatte. Nach dem Studium der Geschichte und Philosophie (Marxismus) in Petrograd / Leningrad emigrierte sie in die USA, wo sie zunächst in der Filmindustrie Hollywoods tätig war und eingebürgert wurde. Dann verfasste sie Romane wie „The Fountainhead“ (1943) oder „Atlas shrugged“ (1957), die erfolgreich waren und zu Bestsellern wurden.

In ihrer Jugend hatte sie den frühen russischen Kommunismus kennengelernt und die Mechanismen der Expropriation, die sich eine soziale Tarnung gab. Die Erfahrung mit dem bolschewistischen Umsturz und dem Kollektivismus führte sie zu einer Überanpassung in Amerika, so dass sie von einem Extrem ins andere fiel und einen „reinen“, sozial ungezügelten Kapitalismus propagierte, der keine Opfer fordert und dessen marktradikale Freiheit keinerlei Formen der Empathie oder Solidarität vorsieht. Um diesen beiden Brennpunkte von sozialistischem Kollektivismus und libertären Kapitalismus kreisen ihre Romane, deren Personal einer binären Aufstellung folgt: Es gehört entweder zur Gruppe der eigennützigen Guten, die immer reich, intelligent, schön, erfolgreich und kinderlos (wie die Autorin) sind oder zur Gruppe der selbstlosen Schlechten, die immer hässlich, erfolglos, selbstquälerisch und unmoralisch sind. Sieger sind immer die so verstandenen „Guten“.

Ihr Romanwerk und ihre philosophischen Essays sind eng miteinander verwoben. Die Romanfiguren repräsentieren ihre philosophischen Ideen, und ihre Ideen beweist sie mit ihren eigenen romanhaften Figuren. Dieses selbstreferentielle Verfahren scheint wegen des Zirkelschlusses zu ihrer Popularität beizutragen, da auf diese Weise philosophische Ideen fiktional anschaulich werden. Die Autorin vertritt eine Moral des Selbstinteresses oder der rationalen Selbstsucht (selfishness), deren Bedeutung im Titel einer Aufsatzsammlung aufscheint: „The Virtue of Selfishness. A New Concept of Egoism“ (1964).

Zu dieser vermeintlichen „Tugend“ des Eigennutzes gesellen sich weitere wie der Stolz (pride), also eines der klassischen Laster. In ihrer Umwertung der Werte des jüdisch-christlichen ethischen Erbes lehnt sie jede Form des Einsatzes für Andere ab, weil er Selbstlosigkeit, Leiden und Opfer fordere und so alle Moral korrumpiere. Dagegen fördere ihr Konzept nur das Leben, das Selbstinteresse, die Selbstwertschätzung und den Egoismus als die einzig wahre Moral. Wir haben hier also das Zerrbild einer „Ethik“ vor uns, die keinerlei Sinn für den Anderen kennt, Solidarität programmatisch ausschließt und keinerlei familiären oder karitativen Werte anerkennt. Nicht nur der Sinn für den (bedürftigen und notleidenden) Anderen geht ihrer Ideenwelt ab, komme sie narrativ oder argumentativ daher, auch der Sinn für Transzendenz ist der Autorin, obgleich jüdischer Herkunft, abhanden gekommen, da sie auf der Basis des Atheismus handelt und schreibt.

Wie ihre Romane kaum literarische Anerkennung gefunden haben und als geistig anspruchslos (low brow) gelten, so wird auch ihre krude Moralphilosophie von der philosophischen Fachwelt kaum ernst genommen, und wenn, dann als fehlerhaft kritisiert. Gleichwohl hat ihr Werk eine bis heute anhaltende Wirkung, vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, die sich in hohen Auflagen ihrer Bücher ebenso zeigt wie in Instituten und Publikationen, die um die Verbreitung ihres Werks bemüht sind. So übt sie einen nicht unerheblichen Einfluss auf alerte Studierende von Politik und Wirtschaft aus, deren Welt- und Wirtschaftsbild von der individualistischen Selbstbehauptung geprägt sind und die in der „Tugend des Egoismus“ den Königsweg zum Gemeinwohl sehen. Den Einfluss zeigen auch Verfilmungen ihrer Romane und Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, darunter ins Chinesische, Mongolische und Russische. Darin spiegelt sich die Tatsache, dass ihr Gedankengut besonders in Ländern der Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus auf großes Interesse stößt.

Eine Kultfigur und ihr politischer Einfluss

Als libertäre Popularphilosophin nahm Ayn Rand viele für sich und ihre Vorstellungen ein, von der Politik über die Wirtschaft bis zu den Medien. Einer ihrer frühesten Freunde und engen Gefolgsleute war Alan Greenspan, der lange in ihrem engsten Zirkel verkehrte. Bis 2006 amtierte er fast zwei Jahrzehnte lang als Präsident der US-Notenbank (Federal Reserve) gab in dieser Zeit auf der Bühne der Finanzwelt den Sphinx, der in verrätselter Sprache und Gestik die finanzpolitischen Geschicke des Landes lenkte. Unter seiner Verantwortung verfolgte die Notenbank eine Politik des billigen Geldes, förderte riskante Finanzgeschäfte und löste jenes „Konsum-Mekka auf Pump“ aus, das zu den Verwerfungen der Finanzmärkte und der Weltwirtschaft führte, wie Ingeborg Harms im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4. August 2010) analysierte: Ayn Rand, eine Bolschewistin des Kapitals, sah den Übermenschen als Unternehmer. Den viel diskutierten Faktor der „Gier“ schätzte Greenspan positiv ein, meinte er doch schon in den sechziger Jahren, es sei die Gier der Profitsucher, die die Konsumenten schütze, so dass diese nicht durch staatliche Kontrolle vor der „Gier“ (greed) geschützt werden müssten (in: Ayn Rand, Capitalism. The Unknown Ideal, New York 1967, 118).

Greenspan war in den fünfziger und sechziger Jahren regelmäßiger Gast bei Treffen in Rands Wohnung und hatte in dieser Zeit nach eigener Aussage das Feuer eines „begeisterten Jüngers“, das erst durch die Radikalität und Widersprüchlichkeit Rands abkühlte, da diese etwa Steuern für unmoralisch hielt. Aber er blieb zeitlebens ihr „Schüler“. Als er 1974 unter Präsident Ford im Oval Office zum Chairman des einflussreichen „Council of Economic Advisers“ ernannt wurde, stand Ayn Rand neben ihm. Sie habe seinen Horizont und seine Welt über mathematische Kurven und Wirtschaftsmodelle hinaus erweitert, lobte er sie.

Aber das hieß für ihn nur, die anderen Menschen mit ihren Ansichten zu Werten und Handlungen ins Kalkül einzubeziehen, aber nicht über einen eigenen werteorientierten Horizont zu verfügen. So bekennt er, der vom Logischen Positivismus geprägt war, in seiner Autobiographie: „Meine Arbeit war empirisch und mathematisch, nie werteorientiert“ (Mein Leben für die Wirtschaft, Frankfurt New York 2007, 72). Dass im Register Stichworte wie Ethik, Moral oder verwandte Begriffe gar nicht erst vorkommen, ist daher nicht verwunderlich.

Der Kollaps der Ethik Rands

Als Greenspan im Oktober 2008 vor einem Senatsausschuss Verantwortung übernehmen und für seine Finanzpolitik sowie den Crash Rede und Antwort stehen musste, wunderte er sich über den Fehler oder Defekt (flaw) in seinem intellektuellen Gebäude (Randscher Prägung), dass nämlich die Selbstregulierung selbst-interessierter Individuen nicht nur nicht funktionierte, sondern sich auch als selbstzerstörerisch für die eigenen Interessen erwies. Nun schien die „Invisible Hand“ (Adam Smith) doch nicht alles zum Guten zu wenden, sondern selbst in die Taschen der egoistischen Individuen zu greifen.

Damit kollabierte auch die Randsche Ethik, weil sich die vermeintliche Tugend des Eigennutzes doch als das erwies, was interkulturelles moralisches Empfinden und ethische Traditionen wie die Goldene Regel oder der Kategorische Imperativ Kants schon lange davon hielten: ein Laster, das, systemisch geworden, die allgemeine Wohlfahrt und den eigenen Nutzen gleichermaßen untergräbt. Hier zeigte sich, dass hinter vordergründigen Erklärungen wirtschaftlicher Krisen auch prinzipielle Vorentscheidungen liegen, eine „Philosophie“, die in diesem Fall nur das eigennützige Interesse im Auge behielt und für den Anderen, vor allem wenn er schwach und bedürftig war, nur Verachtung übrig hatte. Die vielfach geäußerte Kritik an diesen Positionen bezieht sich auf die Apotheose von Gier und Egoismus, die systemische Immoralität, die Diskreditierung des Staates und die Verwerfung von Empathie und Solidarität. Doch der Popularität dieser Autorin hat dies keinen Abbruch getan; Wirtschaftsethik und Soziallehre stehen vor großen Aufgaben der Plausibilisierung ihrer Prinzipien der Verantwortung, der Personalität, der Solidarität und der Subsidiarität.

Als Ayn Rand noch Drehbücher schrieb, verfasste der Altmeister der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning (1890 bis 1991), der die marktorientierte Wirtschaftsverfassung der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich mitgeprägt hat, seine Doktorarbeit. In seiner 1928, ein Jahr vor dem New Yorker Börsencrash veröffentlichten Dissertation, Grundzüge der Börsenmoral, schrieb er zur ethischen Beurteilung der Spekulation: „Das abstrakte und verabsolutierte Gewinnstreben ist prinzipiell maß- und zügellos, prinzipiell antiökonomisch, asozial, egoistisch. Ob es die ,kapitalistische Sünde‘ ist, bleibe dahingestellt; gewiss ist es die Kapitalsünde der Habgier“ (Grundzüge der Börsenmoral, Freiburg 1928; Reprint Münster 2002, 133).

Nell-Breuning greift also auf das Schema der sieben Hauptlaster zurück, zu dem Habgier (avaritia) und Stolz (superbia) gehören, und das bis heute anregt, über die Verfassung des Menschen und seinen Hang zum Laster als habitualisierter Sünde nachzudenken (vgl. Avid Kleinberg, Die sieben Todsünden, Berlin 2010).

Die Frage nach Tugend und Laster, die individuell und systemisch bis in die Wirtschaft hineinreicht, bleibt also auf der Tagesordnung und wird daher bis heute immer wieder thematisiert, ob künstlerisch oder argumentativ. Die Grundunterscheidung von Gut und Böse, von Tugend und Laster steht immer zur Debatte und wird durch eine kurzschlüssige Umwertung nicht stillgestellt. Auf der Suche nach einer responsorischen Ethik, die Verantwortung vor Gott, für die Nächsten und für sich selbst, aber auch für den Aufbau von Institutionen und Regelsystemen übernimmt, steht eine moralische „Virtuosität“ auf dem Spiel, deren Beginn sich schon in den am Sabbat vorgetragenen „Sprüchen der Väter“ andeutet: „Sorge ich nicht für mich, wer wird für mich sorgen? Sorge ich nur für mich allein, was bin ich dann?“ (Pirke Awot 1, 14).

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