Ein Gespräch mit dem ZdK-Präsidenten Alois Glück„Dialog ist eine Haltung“

Die Bischöfe haben Mitte März den für die katholische Kirche in Deutschland -angekündigten Dialogprozess umrissen. Über Notwendigkeit, Inhalt und Form der -Gespräche, aber auch über die Rolle des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) in diesem Prozess sprachen wir mit dessen Präsidenten Alois Glück. Die -Fragen stellte Stefan Orth.

HK: Nach einem schwierigen Jahr für die katholische Kirche in Deutschland haben die Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung den angekündigten Dialogprozess konkretisiert. Was sind in der gegenwärtigen Situation des deutschen Katholizismus die wichtigsten Themen, deren Behandlung ansteht?

Glück: Unsere Ausgangssituation ist die Frage, wie Vertrauen wieder zurückgewonnen werden kann. Die Kirche als Gemeinschaft und als Institution mit ihren Repräsentanten ist in derselben Lage wie jede andere Organisation, in der es einen großen Vertrauensverlust gegeben hat. Wenn das Vertrauen zu den Botschaftern einer Nachricht nicht mehr gegeben ist, wird auch die Botschaft selbst nicht mehr wahrgenommen. Deshalb muss man sich einlassen auf die Sichtweise der Enttäuschten, die das Vertrauen entzogen haben, weil sie verunsichert worden sind.

HK: Warum wurde der Kirche, wie zuletzt wieder demoskopisch bestätigt wurde, in den vergangenen Jahren in diesem Umfang Vertrauen entzogen? Welchen Anteil an der gegenwärtigen Krise des kirchlichen Lebens haben die Vorfälle sexueller Gewalt in den eigenen Reihen?

Glück: Der Grund ist sicher in besonderer Weise der Missbrauchsskandal. Generell muss man aber auch sagen, dass die Kirche und ihre Vertreter nicht ausgenommen sind von einer allgemeinen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Es gibt einen grundsätzlichen Vertrauensschwund, der fast alle Instanzen ergriffen hat, etwa auch die Politik, aber nicht nur sie. Die Kirche war bisher im Gesamtgefüge noch in einer besonderen Weise eine Institution des Vertrauens. Es war in der schwierigen Zeit der Missbrauchsdebatte eine durchaus positive Erfahrung, dass sehr viele Menschen gesagt haben, dass gerade die Kirchen intakt bleiben müssen. Das war Ausdruck der Sorge, dass die Kirchen ihre Rolle als Garanten der Wertorientierung verlieren könnten. Diese Tatsache ist immerhin auch eine Chance für die Kirche.

HK: Ist angesichts der gegenwärtigen Situation der von den Bischöfen jetzt „Gesprächsprozess“ genannte Weg der richtige? Wie bewerten Sie die Ergebnisse der jüngsten Vollversammlung?

Glück: Was jetzt beschlossen wurde, betrifft vor allem die Maßnahmen auf der nationalen Ebene. Das ist allerdings nur ein Teil dessen, was umfassender notwendig ist und mit Sicherheit auch in einer gewissen Eigendynamik geschehen wird – aller Wahrscheinlichkeit nach in den Diözesen auf sehr unterschiedliche Weise. Der Dia-log, ein Begriff, den ich sehr bewusst gebrauche, ist da keine Methode, sondern zunächst eine Haltung: der Offenheit, des wechselseitigen Respekts, der Bereitschaft zuzuhören. Damit wird nicht alles in Frage gestellt! Was die Bischofskonferenz beschlossen hat, ist ein ganz guter Ausgangspunkt. Jetzt muss man diesen Prozess aber auch konkret gestalten. In den letzten Wochen und Monaten war zu beobachten, dass die tiefe Erschütterung durch den bekannt gewordenen Missbrauch, die Enttäuschung, dass das möglich war und wie man damit umgegangen ist, zu Gesprächen und Diskussionen geführt hat, die nicht mehr einfach zu unterdrücken sind. Es ist allerdings ganz wichtig, dass wir bei aller Freiheit der Diskussion jetzt auch Formen finden, durch die es zu Ergebnissen kommt. Weil sich etwas verändern muss, ist auch das Leitungsamt gefordert. Deshalb ist diese Ebene ganz wichtig, aber sie wird nicht die alleinige sein.

 „Bewusste Bejahung der vielen Glaubenswege und Frömmigkeitsformen“

HK: Worin wird denn angesichts der bisherigen Diskussionen die größte Schwierigkeit für den Dialog in den kommenden Monaten und Jahren bestehen?

Glück: Gegenwärtig erleben wir eine Polarisierung in unserer Kirche. Als Frage stellt sich deshalb, wo angesichts dieser Zerrissenheit der gemeinsame Nenner für die anzugehenden Aufgaben liegt. Für mich ist es ein großer Gewinn der bitteren Realität des Missbrauchs, dass in diesem Prozess die Opfer und damit die einzelnen Menschen in den Mittelpunkt gerückt wurden – und nicht der falsch verstandene Schutz der Institution Kirche. Wir müssten uns darauf verständigen können, dass die Kernaufgabe der Kirche darin besteht, die Botschaft Jesu den Menschen in der jeweiligen Zeit, den unterschiedlichen Lebenswelten und Kulturen zu erschließen und dass daraus alles Weitere abgeleitet werden muss. Dann ließen sich auch all die schwierigen Fragen der notwendigen Pluralität angehen – einschließlich der Spannung zwischen Einheit und Vielfalt. Das setzt aber auch voraus, dass Kirche nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern um ihre dienende Funktion weiß.

HK: Mit welchen Konsequenzen?

Glück: Wichtig wäre eine bewusste Bejahung der vielen Glaubenswege und Frömmigkeitsformen. Das ist ein großer Schatz in unserer Kirche, man denke beispielsweise an die Vielfalt der Spiritualität in den Ordensgemeinschaften. Gegenwärtig entstehen allerdings immer wieder Konflikte, weil ein Alleinvertretungsanspruch gestellt wird – als sei die eigene Prägung von Glaube und Kirchlichkeit die einzig akzeptable Form des Katholischen. Es geht dabei aber nicht um zentrale Glaubenswahrheiten, sondern um zeit- und lebensweltgebundene Ausprägungen. Nur wenn wir zu dieser Pluralität eine positive Grundeinstellung entwickeln, werden wir die Polarisierungen in unserer Kirche überwinden können. Und es gilt besser zu unterscheiden zwischen zeitlos Gültigem und zeitbedingter und kulturgebundener Ausdrucksform.

HK: Ist angesichts der Divergenzen, die auch innerhalb der Bischofskonferenz zuletzt stärker als früher zutage getreten sind, mit substanziellen Ergebnissen der Gespräche zu rechnen?

Glück: Wir haben sicher eine schwierigere Situation als vor einigen Jahren. Längst gibt es nicht mehr solche Grundübereinstimmungen wie zu den Zeiten der Würzburger Synode – man wird sie angesichts der grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten auch nicht so einfach wieder erreichen können. Auf der anderen Seite liegt gerade in dem einstimmigen Beschluss der Bischofskonferenz, dem Programm des Dialogs als einer Grundorientierung, ein sehr großer Wert. Die Situation wäre ungleich schwieriger, wenn die ausgeprägte Unterschiedlichkeit mit Blick auf bestimmte Fragestellungen unter den Bischöfen auch hier zum Ausdruck gekommen wäre. Vermutlich wird sich dieser Prozess innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland auch verschieden darstellen. Das halte ich nicht für das große Problem: Es gibt auch Fragestellungen, die je nach Diözese anders entschieden werden können. Aber wir werden lernen müssen, mit Spannungen konstruktiv zu leben.

HK: Das heißt konkret?

Glück: Wir müssen in unserer Kirche eine Gesprächs-, Debatten- und auch Streitkultur entwickeln, die auch beispielhaft ist für gesellschaftliche Konflikte. Wenn wir schon in den eigenen Reihen keine konstruktive Form des Umgangs mit Meinungsverschiedenheiten schaffen können, werden wir mit unserer Botschaft der Nächstenliebe und des Friedens gegenüber der Gesellschaft nicht sehr glaubwürdig sein.

HK: Warum ist es so schwer geworden, in der Kirche miteinander offen zu reden? Von außen betrachtet mutet es doch erstaunlich an, dass es einen Missbrauchsskandal brauchte, um jetzt innerhalb der Kirche über länger schon drängende Fragen ins Gespräch zu kommen

Glück: Seit dem Konzil hat sich viel verändert. Es ist heute fast schon nicht mehr vorstellbar, wie in der Kirche etwa zur Zeit der Würzburger Synode in einem partnerschaftlichen Grundgeist Träger des Weiheamtes, Laien, Wissenschaftler partnerschaftlich um die beste Lösung gerungen haben – wohl wissend, wer am Schluss eine Entscheidungskompetenz für die Umsetzung hat. Dahin müssen wir wieder zurückkommen, uns nicht gegenseitig verdächtigen und uns darauf fixieren, was nicht mehr katholisch sei. Letztlich brauchen wir Konservative wie Weltoffene: Wir sind auf das bewahrende Element angewiesen, aber auch auf das drängende. Vielleicht treten hier auch die Angstreflexe einer Gemeinschaft zutage, die erlebt, dass sie immer kleiner wird. Insgesamt ist in unserer Kirche Angst zu prägend für das Verhalten. Die moderne Entwicklung wird vielfach nur als Bedrohung gesehen, häufig verbunden mit einer Verklärung der Vergangenheit, die die Realität auch nicht trifft.

 „Geistliche Vertiefung und Erörterung der Strukturfragen sind miteinander verbunden“

HK: Das ZdK-Mitglied Christa Nickels hat jüngst davor gewarnt, den Dialog nur zu inszenieren und damit eine Art Gummiwand aufzustellen, an der alle kritischen Anfragen abprallen? Teilen Sie diese Befürchtungen?

Glück: Wir haben jetzt eine Ausgangslage mit positivem Vorzeichen, die auch Hoffnungen weckt. Aber gleichzeitig ist damit noch nicht garantiert, dass dies tatsächlich ein konstruktiver Prozess wird. Es gibt eine Chance zum Aufbruch. Wenn sich aber in ein oder zwei Jahren herausstellen würde, dass dies nur folgenlose Gespräche waren, werden wir eine riesige Welle der Frustration, der Enttäuschung, des Rückzugs und auch des Auszugs erleben. Das muss man ganz realistisch sehen.

HK: Sie haben mehrfach bereits darauf hingewiesen, dass man innerhalb der katholischen Kirche auf beunruhigende Anzeichen von Resignation stoßen kann. Braucht es deshalb doch in erster Linie einen geistlichen Erneuerungsprozess für die Kirche?

Glück: Selbstverständlich geht es um die geistliche Grundlagen. Es wäre zu vordergründig, Dinge nur gefälliger oder irgendwie moderner zu machen. Natürlich gibt es – auch mit Blick auf unsere Laienorganisationen – eine besondere Gefahr, dass wir uns nur mit uns selbst beschäftigen. Das wäre fatal. Aber ich widerspreche entschieden einem Diskussionsverlauf, der geistliche Vertiefung und die Erörterung der Strukturfragen als Gegensatz sieht. Beides ist miteinander verbunden. Es geht um den Beitrag der Kirche, den Katholiken und Christen insgesamt zu den drängenden Fragen dieser Umbruchzeit leisten können, innerhalb derer weltweit, aber auch bei uns, riesige Veränderungen in Gang sind. Der Beschluss der Bischofskonferenz bezieht sich ausschließlich auf die innerkirchlichen Fragestellungen. Aber im Gesamtprozess müssen wir genauso den anderen Aspekt sehen. Wir sind keine esoterische Organisation: Glaube und Weltengagement gehören bei uns zusammen.

HK: Was muss angesichts dieser Herausforderungen das Ziel des Dialogs sein?

Glück: Auch die Verbindung von Aktion und Kontemplation muss neu reflektiert werden. Was sind die Grundlagen unseres Weltengagements angesichts der drängenden Fragen von Gerechtigkeit, Frieden, Generationenverantwortung und Nachhaltigkeit? Wir leben in einer Zeit, in der Menschen mehr denn je auf der Suche sind nach Orientierung und Sinn. Mich beschäftigt immer wieder aufs Neue die Frage, warum sie das Gesuchte nicht in den christlichen Kirchen vermuten. Das ist freilich nicht nur ein spezifisch katholisches Problem.

HK: Wenn alle christlichen Kirchen mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen haben: Welche Rolle spielt für die gegenwärtigen Krisenphänomene das oft kritisierte Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Ortskirchen?

Glück: Ich habe mich in den vergangenen Jahrzehnten vergleichsweise wenig mit innerkirchlichen Fragen beschäftigt. Das ist jetzt insofern ein gewisser Vorteil, als ich nicht die schmerzlichen Frustrationserlebnisse habe, die ich bei vielen erlebe, die schon lange im Geschirr sind und kaum mehr zu hoffen wagen, dass sich wirklich etwas verändert. Wenn ich jetzt in der Ökumene beobachte, wie etwa im Lutherischen Weltbund die Kräfte auseinanderdriften und das Gemeinsame nur mühsam zusammengehalten werden kann, oder in den orthodoxen Kirchen die jeweiligen nationalen Ausprägungen extreme Schwierigkeiten mit sich bringen, entdecke ich aufs Neue den Wert des einheitsstiftenden Amtes des Papstes. Auf der anderen Seite entwickeln sich die Kulturen, die Zivilisationen sehr unterschiedlich. So stellt sich schon die Frage, ob so viel Zentralisierung, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, die richtige Antwort ist oder ob die Orts-kirche mit dem Bischof an der Spitze nicht – wie vom Konzil vorgesehen – wieder mehr Bedeutung, Freiraum und Gestaltungsspielraum benötigt. Das Subsidiaritätsprinzip muss auch in der Kirche mehr zur Geltung kommen!

HK: Im Herbst wird Benedikt XVI. nach Deutschland reisen, ein Termin der im Pressebericht der Frühjahrsvollversammlung ausdrücklich als Teil des Gesprächsprozesses benannt wird: Wie können die gegenwärtigen Auseinandersetzungen im deutschen Katholizismus während des Papstbesuchs zur Sprache kommen?

Glück: Das Programm ist im Detail noch nicht bekannt, aber der Dialogprozess wird innerhalb des offiziellen Rahmens wohl nur begrenzt vorkommen können. Mit Blick auf einen Dialog im engeren Sinne gibt es bei einem solchen Besuch nur wenig Spielraum. Man darf diesen deshalb nicht mit falschen Erwartungen überladen. In Freiburg ist ein Gespräch vorgesehen zwischen dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem Papst. Für die katholische Kirche in Deutschland wird der Besuch insgesamt ein wichtiger Impuls sein, schon allein aufgrund der weltkirchlichen Dimension. Auch der Brief des Papstes an den EKD-Ratsvorsitzenden hat hinsichtlich des Themas Ökumene gewisse Hoffnungen geweckt. In diesem Sinne werden die Tage mit Benedikt XVI. ein Baustein sein – aber natürlich kein Ersatz für all das, was wir selbst in unserer Kirche zu leisten haben.

 „Keine falsche Verklärung der Vergangenheit“

HK: Benedikt XVI. wird in Berlin vor dem Bundestag sprechen, berührt wird mit diesem Auftritt vermutlich das eine der beiden Themen des Dialogs zwischen der Bischofskonferenz und dem ZdK: die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat. Wo liegen hier momentan die Hauptschwierigkeiten?

Glück: Wir sind auch als Gesellschaft nicht auf unsere menschliche Dimension begrenzt. Unsere Botschaft, dass sich der menschlich unfassbare Gott in Jesus uns mitgeteilt hat, dass er also eine grenzenlose Liebe zum Menschen hat, unabhängig von seinen Verdiensten und seinen Schwächen, muss neu erschlossen werden. Dafür müssen wir uns in der Tiefe mit den Schwierigkeiten der Verkündigung auseinandersetzen, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft in den sechziger Jahren begonnen haben. Warum gibt es schon länger, nicht erst seit dem Jahr 2010, diese Krise der Vermittlung des Glaubens? Ohne die Beschäftigung mit diesen Fragen antworten wir zu vordergründig. Hier brauchen wir keine zentrale Steuerung, sondern die Fruchtbarkeit des lebendigen Gesprächs.

HK: Aber was hat die Gesellschaft überhaupt davon, wenn die Kirche nicht nur als geschätzter Wertelieferant auftritt, sondern dezidiert die Gottesfrage wach hält, wie es in diesem Zusammenhang oft heißt?

Glück: Die Gottesfrage kann nicht nur über Grundfragen der Theologie offen gehalten werden, möglicherweise noch in einer Sprache, die die Menschen nicht verstehen – und im Übrigen auch früher nicht bewegt hat. Da beginnt bereits die falsche Verklärung der Vergangenheit, als hätte es früher so viel Wissen und so viel bewusste Glaubensentscheidungen gegeben. Wir leben heute zudem in einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr der akzeptierte Gehorsams- oder Traditionsglaube ist, sondern früher oder später Entscheidungen notwendig sind. Vielleicht haben manche, die die Kirche und ihre Verkündigung erleben, den Eindruck, dass es zu sehr nur um eine Gesetzesreligion geht. Wir müssen uns da offensiv mit der Frage auseinandersetzen, was Menschen den Zugang zur Gottesfrage versperrt. Dazu muss man sich allerdings auch auf die Menschen einlassen.

HK: Und wie groß ist – heute noch – der Resonanzboden für diese Botschaft in der Gesellschaft?

Glück: Das ist schwer zu beurteilen. Da bleibt auch vieles diffus. Jedoch gibt es im Menschen eine Ursehnsucht nach Gott oder zumindest einer Dimension des Göttlichen. Die Zukunft der Kirche wird wesentlich von ihrer spirituellen Strahlkraft bestimmt sein, nicht nur, weil sie einen guten Bildungs- oder Sozialbetrieb aufweisen kann.

HK: Gibt es umgekehrt in der Breite der Kirche noch hinreichend Verständnis für die Notwendigkeit einer ausdrücklich politischen Artikulation des Katholischen?

Glück: Es beunruhigt mich sehr, dass immer weniger Menschen aus kirchlichen Gemeinschaften hineingehen in die Vielgestalt des öffentlichen Lebens, die immer verbunden ist mit den Spannungsfeldern einer offenen Gesellschaft. Nirgendwo in Europa werden beispielsweise Fragen des Lebensschutzes so intensiv diskutiert wie in Deutschland. Das hat sehr viel zu tun mit den Kirchen und auch der Rolle der Christen, die heute politisch Verantwortung tragen und von der kirchlichen Arbeit geprägt wurden. Von der Präimplantationsdiagnostik bis zur Würde des Menschen auf seiner letzten Wegstrecke werden solche Grundsatzfragen bei uns mit einer großen Ernsthaftigkeit debattiert, weil die christlichen Positionen sehr wohl wahrgenommen werden und es – noch – eine entsprechende Zahl von Christinnen und Christen gibt, die diese Positionen entsprechend vertreten. Falls es die nicht mehr geben sollte, werden auch alle moralischen Appelle aus einem Reservat heraus nichts nützen.

HK: Als wie problematisch erweist sich die in den vergangenen beiden Jahrzehnten pluraler gewordene Zusammensetzung des ZdK, um als prägnante Stimme in der Gesellschaft und insbesondere in den Medien wahrgenommen zu werden?

Glück: Generell spielen Verbände und große Organisationen im öffentlichen Leben nicht mehr die Rolle wie früher. Das gilt auch für die Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und andere. Für das ZdK ist es kein Problem, das heute das Spektrum nicht mehr nur primär auf die beiden Unionsparteien begrenzt ist. Es spiegelt sich darin lediglich die Entwicklung in Gesellschaft und Politik. Ganz im Gegenteil hilft das auch, unabhängig von Wahlkonstellationen präsent zu sein.

HK: Warum aber tauchen beispielsweise ZdK-Mitglieder eher selten in Talkshows auf?

Glück: Wir haben als Laien natürlich generell das Problem, dass die Außenwahrnehmung von Kirche in erster Linie mit den Bischöfen und auf regionaler Ebene mit Priestern verbunden ist – von denselben Menschen, die gleichzeitig gegen Klerikalismus sind. Auch die Medien sind, wenn es um Stimmen aus der Kirche geht, stark fixiert auf das Bischofsamt. Und natürlich hat keiner von uns die Autorität, für die Kirche als Ganze zu sprechen. Das macht es nicht einfacher für die Laien, wahrgenommen zu werden, sodass dies meistens aufgrund von Persönlichkeit oder der wahrgenommenen politischen Ämter geschieht.

 „Das Kirchenrecht ist nicht unveränderlich“

HK: Kirche und Gesellschaft sind nicht einfach ein Gegensatz: Auch Katholiken hierzulande sind heute ganz selbstverständlich Teil des demokratischen Rechtsstaats mit all seinen Plausibilitäten. Inwiefern sind da Forderungen berechtigt, Elemente davon auch in der Kirche stärker verwirklicht sehen zu wollen?

Glück: Jeder Mensch beansprucht heute Möglichkeiten der Teilhabe. Das berührt auch das Verhältnis von Weiheamt und Laien, also das Kirchenverständnis. Das ist eine ganz wichtige Fragestellung und gilt nicht zuletzt für die Rolle der Frauen in unserer Kirche. In unserer Gesellschaft werden die Erfahrungen der Frauen zunehmend geschätzt. Dafür müssen wir auch in der Kirche konkretere Möglichkeiten entwickeln. Einer der Wege wäre das Diakonat der Frau, was auch von Bischöfen benannt wird. Das ständige Diakonat zeigt ja, dass es nicht einfach um eine Etappe auf dem Weg zur Priesterweihe geht. Es geht mir also nicht um das Frauenpriestertum, das würde unsere Kirche lähmend polarisieren.

HK: Und was kann sich bewegen im Verhältnis Priester und Laien, dem zweiten Thema des Dialogs zwischen den Bischöfen und dem ZdK, nachdem das Kirchenrecht eine Asymmetrie festgeschrieben hat?

Glück: Das Kirchenrecht ist ein geschaffenes Recht und deshalb nicht unveränderlich. In jedem Fall aber muss zuerst einmal eine Bestandsaufnahme gemacht werden, was man weiterentwickeln und verändern kann – schon im Rahmen der bestehenden Regelungen. Die heutigen Möglichkeiten des Kirchenrechtes sind hinsichtlich einer verantwortlichen Mitwirkung der Laien bei Weitem nicht ausgeschöpft. Das Konzil hatte mit der Betonung des gemeinsamen Priestertums ganz neue Akzente gesetzt. Daneben gibt es überhaupt keine theologischen Beschränkungen bei allem, was mit der konkreten Organisation von Kirche zu tun hat. Ich beobachte jetzt schon, dass in den Diözesen ganz unterschiedliche Entwicklungen im Gang sind, etwa aufgrund der Veränderung von Pfarrstrukturen.

HK: Welche Rolle wird das ZdK über die vereinbarten Projekte der Gemeinsamen Konferenz mit der Deutschen Bischofskonferenz hinaus im Gesprächsprozess spielen können?

Glück: Im Beschluss der Bischofskonferenz ist das Zentralkomitee ausdrücklich genannt als wichtiger Partner. Miteinbezogen werden die Katholikentage. Das ist insofern bemerkenswert und erfreulich, als die Katholikentage von manchen Bischöfen in den vergangenen Jahren eher kritisch und als wenig nützlich gesehen wurden. Die Herausforderung besteht jetzt darin: Wie gelingt es uns, den Katholikentag in Mannheim zu einer wahrgenommenen, wirksamen und bereichernden Zeitansage zu machen, sowohl angesichts der innerkirchlichen Fragestellungen, aber auch mit Blick auf die Rolle des Glaubens in Gesellschaft und den Staat? Das ZdK hat da eine sehr wichtige Rolle. Daneben wollen wir den Dialog nicht nur auf der Ebene der Gemeinsamen Konferenz mit der Deutschen Bischofskonferenz führen, sondern auch in unsere Verbände und Gemeinschaften und in die Diözesen hinein. Wenn die dort gemachten Erfahrungen untereinander ausgetauscht und allen zugänglich gemacht werden, kann das sehr fruchtbar werden.

HK: Lässt sich denn jetzt schon absehen, dass sich ein Katholikentag während des Dialogprozesses, wie etwa der in Mannheim 2012, von seinen Vorgängern unterscheiden wird?

Glück: Nein, wir sind erst in der Programmentwicklung. Aber selbstverständlich sind wir dieses Mal besonders gefordert, Aktualitäten zu berücksichtigen. Das gilt für die weltweiten Fragestellungen, wie auch die innerkirchliche Entwicklung. Wir wollen den Katholikentag im Übrigen auch bewusst als Einladung an alle verstehen: an verschiedene Strömungen und Positionen in der Kirche. Dialog ist nicht nur eine Erwartung, wir wollen selbst dafür offen sein. Ein wichtiger Akzent für den Mannheimer Katholikentag wird werden, die vielen innovativen Entwicklungen, die es in unserer Kirche gibt, auch zugänglich zu machen – etwa mit der Hilfe des Internets. Der Katholikentag soll nicht nur Probleme beschreiben und ein entsprechendes Bewusstsein schaffen, sondern auf gute Beispiele hinweisen und Lösungen aufzeigen. Wir dürfen uns den Blick auf unsere Kirche nicht nur prägen lassen von den negativen Entwicklungen. Sie können nicht den Blick dafür verstellen, dass es auch in unserer Kirche viel positives Engagement gibt, dass die Kirche etwas für die Gesellschaft leistet. Gegenwärtig sind wir da in der Gefahr, eine verzerrte Optik zu bekommen.

HK: Was steht im Dialogprozess für das ZdK selbst auf dem Spiel?

Glück: Zuerst einmal bedeutet dieser Prozess einen Zuwachs an Aufgaben. Wenn es im Ergebnis zu einer großen Enttäuschungswelle kommen würde und sich viele Engagierte zurückziehen würden, wären natürlich auch die katholischen Laienorganisationen und das Zentralkomitee betroffen. Deshalb müssen wir dieser Aufgabe mit ihren hohen Anforderungen unbedingt gerecht werden.

HK: Franz-Xaver Kaufmann hat zuletzt bemängelt, dass sich die Kirche insgesamt zu wenig als lernende Organisation begreife. Wie lernfähig ist die katholische Kirche insgesamt?

Glück: Wenn man nur menschliche Erfahrungen über die Reformfähigkeit von Institutionen zugrunde legt, müsste man wahrscheinlich pessimistisch sein. Hier beginnt für mich die Ebene des Gottvertrauens. Nach dem Motto: das mir Mögliche tun und ansonsten auf das Wirken des Heiligen Geistes setzen. In diesem Sinne bin ich ganz optimistisch.

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