Ein Gespräch mit dem DITIB-Dialogbeauftragten Bekir Alboga„Als Religionsgemeinschaft anerkennen“

Die zweite Runde der deutschen Islamkonferenz hat begonnen, Thema ist unter anderem die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen, einschließlich der notwendigen Voraussetzungen. Über die Sicht der Muslime sprachen wir mit Bekir Alboga, Referatsleiter für die interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB). Die Fragen stellte Stefan Orth.

HK: Herr Alboga, der Islam wurde in den vergangenen Jahren zunehmend stärker als Religion in Deutschland wahrgenommen und auch intensiv diskutiert. Was beschäftigt die Muslime hierzulande derzeit am meisten?

Alboga: Muslime beschäftigen die gleichen Probleme, wie sie allen anderen auch im Bildungs- und Gesundheitswesen, auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft begegnen. Zudem sind sie als Migranten mehrfach von Diskriminierung und Islamfeindlichkeit betroffen. Die Gleichstellung des Islam und der Muslime ist ihnen ein Anliegen. Um all diesen Problemen entgegenzuwirken, brauchen wir ein politisch-gesellschaftliches Signal. Dazu wird die Anerkennung als Religionsgemeinschaft ihren Teil beitragen.

„Erst eine wissenschaftliche Basis für islamische Theologie schaffen“

HK: Was hieße das im Einzelnen?

Alboga: Der Abbau von Ängsten vor dem Islam, die Bekämpfung der steigenden Islamfeindlichkeit und der Diskriminierung der Muslime aufgrund von faktischer, vermuteter oder zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit und die rechtliche, politische und gesellschaftliche Gleichbehandlung des Islam und der Muslime in Deutschland: Das sind die Aufgaben, die noch zu erledigen sind. Da müssen jetzt ganz konkrete Schritte folgen. Dazu ist politischer Wille notwendig. Ein Schritt wäre die Konkretisierung der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen für die Einführung eines bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichts. Wir Muslime in Deutschland wollen einfach spüren, dass wir ein Teil des Landes sind, als solche wahrgenommen und auf allen Ebenen gleichbehandelt werden. Wir möchten nicht mehr und nicht weniger als andere Religionsgesellschaften hierzulande.

HK: Was erwarten Sie vor diesem Hintergrund von der zweiten Runde der Islamkonferenz, die Anfang Mai mit einer Plenarsitzung eröffnet wurde, nachdem es im Vorfeld eine Reihe von Dissonanzen gab?

Alboga: Wir haben in der ersten Phase der Islamkonferenz den Konsens erzielt, dass islamischer Religionsunterricht dem Grundgesetz entsprechend eingeführt werden muss. Dies erachten wir als einen wichtigen Schritt zur religionsrechtlichen Integration der Muslime. Er muss in der zweiten Phase realisiert werden. Dazu gehören die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und die Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie bei konzeptioneller und inhaltlicher Beteiligung der muslimischen Religionsgemeinschaften. Wir als DITIB sind die größte Religionsgemeinschaft der Muslime in Deutschland und können dieses Ziel realisieren. Dazu brauchen wir natürlich ausgebildete muslimische Religionslehrer.

HK: Der Wissenschaftsrat hat jüngst ganz in diesem Sinne wissenschaftlich ausgebildetes Personal gefordert. Wie lässt sich dieses Ziel umsetzen?

Alboga: Wir müssen erstmal eine wissenschaftliche Basis für islamische Theologie schaffen. Dafür können wir auf die reichhaltigen Erfahrungen aus der Türkei und anderen islamischen Ländern zurückgreifen. Die Theologischen Fakultäten in Istanbul, Ankara, Bursa, Izmir und andernorts bieten genügend Ressourcen, die von Deutschland aus genutzt werden können. Durch eine Zusammenarbeit mit ihnen ließen sich die vorhandenen islamisch-theologischen Angebote an öffentlichen Hochschulen unter Berücksichtigung der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen ausweiten. Wir haben deutschlandweit rund 900 000 muslimische Schülerinnen und Schüler, die auf ihre muslimischen Lehrerinnen und Lehrer warten. Das theologische und pädagogische Studium an einer theologischen Fakultät der Universität oder einer Hochschule ist mittlerweile eine Voraussetzung für die gute Erteilung islamischen Religionsunterrichts. Es geht also nicht darum, wo diese Lehrkräfte ausgebildet werden, sondern wie.

HK: Was heißt das für die Bewertung der Unterrichtsversuche, wie sie bei unterschiedlicher Bezeichnung derzeit in verschiedenen Bundesländern laufen? Wie können diese ausgeweitet werden?

Alboga: Gleichgültig ob sie Modellprojekte oder anders heißen: Bekenntnisorientierter Islamunterricht kann nicht von irgendwelchen Elterninitiativen oder ähnlichen Strukturen, die keine Religionsgemeinschaften sind, erteilt werden – auch nicht in Zusammenarbeit mit ihnen. Das ist juristisch nicht haltbar. Wir leben in einer geordneten, demokratischen, pluralistisch offenen Gesellschaft. Es geht deshalb jetzt im ersten Schritt ausdrücklich um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft, die rechtlich für die Erteilung des islamischen Religionsunterrichts notwendig ist.

„Niemand darf von den Muslimen verlangen, was man auch von den Kirchen nicht gefordert hat“

HK: Was kann die Islamkonferenz in diesem Zusammenhang leisten und welche Konsequenzen hätte dieser Schritt angesichts des in Deutschland herrschenden Religionsrechts?

Alboga: Die Islamkonferenz soll zwischen den Ländern und beteiligten religiösen Verbänden vermitteln. DITIB bietet in jedem Bundesland durch ihre Landesverbände einen Ansprechpartner, der als Religionsgemeinschaft fungieren wird.

HK: Wie sind diese neuen Landesverbände der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ genauer aufgebaut? Wer bestimmt deren Repräsentanten?

Alboga: Die Vorstände der DITIB-Landesverbände werden von Delegierten der Moscheegemeinden gewählt. Diese sind überwiegend Vorsitzende der Moscheegemeinden; aber auch junge Frauen und Männer, die nicht den Vorsitz in ihrer Moscheegemeinde hatten, wurden gewählt.

HK: Gibt es angesichts der Pluralität muslimischen Lebens in Deutschland bei der Forderung nach religionsrechtlicher Anerkennung nicht noch eine weitere Bringschuld der Muslime? Immerhin existieren neben der DITIB als größtem Verband der Verband der Islamischen Kulturzentren, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, der Zentralrat der Muslime und auch noch eine Reihe anderer Organisationen, die nicht zuletzt Muslime weiterer ethnischer Hintergründe und spiritueller Spielarten des Islam vertreten ...

Alboga: Die Pluralität gehört zum Leben und die Vielfalt zum Islam. Der säkulare Staat darf von keiner Religionsgemeinschaft verlangen, dass sie sich mit anderen zusammenschließt. Die Muslime haben immer wieder gezeigt, dass sie zusammenarbeiten und einen Konsens herstellen können. Aber sie sind trotzdem eigenständige Religionsgemeinschaften mit einigen unterschiedlichen Auffassungen, auch wenn diese nicht zu einem Streit untereinander führen. Niemand darf von den Muslimen verlangen, was man auch von den Kirchen nicht gefordert hat. Die Muslime leben seit rund 50 Jahren in Deutschland und wollen endlich angenommen werden, so wie sie sind, und sich in den Strukturen wiederfinden.

HK: Wie aber kann ein einzelner Dachverband wie die DITIB gewährleisten, dass sich Muslime mit einem anderen Islamverständnis etwa in den Lehrplänen des Religionsunterrichts wiederfinden?

Alboga: Die Glaubensgrundsätze und die islamischen Quellen sind ja die gleichen. Da wir ein offeneres und theologisch fundiertes Religionsverständnis haben, können wir die Unterschiede der Rechtsschulen ohne Probleme berücksichtigen. Außerdem haben wir im Koordinierungsrat der Muslime die Gelegenheit, durch konstruktive Diskurse bestimmte Themen anzugehen. So befinden wir uns jetzt im Prozess der Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie und der Zusammenstellung der vom Wissenschaftsrat vorgeschlagenen Beiräte.

HK: Warum gestaltet sich aber die Entwicklung des Koordinierungsrates der Muslime, der immerhin schon 2007 gegründet wurde, so zäh? Die Strukturen, die man als Ansprechpartner für Politik, Staat und Medien bereitstellen müsste, reichen bisher nicht aus; so gibt es noch nicht einmal eine eigene Internetseite.

Alboga: Der Koordinierungsrat ist keine zusätzliche Dachorganisation der Muslime, sondern eine weitere Möglichkeit der Zusammenarbeit. Ein solcher Prozess braucht Zeit und Geduld. Der Koordinierungsrat bietet dem Staat und den Medien je nach Themenfeldern eine Plattform an – wobei vorerst nur die Themen, die alle Muslime betreffen, behandelt werden.

HK: Und wie kann die Repräsentanz für die Muslime gewährleistet sein, die sich nicht durch die vier Dachverbände vertreten fühlen und sich selbst nur sehr schwer organisieren können? Schätzungen zufolge fühlen sich lediglich ein Viertel der Muslime von den Verbänden vertreten.

Alboga: Diese Aussage kann ich nicht bestätigen. Laut der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge durchgeführten Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ kennen 44 Prozent aller Befragten und 65 Prozent der türkischstämmigen Sunniten DITIB, und unter den Befragten, welche die DITIB kennen, fühlen sich rund 67 Prozent ganz oder teilweise von ihr vertreten. Unter allen befragten türkischstämmigen Sunniten waren es 47 Prozent. Berücksichtigt man nicht nur türkischstämmige Sunniten, sondern alle Befragten, fühlen sich 27 Prozent von DITIB vertreten. Gemeinsam mit anderen Dachverbänden im Koordinierungsrat erreichen wir 62 Prozent – wenn wir auch als DITIB für die eigene Bekanntheit noch mehr tun sollten. Unabhängig von den Datenerhebungen anderer erreichen wir als DITIB mit unseren religiösen Dienstleistungen mehr als eine Million Muslime. Dies lässt sich anhand derer, die sich an den Festtagen in DITIB-Moscheen versammeln, belegen.

„Die meisten Imame haben mittlerweile an der Universität ein Theologiestudium abgeschlossen“

HK: Welche Beziehungen bestehen zwischen der DITIB mit den demokratisch gewählten Verbandsvertretern und der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara?

Alboga: Wir haben von der Kooperation mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in Ankara sehr profitiert. Es hat uns seit den achtziger Jahren muslimische Theologinnen und Theologen, Prediger und Predigerinnen sowie Religionsbeauftragte für jeweils rund fünf Jahre in einer DITIB-Moscheegemeinde zur Verfügung gestellt und die Gehälter übernommen. Das ist für uns eine wichtige Unterstützung. Die Moscheegemeinden müssen im Gegenzug eingerichtete Wohnungen bereitstellen und ein der Tätigkeit entsprechendes Arbeitsumfeld schaffen. Die Wünsche der Moscheegemeinden werden soweit wie möglich bei der Auswahl der Bediensteten berücksichtigt. Die Landesverbände und der DITIB-Dachverband übernehmen dabei eine Vermittlerrolle zwischen den Gemeinden und dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkei.

HK: Wie werden die Imame denn inzwischen in der Türkei ausgebildet?

Alboga: Die meisten Imame haben mittlerweile an der Universität ein Theologiestudium abgeschlossen. Sie bringen ein sachgerechtes Theologieverständnis mit. Das ist für uns sehr wichtig. Sowohl die Religionslehrerinnen und Religionslehrer in der Schule als auch die Imame und Religionsbeauftragten in den Moscheegemeinden müssen unbedingt ein Hochschulstudium absolviert haben. Nur so können wir ein gesundes Islamverständnis bei den neuen Generationen aufbauen. Wir wollen dabei unbedingt auf die Erfahrungen der islamischen Theologie zurückgreifen, die in islamischen Ländern ein wichtiger Wissenschaftszweig mit einer langen Tradition ist. Weil wir auf länger schon etablierte theologische Erfahrungen und Strukturen zurückgreifen können und nicht auf marginale Bewegungen oder Weltanschauungen setzen, bieten wir eine stabile Basis. Man darf auch nicht vergessen, dass die Türkei in ihrer Geschichte ein Verständnis von Säkularisierung entwickelt hat, das mit Demokratie, Pluralität und Rechtstaatlichkeit in Einklang steht. Die meisten Muslime in Deutschland kommen aus der Türkei. Die bestehenden Werke können hier eine führende Rolle übernehmen, bis sich in Deutschland eine islamische Theologie in deutscher Sprache etablieren und als bekenntnisorientierte Wissenschaft behaupten kann. Die Zusammenarbeit mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in Ankara ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sie auch bei unserer Zielgruppe ein gewisses Vertrauen auslöst.

HK: Trotzdem gibt es Vorbehalte dagegen, dass ein deutscher Verband so enge Verbindungen zu einer staatlichen Behörde eines anderen Landes pflegt ...

Alboga: Wieso soll die Zusammenarbeit mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten ein Problem sein? Es handelt sich um ein religiöses Amt, das sich nicht in staatliche Fragen einmischt. Oft genug ist von einem Europa ohne Grenzen die Rede. Es werden tausende transnationale Projekte durchgeführt und gefördert, bei denen öfter auch die Türkei beteiligt ist. Die Zusammenarbeit mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten kann uns da nur bereichern. Dies wird die Einbürgerung des Islam in Europa fördern und erleichtern, weil wir deutsche Muslime mit türkischem Hintergrund im Religionsverständnis nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Das Präsidium für Religionsangelegenheiten ist auch für die Muslime aus den Balkanländern eine vertraute und vertrauenswürdige Einrichtung. Ein in Europa heimisch werdender Islam kann von aus der Türkei und vom Balkan stammenden Muslimen nur profitieren. Das Präsidium für Religionsangelegenheiten unterstützt im Übrigen mit der Stiftungsprofessur an der Universität Frankfurt auch eine deutschsprachige Theologenausbildung. Wir können nur dankbar dafür sein, dass es diese Aufgabe bereits übernommen hat, bevor in Deutschland Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet wurden.

HK: Dennoch bleibt es noch ein weiter Weg bis zur Ausbildung von ausreichend vielen Imamen und Religionslehrern ...

Alboga: Den Bedarf an in Deutschland sozialisierten und gut ausgebildeten muslimischen Theologinnen und Theologen versuchen wir in Kooperation, konkret durch die Einführung internationaler Studiengänge an den Universitäten Ankara und Istanbul in kleinen Schritten zunehmend abzudecken. An diesen internationalen Theologie-Studiengängen können deutsche Muslime mit einem deutschen Abitur und mit sehr guten Türkischkenntnissen teilnehmen. Diese jungen Menschen, die dann oft Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch und auch Arabisch können, werden in den kommenden Jahren wieder nach Deutschland kommen. Sie sind im deutschen Schulsystem groß geworden. Jetzt müssen wir schauen, dass diese jungen Menschen als Religionslehrer eingesetzt werden können. Wir sind bereit, darüber ins Gespräch zu kommen.

HK: Ist mit diesem türkischen Hochschulprogramm auch eine gewisse Skepsis angesichts der Forderung nach einer Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern an deutschen Universitäten verbunden?

Alboga: Wieso? Wir wollen, dass in Deutschland islamische Theologie als Hochschulstudium ermöglicht wird. Diese Fakultäten können und dürfen allerdings nur mit Beteiligung der muslimischen Religionsgemeinschaften gegründet werden. Dafür können unsere Modelle, mit denen wir viel früher begonnen haben, als Beispiel dienen. Wir arbeiten gerne mit an der Entwicklung des Konzeptes für die vorgeschlagenen Beiräte mit Vertretern aus den Verbänden und Einzelpersönlichkeiten und gestalten auch die Studienpläne mit. Das deutsche Hochschulsystem hat bisher Erfahrung mit der christlichen Theologie, wir als DITIB können auf die Erfahrung mit der islamischen Theologie zurückgreifen. So wird das Problem leichter gelöst als gedacht. Sobald die Anerkennung zugesprochen wird, können wir als Religionsgemeinschaft unseren Teil beitragen.

„Wir dürfen nicht alle Integrationsprobleme auf das Sprachniveau der Imame reduzieren“

HK: Wie realistisch ist in absehbarer Zeit ein Deutsch sprechender Imam als Regelfall? Erst jüngst wurde wieder festgestellt, dass hierin eines der größten Hindernisse für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit seinen muslimischen Minderheiten besteht ...

Alboga: Wie erachten die deutsche Sprache als sehr wichtig. Allerdings ist noch eine weitere Dimension zu berücksichtigen. Die Imame bieten religiöse Dienste an. Wenn eine Gemeinde bei der Vermittlung religiöser Inhalte oder gottesdienstlicher Handlungen eine bestimmte Sprache wünscht, wird sie dies entsprechend organisieren. Insofern gibt es immer noch, trotz einiger Ausnahmen, zahlreiche Gemeinden, die sich türkisch- oder anderssprachige Imame wünschen. In absehbarer Zukunft werden wir in der Tat einen größeren Bedarf an bilingualen Imamen haben. In einigen Moscheen ist Predigtsprache mittlerweile neben der Muttersprache der Mehrheitsgemeinde Deutsch – oder es gibt zumindest deutsche Übersetzungen. Und da die Imame auch außerhalb der Moschee ihre Dienste anbieten, sollten sie natürlich in Zukunft besser Deutsch können. Immerhin gibt es mittlerweile einige deutschsprachige Imame.

HK: Welche Rolle spielen dabei die jüngst aufgelegten Programme für die Fortbildung türkischer Imame?

Alboga: Das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten, die deutsche Botschaft, die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Goethe-Institut bereiten mit einem gemeinsamen Programm türkische Imame auf ihre Aufgabe in Deutschland vor. Hierzulande organisieren dann DITIB, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Goethe- Institut Fortbildungsseminare mit weiteren Sprachkursen und landeskundlichen Angeboten. Die Imame kommen damit auf ein höheres Niveau als von Neuzuwanderern gefordert. Nicht alle Probleme werden jedoch durch das Erlernen der deutschen Sprache zu lösen sein. Deutschsprachige Imame sind wichtig, aber wir dürfen nicht alle Integrationsprobleme auf das Sprachniveau der Imame reduzieren. Wir müssen mehr aufeinander zugehen. Alle sind dafür gefordert.

HK: Werden sich Imame mit ihren Tätigkeitsfeldern dem Seelsorger, wie sie die beiden großen Kirchen kennen, zunehmend angleichen?

Alboga: Die Aufgaben der Imame sind sehr vielfältig. Ein Imam ist noch kein voll ausgebildeter Seelsorger, weil dies nicht zu seinen Hauptaufgaben gehört. Wir beraten noch, wie und über welches Personal solche Dienstleistungen abzudecken sind. Wir wollen ein Konzept entwickeln und mit relevanten Kooperationspartnern eine Aus- und Fortbildung anbieten. Sie wären auch denkbar für jene Muslime, die in Deutschland ausgebildete Sozialpädagogen sind, sowie jene, die in der Türkei ein islamisches Theologiestudium absolviert hatten, jedoch bisher nicht eingesetzt wurden, aber entsprechend weitergebildet werden könnten.

HK: Was heißt das für die oft diskutierte Frage, ob es in Zukunft so etwas wie einen deutschen Islam geben wird?

Alboga: Es gibt nur einen Islam, aber es gibt unterschiedliche Prägungen muslimischer Frömmigkeit und des Religionsverständnisses, so wie das Christentum in Deutschland anders gelebt wird als in Brasilien oder in Russland. Die Religionspraxis in der Türkei ist womöglich etwas anderes als in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften wie in Saudi-Arabien, Ägypten oder im Iran. Selbstverständlich wird eines Tages in Deutschland in einem ganz natürlichen Prozess ein Islamverständnis wachsen, das der deutschen Mentalität entspricht. Aber dies kann man natürlich nicht mit gesellschaftlichem oder politischem Druck erreichen.

HK: Was könnten die besonderen Charakteristika eines deutschen Islam sein, der sich im Lauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat?

Alboga: Es ist noch zu früh, dazu eine Prognose zu geben.

„Die Religion gibt türkischstämmigen Jugendlichen einen Halt“

HK: Wie bewerten Sie die Integration vor allem türkischstämmiger Migranten? Gibt es nicht auch beunruhigende Rückschläge?

Alboga: Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass die türkischstämmigen Migranten in Deutschland integriert sind. Deutlich gravierendere Probleme sind, dass zum Beispiel ein Drittel der Akademikerinnen und Akademiker türkischer Herkunft für sich keine Zukunft in Deutschland mehr sehen und das Land verlassen oder verlassen wollen. Das ist ein enormer Verlust für Deutschland. Der Hauptgrund dafür ist das Gefühl, nicht angenommen zu sein. Das müssen wir ernst nehmen. Wir sehen, dass Jugendliche wenig Perspektiven entwickeln können und ein großer Teil ohne einen Abschluss die Schule verlässt. Dagegen müssen wir ankämpfen. Aber es ist kein Zeichen der Integration oder Desintegration, sondern ein Zeichen dafür, dass die Generationen, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind, nicht in das Systemeingebunden wurden. Wir alle müssen einiges ändern, damit uns die Jugendlichen als intellektuelle Ressource erhalten bleiben. Jeder türkischstämmige Schüler muss das Gefühl haben, genauso wie ein deutsches Kind respektiert und gefördert zu sein. Wir machen die Erfahrung, dass die Religion für diese Jugendlichen einen Halt gibt und sie sich so viel besser und gelassener in der Gesellschaft orientieren können.

HK: Welche Quellen islamischer Theologie sind denn stark zu machen angesichts von muslimischen Strömungen, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind?

Alboga: Die Bindung an das Grundgesetz ist nicht auf theologische Quellen zurückzuführen. Für die Bürger eines Landes ist immer die jeweilige Gesetzgebung bindend. Tatsache ist, dass die Muslime ein Teil Deutschlands und Europas geworden sind. Das bedeutet, dass sie sich auch die rechtlichen Strukturen aneignen. So ist das Grundgesetz für uns, Bürger dieses Landes, bindend. Die islamische Lehre basiert auf vier Quellen, die eine jeweils unterschiedliche Gewichtung haben. Die primäre Quelle unseres Glaubens ist der Koran, die zweite ist die Sunna. Der Koran stellt unmittelbar das Wort Gottes dar. Das Leben des Propheten wird als der gelebte Koran verstanden. In beiden Quellen finden sich Regeln und Hinweise, die den Gläubigen auf den rechten Weg, auf den Weg der Liebe, Toleranz, Frömmigkeit, des Respekts und weiterer konstruktiver Werte leiten. Die Koranverse können nach unterschiedlichen Methoden gelesen werden. Wichtig dabei ist, dass die Muslime den Koran immer wieder neu lesen und sich daran orientieren können. Der Koran als Gottes Wort gilt gerade deshalb als ewig, weil die Muslime ihn bei jeder Entwicklung, die sie durchlaufen, mit Blick auf den Kontext für sich je neu entdecken können. Auch die Muslime in Deutschland sind deshalb angehalten, den Koran und die Auslegungen des Propheten Mohammed kontextbezogen zu lesen und auch zu verstehen.

HK:Hier gibt es also positive Ansätze für eine gelingende Integration …

Alboga: Es gibt heute Schauspieler, Fußballspieler, Autoren, Kabarettisten und viele sehr erfolgreiche Akademiker und Akademikerinnen bis hin zu Unternehmern, die aus Arbeiterfamilien kommen und einen Migrationshintergrund haben. Vor allem gibt es einen Konsens darüber, dass wir eine offene und pluralistische Gesellschaft sind. Die Moscheegemeinden öffnen sich. Für jede Moscheegemeinde bilden wir als DITIB im Rahmen unseres Dialogprojektes „ProDialog@DITIB“, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Europäischen Integrationsfonds gefördert wird, zwei bis drei ehrenamtliche Dialogbeauftragte aus. Sie werden die Integrationsarbeit in den Moscheegemeinden fördern. Durch ihr ehrenamtliches Engagement kommt in die interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit in Deutschland ein neuer Wind. Aufgrund dieses Projektes wird auch die deutsche Sprache immer mehr zur Umgangssprache in den muslimischen Gemeinden. Sie ist inzwischen die Sprache der dritten und vierten Generation aus muslimischen Elternhäusern.

HK: Bundesinnenminister de Maizière hat jüngst die Kirchen aufgefordert, noch intensiver das Gespräch mit dem Islam zu suchen. Welche Rolle spielen die beiden großen Kirchen in diesen Prozessen?

Alboga: Die Kirchen sind unsere Kooperationspartner. Sie unterstützen auch die Einführung des islamischen Religionsunterrichts. Unsere Einladung zur Moschee-Eröffnung oder zu unseren Festen nehmen sie oft an, auch wenn nicht immer die Spitzenvertreter zu uns kommen. Ab und zu gibt es Spannungen. So warten wir immer noch auf den zugesagten Kommentar zur EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ und auf eine Antwort auf unser Angebot zu einem Gespräch beziehungsweise Treffen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Ich bedauere, dass wir Juden, Christen und Muslime nicht einmal im Jahr zu einem solchen Gespräch mit den Spitzenvertretern zusammenkommen. Wir sind insgesamt im Kontakt. Er müsste jedoch noch intensiver werden.

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