Wie sich die Gemeinschaft der Aleviten in der europäischen Diaspora neu erfindet„Was wäre in der Türkei aus uns geworden?“

Einst trieben Diskriminierung und Verfolgung viele türkische Aleviten ins europäische Ausland. Dort entstanden innovative Spielarten alevitischer Religion und Kultur, die heute das internationale Bild der Bewegung prägen. Besonders wichtig sind die Gemeinden in Deutschland.

Was wäre in der Türkei aus uns geworden?
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Auf den ersten Blick war der türkische Prozess gegen Turgut Öker, der im Sommer zu Ende ging, einer wie so viele in diesen Zeiten: politisch aufgeladen, voller Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens, mit skandalösem Ausgang. Und doch ist der Fall Turgut Öker etwas Besonderes: Der 59-Jährige ist deutscher (und türkischer) Staatsbürger und einer der wichtigsten Sprecher der Aleviten. Er ist der Vorsitzende der Alevitischen Union Europa und Ehrenvorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), deren Vorsitzender er von 1999 bis 2012 war, bevor er 2015 in die Türkei ging und für kurze Zeit Abgeordneter der kurdischen HDP im türkischen Parlament wurde. Ökers Fall wirft ein Schlaglicht auf die Situation der Aleviten – hier wie dort.

Denn vielleicht reichte schon seine Bedeutung für die alevitische Bewegung, dass er in der Türkei als „deutscher Agent“ bezeichnet wurde und jetzt wegen Präsidentenbeleidigung und Terrorpropaganda vor Gericht stand. Dass gegen ihn ein Ausreiseverbot verhängt worden war, bewerten in Deutschland lebende Aleviten als eine politische Maßnahme zur Einschüchterung der gesamten alevitischen Gemeinschaft. Sie sehen Willkür am Werk. Es sei den Türken ein Dorn im Auge, dass die Aleviten in Deutschland anerkannt sind. In der Türkei hingegen ringen die Aleviten um ihre Anerkennung, dort sind sie eine seit Jahrhunderten benachteiligte und stigmatisierte Minderheit, wenngleich mit 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung die zahlenmäßig stärkste (das wären bis zu 20 Millionen Menschen, unter ihnen wiederum etwa ein Drittel Kurden).

Die Aleviten, die in Deutschland unter den „türkischen Gastarbeitern“ der Sechziger- und Siebzigerjahre nicht auffielen, werden statistisch als Muslime gerechnet. Dass viele sich von der Mehrheit der sunnitischen Muslime und vom Islam insgesamt klar distanzieren, in Deutschland erkennbar vor allem seit der Bildung eigener Gemeinden ab 1989, liegt sowohl in ihrer Herkunftsgeschichte in der heutigen Türkei begründet als auch in dem Identitätsfindungsprozess, der für die Aleviten in der Diasporasituation in aller Freiheit möglich ist, sie aber auch stark in Anspruch nimmt. Dieser Prozess scheint noch lange nicht abgeschlossen, auch wenn wichtige Etappen erreicht worden sind. Er vollzieht sich in der Auseinandersetzung mit der Umgebung.

Erfolge

Wo stehen die Aleviten heute? Und was hat es mit den Aleviten auf sich, dass sie einerseits als gut integriert gelten und andererseits doch mit spezifischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben?

1989 ist das Jahr, in dem die Aleviten zum ersten Mal mit ihrer alevitischen Identität in die Öffentlichkeit traten, und zwar mit der Alevitischen Kulturwoche in Hamburg. Bis dahin pflegte man takiye (Schweigegebot), das Verbergen der eigenen Zugehörigkeit. Nach der Zerschlagung der politischen Linken in der Türkei und der Forcierung der „türkisch-islamischen Synthese“ nach 1980 kam es zu einer verstärkten Artikulation des „Alevitischen“ in der Türkei und in Deutschland. Ismail Kaplan, einer der Begründer der Bewegung, drückte es damals in Hamburg ebenso schlicht wie eindringlich aus: „Ich möchte, dass alle, die es wollen, sagen können: Ich bin Alevit.“

Was heute wie eine Selbstverständlichkeit klingt, war in dem Moment neu, emotional und hatte geradezu etwas Visionäres. Im September 2019 feierte die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF; die deutsche Abkürzung AGD ist weniger gebräuchlich), die heute etwa 160 Mitgliedsgemeinden vertritt, mit rund 20.000 Gästen ihr 30-jähriges Bestehen.

Die alevitische Bewegung hat in den dreißig Jahren große Erfolge zu verzeichnen. Die gesellschaftliche Teilhabe der Aleviten ist selbstverständlich, sie sind politische Akteure und geschätzte Dialogpartner. 2002 begann der alevitische Religionsunterricht in Berlin, dann ab 2006/07 in Baden-Württemberg, nachdem wichtige wissenschaftliche Gutachten der Alevitischen Gemeinde Deutschland die Eigenständigkeit als Religion(-sgemeinschaft) bescheinigt hatten – zum ersten Mal in der Geschichte der Aleviten und lange vor den islamischen Verbänden.

Heute wird in neun Bundesländern alevitischer Religionsunterricht erteilt, in Hamburg im Rahmen des „Religionsunterrichts für alle“. 2014/15 wurde an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg die weltweit erste Professur für Forschung und Lehre des Alevitentums eingerichtet und mit Handan Aksünger-Kizil besetzt. Dass sie nicht in Hamburg blieb und lange keine Aussicht auf eine feste Professur in Deutschland bestand, ist für die deutsche akademische Szene ein Verlust (und ein unrühmliches Kapitel). Aksünger-Kizil bekleidet seit 2018 die an der Universität Wien neu geschaffene Professur für Alevitisch-Theologische Studien. Es ist erfreulich, dass gerade jetzt in Hamburg Verfahren zur Besetzung von drei Professuren (davon eine Juniorprofessur) für Alevitische Theologie laufen.

Anlässlich des 30-jährigen Bestehen der AABF unterzeichneten die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der AABF-Vorsitzende Hüseyin Mat 2019 in Mainz einen Vertrag, der unter anderem Regelungen zu gemeinsamen Wertegrundlagen, alevitischen Feiertagen und alevitischem Religionsunterricht enthält. Damit ist Rheinland-Pfalz nach Hamburg (2012) und Bremen (2014) das erste Flächenland, das mit der Alevitischen Gemeinde Deutschland einen Vertrag schloss.

Die Aleviten sind sensibel für den Gedanken der Freiheit – auch die Freiheit der Anderen – und wissen die Rechte in der neuen Heimat zu schätzen. Sie gelten als gut integriert („so etwas wie die guten Jungs der deutschen Migrantenszene“, so Till-Reimer Stoldt in der „Welt“), als „moderne“ oder „liberale“ Muslime, die in der Trennung von Staat und Religion die notwendige Grundlage für die Religionsfreiheit sehen.

Herausforderungen

Gemessen daran, wie gut die Aleviten in westeuropäischen Gesellschaften offenbar angekommen sind, sehen sie sich allerdings nach wie vor großen Herausforderungen gegenüber.

Eine Akademietagung in Stuttgart im Februar dieses Jahres sprach Defizite an. So sei eine ordentliche Professur für Alevitische Theologie dringend notwendig, sagte Handan Aksünger-Kizil. Es gebe 18 Jahre nach Einführung des alevitischen Religionsunterrichts zwar Lehrpläne, aber noch keine einheitlichen Lehrmaterialien. Der Direktor des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen, Erdal Toprakyaran, sprach sich für alevitisch-theologische Seminare an deutschen Universitäten aus. Die rund 40 Professoren und Dozenten in den bundesweit sieben Zentren für Islamische Theologie lehrten fast ausschließlich den sunnitischen Islam. Eine so große Glaubensrichtung wie die Aleviten jedoch brauche ebenfalls eine akademische Heimat in Deutschland.

Abgesehen davon, dass die Zahl der Aleviten (etwa 500–800.000 in Deutschland, 60–80.000 in Österreich, 30–50.000 in der Schweiz, in Europa insgesamt 1,5–2 Millionen) zwar durchaus bemerkenswert, aber mit der Zahl der sunnitischen Muslime nicht vergleichbar ist, finden sich verschiedene Faktoren, die den Fortgang erschweren. Das Alevitentum ist über die Jahrhunderte weitgehend mündlich überliefert worden, sodass ein Kanon, auf den sich die wissenschaftliche Forschung und Lehre beziehen kann, erst erarbeitet werden muss – was auch schon ohne die ständige gesellschaftspolitische Beobachtung enorme Aufmerksamkeit verlangt. Die vielfältigen mündlichen Traditionen wie auch die kulturellen und die politischen Kräfte formten im Lauf der Geschichte ganz unterschiedliche „Alevitentümer“. Die politischen Verhältnisse zwischen Deutschland und der Türkei, die Möglichkeiten der Partizipation in der Diasporasituation sowie die Ungleichzeitigkeiten in der Identitätsbildung haben die Unterschiede der verschiedenen alevitischen Strömungen weiter verstärkt.

Es lohnt sich, die drei Hauptrichtungen im Folgenden knapp zu skizzieren und einzuordnen.

Das verbandlich organisierte Alevitentum, das maßgeblich aus der linken Bewegung in der Türkei hervorgegangen ist und mit der AABF an der Spitze die gesellschafts- und bildungspolitischen Erfolge errungen hat, profiliert sich nicht völlig einheitlich, aber weitgehend pointiert als eigenständige anatolische Religion in bewusster Abgrenzung vom Islam. Hier gibt es dann unterschiedliche Akzentsetzungen hinsichtlich der Herkunft und Ausprägung dieser synkretistischen Religion, deren zumindest historischer Bezug zum schiitischen Islam aber mit ins Bild gehört. Betont wird, bei aller Unterschiedlichkeit der Auffassungen, das zentrale, in den Cem-Häusern (Aleviten haben keine Moscheen) durchgeführte Cem-Ritual, an dem Männer und Frauen gleichberechtigt teilnehmen und zu dem auch Musik und rituelle Tänze gehören. Ebenso wird hervorgehoben, dass die Frauen keine Kopfbedeckung tragen (müssen), dass der Koran nicht wörtlich ausgelegt wird und die Scharia im Alltag nicht verpflichtend ist. So erfüllen die Aleviten nicht die fünf Säulen des Islam, auch sind Alkohol und Schweinefleisch nicht verboten.

Vertreter einer zweiten alevitischen Hauptströmung dagegen sehen sich durchaus als Muslime und das Alevitentum als eine spezifische (anatolische, sufische oder Ähnliches) Auslegung des Islam, gar als den „wahren Islam“. Sie legen auf den Zusammenhang mit den „schiitischen“ Elementen wert. In dieser Hinsicht tritt die besondere Verehrung des Imams Ali, des Vetters und Schwiegersohns des Propheten Muhammad – daher der Name Aleviten –, und seiner Nachkommenschaft (Ehl-i Beyt, die Imame) hervor. Freilich bildet Ali zusammen mit Muhammad, die beide „Inkarnationen“ des göttlichen ewigen Lichts sind, und Hak (Gott, Allah) eine Art Trinität, die von orthodoxen Muslimen als „extrem“ abgelehnt wird. Die Gemeinsamkeiten zu betonen und die Spaltung zwischen Sunniten und Aleviten zu minimieren sind Anliegen der CEM-Vakfı („Republikanisches Stiftungszentrum für Bildung und Kultur“) und ähnlicher Organisationen.

Eine dritte Gruppe schließlich versteht das Alevitentum nicht als Glauben oder Religion, sondern als eine Art spirituelle Lebensphilosophie oder als eine Weltanschauung mit humanistischer Prägung. Diese relativ junge Interpretation hat ihre Wurzeln zumindest teilweise in der tiefsitzenden Skepsis ursprünglich linksgerichteter Aleviten gegenüber Religion überhaupt und den damit verbundenen Ansprüchen und Traditionen. Wurde die Hinwendung zur Religion, wie sie im Kontext der AABF zu sehen ist (und die nicht zuletzt mit den Erfordernissen unserer religionsverfassungsrechtlichen Bedingungen zu tun hat), nicht mitvollzogen, konnte auf einer aufgeklärten und egalitären Basis ein kulturelles Alevitentum konzipiert werden, das einer humanistischen Weltanschauung ähnelt und manchmal auf eine Art Liebesgebot reduziert wird. Der Bezug zum Traditionsrepertoire des Alevitentums wird dabei insbesondere über den zentralen Stellenwert ethischer Prinzipien hergestellt, die auf Gewaltfreiheit und Toleranz zielen. Die eng mit dem sufischen Erbe verbundene Lehre von den „Vier Toren – Vierzig Stufen/Regeln“ ist für alle Aleviten ein wichtiges, wenn nicht das zentrale Element des Alevitentums, das in dem Fall philosophisch interpretiert wird.

Die Gruppen beziehungsweise Strömungen sind hier stark vergröbert zusammengefasst und lassen sich numerisch schwer beziffern. Die führenden AABF-nahen Aleviten sind hierzulande politisch besonders einflussreich, vielleicht aber zahlenmäßig nicht einmal die größte Gruppe. Die ethisch-philosophisch ausgerichteten Aleviten stellen vermutlich die kleinste Gruppe. In den Strömungen spiegeln sich natürlich gesellschaftliche Entwicklungen. Besonders die Tendenz der Abgrenzung vom (türkisch-sunnitischen) Islam ist sicherlich nicht ohne das allgemeine Negativimage des Islam zu sehen.

Österreich und Schweiz

Die Debatte wird innerhalb des Alevitentums in der Regel ohne Aggressivität geführt. In Österreich bildet sie sich allerdings institutionell ab, da dort Bekenntnis- und Religionsgemeinschaften staatlich anerkannt werden (können) und seit 2015 ein Islamgesetz gilt. 2013 erhielt die „Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich“, die sich zum Islam bekennt, sozusagen als „liberaler Flügel der Schiiten“ den Status einer Religionsgemeinschaft (IAGÖ, Eigenbezeichnung ALEVI; seit 2015 ohne „Islamische“ im Namen). Die „Föderation der Aleviten-Gemeinden in Österreich“ (kurz „Aleviten Österreich“), also die österreichische AABF, kämpft seit Jahren darum, als unabhängige Glaubensgemeinschaft anerkannt zu werden. Dies wurde jedoch bislang abgelehnt, zuletzt im Januar 2019. Kern der Begründung: Die dargestellte Lehre sei weitgehend identisch mit derjenigen der schon anerkannten (islamischen) ALEVI. Dagegen hat überraschend eine weitere Gruppe den Status einer eingetragenen Bekenntnisgemeinschaft in Österreich erlangt, die insbesondere kurdisch-nationalistische Aleviten vertritt: Das Alevitische Kulturzentrum beziehungsweise die „Alt-Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (AAGÖ)“ („Alt-Aleviten“). Sie sieht das Alevitentum als eine Naturreligion und leitet den Begriff Aleviten nicht vom Muhammad-Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib ab, sondern vom türkischen alev: „Flamme, Feuer“.

In der Schweiz sind die Aleviten unauffällig, seit 1992 organisieren sie sich in Vereinen. 2012 wurden sie als erste nichtchristliche Religionsgemeinschaft erstmals von einem Kanton staatlich anerkannt (Basel-Stadt). Die Gewichte sind in der Schweiz wohl so verteilt, dass die „Föderation der Alevitischen Gemeinden in der Schweiz (FAGS beziehungsweise İABF)“, die schweizerische Entsprechung zur AABF, mit ihren 13 Mitgliedsvereinen die große Mehrheit der organisierten Aleviten vertritt. Dem steht nur etwa eine Handvoll Vereine gegenüber, die sich im Islam verankert sehen. Hier sind Sympathien zum staatsnahen Alevitentum in der Türkei (CEM-Vakfı) vorhanden.

Allgemein gibt es von sunnitischer Seite moderate Einschätzungen ebenso wie scharfe Ablehnung. Einige vertreten die Ansicht, Aleviten müssten zur Raison gebracht werden, aber so, dass der Konflikt nicht nach außen kommuniziert wird, sondern der Schein der Gemeinsamkeit gewahrt wird. Man müsse gemeinsame Stärke zeigen, um Nichtmuslimen keine Gelegenheit zu geben, das Thema zu instrumentalisieren und Aleviten und Sunniten gegeneinander auszuspielen (Fitna zu stiften, das heißt Spaltung, Aufruhr).

Verfolgungserfahrungen – Hypothek und Verpflichtung für den Frieden

So unterschiedlich all diese Gruppen sind, so verbindet sie doch ein gemeinsames „Erbe“. Es sind die Pogrome, die Massaker, die Verfolgungserfahrungen, die tief in die alevitische DNA eingeschrieben sind. Nicht nur im Osmanischen Reich, sondern auch in der Türkei, in der sich die Hoffnung nicht erfüllte, dass sich mit Kemal Atatürk alles ändern würde.

Zwar gibt es gelegentlich Entspannungszeichen oder juristische Erfolge, so etwa das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) von 2016, das im Blick auf die Nichtgleichstellung der Cem-Häuser mit sunnitischen Moscheen in der Türkei von einem „eklatanten Ungleichgewicht“ zulasten der Aleviten sprach. Erstmalig wurde der Türkei auf diese Weise per EGMR-Urteil die Benachteiligung der Aleviten vorgehalten. Doch grundlegend hat sich an der Situation der Aleviten bis heute kaum etwas geändert.

Einen besonderen Stellenwert haben ob des Gewaltfurors fünf Ereignisse in der alevitischen Leidensgeschichte: 1937/38 wurden im türkischen Dersim (heute Tunceli) Zehntausende Menschen massakriert oder zwangsumgesiedelt. 1978 verloren Hunderte von Menschen in Maraş (heute Kahramanmaraş) ihr Leben, zumeist bestialisch ermordet; Tausende wurden misshandelt und verletzt, der Großteil der alevitischen Bevölkerung wurde aus der Stadt vertrieben. 1980 kam es in Çorum und Umgebung zu massiven Übergriffen auf alevitische Stadtviertel und Dörfer mit vielen Toten und Verletzten. Zahlreiche alevitische Familien flohen für immer aus der Region.

Am 2. Juli 1993 steckte ein islamistischer Mob ein Hotel in der Stadt Sivas in Brand, in dem sich zahlreiche Künstler anlässlich eines alevitischen Kulturfestivals aufhielten. 37 Menschen fanden den Tod, die meisten von ihnen Kultur-, Musik- und Literaturschaffende alevitischen Glaubens. Polizei und Rettungskräfte wurden gerufen, griffen jedoch, wenn überhaupt, erst sehr spät ein. Es gibt Anzeichen mindestens für eine Duldung des Angriffs seitens der staatlichen Behörden. Viele – auch verurteilte – Täter sind bis heute auf freiem Fuß, sehr wahrscheinlich leben neun von ihnen unbehelligt in Deutschland (Ende 2019 erstatteten zwei Berliner Abgeordnete Anzeige gegen neun Täter, nachdem sich die juristische Einschätzung einer möglichen Auslieferung oder einer Ahndung hier in Deutschland offenbar geändert hat). „Sivas“ war der entscheidende Auslöser für die politische Mobilisierung der alevitischen Bewegung in Europa und in der Türkei, auch über interne Differenzen hinweg. Nach diesem Fanal kam es zu vielen Gemeindegründungen nicht nur in Deutschland.

Schließlich wurden nur zwei Jahre später, im März 1995, im Istanbuler Stadtviertel Gazi etwa 20 Menschen ermordet.

Offiziell werden die Aleviten in der Türkei heute nicht mehr ausgegrenzt, aber die Assimilationspolitik der Regierungspartei AKP („Sunnitisierung“) und die nach wie vor vorhandenen Ressentiments in der Bevölkerung lassen die Gegensätze zwischen der konservativ-sunnitischen Mehrheit und den eher laizistisch und moderat geprägten Aleviten immer wieder aufbrechen. Das regelmäßige Gedenken ist zweifellos emotional und politisch enorm aufgeladen, wie die Reaktionen von beiden Seiten immer wieder zeigen. Für viele Aleviten sind die Leidenserfahrungen jedoch nicht nur Hypothek, sondern auch Motivation und Verpflichtung zur Friedensarbeit und zum Eintreten für Freiheit und Toleranz.

Gegenwart und Zukunft

Als Außenstehender nimmt man staunend zur Kenntnis, wie lebendig und in vielerlei Hinsicht flexibel sich alevitisches Leben in unserer Umgebung Gestalt gibt. Wir sind Zeugen des Selbstfindungsprozesses einer Gemeinschaft, die in der Diasporasituation die Gelegenheit ergreift, sich in mancher Beziehung gleichsam neu zu erfinden. Begünstigt wird dieser Wandel auf weitgehend säkularer Basis (Akzeptanz der Trennung von Religion und Staat) sicher von der historischen und strukturellen Offenheit der alevitischen Traditionswelt, die im Ganzen wenig erforscht, geschweige denn in Bedeutung und Praxis festgelegt ist. Hinzu kommt die sukzessive Loslösung vom türkischen Kontext, die aus eben diesen Gründen auch verhältnismäßig leichtfällt und starke Auswirkungen zeitigt auf dem fruchtbaren Boden der Diaspora.

Welche Bedeutung diese Erfahrung in der neuen Heimat für Aleviten hat, formulierte Turgut Öker, um auf ihn zurückzukommen, am 6. März 2009 anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Alevitischen Gemeinde Deutschland vor Spitzen aus Politik und Gesellschaft und etwa 1500 geladenen Gästen in Berlin so: „Ich möchte mich im Namen der Alevitischen Gemeinde Deutschlands dafür bedanken, dass Deutschland seinerzeit Gastarbeiter aus der Türkei anwarb. Was wäre wohl aus uns Aleviten und aus dem Alevitentum geworden, wenn wir in der Türkei geblieben wären? Uns allen wurde in Deutschland ein Leben in Freiheit und mit Würde ermöglicht. Wir konnten uns organisieren und unsere Kultur und unseren Glauben ausleben. Wir wurden hier als Religionsgemeinschaft anerkannt. Wir können in den Schulen unsere Lehre an unsere Kinder vermitteln. Wir werden von den Kirchen und vom Staat als Dialogpartner anerkannt und wahrgenommen. Wir können hier wieder friedlich miteinander leben.“

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