Was heute von Heinrich Böll zu lernen wäreEin unbequemer Katholik

Vor 25 Jahren starb Heinrich Böll. Um den in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg viel beachteten Schriftsteller ist es ziemlich still geworden. Böll stand seiner Kirche kritisch gegenüber, war aber in der katholischen Religiosität tief verwurzelt. Glaube war für ihn auch mehr als bloßes Gefühl. In der heutigen religiösen Landschaft kann die Erinnerung an ihn hilfreich sein.

Zahlreiche krisenhafte Entwicklungen nähren heute die Befürchtungen vieler Kirchenchristen, der Anfang vom Ende des kirchlich-institutionell verfassten Christentums sei gekommen. Dem steht jedoch das Phänomen gegenüber, dass unsere Zeit geradezu von einem Boom (religiöser) Sinnsuche aller Art geprägt ist. „Sehnsucht nach Sinn“ (Peter Berger), „Sehnsuchtsreligion“ (Maria Widl) – so lauten unter anderem die Beschreibungen für eine Sinnsuche, die an den Kirchen vorbeizulaufen scheint. Der Boom des Religiösen geht offensichtlich unmittelbar zu Lasten seiner kirchlich gebundenen Verfassung: Religion ist „in“, die Kirchen leer.

Vor dem Hintergrund dieser sich zum Teil sehr widersprüchlich ausnehmenden religiösen Landschaft der Gegenwart erscheint das Werk Heinrich Bölls ebenso aktuell wie „überholt“. Bölls resigniertes Urteil in seinem letzten Roman „Frauen vor Flusslandschaft“ (Köln 1985): „Die Kirche hat ausgedient – hierzulande“, seine Enttäuschung über unglaubwürdige Priester, die als „Pfaffen“ lediglich noch zur „Dekoration“ taugen und deren Gottesdienste „keinen Trost“ mehr spenden – all das entspricht in vielerlei Hinsicht aktuellen Verfallsdiagnosen zum Niedergang kirchlich gebundener Religion.

Vom „Milieu“ freigeschrieben?

„Die Kirchen“, so Böll in einem Interview mit René Wintzen, „können nicht spirituell oder spiritualistisch denken.“ Vor allem das Kirchensteuersystem offenbarte für Böll die materialistische Ausrichtung der „Institution“ Kirche. Ende der sechziger Jahre war Böll denn auch nicht mehr bereit, Kirchensteuer zu zahlen. Böll hielt diese Steuer für eine „Art Zuhälterei“ der Institution Kirche, die in seinen Augen als kapitalistisches Unternehmen, nicht aber als Gemeinschaft christlichen Lebens auftrat. Als Unternehmen, so Böll in seinem Interview mit René Wintzen, „verrechtlicht“ die Kirche das Verhältnis zur Religion, sie „fiskalisiert“ es. 1976 zieht Böll einen Schlussstrich und erklärt seinen Austritt aus der Kirche als rechtlicher Institution. Eine konsequente Entscheidung und vorläufiger Höhepunkt einer Kritik an der katholischen Kirche, die Bölls frühe Nachkriegstexte über „Ansichten eines Clowns“ von 1963 bis zu den Romanen der siebziger Jahre wie „Gruppenbild mit Dame“ (Köln 1971) bestimmt.

Es ist eine leichte Übung, Heinrich Böll primär als prominenten Kirchenkritiker zu profilieren und von hier aus seine bleibende Bedeutung herauszustellen, wie dies etwa Heinrich Vormweg in seiner Böll-Biographie „Der andere Deutsche“ (Köln 2000) versucht. Böll, so Vormweg, war geprägt von einem Elternhaus, in dem eine „entschieden aufklärerische Kritiklust“ auch „vor der Kirche nicht haltmachte“. Die in Bölls Familie vorherrschende „skeptische Sicht auf die Kirche“ und ihre „im Zölibat lebenden Diener“ ist nach Vormweg vor allem auf die Erfahrungen zurückzuführen, die Bölls Vater mit „Gottesdienern“ machte. Als Bildhauer und Schreiner erledigte Bölls Vater Auftragsarbeiten für die Kirche und hatte dabei, so Vormweg, jede Menge Gelegenheiten, „mitzubekommen, was der Zölibat praktisch bedeutete“: Er „drängte eben auch zu sexuellem Missbrauch“.

In seinem Interview mit René Wintzen spricht Böll selbst davon, dass der Vater ihm seine „düsteren Erfahrungen mit Priestern“ nicht verschwieg und dass das tiefe Misstrauen des Vaters gegen das kirchliche Milieu und seine „Würdenträger“ wohl auch der Grund dafür war, den Söhnen das Ministrieren strikt zu verbieten. Von eben diesem „Milieu“ will sich Böll, so suggeriert Vormwegs Biographie, freischreiben und lösen. „Marienkinder“, „zölibatäre Zwangsvorstellungen von Reinheit“, „theologische Feinheiten“ – das alles, so Vormweg, „fällt nach und nach ab. Böll hat sich nur wie so viele Menschen aus Fesseln befreien müssen, die den Katholiken wie ein Nessushemd lähmten und peinigten.“

In dieser Deutung, die letztlich mehr über die kirchenfeindliche Einstellung von Vormweg selbst verrät als über den kritischen Katholiken Böll, scheint das Werk des „anderen Deutschen“ brisanter und aktueller denn je. Dem steht jedoch die ernüchternde Tatsache gegenüber, dass Heinrich Bölls Werk, wie Christian Linder in seiner Böll-Biographie „Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils“ (Berlin 2009) bedauernd feststellt, heute „fremd bis zum Vergessen“ geworden ist. Dazu fügt sich der ebenfalls ernüchternde Befund, dass Böll an Schulen nur noch selten gelesen wird und in der massenmedial sozialisierten jüngeren Generation kaum noch bekannt ist, dass Böll der Literaturnobelpreis verliehen wurde und er der erste Katholik unter den deutschsprachigen Preisträgern war.

Dieser „Absturz“ in die Vergessenheit zeichnet sich früh ab: Böll wurde schon zu seiner Zeit mehr als prominenter Staatsbürger denn als Schriftsteller wahrgenommen. Böll erwarb diesen Prominentenstatus dadurch, dass er sich auch politisch engagierte und einmischte. Seine zum Teil von einem großen Medienecho begleiteten Einsätze und Kämpfe, vor allem gegen die Remilitarisierung, die Springer-Presse und nicht zuletzt gegen die Atomwirtschaft, verstärkten das Image vom „guten Heinrich“, dem „Gewissen der Nation“.

Eine eigentümliche Ambivalenz

So eindeutig Böll selbst sich des „Konflikts zwischen Schreibtisch und Saal“ bewusst war, wie er ihn in einem Fernsehinterview aus dem Jahr 1972 benannte, so vehement wehrte er sich zugleich gegen das „Image“ vom „guten Hein“. Böll litt unter dem „Image“, das ihm in der (medialen) Öffentlichkeit zugeschrieben wurde und ihn dem Druck aussetzte, nach außen stets der „gute“, „moralische“ Mensch schlechthin sein zu müssen. „Und außerdem bilde ich mir ein“, so schrieb Böll am 29. Dezember 1983 resigniert an Fritz J. Raddatz, „noch nicht ,erkannt‘ worden zu sein“.

Dieses Verkanntwerden ging vor allem mit Vereinnahmungen Bölls als Kirchenkritiker einher, in denen die eigentümliche Ambivalenz des Menschen und Schriftstellers Heinrich Böll ausgeblendet wurde. „Mein Verhältnis zur katholischen Kirche als Institution“, so bekannte Böll 1974 in einem Interview mit Renate Matthaei und Peter Hamm, „ist vergleichbar meinem Verhältnis zum Deutschsein: ständige Spannung, ständige Ablehnung – und Wissen: doch dazuzugehören – unvermeidlich.“ Diese Ambivalenz, diese „Spannung“ bestimmt Bölls Leben und Werk bis zuletzt. Er befreite sich von den „Fesseln“ religiöser „Tyrannei“ – siehe Vormwegs Biographie –, aber er gab seine religiöse Bindung nicht auf und verleugnete seine Herkunft nicht. Er blieb, wie er in seiner autobiographischen Erinnerung „Was soll aus dem Jungen bloß werden?“ (Bornheim 1981) schrieb, „trotz allem katholisch, katholisch, katholisch“.

Bölls Kritik an „Pfaffen“, seine Polemik gegen scheinheilige „Verwalter“ des Glaubens ist legendär und viel zitiert. In „Und sagte kein einziges Wort“ (Köln 1953) spürt Käte Bogner, deren Familienleben unter der Wohnungsnot im Nachkriegsdeutschland fast zerbricht, „Hass auf die Priester, die in großen Häusern wohnen und Gesichter haben wie Reklamebilder für Hautcreme“. Aber im Roman ist es bezeichnenderweise wiederum ein Gottesdiener, ein „Dreiminuspriester“ ohne Orden, ohne gute Zeugnisse und ohne „Märtyrer-Krone“, der Käte Bogners Hass teilt und ihr dennoch zugleich hilft, ein Leben ohne Hass und Angst zu leben.

Böll geißelte die Kirche immer wieder als Ort der Unbarmherzigkeit, Hochmütigkeit und heuchlerischen Frömmigkeit, aber sie konnte für ihn wie im Roman „Und sagte kein einziges Wort“ auch ein Ort „unendlichen Friedens“ sein, an dem die „Gegenwart Gottes“ erfahrbar ist. Bölls Kritik an der „Institution“ Kirche wurde immer erbitterter, aber seine schonungslose Verurteilung der katholischen Amtskirche war eine Kritik im Namen des Christentums. Und so blieb er beheimatet in einer Kirche, die für ihn den „Körper Christi“ darstellte und zu der er, so Böll gegenüber René Wintzen, ein „mystisches“ Verhältnis hatte. Er trat aus der katholischen Kirche aus, aber er blieb ein praktizierender Katholik. Auch nach seinem Austritt war sein Glaube katholisch, kirchlich bestimmt. Er nahm an Gottesdiensten teil und ging zur Kommunion.

Bölls Werk stand unter dem Einfluss der katholischen Erneuerungsbewegung Frankreichs, aber Böll selbst war kein fortschrittlicher religiöser „Reformator“. „Ich bin ein alter Reaktionär“, so bekannte Böll gegenüber seinem Freund Erich Kock. Bölls Theologie war in mancher Hinsicht vorkonziliar ausgerichtet, vor allem die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums lehnte er in weiten Teilen ab. Böll, so Christian Linder in seiner Biographie, war nicht auf der Suche nach einer „vita nova“, er verließ seine „alte Welt“ nicht. Er griff das Milieu des rheinischen Katholizismus auf heftigste Weise an und blieb doch in diesem Milieu verortet. Böll setzte in „Ansichten eines Clowns“ seine „Theologie der Zärtlichkeit“ gegen eine „patriarchalische“ Theologie „von oben“, aber er wandte sich zugleich gegen all jene „zeitgeistigen“ christologischen Ansätze, in denen die Jesusgestalt auf ein rein menschliches Vorbild reduziert wurde.

Böll kritisierte Zerrformen von Religiosität, leere Rituale und „Frömmigkeitsübungen“, aber er war kein zynisch-aufgeklärter Religions- und Kirchenkritiker. Er war vielmehr geradezu „altmodisch“ fromm. Er betete sein Leben lang und hielt auch unter schwierigsten Verhältnissen an seinem Glauben fest. „Wir sind in völlig verworrene und verdorbene Zeiten geraten“, schreibt Böll am 21. März 1943 an seine Frau Annemarie, „aber wir müssen uns durchfinden! Wir müssen! Ich empfinde es selbst manchmal, wie mutlos und unentschieden ich in manchem noch bin. Ach, man muss beten und beten und beten!“

„Fremd bis zum Vergessen?“

Die Tatsache, dass Böll früh auf medienflüchtige Images und Klischees festgelegt wurde und die medienöffentliche Person den Blick auf das Werk verstellte, erklärt nicht vollständig, warum dieses Werk in der heutigen Lesergeneration „fremd bis zum Vergessen“ geworden ist. Bezeichnenderweise kam Böll schon zu Lebzeiten ein Teil seiner Leserschaft abhanden. Bölls Welt ist geprägt von einer katholischen Frömmigkeit, die, so Carl Amery in seinem Essay „Mammon auf dem Dach. Bemerkungen zur Entwicklung des katholischen Romans“ (1967), „zu einem gewissen Grad“ eine „konstante Informiertheit“ erfordert, die „Kenntnis der inneren Details“. Vor allem Bölls frühe Romane und Erzählungen zeugen von dieser „Informiertheit“, sie enthalten das „Inventar“ katholischer Kirchlichkeit: Kreuze, Heiligenfiguren, Madonnen, Kerzen, Weihwasserbecken. Dieses Inventar ist nicht einfach „Staffage“, sondern Teil des praktischen Glaubensvollzugs.

In einem Gespräch mit Horst Schwebel verweist Böll auf seine Romanfiguren Leni Gruyten und Katharina Blum und konstatiert nüchtern: „Kirchlich oder auch nur christlich bestimmt ist bei beiden Frauen das Milieu schon nicht mehr.“ Die gesellschaftliche Prägehaft der christlichen Religion, katholische Praxis, gelebte religiöse Gestaltungsformen – all das verliert sich zusehends. So urteilt Manfred Durzak in seiner Studie „Der deutsche Roman der Gegenwart“ (3. Aufl., Stuttgart 1979) über das Böllsche Werk der siebziger Jahre, es sei „symptomatisch“, dass „gerade die Szenen, in denen es Böll um die Gestaltung religiöser Durchbrüche geht, häufig auf das Wohlwollen der Leser angewiesen sind“.

Das hier angedeutete Verfallszenario über den Niedergang des Glaubens und der religiösen Praxis hat sich heute weiter verschärft. Die „Informiertheit“, auf die Böll sich beziehen und die geschlossenen katholischen Lebensräume, auf die er in seinem Frühwerk bauen konnte, sind nahezu vollständig verdunstet. Sind Bölls Werke also (nur noch) als historische Dokumente zu lesen, in denen sich die Religions- und Kirchengeschichte einer vergangenen Epoche spiegelt und kritisch reflektiert wird? Was bleibt von Heinrich Böll in Zeiten, in denen Religion in Gestalt der christlichen Kirchen erodiert und sich der Traditionsabbruch beschleunigt?

Vielleicht kann man Böll auf eine andere Weise aktualisieren, indem man ihn auf eben diese Erosionsprozesse bezieht. An dieser Stelle ist zunächst nicht so sehr das Böllsche Werk an sich wegweisend, sondern vielmehr die Wirkung, die von diesem Werk ausging – eine Wirkung, die man Literatur heute nicht mehr zutraut und in der Regel auch gar nicht zubilligen will. Manfred Nielen verweist in seiner Studie „Frömmigkeit bei Heinrich Böll“ (Annweiler 1987) auf die vielfältigen „Wirkmöglichkeiten“ von Bölls Werken und betont, dass diese „auch zur Veränderung oder zum bewussteren Vollzug von Glaubenspraxis beigetragen haben“.

Die Wirkung, die Manfred Nielen dem Werk Bölls zuerkennt, lässt sich nur erzielen, wenn auch die Person selbst als glaubwürdig wahrgenommen wird. Die Glaubwürdigkeit Bölls zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er die Positionen, für die er literarisch und publizistisch eintrat, auch lebte und bezeugte. Die „Wahrhaftigkeit“ Bölls, die Karl Korn 1961 im Spiegel hervorhob, sprachen ihm nicht nur namhafte Kritiker zu, sondern auch viele Leser, die spürten, dass hier jemand aus einer, so Linder in seiner Biographie, „dichten Identität mit dem Gelebten“ heraus schrieb. Dass eben diese Leser sich zunehmend ein simples Bild von Böll als Moralist zurechtlegten, war die Kehrseite der öffentlichen Anerkennung und Popularität. Aber selbst in diesen vielen Zuschreibungen und „Images“ blieb etwas erhalten, das man vor allem mit dem frühen Böll untrennbar verband und das man heute in einer massenmedial geprägten Gesellschaft mit dem Prädikat „authentisch“ versieht.

Diese Authentizität Bölls war, so Manfred Nielen, durch ein bemerkenswertes „Nebeneinander von Frömmigkeit und Kirchenkritik“ bestimmt. Die literarischen Figuren in Bölls Frühwerk lösen sich von der „offiziellen“ Kirche, aber ihr Glaube ist weiterhin katholisch, kirchlich geprägt. Sie nehmen am Gottesdienst teil, sie beichten und sie beten und sie wissen, dass all dies im Leben auch helfen kann. Diese Frömmigkeit der Böllschen Figuren ist in vielen Milieus, wie sie die Sinus-Kirchenstudie beschreibt, tatsächlich „fremd bis zum Vergessen“ geworden, und doch nimmt sie etwas vorweg, was viele heute mit dem schillernden Begriff der „Spiritualität“ verbinden.

In „Und sagte kein einziges Wort“ wirft Käte Bogner ihrem Mann vor: „Und niemals denkst du daran, dass Beten das einzige ist, was helfen könnte.“ Beten, so ist Käte Bogner überzeugt, „ist etwas für Nüchterne. Es ist, wie wenn du vor einem Aufzug stehst und Angst hast aufzuspringen, du musst immer wieder ansetzen, und auf einmal bist du im Aufzug, und er trägt dich hoch“. „Frömmigkeit“, der Glaube an sich hat sich im Leben zu bewähren, er „trägt“ es, er gibt ihm Halt und er kann dabei helfen, das alltägliche Leben zu bewältigen.

Zum Glaubensvollzug gehören gelebte Inhalte

Die unmittelbare Lebensrelevanz des Glaubens, die Böll hier hervorhebt, bedient vordergründig gesehen genau das, was viele Menschen heute von Religion und Glaube erwarten. Für die postmodernen Sinnsucher ist primär das funktionale „Eigeninteresse“ an Religion maßgebend. Konkret heißt das: Es werden vor allem die Lebenshilfefunktionen von Religion nachgefragt – Funktionen, die sich bei ganz verschiedenen Anbietern abrufen lassen. Die Anfrage an diese Anbieter lautet jeweils: Wie hilft mir Religion in meiner Lebenssituation und meinem Alltag? Wie kann ich meinem Leben Sinn verleihen und es „besonders“ machen?

Viele dieser Fragen treiben auch die Böllschen Figuren um. Aber Böll zeigt, dass Religion nur dann Hilfe im Alltag sein kann, wenn sie eben diesen Alltag auch durchdringt und prägt. Die heutigen (spirituellen) Sinnsucher wollen ihren Alltag „erhöhen“, Böll will den Alltag „heiligen“. Mit anderen Worten: Glaube und Religion geben dem Leben nicht nur Halt, sie geben ihm auch eine Form. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen. Für Böll, so Günther Wirth in seiner „essayischen Studie über religiöse und gesellschaftliche Motive im Prosawerk des Dichters“ (3. Aufl., Berlin 1974), „müssen religiöse Inhalte und Formen, also Nächstenliebe und Gebet, Mitmenschlichkeit und Sakrament, in der christlichen Existenz im menschlichen Alltag zusammenfallen“.

Man spricht heute viel von Religion als Medienphänomen und davon, dass es nicht mehr darum geht, was Religion im substantiellen Sinne „ist“, sondern was sie funktional gesehen leistet. Nach dieser Prämisse spüren vor allem praktische Theologen „Religion“ an verschiedensten, in der Regel medial geprägten Orten auf. Aber vieles, was hier so wirkt wie Religion, bleibt in der Regel ohne Wirkung und bestimmt die alltägliche religiöse Lebensgestaltung gerade nicht. Die Indikatoren für eine alltagspraktisch gelebte Religiosität – das belegen vor allem die Studien des Religionssoziologen Detlef Pollack – gehen in Deutschland seit Jahren kontinuierlich zurück.

Genau an dieser Stelle ist das Werk Bölls eine Erinnerung daran, dass zum Glaubensvollzug „gelebte“ Inhalte gehören, und dabei aber auch Inhalte und Formen aufeinander bezogen sein müssen. Böll lehnt eine Ästhetisierung von Religion ab, die einer unverbindlichen Folgenlosigkeit Vorschub leistet. Diese Folgenlosigkeit zeigt sich für Böll vor allem darin, dass religiöse Formen als „Dekor“ genutzt werden und Religion so letztlich nur noch Mittel zum Zweck ist. Bölls schonungslose Verurteilung solcher entleerter, folgenloser Instrumentalisierungen von Religion wirft zugleich einen kritischen Blick voraus auf das, was man heute als „Eventisierung“ und „Mediatisierung“ des Religiösen beschreibt.

In Gottesdiensten, die zu Repräsentationszwecken als Fernsehereignisse inszeniert werden, geht es, so Böll, nicht mehr um den Gekreuzigten und seine Botschaft. „Er war nicht da“, heißt es in „Frauen vor Flusslandschaft“. Was bleibt, ist eine „Show“ des Glaubens, eine Zurschaustellung von Frömmigkeit. „Man sah sie“, so Böll in seinem Roman „Fürsorgliche Belagerung“ (Köln 1979) über die „fromme“ Tochter des Großverlegers Fritz Tolm, „ziemlich häufig im Fernsehen, in den Illustrierten, (...) in der Kirche, wo sie mit ihrem süßen kleinen Mädchen vor der Mutter Gottes kniete.“

 „Du weißt auch“, sagt Fritz Tolm zu seiner Tochter, „dass Frömmigkeit keinerlei Garantie für irgendwas bietet.“ Frömmigkeit, die sich im Alltag nicht bewährt, die nicht praktisch gelebt wird und wirkungslos bleibt, bietet keinen Schutz, „keinerlei Garantie“. In „Ansichten eines Clowns“ ist es gerade der Agnostiker Hans Schnier, der das Evangelium Jesu Christi lebt, und nicht die „frommen“ Christen. Der Clown, der Narr ist der eigentliche Nachfolger Christi. Er praktiziert Nächstenliebe und Brüderlichkeit, den Mitgliedern des „katholischen Kreises“ geht es nur um die Einhaltung von „Gesetzen“ und „Ordnungsprinzipien“.

„Die Wahrheit tun“

Heinrich Bölls Religions- und Kirchenkritik, so Wilhelm Gössmann in seiner Studie „Kulturchristentum“ (Kevelaer 2002), „kommt aus den Erfahrungen einer säkularisierten Öffentlichkeit, einer säkularisierten Religiosität“. Aber Böll kommt es nach Gössmann gerade nicht auf „bloße Anpassungsprozesse“ an, er sucht vielmehr den „substantiellen Neubeginn und die Sicherung einer spirituellen Herkunft“. Dies zeigt sich bei Böll am deutlichsten in der sinnlichen Form der Vermittlung von Religion und Glaube. So will Böll, wie er in seinem Interview mit René Wintzen ausführt, vor allem die Sakramente als eine Form heilsamer kirchlicher Praxis „neu definieren (...) durch Versinnlichung“.

In dieser „Versinnlichung“ werden die Sakramente anthropologisch-lebensmäßig „übersetzt“, aus dem kirchlichen Raum herausgelöst und nehmen mitten im Alltag konkrete Gestalt an. So spricht Böll in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder den alltäglichen Mahlzeiten einen sakramentalen Charakter zu. Das Frühstück zum Beispiel hat für ihn „etwas Feierliches“, es ist ein „Feiertagsmahl“. In der „Ästhetik des Humanen“, wie sie Böll in seinen „Frankfurter Vorlesungen“ (1964) vorstellt, wird damit gerade das Alltägliche – „das Wohnen, die Nachbarschaft und die Heimat, das Geld und die Liebe, Religion und Mahlzeiten“ – sakramentalisiert.

Leni Gruyten in Bölls Roman „Gruppenbild mit Dame“ hat „keine Schwierigkeiten“, „wenn Irdisch-Materielles im Spiel (ist)“, „wenn es um Brot oder Wein (geht), um Umarmungen, Handauflegen“. Ihr sinnliches Verlangen, ihre „mit kindlicher Heftigkeit“ vorgetragene Bitte nach dem „Brot des Lebens“ lehnt der Religionslehrer als „proletarisch-materialistisch geäußerte Begierde nach dem Hochheiligsten“ ab. Im Verlauf des Romans erweist sich jedoch gerade Leni, die sich so schwer mit der „offiziellen“ Kirche tut, als eine wahre „Heilige“, die die „Theologie der Zärtlichkeit“ lebt und praktiziert – eine Theologie, die, so Böll in seinem Gespräch mit Christian Linder, „immer heilend wirkt: durch Worte, durch Handauflegen, (...) durch Küssen, eine gemeinsame Mahlzeit“.

Die Versinnlichung des Sakramentalen, wie sie in Bölls moderner Heiligen Leni zum Ausdruck kommt, liegt heute im Trend. So werden Sakramente wie die Taufe und die Erstkommunion als „kultische Handlungen“, die man mit allen Sinnen wahrnehmen möchte, auch weiterhin nachgefragt. Sie sind jedoch nicht mehr in eine kirchliche Glaubenspraxis eingebunden. Die Gemeinde, das Volk Gottes, die Kirche interessieren kaum noch. Religiöse Formen, Riten und Kult sind vielmehr in erster Linie dem Bedürfnis nach einer ästhetischen Inszenierung des eigenen Lebens untergeordnet.

Dem ist mit Böll entgegenzuhalten: Das „Gefühl“, das Emotional-Affektive gehört zur Religion, aber es muss auch substantiell praktisch werden. Religiöse Praxis setzt religiöses Wissen voraus. Gerade in Zeiten, in denen Glaubensferne und fehlendes Glaubenswissen Hand in Hand gehen und die Kirche ganz neue missionarische Herausforderungen zu bewältigen hat, sind Glaubenszeugen gefragt, die sich zu Inhalten bekennen und diese auch glaubwürdig vermitteln. Um den Glauben zu leben und zu bezeugen, ist also ein gewisses Maß an „Informiertheit“ nötig. Dort, wo diese „Informiertheit“ ausfällt, droht ein folgenloser Religionskonsum. So betont Böll in seinem Interview mit René Wintzen mit Blick auf den Sakramentsempfang, dass es für ihn „niederschmetternd“ sei, „wie wenig die Sakramente bei den Menschen als Masse bewirken. Wenn Sie sich vorstellen, dass Millionen Menschen (...) zur heiligen Kommunion gehen (...), und es ändert eigentlich die Menschen gar nicht.“

Gott zeigt sich gerade im Alltäglichen

In einem Interview mit Karl-Josef Kuschel beschreibt Böll seinen Glauben an Gott als ein Gebundensein, als eine „uralte Erinnerung an etwas, das außerhalb unserer selbst existiert“. Es ist die Erfahrung, das „Empfinden“, „dass man sich auf dieser Erde fremd fühlt“ und sich nach einem letztlichen Beheimatetsein in Gott sehnt. Diese Sehnsucht ist für Böll „keineswegs (...) ein bloßes Gefühl“. Das Gefühl als alleiniges Medium des Religiösen reicht nicht. Es muss auch um die praktische religiöse Wahrheit gehen. Das heißt für Böll aber auch: Man darf Gott nicht zum „Abladeplatz“ für „Probleme (machen), die wir Menschen lösen könnten“.

In Bölls Roman „Wo warst du, Adam?“ (Opladen 1951) nimmt der deutsche Soldat Feinhals Abschied von seiner Geliebten, der Jüdin Ilona, die allein zu ihrer Familie in das Ghetto zurückgehen will, obwohl sie weiß, dass dort bereits die Juden deportiert werden. „Sie würde kommen“, weiß Feinhals, „so schnell sie konnte, wenn sie Macht hatte, darüber zu bestimmen“. Doch „es war zwecklos, an diese Dinge denken zu wollen. Er musste jetzt daran denken, dass er vergessen hatte, sich Ilonas Adresse geben zu lassen – für alle Fälle. Aber er konnte sie erfahren, (...) und es gab immerhin noch die Möglichkeit, nach ihr zu forschen, sie zu suchen, sie zu sprechen, sie vielleicht zu besuchen. Aber das alles gehörte zu den sinnlosen Dingen, die man tun musste, um Gott eine Chance zu geben, man musste sie unbedingt tun, und es kam vor, dass sie sinnvoll wurden.“

Der Mensch kann auf das rettende Handeln Gottes hoffen. Aber diese Hoffnung darf nicht dazu führen, dass man selbst untätig bleibt und lediglich einen „deus ex machina“ erwartet. Böll wendet sich gerade gegen jenes „doutdes“-Prinzip einer Komfortreligion, der es letztlich nur um das geht, was Gott für einen tun kann. Es gilt vielmehr, wie Böll in seinem Roman betont, Gott so zu erwarten, dass man ihm eine „Chance gibt“, alles zu „wenden“. Das aber ist zugleich eine Aufforderung an den Menschen, „unbedingt“ das zu tun, was scheinbar nur nichtig und sinnlos, unbedeutend und alltäglich ist. Gott zeigt sich gerade im Alltäglichen, er „wendet“ das Sinnlose, er schenkt ihm Sinn. Dieser Gott, so Böll in „Billard um halb zehn“ (Köln 1959), ist das „Unvorhergesehene“, über seine Nähe und Zuwendung kann der Mensch nicht verfügen. Beides ist ein Geschenk Gottes, ein Geschenk seiner Gnade, das nicht funktional verrechenbar oder „abrufbar“ ist. Wer sich beschenken lässt, wer „Gott ein Chance gibt“, wird, so Böll, zugleich auch „befähigt“, im Sinne des Evangeliums Jesu Christi zu handeln und „die Wahrheit zu tun“ (Joh 3,21).

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