Weniger ist mehrWohnformen

Weniger ist mehr, denkt sich unsere neue Kolumnistin SARA TIMOTHY. Ihre Tochter dagegen ist anderer Meinung

Ich bin eine glühende Verfechterin minimalistischer Wohnformen. Ich liebe gerade Linien, leere Flächen, weiße Wände, die Reduktion aufs Nötigste und so ganz allgemein: geräumte Turbinenhallen. Ich könnte darin wohnen, leben, arbeiten. Der leere Raum ist der Luxus unserer Zeit, finde ich. Kühlschranktüren voller Zettel und Zeichnungen bescheren mir innere Unruhe, und spätestens in ab Neujahr brenne ich darauf, die Weihnachtsdekoration wieder im Keller zu verstauen. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Deko, deren Ziel gesteigerte Wohnlichkeit ist; aber ich plädiere für gut platzierte Einzelstücke, mit Betonung auf „EINZEL“. Weniger ist mehr. Immer. Außer bei Platz. Da ist mehr mehr.
Doch meine Tochter sieht das anders. Total anders. Und für sie gibt’s keine Ausnahme. Mit Hingabe füllt sie ihr Zimmer mit Schnörkel, die Schubladen mit Krimskrams und ihre Beutel mit Fundstücken. Letzthin fand ich in den Tiefen ihrer Hosentasche einen Zahn! Typ: Milchgebiss. Ich hoffe innig, es war ihr eigener, sie aber konnte es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Sie liebt Kästchen und Kistchen und ganz besonders ein Kästchen in einem Kistchen oder noch besser zwei. Sie schreibt mit Vorliebe unzählige Listen auf kleine Zettel, diese verteilen sich dann unkontrolliert im ganzen Haus, und man kann schon im Juli lesen, was sie sich alles zum Geburtstag wünscht im nächsten Februar: natürlich keine schlichten Einzelstücke, sondern viele glitzerige Kleinigkeiten ohne jeden Zweck. Sie verabscheut leere Räume und findet, diese müsse man füllen, wenn man es gemütlich haben wolle. Sie hat die Seele eines Tante-Emma-Ladens – Platz für fast alles – und die Fantasie eines Hippies auf LSD. Wenn diese Kombination auf meinen Minimalismus trifft, hat sie die Durchschlagskraft eines Rammbocks. Alles was mir bleibt, sind inneres Ringen um Kompromisse und die Einsicht: Geradlinige Raumführung ist nicht alles im Leben.
Als ich neulich mein Schlafzimmer betrat, in dem nur ein Bett, ein Schrank und ein Stuhl stehen, musste ich feststellen, dass mein Kind es kurzerhand in einen Reitstall umfunktioniert hatte. Überall standen Pferde und sonstiges equestrisches Zubehör der Marke Schleich, ausgeliehen von einer Freundin, die viel mehr „Sachen“ zu Hause habe als wir. Mein gewollt leerer Raum erinnerte mich nun irgendwie an einen Jahrmarkt. Ich forderte das liebe Kind auf, ihren kreativ gestalteten Reitstall doch in ihrem eigenen Zimmer aufzubauen, und das tat es dann auch. Blöderweise blieb ein Stück vom Stall unbemerkt liegen und bohrte sich dann nachts, als ich auf die Toilette musste, in meine nackte Fußsohle. Was für ein Klischee, aber offenbar dienen elterliche Füße dazu, verschollene Spielzeugteile im Dunkeln aufzuspüren. Zähne zusammenbeißend und Fäuste schwingend humpelte ich ins Bad und erinnerte mich an die Zeit zurück, in der ich mein Schlafzimmer nie mit irgendwelchem Firlefanz teilen musste. Doch so ein Familienhaushalt ist nicht immer ein Wunschkonzert und Kinder entwickeln Vorlieben, die manchmal meilenweit von den unsrigen entfernt sind. Zum Glück! Denn wie öde wäre es, wenn die eigenen Kinder Klonen glichen, die einfach all unsere Vorlieben übernähmen? Schrecklich öde.
Letzte Woche habe ich mich dann dabei ertappt, wie ich ohne jeden Grund ein glitzerndes, rosarotes Windlicht kaufte, das nun rund und unnötig auf unserem Esstisch steht und dank seiner goldenen Innenwand einen warmen Schein auf mein geradliniges Wohnzimmer wirft. Meine Tochter ist begeistert.

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