TheologieFakultätentag kritisiert Apostolisches Schreiben „Veritatis gaudium“

Angesichts des jüngsten Papstschreibens zur Aufgabe der Theologie haben sich die deutschsprachigen Theologen kritisch zu Wort gemeldet. Es bestehe eine kaum auflösbare Spannung zwischen dem in der Einleitung von „Veritatis gaudium“ Formulierten und den im Hauptteil des Schreibens konkretisierten Normen, so der Katholisch-Theologische Fakultätentag in einer Erklärung, die am Ende der Vollversammlung vom 31. Januar bis zum 2. Februar in Siegburg veröffentlicht wurde.

Zwar sei es eine besondere Anerkennung, dass der Papst die Theologie als Fortentwicklung der Kirche sehe (VG, Nr. 3). Auch setze man sich gerne für den „radikalen Paradigmenwechsel“ ein, damit das Fach als „offene Theologie“ zum „kulturellen Labortorium“ werde; der experimentelle und innovative Charakter der Theologie gehöre zu ihrem Wesen als Wissenschaft. Aber Inhalt und Anwendung der Normen, die den Hauptteil des Dokuments von Franziskus ausmachen, stünden in starker Diskrepanz zum vorher postulierten Selbstverständnis: Das betreffe etwa konkret die Regularien zur Erteilung der „Missio canonica“, des „Nihil obstat“ und der Ablegung der „Professio fidei“, heißt es in der Erklärung. Es werde das überholte Bild „einer allein auf eine ,Kultur des Gehorsams‘ ausgerichteten, durch ein engmaschiges Regelwerk regulierten, lehramtlich strengstens kontrollierten Theologie festgeschrieben.“ Die kirchliche Rückbindung dürfe nicht als Beschädigung der Wissenschaftsfreiheit erscheinen.

Während der Vollversammlung hatten sich die Vertreter der katholisch-theologischen Fakultäten während eines Studientags mit dem Apostolischen Schreiben auseinandergesetzt. Das Nachfolgedokument zu „Sapientia Christiana“ war unmittelbar nach dem Fakultätentag im Vorjahr erschienen (vgl. HK, März 2018, 9–10). So bemängelte Benedikt Kranemann (Erfurt) etwa, das Papier sei „schlicht nicht vereinbar mit heutigem Wissenschaftsverständnis“. Wenn der Papst in der Theologie ein „kulturelles Laboratorium“ der Gegenwart sehe, müsse die Theologie auch „Herrin der Versuchsanordnung“ sein. Georg Essen (Bochum) wies darauf hin, dass es für Interdisziplinarität auch einen entsprechenden Habitus brauche, an dem es Theologen – nicht zuletzt wegen ihrer kirchlich geprägten Sprache – oft mangele. Und die Theologin Marianne Heimbach-Steins (Münster) forderte ein deutlich stärker „polyzentrisches Modell für die Institutionalisierung der Theologie“, das auf zu viel zentrale Regelungen verzichte.

Höhepunkt des Studientags war ein Gespräch zwischen der ehemaligen deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, und Friedrich Bechina, dem Untersekretär der Bildungskonkgregation. Schavan machte etwa darauf aufmerksam, dass man gerade wegen der Notwendigkeit, Fragen der Entwicklungszusammenarbeit oder der internationalen Politik besser zu verstehen, eine starke, nicht kirchlich gegängelte Theologie brauche. Theologie müsse intellektueller Impulsgeber sein für den Umgang mit Spannungen, um Frieden zu stiften und Versöhnungsprozesse zu initiieren. Bechina seinerseits räumte die Differenzen zwischen Vorwort und Normen in „Veritatis gaudium“ ein, warb aber auch um Verständnis, dass das Dokument nicht für den deutschen Sprachraum, sondern für die Weltkirche geschrieben sei und hier teilweise anderer Regelungsbedarf bestehe.

Der Münsteraner Weihbischof Christoph Hegge, stellvertretender Vorsitzender der zuständigen Kommission VIII der Deutschen Bischofskonferenz, bestätigte in diesem Zusammenhang, dass das römische Vorgehen im Fall Ansgar Wucherpfennig (der momentan auch Mitglied des Fakultätentags ist) zuletzt erhebliche Fragen der Wissenschaftsfreiheit der Theologie aufgeworfen habe. Er kündigte an, dass Mitglieder der Bischofskonferenz bereit seien, mit Theologen nach Rom zu fahren, um bestimmte Mindeststandards in den Verfahren einzufordern. Stefan Orth

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