Prozess in Melbourne gegen die Nummer Drei des VatikansKardinal Pell wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat endgültig die höchsten Kreise des Vatikans erreicht. Nach übereinstimmenden Medienberichten hat ein Gericht in Melbourne den australischen Kurienkardinal George Pell Mitte Dezember wegen des Übergriffs auf Minderjährige schuldig gesprochen. Die Jury des australischen County Court of Victoria in Melbourne sah es demnach als erwiesen an, dass Pell 1996 als Erzbischof zwei Chorknaben zum Oralsex gezwungen hat, und zwar in der Sakristei der Kathedrale St. Patrick’s in Melbourne. Der 77-Jährige bestreitet die Vorwürfe. Das Gericht hat bisher nur über Pells Schuld entschieden, nicht über das Strafmaß. Das soll im Februar 2019 verkündet werden. Im März 2019 wiederum muss sich Kardinal Pell noch in einem zweiten Prozess wegen eines anderen Vorfalls verantworten, bei dem es um die sexuelle Belästigung mehrerer männlicher Jugendlicher in einem Schwimmbad geht. Sexueller Missbrauch gegen Kinder verjährt im australischen Strafrecht nicht. Die Höchststrafe beträgt 25 Jahre.

Kardinal Pell ist der bisher höchstrangige Kirchenmann, der als mutmaßlicher Täter mit dem Missbrauchsskandal in Verbindung gebracht wird. Er gilt als Nummer Drei der Weltkirche, hinter dem Papst selbst und dem Kardinalstaatssekretär. Pell war Gründungsmitglied des neunköpfigen Kardinalsrats („K9“), den Papst Franziskus 2013 zur Erarbeitung der Kurienreform eingerichtet hat. Vorwürfe gegen Pell kursieren seit vielen Jahren. Sie bezogen sich zunächst darauf, dass Pell Vergehen anderer Priester vertuscht haben soll. Seit Februar 2017 ging die australische Justiz auch dem Verdacht nach, Pell persönlich habe sich sexuellen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Papst Franziskus hat trotz aller Vorwürfe lange an dem Kardinal festgehalten. Den Kardinalsrat hat Pell erst Ende Oktober 2018 verlassen müssen. Zur Begründung nannte der Vatikan dessen „fortgeschrittenes Alter“. Außerdem ist Pell weiterhin Präfekt des mächtigen Wirtschaftssekretariats der Kurie, also gewissermaßen ihr Finanzminister. Von diesem Posten wurde er im Juni 2017 wegen der Missbrauchsermittlungen zwar beurlaubt, aber nicht abberufen.

Um die Verurteilung Kardinal Pells gab es in der Öffentlichkeit Verwirrung, weil manche Medien und Nachrichtenagenturen zunächst auf eine Berichterstattung zum Urteil verzichteten. Das Gericht in Melbourne hat für den ganzen Prozess eine Nachrichtensperre verhängt, um die Geschworenenjury vor einer Beeinflussung durch das Medienecho zu schützen. Eine entsprechende „Suppression Order“ galt unter Strafandrohung für alle Medientitel, die auch in Australien zugänglich sind ‒ was neben großen ausländischen Tageszeitungen und Magazinen grundsätzlich für alle online verfügbaren Angebote gilt. Auch Vatikansprecher Greg Burke beruft sich bei seiner Informationspolitik in dieser Sache auf die Suppression Order des australischen Gerichts. Mit dem Ergebnis, dass der Vatikan die Verurteilung des Franziskus-Vertrauten bisher nicht kommentiert hat. Lucas Wiegelmann

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