Der Dominikanerorden weltweitGemeinschaft im Dialog

Im Vergleich zu anderen Orden und Kongregationen liegen die Eintritte in den Dominikanerorden auch in der westlichen Welt relativ hoch. Schwerpunkte der Tätigkeiten des fast 800 Jahre alten Predigerordens liegen heute im Engagement für den Dialog der Konfessionen, Religionen und Kulturen. Das Gesicht des Ordens wird sich in den kommenden Jahren verändern: Er wird internationaler und weniger eurozentrisch.

Seit alters her führen die Dominikaner die „Veritas“ als Motto in ihrem Wappen. Entsprechend bestimmt – seit nunmehr fast 800 Jahren – die Frage nach der universalen Wahrheit die Studien der Predigerbrüder. Neben Gott, der „summa et prima veritas“, kannte Thomas von Aquin auch die „multae veritates“ (vgl. STh I 16,1c; I 16,5c). Das heißt: Das Verhältnis zwischen der einen Wahrheit und den vielen Wahrheiten ist nicht erst den Intellektuellen der Postmoderne zum Problem geworden. In besonderer Weise hat sich der Engländer Timothy Radcliffe um die Belebung des Studiums der Wahrheit im Dominikanerorden bemüht. Als Ordensmeister in der Zeit von 1992 bis 2001 war er der 85. Nachfolger des hl. Dominikus an der Spitze der Gemeinschaft der Predigerbrüder. Gemeinsam mit seinem Assistenten für das Intellektuelle Leben, dem an der Universität Fribourg (Schweiz) lehrenden Fundamentaltheologen Guido Vergauwen, ermutigte und förderte er eine ganze Reihe von Initiativen zur Gründung neuer Studien- und Forschungszentren in aller Welt: Kiew, Ibadan (Nigeria), São Paulo, Santo Domingo, Santiago de Chile, Warschau und Berlin – um nur einige zu nennen. Wohl nicht ganz von ungefähr zählen auch heute noch Mitglieder des Ordens zum Kreis der weltweit führenden Theologen: Edward Schille-beeckx, Gustavo Gutiérrez, Christian Duquoc, Claude Geffré, Fergus Kerr, Felicísimo Martínez und Albert Nolan. Ziel aller Studien im Dominikanerorden ist nicht, Intellektuelle auszubilden, sondern Prediger, die fähig sind, angesichts der vielfältigen Herausforderungen ihrer Zeit Worte der Wahrheit zu verkünden. Immer also sind die wissenschaftlichen Anstrengungen auf die Predigt ausgerichtet, nicht jedoch im Sinne der praktisch-pädagogischen Verzweckung, sondern als theologisch-spirituelle Begründung einer Verkündigung; mit den Worten des englischen Ordenshistorikers Simon Tugwell formuliert: „Wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, mit unseren Sinnen an ihr wahres Wesen rühren, stellen wir fest, dass Gottes schöpferisches Werk ein unerforschliches Geheimnis bleibt. (...) Wirklich etwas zu wissen, bedeutet, dass wir kopfüber in ein Staunen gestürzt werden, das weit über bloße Neugier hinausgeht“ (Reflexions on the Beatitudes, London 1979, 100).

Interreligiöse Initiativen an vielen Orten der Welt

Einen Länder und Kontinente übergreifenden Schwerpunkt solcher aus dem Staunen heraus geborener Reflexionen stellen die Studienaktivitäten dar, die sich dem Dialog der Konfessionen, Religionen und Kulturen verschrieben haben. So widmen sich das Institut „San Nicola“ in Bari, das Ökumenische Institut der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg wie auch das neue „St Thomas Aquinas Higher Institute of Religious Studies“ in Kiew dem interkonfessionellen Dialog mit der Orthodoxie – ein für die Zukunft des gemeinsamen europäischen, Ost und West einschließenden Hauses unerlässliches Engagement. Forschungen im interreligiösen Bereich sind an vielen Orten der Welt angesiedelt. In Jerusalem betreiben die Dominikaner die angesehene „École Biblique et Archéologique Française“; in politisch schweren Zeiten sind Bibelschule, Konvent und Stephanskirche nahe des Damaskustores ein Ort der Begegnung und der Hoffnung auf Versöhnung. In Washington (D.C.) widmen sich die Mitarbeiter des „Pope John Paul II Cultural Center“ dem Jüdisch-Christlichen Dialog. In Deutschland engagieren sich Dominikaner ganz verschiedener Generationen im Rahmen der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ für Versöhnung. In Kairo haben sich die Mitglieder des „Institut Dominicain d’Études Orientales“ (IDEO) grundlegenden Islamstudien verschrieben; der international zusammengesetzte Konvent unterhält dazu eine angesehene Fachbibliothek. Vor kurzem erst hat die Universität „San Tommaso d’Aquino“ der Dominikaner in Rom erst institutionelle Kontakte zur „al-Azar“-Universität in der ägyptischen Hauptstadt aufgenommen. „Espaces“, das in Brüssel angesiedelte Europa-Institut des Ordens, organisierte letztes Jahr in Assisi einen äußerst gut angenommenen dominikanisch-franziskanischen Kongress zum Thema „Dialog“ wie auch die „Journées Romaines“, eine Tagung, die alle zwei Jahre die im interreligiösen Dialog tätigen Dominikanerinnen und Dominikaner zu Gedankenaustausch und gemeinsamem Studium versammelt. Weitere Aktivitäten in diesem Bereich gibt es in Pakistan, wo sich das in Multan ansässige „Pastoral Institute“ die Förderung der interreligiösen Harmonie und des Friedens, speziell zwischen Christen und Muslimen, zur Aufgabe gesetzt hat. In Vietnam engagieren sich die Dominikaner wesentlich im Dialog mit dem Buddhismus. Die theologische Fakultät in Valencia (Spanien) hat jüngst eine Initiative gestartet, welche sich die Errichtung eines Lehrstuhls zur Förderung des Dialogs zwischen den drei abrahamitischen Religionen („La catredra de las tres religiones“) zum Ziel gesetzt hat.

Was den interkulturellen Dialog betrifft, so ist auf die Aktivitäten des „Dominikanischen Studienzentrums für Theologie und Gesellschaft“ (DSTS) in Nijmegen zu verweisen. Vor allem systematisch-theologische Reflexionen zur Postmoderne haben hier ihren Platz. In ähnliche Richtung bewegen sich die verschiedenen Arbeitsprojekte der Mitglieder des „Institut M.-Dominique Chenu“ in Berlin; im hermeneutischen Ausgang von Marie Dominique Chenu (1895–1990) und seiner Rede von den „Zeichen der Zeit“ (vgl. auch „Gaudium et spes“, 4) suchen die Mitarbeiter (neben europapolitischen Fragestellungen) die theologische Auseinandersetzung mit Denkern wie Michel Foucault, Gianni Vattimo (die beide übrigens gute Kontakte zu Dominikaner/-innen unterhielten beziehungsweise unterhalten) und Jacques Derrida. Das dominikanische Studium hat, so die Konstitutionen des Predigerordens, dem „salus animarum“, dem Heil der Menschen zu dienen. Daher steht es in unaufhebbarer Verbindung zu den pastoralen und sozialen Engagements der Ordensbrüder wie auch zu den Grundkonstanten des gemeinschaftlichen Lebens in den Fußspuren des Dominikus. „Dominikanische Theologie nahm ihren Anfang, als Dominikus von seinem Pferd stieg und ein armer Prediger wurde. Die intellektuelle Armut eines Thomas von Aquin vor dem Mysterium Gott ist nicht zu trennen von seiner Wahl eines Ordens armer Prediger. Ein Dominikanertheologe muss ein Bettler sein, der weiß, wie man die frei gewährten Geschenke des Herrn bekommt“ (Timothy Radcliffe, Gemeinschaft im Dialog, 76). Nicht umsonst ist der entsprechende Abschnitt der Akten des letztjährigen Generalkapitels in Providence (RI, USA) aus dem vergangenen Jahr überschrieben mit „Misericordia Veritatis“.

Dialoge in diesem Sinne finden an Grenzen statt. Gelungen sind sie, wenn sie Grenzen überschreiten. „Grenze ist zugleich Ende des Bei-mir-Seins und Übergang zur Begegnung mit dem andern“ (Guido Vergauwen, Ein Orden als Bild der Weltkirche, in: Diakonia 33 [2002], 184–189, hier 185). Die Texte der letzten Generalkapitel des Ordens haben mit der Metapher der Grenze gearbeitet. Die Grenzen, die Dominikaner mit ihren Dialoganstrengungen zu überwinden suchen, können mit dem letzten Kapitel des südafrikanischen Vikariats wie folgt konkretisiert werden: „Die Grenze zwischen Leben und Tod angesichts der verheerenden Konsequenzen der ökonomischen Globalisierung für die armen Länder; die Grenze zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit angesichts der neuen Probleme im Bereich der Bioethik; die Grenzen der christlichen Erfahrung angesichts des praktischen Atheismus der Massen, der materialistischen Indifferenz und der götzendienerischen Religiosität.“

Interessante Perspektiven im frankophonen Westeuropa

Dominikanische Dialogprojekte pastoral-praktischer Art, die im genannten Sinne Grenzen zu überschreiten suchen, zielen sowohl auf die interkonfessionelle Ökumene (so zum Beispiel der Kanzeltausch mit den Pastoren der Reformierten Kirche im Rahmen der Cityseelsorge in Rotterdam oder die Kontakte mit Mitgliedern der Schwedischen Kirche in Lund) als auch auf die Vermittlung zwischen den verschiedenen Religionen (so die von Marianne Goffoël und Emilio Platti in Brüssel im Rahmen von „El Kalima“ verantworteten christlich-islamischen Dialog-Initiativen), Weltanschauungen (das von Mitgliedern des „Giordano-Bruno-Huis“ in Utrecht inszenierte christlich-marxistische, nach der „Wende“: West-Ost-Gespräch) und Kulturen (die Bemühungen um eine praktische Inkulturation des christlichen Glaubens in die Welt der indígenas, wie sie den Dominikanern im Zentrum „Ak’ Kutan“/„Bartolomé de las Casas“ in Cobán und in der Gemeindearbeit in Cahabón in den Bergen Guatemalas ein Anliegen ist).

Darüber hinaus gewann in den letzten Jahren im gesamten Orden der Gedankenaustausch mit den verschiedenen Künsten an Bedeutung. In Rückbezug auf Fra Angelico, des bekannten Dominikanermalers aus dem Florenz des 15. Jahrhunderts, sind Brüder wie der in Paris ansässige Koreaner Pierre Kim-Een-Jong (seine Werke – Ölbilder und Glasarbeiten – wurden auf international beachteten Ausstellungen in allen Kontinenten gezeigt) und junge Nachwuchskräfte unter anderem in Kroatien und Polen selbst künstlerisch tätig. Dem Bereich des film- und bildkünstlerischen Schaffens widmen sich in Braunschweig schon über lange Jahre hinweg die Initiativen „Kunst im Kloster“ und „Kino im Kloster“. In Nizza betreibt ein Dominikaner in der Nähe des Klosters eine von vielen Kunstschaffenden und -interessierten wahrgenommene Galerie, in Madrid arbeitet ein weiterer als Architekt. Dem theoretischen Diskurs um die Verhältnisbestimmung von Ästhetik und Theologie waren und sind umfangreiche Einzelprojekte von Brüdern in Düsseldorf, Bilbao, Straßburg, Brüssel, Florenz, Charlottesville/Virginia und Mexiko-Stadt gewidmet; hier ist es an der Zeit, die zumeist noch nebeneinander existierenden Arbeiten in fruchtbarer Weise zu vernetzen.

Die inhaltlichen Schwerpunkte in der Arbeit der Ordensprovinzen definieren sich primär aus den Akzenten, die seitens der Generalkapitel gesetzt werden und den Entscheidungen der jeweiligen Provinzkapitel. Im frankophonen Westeuropa kristallisieren sich interessante Perspektiven heraus, die viel zu tun haben mit einem relativ hohen Nachwuchspotenzial in den letzten Jahren. Vor allem in die beiden französischen Provinzen (Toulouse, Francia) sind Kandidaten eingetreten, die häufig bereits eine nichttheologische akademische Ausbildung mitgebracht haben. Das im Orden begonnene theologische Studium erfährt durch die fachfremde Qualifikation eine inhaltliche Bereicherung, die sich in der anschließenden wissenschaftlichen und pastoralen Tätigkeit positiv auswirkt. Zudem lassen sich die französischen Dominikaner grundsätzlich nicht auf Pfarrseelsorge ein, was einerseits zu einer ökonomischen Einbuße führt, andererseits aber Ressourcen für spezifische Aufgaben freisetzt. Der Blick auf den Randbereich von Binnenkirche und darüber hinaus führt zu entsprechenden Projekten von teilweise überregionaler Bedeutung wie Medien-, speziell: Fernseharbeit („Jour du Seigneur“) und im Verlagswesen („Les Éditions du Cerf“). Eine wichtige Rolle spielt außerdem die theologische Bildungsarbeit (beispielsweise „Ferme de Froidmont“ des wallonischen Vikariates in Belgien und „Tomas More“ in La Tourette). In Kürze wird die bislang im italienischen Grottaferrata angesiedelte „Editio Leonina“, welche die kritische Ausgabe der Werke des Thomas von Aquin besorgt, nach Paris verlegt. Ein besonderes Kennzeichen der Toulouser Provinz ist die Pflege der feierlichen Liturgie im Geiste von André Gouzes. Seit einigen Jahren verantwortet sie überdies – neben dem eigenen Studienhaus in Toulouse – die dominikanische Internet-Universität „DOMUNI“. Das wallonische Vikariat in Belgien trägt sowohl das Europa-Institut „Espaces“ in Brüssel als auch den Internationalen Konvent St. Dominique, ebenfalls dort angesiedelt.

Verkündigung in einer zunehmend säkularen Gesellschaft

Die deutschsprachigen Provinzen (Teutonia, Germania Superior et Austria und – teilweise – die Schweiz) sehen sich vor die Aufgabe gestellt, in einer zunehmend säkularen Gesellschaft neue Wege der Verkündigung zu beschreiten. Citypastorale Projekte in Düsseldorf, Köln, Braunschweig, Zürich und München, die Präsenz in sozialen Brennpunkten der Städte (Hamburg, Düsseldorf), erwachsenenbildnerische Arbeit unter anderem in Walberberg („Walberberger Institut“), Braunschweig („Las Casas-Haus“, „Forum-Extra“), Berlin („Colloquium Dominicanum“), Leipzig („Aurelius-Arkenau-Haus“), Augsburg („Freitagsgespräche in Hl. Kreuz“), Freiburg („Gesprächskreise für Laien“), Düsseldorf („Dominikanisches Bildungswerk Meister Eckhart“) und Köln („Ferien-Forum“), Engagements im Bereich der Schul- (mit einem eigenen Gymnasium in Vechta) und Hochschulseelsorge (in den Studierendengemeinden in Berlin, Braunschweig und Vechta) sowie die Arbeit in den dem Orden von den Bischöfen übertragenen Pfarrgemeinden in Hamburg, Braunschweig, Leipzig, Köln, Düsseldorf, Mainz, Augsburg, München, Wien und Graz versuchen dem genannten Desiderat nachzukommen. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der Konvent in Leipzig. In einem weitestgehend säkularisierten Umfeld laden die derzeit gut ein Dutzend Mitglieder der Gemeinschaft von Dominikanern und Dominikanerinnen – der augenblicklich einzig „gemischten“ Kommunität des Ordens im deutschsprachigen Raum – am christlichen Glauben Interessierte in ihr Haus ein. Ihr Motto: „Komm und sieh...!“ (Joh 1,46). Viele Mitbrüder sind in die Pfarr- und Sonderseelsorge (Krankenhaus, Gefängnis) eingebunden, was sich auf das Gesamtprofil der Provinzen auswirkt. Einige Mitbrüder arbeiten im akademischen Milieu oder bereiten sich auf die entsprechende Tätigkeit vor. Einzige deutschsprachige theologische Zeitschrift der Dominikaner ist „Wort und Antwort“. An Publikationsreihen werden herausgegeben: „Dominikanische Quellen und Zeugnisse“ und „Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens“, die vorrangig systematische oder historische Studien zur Tradition und Spiritualität des Ordens beinhalten; der wissenschaftlichen Erhebung dieser Tradition hat sich das in Mainz ansässige „Institut zur Erforschung der Geschichte des Dominikanerordens im deutschsprachigen Raum“ verschrieben. In Vorbereitung ist eine neue Folge der bislang unter dem Label „Walberberger Studien“ geführten wissenschaftlichen Reihe, nun mit einem philosophisch-fundamentaltheologischen Schwerpunkt. Veranstaltungen zu pastoraltheologischen Themen bietet das „Pastoral-Homiletische Institut“ an (zum Teil in Kooperation mit dem Dominikanerinnenkloster Augsburg, dem Lehrstuhl für Moraltheologie an der Universität Regensburg und dem Bereich Pastoral der Deutschen Bischofkonferenz). Nicht unerwähnt bleiben darf die große Bibliothek St. Albert in Walberberg. Mit ihrem mediävistischen, speziell die Dominicana betreffenden Sammelschwerpunkt stellt sie eine im deutschen Sprachraum einzigartige Fachbibliothek dar.

Der Dominikanderorden in Prozentzahlen (Ende 2000):

Kontinent Brüder mit feierlicher Profess Novizen
Nord-Amerika 16,46 19,41
Latein-Amerika 16,77 20,68
EU 44,40 15,61
Osteuropa 8,16 16,88
Asien 9,90 20,68
Afrika 3,67 6,75

In den Niederlanden und im flämischen Teil Belgiens gibt es seit Jahrzehnten praktisch keine Neuaufnahmen mehr und die beiden Provinzen sind überaltert. Sie spiegeln zweifellos die aktuelle kirchliche Situation ihrer Länder wider. Inzwischen sind die beiden Provinzen dazu übergegangen, über mögliche Kooperationen bis hin zur Vereinigung mit der Provinz Teutonia nachzudenken. Auf der Iberischen Halbinsel sind die Provinzen mit der Situation konfrontiert, mit sehr wenig Nachwuchs eine große Zahl von bestehenden Institutionen verwalten zu müssen. Die spanische, andalusische und aragonesische Provinz unterhalten eine Reihe von Schulen (colegios) und Studienzentren (Theologische Fakultät San Esteban in Salamanca, Sektion der Dominikaner an der Theologischen Fakultät San Vicente Ferrer in Valencia). Dazu kommen noch einige kleine Einrichtungen. Ebenso wie in der portugiesischen Provinz müssen hier mit einem zunehmend höheren Altersdurchschnitt Institutionen gestützt werden, die ursprünglich für eine sehr viel größere Zahl von Mitbrüdern ausgerichtet waren. Das erklärt die teilweise riesigen Konventsbauten für eine verhältnismäßig kleine Zahl von dort lebenden Brüdern. Die Provinzen unterhalten eine Reihe von philosophisch-theologischen Zeitschriften.

Ordensmeister ist erstmals ein Nichteuropäer

Die italienischen Ordensprovinzen leiden ebenfalls unter Nachwuchsmangel und deren Folgen. Einige Provinzen haben sich vereinigt, so dass heute nur noch drei Provinzen existieren (Norditalien, Rom, Sizilien), die mit der Provinz Malta kooperieren. Die italienischen Dominikaner engagieren sich unter anderem in der Türkei (Istanbul) und neuerdings auch in Albanien. Ein großes Studienhaus wird in Bologna unterhalten, Ort der philosophischen Studien ist der Konvent in Neapel. Auf italienischem Territorium befindet sich die in Rom ansässige Universität der Dominikaner, Sankt Thomas von Aquin (bekannter unter dem Namen „Angelicum“), die aber eine Angelegenheit des Gesamtordens ist. Es ist heute nicht leicht, für eine solche Institution geeignete Lehrkräfte zu finden, die gleichzeitig von den eigenen Provinzen freigestellt werden können. Die Dominikaner in Nordeuropa arbeiten in der englischen und irischen Provinz. In Oxford wird viel investiert für das dort ansässige Studium der Blackfriars, das als Private Hall der Universität angegliedert ist, und für die Zeitschrift „New Blackfriars“. Im Gegensatz zu den Dominikanern im katholischen Irland sind die englischen Dominikaner mit der traditionellen Außenseiterrolle der Katholiken innerhalb des Landes konfrontiert. In Skandinavien befindet sich ein, was die Mitglieder angeht, zahlenmäßig kleines Vikariat der französischen Provinz. Dort existieren Häuser mit Mitbrüdern aus Frankreich und Skandinavien.

Osteuropa ist geprägt von den Folgen des Mauerfalls, der relativ schnell völlig neue Möglichkeiten eröffnete. Nicht alle Provinzen haben die Unterdrückung seitens der kommunistischen Machthaber gut überstanden. Nicht nur, dass Verfolgung und Unterdrückung jegliche Aktivität blockierte oder verhinderte, die Isolation führte auch dazu, dass wichtige theologische Entwicklungen (zum Beispiel das Zweite Vatikanische Konzil) erst in den neunziger Jahren reflektiert werden konnten. In der tschechischen Provinz und dem ungarischen Vikariat gibt es praktisch keinen Nachwuchs mehr. Ganz anders in der slowakischen und noch viel mehr in der polnischen Provinz, die traditionell außergewöhnlich hohe Eintrittszahlen vorzuweisen hat. So ist es kein Wunder, dass die polnischen Predigerbrüder nicht nur innerhalb ihres eigenen Landes sehr engagiert sind, sondern auch wesentlich zu den Neuanfängen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Ukraine, Baltikum) beitragen konnten; nur sie waren und sind bis heute personell dazu in der Lage. In Polen sind die Dominikanerkonvente speziell in Krakau und Warschau wichtige Anlaufstellen für große Zahlen von Jugendlichen. In Südosteuropa haben die Dominikaner mit den Folgen des Zerfalls Jugoslawiens und den damit einhergegangenen kriegerischen Auseinandersetzungen zu tun. Eigentlich wird diese Region nur durch die kroatische Provinz abgedeckt, die ein kleines Vikariat in Slowenien unterhält und den Versuch unternimmt, in Bosnien-Herzegowina präsent zu sein. Seit einigen Jahren gibt es wieder junge Leute, die dem Orden beitreten. Daraus ergeben sich auch neue Initiativen auf pastoralem und intellektuellem Niveau. So wird nunmehr schon im fünften Jahr in Dubrovnik eine internationale Studienwoche für Studenten des Ordens aus ganz Europa durchgeführt (Thema 2002: „Menschenrechte“).

Derzeit sind die Predigerbrüder in 101 Ländern der Erde präsent (Stand 2001). In manchen Nationen sind es mehrere hundert Ordensmänner – so über 800 Brüder in den USA –, in anderen Gegenden der Welt nur wenige: zwei zum Beispiel in Finnland. Insgesamt gehören dem Predigerorden 6325 Brüder an (Stand Ende 2000; ebenso alle weiteren Zahlen). Von diesen befinden sich 1154 in Ausbildung (Noviziat und Studentat). Zu den weiteren Zweigen des Ordens gehören die rund 4000 klausurierten Dominikanerinnen (Moniales), die über 30 000 Schwestern in mehr als 150 Kongregationen und Gemeinschaften sowie die gut 70 000 Männer und Frauen, die sich in den „Dominikanischen Gemeinschaften“ der Laien organisiert haben. Im Laufe der neunjährigen, bis 2001 gehenden Amtszeit von Timothy Radcliffe gründeten die Dominikaner neue Niederlassungen in Albanien, Madagaskar, Sri Lanka, Singapur, Macao, Iran und Estland. Wie bei vielen anderen Gemeinschaften auch gibt es gute Nachwuchszahlen von den Brüdern in Afrika (151), aus Lateinamerika (243) und Asien (223) zu vermelden. Im Vergleich zu anderen Orden und Kongregationen sind die Zahlen der Eintritte auch in der westlichen Welt relativ gut, vor allem in den USA, in Kanada, Frankreich, England und Deutschland. Insgesamt befindet sich mehr als ein Sechstel der Mitglieder des Ordens in Ausbildung. Zugleich zeigen die aktuellen Statistiken schon heute sehr deutlich die zukünftigen Veränderungen auf. Diese sind vor allem demographisch begründet: Vielen älteren Brüdern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa in den Orden eintraten, stehen dort wenige in mittlerem Alter und viele junge Dominikaner gegenüber. In Afrika wiederum befinden sich 45 Prozent aller Brüder in Ausbildung. All diese Entwicklungen werden das Gesicht des Dominikanerordens verändern. Die Gemeinschaft wird in Zukunft internationaler und weniger eurozentrisch sein (siehe Kasten). In diesem Sinne wohl nicht von ungefähr trat mit dem auf dem letztjährigen Generalkapitel des Ordens gewählten 45-jährigen Argentinier Carlos Azpiroz Costa erstmals seit Gründung der Predigerbrüder ein Nichteuropäer das Amt des Ordensmeisters an.

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