Leserbriefe

Reli „für alle“ – aber wie?

Simon Lukas hat die Situation des Religionsunterrichts richtig beschrieben (vgl. CIG Nr. 24, S. 2). Ich kann seiner Einschätzung einer „vertanen Chance“ bezüglich des Hamburger Modells nur zustimmen, ziehe aber andere Folgerungen. Wenn es um 1950, als noch 98 Prozent der Schüler konfessionsgebunden waren, plausibel war, in der Verfassung einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht zu verankern, so ist es heute in einer religionspluralen Gesellschaft dringend geboten, einen Religionsunterricht für alle zu installieren. Der Staat selbst muss ein Interesse daran haben, dass alle Heranwachsenden in religiöser Hinsicht gebildet werden, und zwar unbeschadet ihrer konfessionellen Bindung und ihrer weltanschaulichen Orientierung! Das bedeutet: Es braucht einen Pflichtunterricht in Sachen Religion(en) für alle. Konfessionelle Glaubensbildung gehört in die Kirche, die Moschee oder Synagoge. Die Schule als öffentliche Bildungsinstitution hingegen kann heute „nur“ die Aufgabe einer religiösen Grundinformation und damit einhergehend einer religiösen Sensibilisierung erfüllen. Gemäß Art. 7,3 des Grundgesetzes ist der Religionsunterricht zwar „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ zu erteilen. Es steht dort aber nichts von konfessionell getrennten Klassen! Warum, katholische Kirche, zögerst du, da mitzumachen und ein zukunftsfähiges Konzept des Religionsunterrichts mitzugestalten?

Prof. Dr. Martin Lechner, Benediktbeuern

Der „Religionsunterricht für alle“ hat nicht nur, wie Sie schreiben, einen „Schönheitsfehler“, weil er der Glaubens- beziehungsweise Konfessionslosigkeit keinen Raum gibt. Er ist vielmehr ein einziger Fehler! Kinder sollen über ihre Religion mit Kindern anderer Religionen ins Gespräch kommen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und letzten Endes so ihre eigene religiöse Identität stärken? So ein Konzept taugt für (junge) Erwachsene, wenn sie in ihrer Religion zu Hause sind oder zumindest einigermaßen über sie Bescheid wissen, sodass sie dies in die Begegnung einbringen können. Das ist bei unseren Kindern nicht der Fall. Dass sie zuhause im Kreis der Familie oder in der Gemeinde „unter ihresgleichen … ihren Glauben kennenlernen“, ist eine Wunschvorstellung. In der Regel begegnen sie der Religion im Religionsunterricht zum ersten Mal – und dann sollen es gleich fünf auf einmal sein? Und religiös von anderen lernen, die auch nichts von ihrer Religion wissen? Die Idee hinter dem „Religionsunterricht für alle“ ist in der Tat äußerst simpel – und naiv. Mag sein, dass den Schülern das exotische Vielerlei der Religionen Spaß macht und die Abmeldequote niedrig ist. Aber ist dies schon ein Erfolg? Von ihrer eigenen Religion werden die Schüler wohl noch weniger wissen und noch weniger in ihr beheimatet sein, als sie es mit dem konfessionellen Unterricht schon sind. Die katholische Kirche Hamburgs soll da ihre gesunde Skepsis behalten.

Günther Hoffmann, Nürnberg

Kein Perfektionismus

Der Artikel des jungen Journalisten „Will Gott überhaupt, dass ich bete?“ (CIG Nr. 24, S. 6) hat mich sehr angerührt. Perfektionismus ist eine Neigung, der auch ich in mittleren Jahren verfallen war. Da half nur die ehrliche und ernsthafte Anfrage an mich selbst: Brauche ich das wirklich? Tut mir das gut? Und, siehe da, langsam klärten sich die Fronten. Perfektionismus ist ein „Ismus“ der zerstörerischen Art. Die angeblichen Hilfen der neuen Techniken sind dabei janusköpfig, also zugleich göttlicher und teuflischer Natur. Mir scheint, der Autor ist auf dem Weg der Unterscheidung. Die Anfrage an Gottes Wollen zeigt es an.

Eleonore Hillebrand, Neuss

In unseren Stürmen

Danke, Andrea Pichlmeier, für den Artikel über die Stillung des Seesturms (vgl. CIG Nr 25, S. 1). Wir können dies durch eine persönliche Erfahrung ergänzen: Ein Kind von zweieinhalb Jahren leidet unter Wachstumsschmerzen, es schläft schlecht, träumt wohl von Bedrückendem und muss jede zweite Nacht intensiv betreut werden. Am Tag stehen ihm eine Reihe biblischer Bilderbücher zur Verfügung. Auffallend oft greift es zur Erzählung von der Sturmstillung. Es bittet die Eltern, ihm diese Bibelstelle wieder und wieder vorzulesen. Offensichtlich entwickelt dieses biblische Bild eine beruhigende Wirkung. Als Eltern finden wir es wunderbar, wie tiefgreifend solche Urbilder sein können. Wie die Jünger im Text sind wir voll Staunen und Ehrfurcht.

Marliese und Günter Siener, Landau in der Pfalz

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