Geistliches LebenVirus-Spiritualität

Die dritte Corona-Welle sei gebrochen, heißt es. Doch bleibt die Gemengelage diffus. Das kann uns öffnen für eine tiefe religiöse Einsicht.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt. Am Tag unseres Redaktionsschlusses lag der Bundesdurchschnitt bei 73. Wenn der Trend sich fortsetzt, rückt die Corona-„Notbremse“ an immer mehr Orten in immer weitere Ferne. Allerdings wurde letzte Woche auch deutlich weniger getestet, was laut dem Robert-Koch-Institut am Feiertag Christi Himmelfahrt und dem folgenden langen Wochenende mit einem Brückentag liegt. Zudem stimmt einen die indische Virus-Variante B.1.617 sorgenvoll. Sie ist längst in Deutschland angekommen, macht derzeit zwei Prozent der Infektionen aus, Tendenz steigend. Andererseits sind bald zwei Fünftel der Deutschen mindestens einmal geimpft, darunter viele besonders Gefährdete, Tendenz steigend. Die Mutante aus Indien kann den Impfschutz der hier gängigen Vakzine zudem wohl nicht ausschalten, höchstens mindern, schätzt die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek.

Die Lage ist grau

Nach über einem Jahr Pandemie schimmert also ein zarter Silberstreifen am Horizont, auch wenn die Corona-Lage insgesamt uneindeutig bleibt, weder nur schwarz noch nur weiß, eher grau.

Aber vielleicht zeigt das ja, dass die Gebetsaktionen für ein Ende der Seuche langsam zu wirken beginnen. Etwa der „Gebetsmarathon“ von Papst Franziskus im Mai – mit Wallfahrten, Rosenkranzgebeten und Live-Andachten über die vatikanischen Medien. Wir wissen es nicht. Auch hier gilt: Die Lage ist grau. Gott kann man im Gebet jedenfalls weder instrumentalisieren noch nötigen. Jonathan Edwards, der berühmte Prediger der Erweckungsbewegung im 18. Jahrhundert, hat das schlichte „Lieber Gott, mach, dass morgen…“ eine zwar ursprüngliche, aber zugleich ungenügende Weise des religiösen Empfindens genannt.

Segen ist keine Sorglos-Garantie

Das ist wie bei einem Segen. Auch dort passiert nichts Magisches. Kein Gesegneter wird durch eine numinose Kraft mit einer Sorglos-Garantie aufgeladen. Und auch die gute Absicht und das rechte Verhalten, begründen keinen Anspruch, dass Gott alles oberflächlich „gut“ sein lässt. Anhand der alttestamentlichen Gestalt des Hiob zermalmt die Bibel jeden simplen Tun-Ergehen-Zusammenhang, als ob es dem „Guten“ immer gut gehe und nur dem „Bösen“ Schlechtes widerfahre.

Und dennoch darf und soll man für sich und andere beten, man darf und soll sich mit einem engagierten Leben ins Zeug legen, man darf um Segen bitten, gläubig Segen empfangen. Nur: Die volle Kontrolle haben wir nicht, weil wir vor Gott arm sind – jeder, immer. Das Auf und Ab der virologischen Lage führt uns so zu einer bedeutsamen religiösen Erfahrung. Es geht darum, alles zu geben, begründet zu hoffen, und doch irgendwie in der Schwebe zu bleiben, abhängig – von anderen und von Gott.


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