Jens Schröter: Die apokryphen EvangelienWie Jesus vielleicht auch war

Die Kindheitsevangelien haben die Spiritualität der Christen bis in die Gegenwart mitgeprägt.

Der kleine Band des an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Neutestamentlers Jens Schröter will zuerst informieren. Er beschreibt die wichtigsten, nicht in die Sammlung der verbindlichen biblischen Schriften aufgenommenen Texte. Beleuchtet wird auch das jeweilige Verhältnis zu den kanonischen Evangelien und der Briefliteratur sowie die Bedeutung für die Geschichte des Christentums.

Neue Erkenntnisse über den historischen Jesus fördern diese Schriften, die zum großen Teil im zweiten und dritten Jahrhundert entstanden sind, nicht zutage. Von Bedeutung sind die Apokryphen aber dafür, wie die Überlieferung der Evangelien in einer auf Jesus und seine Familie ausgerichteten Frömmigkeit weitergedacht wurde – und dafür, wie die Jesus zugeschriebene Weisheit mit den Grundfragen menschlicher Existenz verbunden werden kann.

Die Kindheitsevangelien haben die Spiritualität der Christen bis in die Gegenwart mitgeprägt. Mehr über die Eltern Marias oder über das Kind Jesus zu „wissen“, ermöglichte eine Verbindung zu Jesu Leben und dem der Personen um ihn. Die Naivität solcher Frömmigkeit wird gelegentlich belächelt. Es bleibt allerdings die Frage, wie heutzutage eine christliche Spiritualität aussehen muss, die die Verbindung mit Jesus genauso ernstnimmt wie die Notwendigkeit, sich ins Kosmische und Unsagbare hinein zu erweitern.

Herausfordernd ist aber auch die Verbindung mit Fragen, wie sie die Gnosis damals gestellt hat, die in vielen Apokryphen begegnet: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Die gnostisch inspirierten Schriften sprengen enge Gottes- und Erlösungsvorstellungen und stoßen vor in unbekannte und faszinierende Welten als eigentliche Heimat des Menschen. So erscheint die Gnosis bei aller teilweisen Skurrilität doch als bedeutender Versuch, traditionelle Glaubenskonzepte zu hinterfragen. Stehen wir nicht heute genau vor dieser Aufgabe?

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