Howey OuKöpfe aus der einen Welt

Wie ist es, in China für das Klima zu kämpfen? Über eine Ein-Frau-Bewegung im Land von Kommunismus und Kollektivismus.

Howey Ou, China
Howey Ou, China© Getty Images/AFP/Nicolas Asfouri

Seit Anfang August geht Greta Thunberg wieder auf ein Stockholmer Gymnasium. Ihr weltberühmter Schulstreik diente einer Botschaft: „Beschäftigt Euch mit dem Klimawandel. Ändert Euer Leben, jetzt, dringend!“ Auch Howey Ou geht nicht zur Schule und demonstriert für mehr Umweltschutz, auch auf ihren Plakaten steht „Schulstreik für das Klima“. Doch eigentlich streikt die siebzehnjährige Chinesin gar nicht. Das Mädchen wurde von der Schule geschmissen.

Für Howey Ou aus der südchinesischen Stadt Guilin wurde es ernst, als ihr schulischer Einsatz für den Klimaschutz zu offensichtlich wurde. Auf die Pause verzichtete sie, um die Klimaanlagen und das Licht auszuschalten, wie sie neulich der „Neuen Zürcher Zeitung“ erzählte. An die Türen pappte sie Botschaften über schmelzende Polkappen und aussterbende Eisbären. Zum Unterricht kam sie zu spät, las Bücher über den Klimawandel auf der Toilette. Im März vergangenen Jahres entschied die Schulleitung: Howey Ou ist „unpassend“.

Die Vorbilder der jungen Frau sind Al Gore, der ehemalige amerikanische Vizepräsident und Umweltschützer, und – natürlich – Greta Thunberg. Schon früh mied Howey Ou Plastik. Mit ihren Eltern diskutierte sie ausdauernd über Tierschutz, wurde Veganerin. Eine Zeit lang glaubte Howey Ou, dass sie mit gutem Vorbild, Zahlen und Fakten in China eine Klimaschutzbewegung junger Menschen nach dem Vorbild von „Fridays for Future“ starten könnte.

Doch China ist anders. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von einem Gespräch zwischen Howey Ou und zwei Schulabsolventinnen: „Mutig sei das schon, sagt die eine. Aber die Schule nicht zu Ende machen? Sie schüttelt den Kopf. Das würden ihre Eltern nie erlauben.“ Auch Ous Lehrer haben sie schon ganz zu Anfang ihres Einsatzes gewarnt. Ihr Engagement sei „gefährlich“, sie solle sich lieber auf den Unterricht konzentrieren. Später vielleicht etwas in dem Bereich studieren.

Warum ist es so schwer, in China eine Massenbewegung für mehr Klimaschutz zu planen? Zumindest ist es nicht so, dass jede Regung öffentlichen Protests in China einfach unterdrückt wird. Der Politikwissenschaftler und China-Experte Daniel Fuchs sagt in der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass Proteste in China seit Mitte der 2000er Jahre zugenommen hätten. Die weltweite „MeToo“-Bewegung, die sich gegen sexuelle Belästigung und für Frauenrechte einsetzt, habe in China fast zu einer Art feministischen Aufbruchs geführt. Außerdem würden „jährlich über tausend Petitionen im Bereich Umweltschutz bei den Behörden eingebracht“, manchmal sogar mit Erfolg. Auch wenn die Polizei fast immer ausrücke: Die Protestierenden hätten Erfolg, wenn sie sich auf geltende Gesetze zum Umweltschutz bezögen. Dem Präsidenten Xi Jiping ist der Umweltschutz offiziell wichtig. Sein Land soll weniger abhängig von Kohle werden, erneuerbare Energien fördern. Er hat China gar zur „ökologischen Zivilisation“ erklärt.

Hier liegt zugleich das Problem von Howey Ou. In ihrem Land entscheidet die Partei, kommunistisch, kollektivistisch, vorgeblich im Interesse aller Chinesen. Klimaschutz ist Chefsache, da passt ein siebzehnjähriges Mädchen aus der Provinz mit radikalen Forderungen nicht ins Bild. Die Doppelmoral soll eben nicht auffallen. Denn neben China und den USA gibt es kein anderes Land mit einem dermaßen hohen Ausstoß an Treibhausgasen. Die Regierung baut ein Kohlekraftwerk nach dem anderen, obwohl sie laut dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 zu deren Abbau verpflichtet ist. Aber die entsprechende Passage in dem Dokument wurde in China einfach zensiert. Triebfeder der chinesischen Umweltbilanz ist der wirtschaftliche Fortschritt. Seit Jahrzehnten bereitet er den Chinesen mehr und mehr Wohlstand. Staatliche Medien sagen: Howey Ou sei naiv, zu extrem, arbeite letztlich gegen die Entwicklungsziele Chinas. Das Land ist längst Global Player und soll es auch bleiben. Für die Regierung ist Klimaschutz wohl eher ein taktisches Mittel, um international respektiert zu werden. In der Hauptstadt Peking gab es vergangenes Jahr eine Jugendklimakonferenz – genehmigt, weil regierungsnah. Howey Ou war dort unerwünscht.

Vor vier Monaten hat Howey Ou noch einen Versuch gestartet, an einer Schule zugelassen zu werden. Ohne Abschlussprüfung kann man in China nicht studieren. Ihr Traum, die amerikanische Harvard-Universität zu besuchen, hängt natürlich auch davon ab. Die Schule zwang sie zur Entscheidung: Schule oder Klima! Klima, sagte Ou, und wurde abgelehnt. Seitdem zieht sie als Ein-Frau-Bewegung durchs Land. „Fridays for Future“ auf Chinesisch. Ende August berichtete sie auf Twitter von einer Filmvorstellung, die sie organisiert hatte. Es ging um zivilen, gewaltlosen Ungehorsam, um beim Umweltschutz einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Stolz schreibt das Mädchen, wie viele Personen gekommen sind. Es waren fünfundzwanzig. jmie

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