Liturgie in WesteuropaLiturgie als Kulturgeschichte

Der Gottesdienst unterliegt einem großen Wandel, der das zeitgeschichtliche Glaubensleben jeder Gemeinschaft widerspiegelt.

Ein Gang durch die Liturgiegeschichte kann spannend sein. Das einleitende Kapitel der umfangreichen beiden Bände von der Antike bis zur Gegenwart bietet knappe Einblicke in rund vierzig vorausliegende Publikationen, zwölf davon historische Gesamtdarstellungen. Sie werden mit ihren Vorzügen und auch Mängeln präsentiert, so dass genügend Gründe zusammenkommen, um das Großprojekt überzeugend zu rechtfertigen: 26 Abhandlungen, verfasst von neunzehn Autorinnen und Autoren. Die Beiträge sind nach der klassischen Grobeinteilung Antike – Mittelalter – Neuzeit angeordnet. Mehrfach wird erklärt, die herkömmliche Zeitstruktur sei flexibel zu verstehen, also nicht mit runden Jahreszahlen abzugrenzen. Daher kommt es gelegentlich zu Überlappungen.

Nicht nur liturgische Feiern haben immer wieder Wandlungen erlebt, sondern auch die Liturgiewissenschaft selbst hat ihre Ansätze und Maßstäbe stets neu bedacht und verändert. Gegenwärtig ist die Forschung vor allem von einer offenen Haltung geprägt, die von gottesdienstlichen Verschiedenheiten – zeitlich wie räumlich – ausgeht. Da wird nicht harmonisiert, in nur einer Richtung gedacht, auch nicht polemisiert. Man lässt nüchtern die Quellen sprechen.

Solche Quellentexte können heute genauer als früher eingeordnet werden. So ist beispielsweise die Kirchenordnung „Traditio Apostolica“ keine einheitliche Schrift des Hippolyt von Rom um 210/220, sondern ein anonymes vielschichtiges Werk, das bis ins 5. Jahrhundert reicht. Mit bisher üblichen Hypothesen sind die Forscher vorsichtiger geworden. So werden etwa zur Entstehung des Weihnachtsfestes (25. Dezember) der religionsgeschichtliche Ursprung (Umdeutung des Sonnengottfestes) sowie die Berechnungshypothese (25. März als Jesu Empfängnis- und Todestag) erwähnt. Aber auch auf die Ablehnung beider Erklärungen wird hingewiesen. Wissenschaftliche Redlichkeit gebietet es auch, überkommene Klischees zu überprüfen. So kann man von den Jahrhunderten nach dem Trienter Konzil (1545–1563) nicht mehr von einer „Periode der ehernen Einheitsliturgie“ (Theodor Klauser) sprechen, sondern muss ein Vielerlei von Eigenliturgien feststellen.

Die einzelnen Artikel zeichnen sich durch eine Fülle an Informationen aus. Dazu gehören Wiedergabe und Kommentar von einschlägigen Gebetstexten, die ausführliche Darlegung von Gottesdienstabläufen sowie die Betrachtung des Gottesdienstes im Hinblick auf Mentalität und Lebensart, entweder gegenkulturell oder kulturgemäß. Am Beginn wird jeweils die Epoche mit ihren ureigenen Merkmalen vorgestellt. So ist die überbordende Kreativität („liturgischer Wildwuchs“) in den sechziger und siebziger Jahren erst voll verständlich, wenn man sie vor dem Hintergrund der Achtundsechziger-Unruhen sowie von Technik- und Machbarkeitsglauben beleuchtet, wie er angesichts der Mondlandung verbreitet war. Am Ende eines Beitrags werden die wesentlichen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst.

Auf Fuß- oder Endnoten ist verzichtet worden. Quellenangaben mit Kurztiteln stehen im Fließtext in Klammern. Immer wieder gibt es auch Querverweise auf andere Beiträge im Doppelband, was den Eindruck einer durchdachten Gesamtkonzeption untermauert. Den Ausführungen folgt die Bibliografie mit Quellen- und Literaturverzeichnis. Am Ende des zweiten Bands finden sich drei hilfreiche Listen: mit Bibelstellen, mit einem Namens- und einem Sachregister.

Die inhaltliche Bandbreite ist stark interkonfessionell angelegt: römisch-katholisch, anglikanisch, lutherisch, reformiert, altkatholisch. Aus den Texten wird der gegenseitige Respekt deutlich, konfessionsübergreifende Probleme werden dargelegt. Zum Beispiel besteht oft eine Spannung zwischen den von Rubriken/Agenden vorgegebenen Regeln des Betens und Feierns vor Gott und der individuell gelebten Frömmigkeit oder deren kreativem Spielraum. Im Bereich Neuzeit werden auch einzelne Länder mit ihrer Eigentümlichkeit präsentiert: für Europa etwa Frankreich, für die Weltkirche Brasilien. Es geht stets um die breite Palette an Gottesdienstformen.

Der Doppelband richtet sich an Fachleute und Interessierte im Bereich Theologie sowie an Geistes- und Kulturwissenschaftler. Lobenswert ist die durchweg gute Lesbarkeit. Akademische Bildung wird nur gelegentlich vorausgesetzt. So rechnet der Beitrag zum Neuen Testament mit Griechischkenntnissen. Der Beitrag zur Reformation im 16. Jahrhundert mutet dem Leser viele Zitate im Lutherdeutsch zu. Hilfreich für Leser mit Allgemeinbildung ist ein Glossar.

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