Tomáš HalíkReich des Unmöglichen

Christus kommt immer nur als Aufforderung, als Einladung, der man Folge leisten kann, als offene Möglichkeit. Ihm ist jedweder beliebige Druck völlig fremd, mit dem er uns vielleicht manipulieren, unsere Freiheit nicht respektieren würde. Der Gott, den uns Christus vorstellt mit seinen Worten und seiner Person, spricht uns an und fordert uns auf, aber er zwingt uns niemals zu etwas. Entsprechend soll auch unser christliches Zeugnis sein: Wir sind dazu da, dass wir den Horizont des „Möglichen“ um das erweitern, was Menschen, die Gott nicht kennen oder Christus nicht ernstnehmen, als unmöglich erscheint. Dass wir als „alternatives Angebot“ da sind, ist schon Bestandteil des Dienstes der Heilung, der Befreiung.

Ja, wir sind aufgefordert, Wunder zu tun – wenn wir die Wunder nicht romantisch oder aufklärerisch als „Verletzung von Naturgesetzen“ begreifen, sondern als das, was sie wirklich sind: ein Geschehen, das wir unter den gegebenen Umständen nicht zu erwarten haben. Möglich ist das, behauptete der französische Philosoph Jacques Derrida, was in unseren Möglichkeiten liegt, oder zumindest im Horizont unserer Pläne, Wünsche, Erwartungen, unserer Vorstellungskraft. „Das Unmögliche (l’impossible) ist das, was diesen Horizont gänzlich durchbricht und in ihn etwas radikales, göttliches Neues hineinbringt – wie es die Kunst oder die Religion tut. Deshalb bezeichnete ich einmal das Reich Gottes als „Königreich des Unmöglichen“, zu dem nur ein „kleiner Glaube“ durchdringt, der zu „unmöglichen Dingen“ fähig ist – verzeihen, wo ich mich rächen könnte, geben, wo ich behalten oder sogar nehmen könnte, sich für andere einsetzen und opfern, wo ich Ruhe und eigene Bequemlichkeit genießen könnte.

Tomáš Halík in: „Berühre die Wunden“ (Verlag Herder, Freiburg 2017)

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