Augenöffner Hoffnungslosigkeit

Über sein neues Buch schreibt der slowenische Philosoph Slavoj Žižek: In seiner Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Weltlage sei es tatsächlich düster, „aber ich ziehe es vor, Pessimist zu sein. Wenn ich nichts erwarte, werde ich hin und wieder angenehm überrascht.“ Der Kulturkritiker, der von Gegnern schon mal als „eurozentrischer Rassist“ geschmäht wird, bleibt seinen geistigen Wurzeln, dem Marxismus und der Psychoanalyse, aber gerade dadurch treu, dass er – ähnlich wie Marx – auf den großen Verblendungszusammenhang hinweist, in dem sich die spätkapitalistische Gesellschaft mittlerweile befinde.

Warum ist gerade die „Hoffnungslosigkeit“ für Slavoj Žižek so wichtig? Darin erkennt der Philosoph eine Art Augenöffner – eine Brille, um die Gegenwart nicht mit Gleichgültigkeit oder Zynismus zu betrachten, sondern die planetare Wirklichkeit schärfer wahrzunehmen. Erst wenn anerkannt wird, dass die Realität eigentlich zum Verzweifeln ist, so lautet sein psychoanalytischer Ansatz, könnten angesichts der „apokalyptischen“ Gesamtlage (Weltklima, Atomwaffen, Donald Trump, Trinkwasser, Kohlendioxid-Emissionen, Finanzkrise, Herrschaftsinstrument Geld) auch Gegenkräfte mobilisiert werden, um aus dem Teufelskreis herrschender Verhältnisse auszusteigen.

Wie katastrophal die Weltlage derzeit ist, buchstabiert der provokative Intellektuelle Žižek aus, indem er sein „Unbehagen am globalen Kapitalismus“ ausführlich begründet, das „Scheitern der griechischen Syriza-Bewegung“ nach Inbesitznahme der Macht geißelt, die „terroristische Bedrohung“ des Westens analysiert und – als nachdenklicher Kommentar – zu den „Fallstricken politischer Korrektheit“ erläutert, warum für ihn das „Sexuelle (nicht) politisch ist“.

Schließlich äußert sich der Philosoph auch zur „Rückkehr der Religion“, vor allem aber zum Islam: Für den Psychoanalytiker unterscheidet sich dieser von den anderen monotheistischen Religionen gerade dadurch, dass Gott hier nicht „als Vater“ einer „heiligen Familie“ verehrt wird. „Kein Wunder, dass der Islam an den Stellen erfolgreich ist, wo junge Männer das traditionelle Sicherheitsnetz der Familie vermissen.“

Slavoj Žižek erweist sich mit seinem neuen Buch als beeindruckender Beobachter und Kommentator globaler Verwerfungen. Christen erinnert seine Analyse an die alte, aber noch immer gültige Wesensbeschreibung ihres Glaubens: Hoffen wider alle Hoffnung.

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Žižek, Slavoj

Der Mut der Hoffnungslosigkeit

(S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, 448 S., 20 €)

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