Miguel Obando y BravoKirchenführer mit machtpolitischen Winkelzügen

Der nicaraguanische Kardinal Miguel Obando y Bravo, der 92-jährig gestorben ist, hatte während seiner Amtszeit als Kirchenführer immer wieder versucht, machtpolitisch auf die Geschicke des Landes Einfluss zu nehmen. In der Endzeit der Diktatur des Somoza-Clans versuchte er, zwischen dem Regime und den Rebellen der Sandinistischen Befreiungsfront zu vermitteln. Nach dem Sturz Somozas und dessen Flucht 1978/79 sympathisierte Obando kurzzeitig mit den sich sozialistisch gebenden revolutionären Sandinisten, ging aber bald in Opposition zu den neuen Herrschenden, die unter anderem Priester wie Ernesto Cardenal gegen den Widerstand des Vatikan an ihrer Regierung beteiligt hatten.

Zwischenzeitlich ergriff der Salesianer Obando als Erzbischof von Managua Partei für die „konterrevolutionären“ sogenannten „Contra“-Rebellen. Er unterstützte eine bürgerliche Regierung, die selber korrupt und alles andere als erfolgreich war, um dann wieder zur Sandinistenführung umzuschwenken. Der daraufhin wiederholt zum Präsidenten gewählten Daniel Ortega errichtete mit seiner Ehefrau und Vizepräsidentin Rosario Murillo sowie Gefolgsleuten ein eigenes Machtzentrum mit entsprechenden Familienclan-Strukturen, gegen das in neuerer Zeit wiederum Leute gerade aus dem einfachen Volk aufbegehrten. Die Proteste hatten sich Mitte April an einer geplanten Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge entzündet. Mehr als hundert Menschen sollen bei den Unruhen und Plünderungen getötet worden sein, wobei nicht klar ist, inwieweit Schergen der Sandinisten an diesen Morden beteiligt waren.

Wegen seiner politischen Winkelzüge war Kardinal Obando umstritten. Er wollte, dass Kirchenführer sich – gemäß lateinamerikanischer Tradition –, über ihren kirchlichen Bereich hinaus als „Patriarchen“ zum Wohl des Volkes einmischen. Die jüngsten Unruhen zeigen, dass das einst hoffnungsvoll begonnene sandinistische Revolutionsexperiment gescheitert ist. Auch Papst Franziskus schaltete sich soeben in die Regierungskrise ein und rief dringend zum Dialog auf: „Ich bete für ein Ende aller Gewalt.“

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