Christ in der Gegenwart 70 JahreDen Glauben lesen

Nicht nur tierische und pflanzliche Organismen haben einen Erbcode, sondern auch Kulturen und Religionen. Das Christentum hängt ebenfalls davon ab, diesen Code zu verstehen und in neue Zusammenhänge zu übersetzen. Eine stets innovative Aufgabe, der sich CHRIST IN DER GEGENWART weiter offensiv stellt, nun im siebzigsten Erscheinungsjahr.

Mit dieser Ausgabe erscheint unsere Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART im siebzigsten Jahrgang. Als der Gründer, Karl Färber, 1948 das Experiment einer neuen Publikation für Glaube, Kirche und Kultur wagte, waren die Barbarei des Nationalsozialismus und der Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch in Herz und Sinn der Menschen eingebrannt. Die Frage stand im Raum, ob der abendländischen Gesellschaft, die aus der Katastrophe einer totalen geistigen Verwilderung hervorgegangen war, eine geistige, moralische, ja christliche Erneuerung gelingen werde. Unsere Ahnen hofften das – und wagten ein Ja, allerdings im Bewusstsein, dass es einer grundlegenden Läuterung des Gewissens, einer umfassenden Reinigung des Geistes bedarf. Dem wollte CHRIST IN DER GEGENWART – anfangs noch unter dem provisorischen Titel „Freiburger katholisches Kirchenblatt. Zonenausgabe“ und dann unter „Der christliche Sonntag“ – dienen.

Lesen! Gegen Verwirrung und Verblendung, gegen die Lügen – damals des Totalitarismus –, die man heute als Fake News bezeichnen würde. Es ging um Bildung durch Glauben und um Glauben durch Bildung. Färber schrieb damals: „Man muss … quer durch alle Leserschichten hindurchgehen, in den Städten genau so wie auf dem Lande. Solche, die auch um der neuen Weltlage des Christenglaubens willen um vertieftes religiöses Innenleben sich mühen, die … dem Gewinnen eines christlichen Herzens nachstreben, ihnen will hier im besonderen zu dienen versucht sein… Uns allen ist sicher gemeinsam das Wissen darum, dass in dieser unserer Weltstunde die Eroberung der verfallenen und doch wiederum aller religiösen Sehnsüchte vollen abendländischen Welt nur durch christliches Leben geschehen kann, … vom Innersten und Letzten her.“

Seltsam fern erscheint diese Sprache aus einer völlig anderen Zeit – und zugleich nah angesichts der aktuellen politischen, ökonomischen wie religiösen Krisen weltweit, eingetaucht in gierigen Materialismus und militantes Vormachtstreben, die totalitäre Züge angenommen haben. „Der Sturm der Begierde treibt … die Globalisierung an“, schreibt der an der Yale-Universität lehrende kroatische Theologe Miroslav Volf in einem neuen Buch „Zusammenwachsen. Globalisierung braucht Religion“ (Gütersloher Verlagshaus). Auch dieser Sturm hinterlasse Trümmer – bei allem Fortschritt. Wird das, was gestern war, dem puren Vergessen anheimfallen? „Sicher bleiben uns Tempel, Kathedralen, bedeutende Monumente und herrliche Musik sowie auch ein reiches kulturelles Erbe, anspruchsvolles technologisches Know-how, die Schönheit und die Weisheit der Jahrtausende. Aber nur für kurze Zeit.“ Ohne ein transzendentes Ziel, so Volfs Vermutung, werden wir alles unerlöst hinter uns lassen. Die Globalisierung strebe zwar nach Erlösung und bleibender Bedeutung, aber sie könne beides nicht bieten. Der Glaube hingegen verweise im Christentum auf den Einen, „der die Toten auferweckt und den Opfern der Zeit … Gerechtigkeit widerfahren lässt“.

Legte ich ab, was Kind an mir war

Volf ist trotz aller Abbrüche im Religiösen und besonders im Christentum hoffnungsvoll. Der Mensch werde sich weiter sehnen nach dem, „was im Transzendenten liegt“. Der Einzelne und die Gesellschaften lebten nicht vom Brot allein. Vielmehr streckten sie sich – oft unbewusst – aus zum göttlichen Bereich. Der Kirchenlehrer Augustinus behalte recht mit seiner in den „Bekenntnissen“ an Gott gerichteten Aussage: „Du schaffst, dass er (der Mensch) mit Freuden dich preise, denn zu deinem Eigentum erschufst du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir.“ Die Transzendenz sei keine „Beigabe“ für das Menschsein, vielmehr der innerste Antrieb seiner Unruhe, seiner Rastlosigkeit, die durch noch so viel Bedürfnisbefriedigung nicht erfüllt wird. „Um frei und erfüllt zu sein und zu wachsen, muss das Leben in Beziehung zum Göttlichen gelebt werden, was all unseren profanen Erfahrungen und Bemühungen Sinn, Richtung und ein einzigartiges Vergnügen verleiht.“ Das Göttliche, Gott ist und bleibt das eigentliche Glück, das höchste Glück des Menschen.

Das mag als christliche Anmaßung empfunden werden, aber womöglich spricht daraus auch eine säkulare Weisheit. Man müsse sich fragen, „ob wir wirklich so leben wollen, dass wir überhaupt keine Mußeräume mehr haben“, bemerkte neulich der Freiburger Neurowissenschaftler Joachim Bauer im Deutschlandfunk. Wir seien „eine Gesellschaft, die in einer fast schon verrückten Weise in einem hohen Takt permanent arbeitet, wuselt, unterwegs ist“. Aber wohin? Die Menschen bräuchten Räume, um sich zurückzuziehen oder sozial miteinander unterwegs zu sein.

Für solche Räume inwendiger Entwicklung sorgt gewöhnlich die Religion, auch um sich selber weiterzuentwickeln im Horizont der jeweiligen Zeit. Der christliche Glaube ist ebenfalls kein statisches Gebilde. Er muss sich selber in jeder Lebensgeschichte reformieren, um nicht infantil zu erstarren. Das wusste schon Paulus, weshalb er im Korintherbrief die berühmte, vielzitierte Passage formulierte: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

Sprechen lernen durch Sprechen

Handelt es sich bei der gegenwärtigen Glaubenskrise womöglich um eine Infantilisierungskrise? Weil das Religiöse mit den geistigen Entwicklungen und epochalen Erkenntnissen nicht mehr Schritt hält?

Nach wie vor ist es rätselhaft, wie ein Mensch überhaupt zum Glauben, in den Glauben kommt. Eine wesentliche Voraussetzung aber ist klar: Der Einzelne muss an anderen lesen, ja ablesen können, was im Glauben – als Tätigkeitswort – geschieht. So wie ein Baby Sprechen allein durch Sprechen lernt, indem es anfangs Laute, dann Silben nachplappert und diese zu Wörtern, später grammatisch korrekten Sätzen zusammenfügt, ohne anfangs zu wissen, was ein Wort bedeutet, so entwickelt sich auch das religiöse Sprechen: durch die reine Praxis, das reine Üben und Tun, ja durch Liebe. Denn ohne die Liebe der Zuwendung lernt kein Kind Sprechen. Vor das Wort ist die Liebe gesetzt – genauso vor das Glauben.

Dieses beginnt nicht durch Belehrung, sondern durch Teilhabe, Partizipation. Irgendwann kommt der seltsame Augenblick des Intuitiven, dieser unerklärliche Sprung vom Nichtwissen zum Ahnen und schließlich zum innersten Verstehen als grundlegendes Wissen. Es geschieht so, wie ein Gedanke in einem Menschen entsteht, auf ihn wie aus dem Nichts zukommt, plötzlich auftaucht, anscheinend aus dem Off geboren wird und das Individuum überwältigt. In religiöser Begrifflichkeit heißt das Gnade, in künstlerischer Sicht: Inspiration, also Geisteinhauchung.

Offenbarung über das Gehirn

Es ist ein Geschenk, das aber nicht bedingungslos den Menschen erreicht. Es setzt Anstrengung, Mühen, Ringen, Üben, Lesen und Ablesen, Konzentration und Askese voraus. Glauben „überfällt“ das Individuum. Es handelt sich nicht um ein triviales „Nachbeten“ des Glaubens der Anderen, der Ahnen. Vielmehr konstituiert sich Eigenes, Neues. Das Göttliche, Gott tritt plötzlich in den Ereignishorizont, in das Gehirn und das Gemüt eines Menschen als „Selbstmitteilung“ ein. Offenbarung! Sie passiert nicht ohne Vorbereitung, ist aber auch nicht berechenbar. Wie der Mystiker Meister Eckhart in seiner Predigt über die Erkenntnis Gottes schrieb: „Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes allzumal empfänglich ist. Ich bin dessen so gewiss, wie ich lebe, dass mir kein Ding so nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher, als ich mir selber bin.“

Die DNA des Religiösen

Allerdings braucht es Lehrer, ja Hebammen des Glaubens, die helfen, diese Empfänglichkeit der Seele zu wecken, Gott zu heben. Das ist die eigentliche und vornehmste Aufgabe der priesterlichen Begleitung: Hebammen der Gottesgeburt zu sein. Gott gebären muss freilich – wie bei jeder Geburt – der Mensch selber. Diese Anstrengung nimmt ihm niemand ab. Und den Eltern nimmt niemand die Aufgabe ab, als Vater und Mutter der erste Priester und die erste Priesterin ihrer Kinder zu sein. Im Lebenslauf kommen weitere Begleiter, Lehrerinnen wie Lehrer des Glaubens, hinzu. Schwierig wird es, wenn diese rundweg ausfallen, wenn sich zum Beispiel das geistliche Amt wegen des verschärften Priestermangels verflüchtigt und kaum noch oder – wie vielerorts üblich – überhaupt nicht mehr seelsorglich Zugang findet zu den vielen Einzelnen, wenn die Sprache des Sakramentalen in Zeichenhandlungen und Wort erlischt.

Die Sprache des Glaubens besteht nicht und schon gar nicht in erster Linie in dürren Begriffen und Katechismus-Elementarwissen. Vielmehr geht dem Glauben ein verinnerlichtes Lesen voraus, ein Ablesen der religiösen Codes, so wie ein Organismus durch Ablesen des DNA-Codes und dessen Übersetzung – Expression – den Lebensprozess der Zellen, den besonderen, einmaligen Phänotyp steuert. Symbole, Sakramente, Liturgie und Kult bilden den Erbcode, der durch Ablesen und Übersetzen die Glaubensgeburt vorbereitet und das Glaubenswachstum anregt. Mit jedem Ableseprozess entsteht Besonderes, das den Glauben selber weiterentwickelt: Tradition. Diese bedeutet wortwörtlich nicht verharrendes Beharren, sondern dynamisches Weitergeben, damit sich Neues entwickelt. Glauben erneuert sich durch Glauben. Daran wirken die vielen Einzelnen als Einzelne für die Gemeinschaft der Glaubenden mit. So erst konstituiert sich Gemeinschaft im Glauben, Glaubensgemeinschaft, Kirche als stets zu reformierende.

Dieser Erneuerung des Christseins sieht sich CHRIST IN DER GEGENWART wie in der ersten Stunde auch in seinem siebzigsten Erscheinungsjahr verpflichtet, einem Dienst durch das journalistische Wort, das eine eigene Art von Hebammendienst leistet zum sokratischen Selberdenken auch im Religiösen: den Code des Glaubens lesen, seine Wahrheit entziffern und ins Leben tragen. Christlich ist dieser Code im Menschensohn und Gottessohn Jesus Christus verkörpert, leibhaftig präsent als der kosmische, universale Christus, gegenwärtig verdichtet im materiell-geistigen eucharistischen Prozess, der heiligen Seelenspeise und dem heiligen Himmelstrank Kommunion.

Die „Idee“ des Gottmenschen

Karl Rahner war davon überzeugt, dass es „grundsätzlich für jeden, der lesen, interpretieren und übersetzen kann“ möglich ist, die „‚Idee‘ des Gottmenschen gerade in Jesus von Nazaret“ wahrzunehmen und anzuerkennen, eine „Idee“, die sich in echter Geschichte, in einem konkreten „Raum-Zeitpunkt“ als „Wirklichkeit“ manifestiert hat. Nichts anderes bedeutet die Inkarnation des Logos. Die konkrete Geschichte sei „die notwendige Vermittlung für die geistig-transzendentale Geistigkeit und Freiheit des Menschen“, schrieb Rahner in seinem Aufsatz über „Intellektuelle Redlichkeit und christlicher Glaube“.

„Das Christentum ist eigentlich kein Schloss der Wahrheit mit unzählig vielen Zimmern, die man bewohnen muss, um ‚in der Wahrheit‘ zu sein, sondern die eine Öffnung, die aus allen Einzelwahrheiten (und sogar Irrtümern) in die Wahrheit führt, die die eine Unbegreiflichkeit Gottes ist… Jene Unbegreiflichkeit unseres Daseins, die uns umfasst und in das Leiden der Grenzen unserer Endlichkeit hineinschickt – selbst erhaben über sie – , will uns nicht nur der ferne Horizont sein… Das Geheimnis, das wir Gott nennen, gibt sich selbst in seinem göttlichen Leben in wirklicher Selbstmitteilung zu eigen. Er selbst ist die Gnade unseres Daseins.“

Diese DNA des christlichen Glaubens im Horizont der Welterfahrung ablesen helfen, dazu will CHRIST IN DER GEGENWART auch weiterhin offen und offensiv journalistisch beitragen.

Hinweis

Der CIG-Beitrag mit neun Thesen zur Glaubens- und Kirchenreform (in der Ausgabe Nr. 44/2017) hat ein überwältigendes, zustimmendes Echo gefunden. Sehr viele Leserinnen und Leser haben den kostenlosen Sonderdruck „Wie sich der christliche Glaube erneuern kann“ bestellt. Weiterhin kann dieser Text im handlichen DIN-A5-Format auch in größeren Mengen angefordert werden, um ihn unter anderem Pfarrbriefen beizulegen, um Diskussionen über Gegenwart und Zukunft des Christseins in Gesprächskreisen, im Pfarrgemeinderat, im Religionsunterricht anzuregen. Telefonische Bestellungen unter: 0761/2717-200; E-Mail: kundenservice@herder.de; online: www.cig.de/aktion; Verlag Herder, Kundenservice, 79080 Freiburg im Breisgau/Deutschland.

Gott? – Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft: Diese Thematik wird ein Schwerpunkt des Jubiläumsjahres unserer Wochenzeitschrift sein. Dazu findet am 8. September 2018 auch ein Kongress in Dresden statt, wozu die Leserinnen und Leser herzlich eingeladen sind. Nähere Informationen sowie das Programm und die Einladung werden wir im Frühjahr bekanntgeben. Dann haben Sie die Möglichkeit, sich anzumelden. Im Anschluss an den Kongress ist außerdem eine Leserreise in Dresden und Region geplant.

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