Dantes "Göttliche Komödie"Krachend kommt die Seele frei

Wer sich der eigenen Hölle stellt, kann zum Himmel aufsteigen. In seiner „Göttlichen Komödie“ hat Dante vor siebenhundert Jahren fantastische, gewaltige Bilder für die Seelenreise gefunden.

In dem Standardwerk „Die Mystik im Abendland“ von Bernard McGinn findet sich auch ein umfangreicher Abschnitt über Dantes „Göttliche Komödie“. Das mag zunächst überraschen. Denn natürlich kennt man Dante Alighieri als großen Dichter – aber als Mystiker? Die Bezeichnung drückt ja aus, dass er das Leben in seiner Tiefe auf die Schau Gottes hin dargestellt habe. Geben er und sein Werk das wirklich her?

Dantes Leben sieht zunächst überhaupt nicht nach „Mystik“ aus. Er wird 1265 in Florenz geboren. Die Familie gehört zum Stadtadel, war aber verarmt. Dante besucht die Schulen der Dominikaner oder Franziskaner und gehört zur eleganten Jugend-Gesellschaft von Florenz. Er schließt sich den damals modernen Dichtern an, schreibt mit Freunden scherzhafte und ernste Sonette um die Wette. Mit achtzehn muss er, wenig begeistert, in den Krieg gegen Arezzo ziehen. Irgendwann zwischen 1285 und 1295 heiratet er Gemma di Manetto Donati; das Paar bekommt vier Kinder.

Dante Alighieri, vogelfrei

Dante ist ein hoffnungsvoller junger Mann. Doch es kommen seelische Erschütterungen: 1290 stirbt Beatrice, eine Jugendliebe Dantes. Ihr Tod verändert sein Leben. Dante wendet sich nach innen, studiert mindestens zweieinhalb Jahre intensiv in Ordensschulen und Laienzirkeln Philosophie. Schließlich schreibt er sich in die Zunft der Apotheker und Ärzte ein, um in die Stadtpolitik gehen zu können. Er kommt schnell voran, sitzt in Gremien, geht auf Gesandtschaften, wird 1300 zu einem der sechs „Bürgermeister“ (Prioren) gewählt.

Doch genau dies wird er später als Beginn seines Unglücks darstellen. Denn seine Partei, demokratisch gesinnt gegen die Magnaten und die mächtige Kirche unter Papst Bonifaz VIII., wird 1301 gestürzt. Dante muss in die Verbannung gehen. In Abwesenheit wird er sogar zum Tod verurteilt, womit er vogelfrei ist, also jederzeit in Lebensgefahr. Mit Politik und Ämter-Laufbahn ist es aus. Zwanzig Jahre Exil liegen vor ihm; seine Frau und die Kinder bleiben in Florenz. Dante ist mittellos, auf fürstliche Gönner angewiesen. Er hält sich von den anderen Exilierten fern, macht „eine Partei aus sich allein“, wie er schreibt. Aber er kommt viel in Italien herum, verfasst mehrere Schriften.

Sein bedeutendstes Werk ist die „Göttliche Komödie“. An ihr zeigt sich, dass Dante über eine Grenze gestoßen wurde: aus dem Normalen ins „Andere“. Damit fängt für ihn ein zweites, sein eigentliches Leben an. Schon die Gliederung ist von hoher Symbolkraft. Die „Komödie“ ist in hundert „Gesänge“ (canti) eingeteilt, das ist die Zahl der Vollkommenheit. 33 plus ein Gesang sind der Vorschau und der „Hölle“ (Inferno) gewidmet; 33 befassen sich mit dem „Läuterungsberg“ beziehungsweise dem „Fegefeuer“ (Purgatorio) und wiederum 33 mit dem „Himmel“, dem „Paradies“ (Paradiso). Die dreizeiligen Strophen (Terzinen), die sich reimen, verweisen auf das christliche Gottesbild der Dreieinigkeit. Zu schreiben begonnen hat Dante möglicherweise 1304 in Verona mit dem „Inferno“. Diesen Teil schließt er 1306 ab. Schon damals hat er wohl den Plan für das komplette Werk im Kopf gehabt. Vollendet wird die „Göttliche Komödie“ 1315. Sechs Jahre später stirbt Dante in Ravenna.

Das Böse: Leiter zum Licht

Eine „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“ soll der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Vision Dantes genannt haben. Tatsächlich sind all die Stationen der literarischen Reise Bilder für ein inneres Geschehen. Biblisch-theologisch ließe sich von Umkehr sprechen. Am Anfang steht eine Erkenntnis. Modern ausgedrückt lautet sie: So geht es nicht weiter! Wenn du das wirkliche Leben erreichen willst, musst du vieles anders machen. Du musst in die Tiefe gehen, in die Tiefenschichten deines Bewusstseins. Diesen anderen Weg zu gehen, diese Jenseits-Reise, lehrt auch die Psychotherapie.

Die Suche nach dem Selbst, vielleicht auch nach Gott, beginnt mit dem Abstieg ins „Inferno“, ins Dunkel, ins Unbewusste, wie es die Psychoanalyse formulieren würde. Dort trifft man auf den „Schatten“ (C. G. Jung), das individuelle Böse und das der ganzen Menschheit. Diese große Erfahrung bringt einen dem Sinn des Lebens näher – und zwar von Erschütterungen, von Krisen, von der Lebenswende aus.

Dante hat schon als Kind die Mosaiken im Baptisterium von Florenz gesehen, in denen die Hölle und das Paradies dargestellt sind. In Verona sieht er das römische Amphitheater, die „Arena“, wo heute im Sommer Opern aufgeführt werden: Da schaut er das Bild des ungeheuren Trichters im Erdinnern, die „Höllenkreise“, begehbar auf Rampen, mit Abbrüchen und schmalen Durchgängen, Unterweltströme sind zu überqueren. Alles ist visionär erweitert, voll von Schatten Verdammter. Immer wieder findet man Bruchstücke von Visionen. Er sieht nach innen, schaut den seelischen Weg des Menschen, der dem Bösen Raum gelassen hat, projiziert das Innere nach außen. Er buchstabiert diesen Weg entlang der sieben Hauptsünden, angefangen mit der Wollust, dem Neid und Geiz bis zum Verrat. Überhaupt bemüht Dante viel Theologie, aber auch griechisch-römische Mythologie und das Wissen seiner Zeit.

Es ist eine verwirrende Fülle von Begegnungen und Gesprächen mit Verdammten, Auseinandersetzungen mit Teufeln, durchdrungen von Panik und Hast. Die 34 „Gesänge“ des „Inferno“ meinen immer das eine: Das Böse ist in dir, du musst nur genau hinschauen und nicht ausweichen, dich selbst täuschen. Aber du kommst aus dieser Hölle heraus, wenn du „den Wolf umarmst“. Dein Böses wird dir zur Leiter, an der du wieder ans Licht steigst. Der letzte Vers des „Inferno“ lautet: „Dort kamen wir heraus und sah’n die Sterne.“

Das neue Leben beginnt mit der Umkehr. So auch literarisch als Weg nach oben, zum „Läuterungsberg“, zu Gott. Dante kennt vermutlich den „Pilgerweg des Menschen zu Gott“, ein Werk von Bonaventura, einem der wichtigsten Lehrer der franziskanischen Mystik. Demnach gelangt man nur in Stufen höher. Das geduldige Aufsteigen ist ein wichtiges Bild; überall geht es um den großen Übergang von sich zu Gott. Damit ist der mystische Zug nach oben gekennzeichnet, die Sehnsucht nach der Fülle des Lebens.

Das „Purgatorio“, das Fegefeuer beziehungsweise der Läuterungsberg, ist der zweite Teil der Komödie. Auf diesem Weg, ja Aufstieg, geht es um die Mühe, zusammen mit dem inneren Trieb zu dem zu finden, was bei C.G. Jung „Individuation“ heißt, religiös „Reinigung von Sünden“, „Heilung von schief Gewachsenem“. Dante findet für diesen Weg der Seele zu ihrem Ziel das uralte Bild einer Bergbesteigung. Das „Purgatorio“ ist ein riesiger Berg-Kegel im südlichen Meer, in drei Tagen geht man aufwärts im Sonnenlicht. In den Nächten kann man nicht steigen, freut sich aber an der klaren Luft unter den Sternen. Dante kämpft sich zusammen mit seinem Seelengeleiter Vergil unter schweren Mühen hoch. Je höher sie kommen, desto leichter wird es.

Der Weg beginnt am frühen Ostermorgen. Immer noch geht es um das Umkehren. Die Lebensereignisse wie Krankheit, Tod, Trennung oder andere „Blitze“ gilt es richtig zu nutzen, um den Kurs zu korrigieren. Eine feierliche Zeremonie gleich zu Anfang zeigt: Vergil wäscht Dantes Gesicht mit Tau und gürtet ihn mit Schilf, der Pflanze, die nachgibt und deshalb sich hält. Er ist bereits im Licht, aber nicht am Ziel. In den ersten Versen des „Purgatorio“ erklärt Vergil Dantes Weg: „Freiheit geht er suchen.“

Wie werde ich frei?

Die erregenden Begegnungen und Träume erläutern das große Thema der Heilung von den Sünden: Wie werde ich frei, wie komme ich zur Ganzheit, wie komme ich zu Gott? „Seelenarbeit“ wird es brauchen, wenn Fehlhaltungen wie falscher Stolz, Neid, Gier zu korrigieren sind, die gute Lebenseinstellung einzuüben ist. Dante findet dafür das Bild der sieben Umkreisungen des Bergs. Auf dem Weg nach oben sieht und hört er Beispiele der Sünden: Die härteste ist der Stolz, die leichteste, gleichwohl schmerzhafte, ist die ungeordnete Liebe. Es ist eine Meditation des inneren Lebens. Die Heilung kostet viel und tut weh; die Aufsprengung des zu engen Bewusstseins erleidet man. Das eben ist der Sinn des zweiten Teils der „Göttlichen Komödie“: die Erfahrung des Menschenlebens mit allen Sinnen, erschütternd, heilend und reinigend, dargestellt als Durcharbeiten der sieben Haupt- oder Wurzelsünden, falscher Haltungen dem Leben und seiner Tiefe gegenüber. Dante sagt vom „Läuterungsberg“ einmal: „der, was die Welt krümmt, grade macht“.

Vorwärts hilft zunächst der innere Trieb zum Ziel des Selbst, der natürliche Zug der Sehnsucht, die sich manchmal auch als hilfreicher Traum zeigt. Dann die vielen Begegnungen mit Gestalten der Geschichte, auch früherer Bekannter, an denen die Läuterung sichtbar und hörbar wird. Vor allem hilft der Begleiter, Vergil, denn von sich aus wüsste der Jenseitswanderer oft nicht weiter. Das Geführtwerden ist ein Symbol für die Gegenwart der Gnade Gottes. Auch die Erschütterung hilft ab und zu: Einmal erlebt Dante ein Krachen, wie wenn etwas zu Boden fiele, ein Erdbeben, der ganze Berg scheint zu zittern. Aber von allen Seiten hört man ein überwältigendes „Gloria“-Schreien. Erst später erfährt er, dass gerade eine Seele frei geworden, dass ihre Erlösung vollendet ist und sie aufsteigen kann in den Himmel.

Das Schwert ritzt sieben „P“

Der Aufstieg wird durch Zeremonien und Symbole gegliedert. Im neunten Gesang etwa wird ein großer Traum Dantes erzählt. Ein Adler packt ihn darin schmerzhaft und reißt ihn in die Höhe. Als der Jenseits-Wanderer erwacht, sagt ihm Vergil, die heilige Lucia habe ihn aufgenommen und hochgetragen zu einem Ritz im Fels. Dieser enthüllt sich als Tor, mit einem streng prüfenden Engel auf den Stufen davor. Er zeichnet ihm mit der Schwertspitze sieben „P“ (peccata, Wurzelsünden) auf die Stirn, Zeichen der Verwundung durch diese Sünden. Andere Engel werden sie weglöschen, wenn eine Sündensphäre nach der anderen durchschritten ist.

Am dritten Morgen dann steigen die Dichter über eine enge Treppe, die man allein gehen muss, zum siebten Kreis des „Purgatorio“, wo die letzte Heilung Dantes geschehen wird. Er muss durch einen Wall aus Feuer schreiten, um die Wollust auszubrennen. Dante wird leichenblass, Furcht vor dem Feuer packt ihn. Aber die Erinnerung an Beatrice, die er bald sehen soll, lässt ihn in die Flammen gehen. „Es brennt ohne Maßen.“ Jetzt kann Vergil ihn freisprechen mit einem großen Satz: „Du bist dein eigner König jetzt und Papst“, kannst deine eigenen Schritte gehen, ohne Führung.

Die letzte große Vision, die „Symbol-Prozession“, bringt die erschütternde Begegnung mit der geliebten und verehrten Beatrice, die ihm strenge Vorhaltungen macht wegen der Sünde, von seiner ersten Liebe abgefallen zu sein. Dante reagiert mit tränenvoller Zerknirschung, die seelischen Verhärtungen schmelzen auf. Aber die Vision sprengt schließlich die private Geschichte: Die Kirche als ideale Menschen-Gemeinschaft mit ihrem wechselvollen Geschick zwischen Gewalt und Verrat wird als Triumphwagen vorgeführt.

Die Seelengeschichte endet mit einer „Taufe“: Dante wird von einer helfenden Gestalt durch einen Fluss gezogen, schluckt Wasser, erfährt also real das alte Todes-Symbol, in dem die Lossprechung lag, die Initiation in das Leben mit Gott. Die letzten vier Verse des „Purgatorio“ lauten: „Ich kehrte wieder aus den heiligen Wogen, war neugeboren wie die neuen Pflanzen, wenn sie ihr grünes Laub erneuert haben, rein und bereit zum Aufstieg auf die Sterne.“

Der dritte Teil der Komödie handelt vom Eintritt ins Paradies, hin zur Schau Gottes. Dante hat dafür ein großes Vorbild bei Paulus gefunden. Im zweiten Brief an die Korinther (12,1–10) erzählt dieser „wie ein Narr“, was er einmal erlebt hat: Er ist „in den dritten Himmel“, „ins Paradies“, entrückt worden, hat Unsagbares gehört – eine Ekstase, von der er nur gebrochen, ironisch berichten kann, nicht direkt. Ähnliches wird von vielen Heiligen, Frauen und Männern, Christen und Nicht-Christen überliefert.

Statt Kreisen das Schauen

Statt des Kreisens um den Läuterungsberg kommt nun das Schauen: Dante wird von Beatrice geführt, die jetzt eine der Seligen im Himmel ist. Er ist fast am Ziel, aber es steht noch Entscheidendes bevor. Im „Purgatorio“ gab es noch Einbrüche des Dunklen, Rückfälle des Aufsteigenden. Aber jetzt nimmt unaufhörlich das Licht zu. In der Hölle herrschte Nacht, in der trotzdem viel zu sehen war; im „Purgatorio“ wechselten Tag und Nacht, es gab Dämmerung wie auf der Erde; im „Paradiso“ ist es, wie wenn „Tag zum Tag gefügt“ wäre. Das Licht steigert sich weit über irdische Verhältnisse. Zugleich wird die Bewegung reißender bis zu unvorstellbaren Geschwindigkeiten, angefangen mit „pfeilschnellem“ Flug, der Himmel wird in einem halben Tag durchflogen.

Dante zeigt, was viele Menschen auf verschiedene Weisen suchen, nämlich ein Hingerissen- und Außer-sich-Sein, eine Versenkung bis zur Ekstase, die eine Verwandlung sein muss, eine stufenweise Erleuchtung, das Hellwerden des Lebens. Der innere Vorgang wird geschildert als höher und höher Fliegen, immer Blick in Blick mit der geliebten Frau. Beatrice verkörpert die aufschließende große Liebe. Dabei wird die Sehkraft unendlich gesteigert, kein kaltes, unbeteiligtes Sehen, sondern ein Entbrennen von innen her, stärkstes Gepackt-Sein übers Auge, unnennbar schön und erregend. An einer Stelle heißt es: „Ich ward mit einem neuen Blick entzündet, sodass kein Licht mehr ist von solcher Reine, dass es mein Auge nicht ertragen hätte.“

Im Himmel des reinen Lichts

Die Ordnungsvorstellung für dieses nicht mehr Darstellbare ist das ptolemäische Schema der sieben Planetensphären, dazu der Fixstern-Himmel und zuletzt das „Empyreum“ (Feuer-Himmel), der „Ort“ Gottes. Es ist eine Meditationshilfe, vom Mond-Himmel angefangen, der wie eine lichte Wolke, wie Perlmuttglanz ist, über Merkur und Venus, wo Funken oder Rubine im Feuer tanzen, über Sonne, Mars, Jupiter und Saturn. Viele Begegnungen mit Seligen überraschen Dante. Im Fixstern-Himmel findet eine feierliche Prüfung durch drei Apostel statt, bevor er ins Empyreum gerissen wird, in den Himmel, der „reines Licht ist“: Bild für die Nähe Gottes, die „vergöttlicht“, wie die Mystiker, im Osten vor allem, sagen.

Dante hat wohl eine mystische Erfahrung gemacht: ein Außer-sich-Sein, eine Ekstase, wie sie auf verschiedene Weise von vielen erlebt wird, wenn auch nur sekundenkurz, blitzhaft. Es ist überschnelles Aufsteigen, nicht mehr in Raum und Zeit, so wie ein Pfeil ins Ziel geschossen wird. Licht- und Klangphänomene, unbeschreibliche Musik, verinnerlichen das Geschehen, Tänze, die das Mitschwingen mit den kreisenden Sphären andeuten. Beatrices Lächeln, das Hingerissen-Sein der erneuerten ersten Liebe ist eine stufenweise Initiation in die Ekstase, immer in Kommunikation, in Beziehung, in Liebe.

Liebe, Schlüsselwort des Paradiso, nicht zu umgehen, trotz des erschütternden Verschleißes dieser Vokabel, die ebenso verschlissen ist wie „Paradies“ und „Himmel“. Zur Zeit Dantes war die „Minne-Dichtung“ in Mode. Sie konnte sich, wenn sie religiös war, auf Augustinus berufen, ja auf das Hohelied der Liebe im Alten Testament, das ein Grundbuch der Mystik im Christentum wurde, besonders seit dem heiligen Bernhard von Clairvaux. Mit Liebe ist das Getroffen- und Berührtwerden von der Schönheit gemeint, das weltaufschließende Erlebnis, wie plötzliches Licht. Wir würden heute von „Energie“ sprechen.

Das Sehen steigert sich ins Nie-Gekannte. Farben und Bilder erscheinen, ein Feuerwerk von überwältigenden Lichtphänomenen. Begegnungen mit großen Gestalten der Geschichte ereignen sich, wie mit dem Kaiser Justinian oder dem Urahn Dantes, Cacciaguida im Mars-Himmel, mit Heiligen, mit Philosophen und Theologen wie Thomas von Aquin und Bonaventura.

Fast gegen Ende kommt das große Gedicht zur vorläufigen Ruhe in einem Meditationsbild, einem Mandala, der „Weißen Rose“. Es greift vor auf die Erfahrung Gottes: In ihr sitzen in einem unfassbar weiten Rund die Heiligen. Das Bild ist allgemein bekannt: „Du geheimnisvolle Rose“, „Rosa mystica“ heißt es in der Lauretanischen Litanei; sie wird „unsere Stadt“ genannt. Das Symbol „Stadt“, wie in der Johannes-Apokalypse, vermischt sich mit dem Seelenbild der Rose, in dem die Schönheit, das offenbarende Lächeln Beatrices und die Schönheit der geordneten Welt zusammenkommen. In den Fensterrosen der gotischen Kathedralen ist es da oder in Paul Celans Gedichtband „Die Niemandsrose“ (1963), auch bei muslimischen Mystikern.

Liebe, die die Sterne bewegt

Nach feierlichen Gebeten der Gottesmutter Maria und des heiligen Bernhard („Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes“) ist die letzte Erfüllung da, wie ein Blitz, nach dem nichts mehr zu sagen bleibt. Das Gedicht bricht sehr unvermittelt ab mit dem erschütternden und umwandelnden Erlebnis des völlig Unzugänglichen: des drei-einen Gottes und seiner Geschichte mit den Menschen. Der letzte Vers wie ein alles besiegelndes, gelöstes Ausatmen: „Liebe, die bewegt die Sonn’ und alle Sterne“.

Bernard McGinn hat recht: Die „Göttliche Komödie“ redet von Grund auf mystisch. Das geschieht gewiss nicht in jedem Vers, wohl aber in dem Grundzug von der Bekehrung bis zur vollen Schau des dreifaltigen Gottes und der Inkarnation. Das Problem des Dichters Dante heißt: Wie kann das Unsagbare, das „Ganz-Andere“ in Sprache gebracht werden? Es ist auch das Paradox aller Mystik: „unsagbares Sagen“ (2 Kor 12,4). Eine große Gestalt mystischen Redens ist die „Göttliche Komödie“ zweifellos – und so als ein bedeutendes Werk christlicher Verinnerlichung weiter aktuell.

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