GlaubenserneuerungIn kreativer Treue

Karl Rahner sprach von einer „winterlichen Zeit“ der Kirche. Irgendwann aber sollte der Frühling kommen. Wann? Wie? Hier nimmt der Erzbischof von Freiburg Stellung zu den Reformthesen der CIG-Redaktion.

In neun Thesen hat die Redaktion des CHRIST IN DER GEGENWART ihre Vorstellungen davon zusammengefasst, wie sich die Kirche an Haupt und Gliedern reformieren sollte, „damit die christliche Botschaft die Menschen in einem modernen Lebenshorizont erreicht“ (CIG Nr. 44/2017). Vieles und recht Unterschiedliches hat die Redaktion damit der Kirche ins Aufgabenheft diktiert, das eine oder andere ausdrücklich adressiert an deren Amtsträger: Diese sollen beispielsweise eine neue Sprache (wieder)finden, die „aufgeklärte Menschen existenziell ergreift“. Grundsätzlich müsse es in der kirchlichen Verkündigung weniger um die Kirche und mehr um Gott gehen. Einen neuen Sinn für Liturgie wünscht sich die Redaktion auch.

In unserem Tun und Reden dürften wir Christen nie vergessen, dass das Christentum nicht „der Erzeugung bloß privater Glücksgefühle“ dient; zum Christsein gehöre die Option für die Armen, die Anwaltschaft für die Schwachen. Auch sollen wir Christen uns zusammen mit und im Vertrauen auf „wahrhaft fromme und rechtschaffene Menschen in anderen Religionen und … außerhalb dieser weltweit für die Versöhnung von Glaube und Vernunft einsetzen“, um jede Form von Fanatismus und Fundamentalismus zu bekämpfen, um Frieden zu schaffen.

Schließlich wünscht sich die Redaktion, die Kirche selbst solle synodaler werden, „sich demokratisieren“. Jeder Christin, jedem Christen soll offenstehen, die theologisch nicht zu rechtfertigende Spaltung der Christenheit im täglichen Glaubensvollzug zu überwinden.

Viele der Reform-Anliegen, Ziele oder Zukunftshoffnungen teile ich. Gerade auch als für das Hilfswerk „Misereor“ oder den Caritasverband Verantwortlicher in der Bischofskonferenz unterstreiche ich das in der fünften These zusammengefasste „Christsein ist politisch“. „Für mehr Behaglichkeit hat sich Jesus nicht ans Kreuz schlagen lassen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber es verhält sich nicht gleichgültig gegenüber dem Seufzen der bedrängten Kreatur, dem Leiden der Menschen und großer Teile der Menschheit.“ Daran erinnert uns auch Papst Franziskus mit unermüdlicher Leidenschaft für die Armen und die am Rand Stehenden. Er treibt in diesem Sinn die immerwährende Reform der Kirche voran – weltweit, auch in Europa, auch die deutsche Ortskirche.

Wo jeder selbst Verantwortung trägt

Zustimmen will ich gerne der an mehreren Stellen explizit und implizit getroffenen Analyse: dass nämlich die Kirche sich latent in Gefahr befindet, sich zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen. Sie steht dann der Verkündigung der eigenen Botschaft, dem eigenen Auftrag, im Wege. Einer Kirche, die zu sehr um sich selbst kreist, gelingt es nicht, sich auf die materiellen Nöte und seelischen Bedürfnisse, auf das Suchen und die Sehnsucht der Menschen hier und heute einzulassen. Fraglos sind in unserer Kirche derzeit gewaltige strukturelle Umbauarbeiten zu bewältigen, aber das darf uns nicht von Sendung und Auftrag entbinden und entschuldigen.

An mancher Stelle fällt mir die Situationsbeschreibung jedoch zu pauschal, zu pessimistisch, zu holzschnittartig aus, nicht nur was die vorgeblich oft „erschreckend blutleer und abstoßend oberflächlich“ gewordene Liturgie angeht. So sehe ich auch nicht, dass sich die wissenschaftliche Theologie nur noch „auf einer akademischen Metaebene mit sich selbst oder mit anderen Wissenschaften auf Basis von Detailwissen“ austauscht, dass sie insgesamt bedeutungslos geworden ist. Oder auch: Das Gemeindeleben mag gelegentlich „lahmen“. Für viele Gemeinden trifft das aber nach wie vor nicht zu, und ich bin immer wieder neu beeindruckt, wie viele sich engagieren, auch und gerade in schwierigen Zeiten und verlorenen Selbstverständlichkeiten.

Dennoch stellt sich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des christlichen Glaubens mit großer Dringlichkeit: etwa, wenn und weil der christliche Glaube in der Öffentlichkeit praktisch nicht mehr vorkommt, er seine Plausibilität verloren zu haben scheint; wenn der christliche Glaube verkommt zu einer beliebigen Weltanschauung unter vielen, die die meisten nicht stört, aber auch nicht (mehr) interessiert.

So soll sich jeder und jede in der Kirche, selbstredend und zuallererst auch die Amtsträger, fragen, wo sie selbst Verantwortung tragen, „dass die christliche Botschaft die Menschen in einem modernen Lebenshorizont nicht (mehr) erreicht“. Liegt es womöglich an allzu großer Selbstgewissheit oder Selbstgerechtigkeit im Umgang mit dem eigenen Glauben oder umgekehrt an allzu großer Verzagtheit, einem verstohlenen Umgang mit diesem?

Alles soll so getan werden, dass jeder einzelne Christ, jede einzelne Christin befähigt wird und die nötige Unterstützung und den nötigen Freiraum findet: damit er oder sie den Kern unseres Glaubens für sich immer wieder neu entdecken kann. Dass es gelingt, aus diesem Glauben zu leben, es immer wieder von neuem zumindest zu versuchen. Dass es gelingt, diesen Glauben auch freimütig im Reden und auch im Tun zu bezeugen.

In diesem Sinne erneuern werden sich Christentum und Kirche vor allem dann, wenn wir keine Angst haben, wenn wir uns ohne Angst öffnen: den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, den anderen Religionen in unserer fraglos auch religiös pluraler gewordenen Gesellschaft; wenn wir uns ohne Angst öffnen den Nichtglaubenden und den Suchenden, der „Welt von heute“, wie es die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils formuliert hat. Kritiklose Anpassung ist damit freilich nicht gemeint. Es gilt immer auch, die Gabe der Unterscheidung zu bewahren und die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten.

Auch unsere Zeit ist Gotteszeit

Als Kirche sollten wir uns aber nicht über unsere Zeit und unsere Situation beklagen, weder mit depressiver Verzagtheit noch mit blindem Aktionismus reagieren, nicht im Blick zurück auf vermeintlich glorreichere Tage gefangen bleiben. Wir haben uns unsere Zeit nicht ausgewählt, sie ist uns zugekommen. Im Vertrauen darauf, dass auch unsere Zeit Gotteszeit ist, können wir ihr in Offenheit begegnen, ohne jede Form von Selbstgewissheit oder Selbstgerechtigkeit.

Wo wir uns um die Verlebendigung und Verheutigung, die Erneuerung von Glaube und Kirche mühen, soll dies in „kreativer Treue“ zur Geschichte, zur eigenen Tradition geschehen. Von der „kreativen Treue“ sprach jüngst Papst Franziskus. In dieser „kreativen Treue“ sollten wir uns darum bemühen, die Kernbotschaft des christlichen Glaubens in einer zutiefst verwandelten Kultur neu zu denken und zu verkündigen, damit diese „Botschaft die Menschen in einem modernen Lebenshorizont erreicht“.

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