Körperbewusstsein von KindernIch fühl mich gut

Um ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, benötigen Kinder die Unterstützung ihrer Eltern. Und zwar von Anfang an.

Ich fühl mich gut
Um ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, benötigen Kinder die Unterstützung ihrer Eltern © artefy - iStock

Wenn Babys beginnen, ihren Körper zu erfahren, ist das oft sehr süß. Sie entdecken die eigenen Hände und betrachten sie neugierig und etwas ungläubig. Dann haben sie plötzlich ihre Füße im Mund und glucksen fröhlich, wenn man sie kitzelt. Mit all diesen Körpererfahrungen können auch Eltern und Umfeld gut umgehen. Schwieriger oder irgendwie unangenehmer wird es, wenn Kinder beginnen, ihre Geschlechtsteile zu erkunden, sich „untenrum“ anfassen, an den Schamlippen oder am Penis ziehen. Die Entwicklung der kindlichen Sexualität, wie man diesen Prozess nennt, gehört aber ebenso zur normalen und in besonderem Maße zu einer gesunden Entwicklung. Ein wünschenswertes Ziel ist es, dem Kind die Möglichkeit zu geben, ein gesundes Körpergefühl und eine positive Einstellung zum eigenen Körper und der eigenen Geschlechtlichkeit zu entwickeln.
Schon Babys und Kleinkinder haben so etwas wie sexuelle Gefühle, jedoch sind diese nicht auf einen Höhepunkt fixiert oder auf die Genitalien beschränkt. Vielmehr genießen Kinder schon früh das Wohlgefühl, das durch Körperkontakt, Kuscheln und Streicheln oder durch Saugen und Nuckeln ausgelöst wird. Ab dem zweiten Lebensjahr beginnen Kinder, ihr eigenes Geschlecht zu erkunden und Unterschiede wahrzunehmen. Das Interesse am eigenen Körper ist ausschließlich von Neugier und Forscherdrang getrieben. Noch besitzen Kinder kein Schamgefühl, sodass ihnen Nacktheit nicht peinlich ist. Eltern hingegen wissen, dass es nicht angemessen ist, „in der Öffentlichkeit“ Dinge zu tun, die als sexuell verstanden werden (können). Aussagen wie „das ist bäh“ oder „eklig“ oder „Mami/Papi mögen dich nicht, wenn du so was machst“ wirken jedoch wie pures Gift. Was das Kind tut, ist ganz normal. Wird ihm das Gefühl vermittelt, es wäre dadurch ein schlechter Mensch und werde nicht mehr geliebt, entstehen Schuldgefühle, die im schlimmsten Fall das ganze Leben lang das Körper- und Selbstwertgefühl sowie die Sexualität negativ prägen. Denn das Kind speichert ab: „Wenn sich etwas für mich gut anfühlt, ist es schlecht.“

Durch Doktorspiele lernen

Zwischen drei und sechs Jahren entwickeln Kinder mehr Interesse am Geschlecht ihrer Spielkameraden. Häufig widmen sie sich dann den „Doktorspielen“, bei denen sie sich ausziehen und ihre Körper vergleichen oder auch untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt ist ihnen schon bewusst, dass das nichts für die Öffentlichkeit ist, und sie ziehen sich ins Kinderzimmer zurück. Das kann Eltern verunsichern, doch auch diese Entwicklung ist ganz normal und Kinder sollten die Möglichkeit bekommen, sich mit anderen – auch hinter verschlossenen Türen – auszuprobieren. Solange Eltern das Gefühl haben, dass das Kind das freiwillig macht, müssen sie nicht einschreiten. Hellhörig werden sollten Eltern allerdings, wenn Kinder sehr häufig mit ihren Freundinnen und Freunden auf Spiele mit Nacktheit bestehen, wenn ein Kind darüber Unbehagen empfindet oder wenn das Wissen über Sexualpraktiken nicht altersgemäß ist.

Das Schamgefühl entwickelt sich

Etwa im Kindergartenalter und während der Grundschulzeit entwickelt sich das Schamgefühl. Plötzlich wollen Kinder alleine auf die Toilette und am Strand nicht mehr nackt herum-laufen. Damit ahmen sie natürlich einerseits die Eltern nach, zugleich auch die Erkenntnis, dass Nacktheit sich in manchen Situationen unangenehm anfühlt. Eltern erscheint das manchmal übertrieben. „Es ist wichtig, dass Kinder sich nicht für ihr Gefühl schämen müssen, sondern dass sie ihre Empfindungen als guten Ratgeber nutzen können“, erklärt die Diplompädagogin Pia Zeiher, die für das PETZE-Institut in Kiel in der Prävention von sexuellem Missbrauch arbeitet. Nur so kann sich das Wissen festigen: Mein Körper gehört mir und ich darf darüber bestimmen!
Dieses Grundverständnis ist extrem wichtig für das Selbstwertgefühl, ein positives Körpergefühl sowie einen wertschätzenden Umgang mit dem eigenen Körper und später auch der eigenen Sexualität.

Was tun?

Viele Eltern fragen sich, wie sie darauf reagieren können, wenn Kinder sich in der Öffentlichkeit entblößen.

  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind unter vier Augen. 
  • Schimpfen Sie nicht.
  • Erklären Sie Ihrem Kind mit ruhiger Stimme, dass es grundsätzlich in Ordnung ist, sich selbst an den Geschlechtsteilen zu berühren, aber dass andere Menschen das nicht sehen möchten. Sie können es auch mit einem Beispiel erklären, das das Kind schon kennt – in der Nase bohren, aufs Klo gehen und so weiter. 
  • In einem ruhigen Moment können Sie dem Kind erklären, dass auch Sie es mögen, sich anzufassen und zu berühren, aber dass Sie sich dazu auch zurückziehen.

Auf diese Weise vermitteln Sie dem Kind erste Schamgrenzen, ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, es würde etwas Schlechtes oder Verbotenes tun.

Positives Körpergefühl fördern

Ein positives Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln ist ein Prozess, der sich über viele Jahre zieht. Doch schon bis zum Grundschulalter legen Eltern die Grundsteine.

  • Dinge beim Namen nennen: Beginnen Sie schon früh damit, für die Genitalien ganz selbstverständlich die anatomisch korrekten Bezeichnungen zu verwenden. Bei Mädchen sind das Scheide oder Vagina, Vulva und Schamlippen, bei Jungen der Penis und die Hoden.
  • Körperpflege und Hygiene: Gehen Sie beim Waschen oder beim Reinigen nach dem Toilettengang pfleglich mit dem Körper des Kindes um. Respektieren Sie die Grenzen, die das Kind steckt und setzen Sie sich nicht darüber hinweg, wenn das Kind äußert, dass es etwas nicht möchte.
  • Eltern als Vorbild: Eltern sind für die Entwicklung des Körperbildes Vorbild. Wenn Sie sich für Ihren Körper schämen und Ihr Kind Sie nicht nackt sehen darf, wird das Kind das abspeichern. Hinterfragen Sie daher Ihr Körperbild.
  • Umsichtig mit Sprache umgehen: Sprache ist mächtig. Aussagen wie „du bist zu dick/ zu dünn“, „deine Beine sind zu kurz“, „mein Hintern ist hässlich“ oder „ich mag meinen Körper nicht“ können sich für lange Zeit einbrennen.
  • Liebe hängt nicht vom Aussehen ab: Stellen Sie keine Verknüpfung zwischen der Liebenswürdigkeit und dem Körper her (z. B.: „Ich mag an dir dein hübsches Gesicht“). Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie es lieben und dass es egal ist, ob es Plattfüße, eine krumme Nase oder süße Grübchen hat.
  • Der Körper ist Freund, nicht Feind: Wir haben nur diesen einen Körper. Vieles wird leichter, wenn wir unseren Körper als Freund betrachten, nicht als Feind. Viele Jugendliche hadern sehr mit ihrem Körper und würden gerne anders aussehen. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es perfekt ist, wie es ist.

kizz Interview

„Sexueller Missbrauch ist immer strafbar”

kizz sprach mit Pia Zeiher vom PETZE-Institut Kiel darüber, wie sexuellem Missbrauch vorgebeugt werden kann

Welche Taten umfasst der sexuelle Missbrauch?

Sexueller Missbrauch umfasst alle sexuellen Handlungen durch Jugendliche (ab 14 Jahre) und Erwachsene an oder vor Kindern (bis 14 Jahre). Darunter fallen zum Beispiel das Zeigen von pornografischem Material, Masturbation vor einem Kind oder Berührungen an den Genitalien. In der Regel binden TäterInnen diese Handlungen in alltäglichen Körperkontakt oder ein Spiel ein, sodass Kinder nicht immer verstehen können, dass ihnen Gewalt widerfährt. Es ist unerheblich, ob die Handlungen einvernehmlich scheinen: Sexueller Missbrauch ist immer strafbar.

Wo lauern für kleine Kinder die größten Gefahren?

Aus der Forschung wissen wir, dass der Großteil der TäterInnen aus dem direkten Umfeld des Kindes, der Familie oder dem Freundeskreis kommt. Mit zunehmendem Alter erweitert sich der Radius, dann kommen auch vermehrt das Internet, Vereine usw. als Kontaktorte/Tatorte infrage.

Woran können Eltern oder andere Bezugspersonen erkennen, ob ein Kind möglicherweise missbraucht wird?

Das ist wirklich schwierig. Etwa 40 Prozent der Betroffenen zeigen keine sichtbaren Auffälligkeiten. Natürlich können plötzliche Verhaltensänderungen, aber auch starke Angepasstheit ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch, aber auch auf anderen Stress sein. So kann etwa überstarkes sexualisiertes Verhalten ein Hinweis auf kindlichen Stress sein. Unserer Erfahrung nach empfinden Eltern allerdings ein körperlich-sinnliches Verhalten der Kinder mitunter schon als unnormal, welches Kinderärzte als vollkommen normal einordnen; beispielsweise, wenn Kinder sich intensiv berühren oder das Geschlecht anderer Kinder untersuchen.

Was können Sie Eltern empfehlen?

Wir empfehlen jeder Person, die mit Kindern zu tun hat, immer ein offenes Ohr für deren Belange zu haben. Besteht ein Vertrauensverhältnis, trauen sich Kinder eher, schambehaftete oder peinliche Inhalte zu erzählen. Wichtig ist auch, dass Kinder über ihren Körper Bescheid wissen, und ihnen zu vermitteln, was Erwachsene dürfen und was nicht. Viele Kinder wissen, dass Erwachsene sie nicht schlagen dürfen. Aber sie müssen auch wissen, dass Erwachsene Kinder nicht einfach an Vulva, Penis oder Po fassen oder sie dazu auffordern dürfen, das bei ihnen zu tun. Sehr wichtig ist auch, dass Kinder Nein sagen dürfen und dass es respektiert wird. Seien Sie Vorbild darin, vertrauten Menschen auch mal ein Nein zu setzen, damit Ihr Kind sich das abgucken kann

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