Wenn Kinder Schmerzen habenAkut oder chronisch?

Wenn Kinder Schmerzen haben, fühlen sich viele Eltern hilflos. Sie wollen nicht, dass ihr Kind leidet. Gleichzeitig können sie die Stärke des Schmerzes schlecht abschätzen

Akut oder chronisch?
Wichtig ist, das Empfinden des Kindes nicht in Frage zu stellen. © Nadezhda1906 - iStock

Aus Sicht der Evolution haben Schmerzen eine wichtige Funktion: Sie warnen uns und bewahren uns davor, den Körper weiter zu schädigen. Die Hand auf der heißen Herdplatte ziehen wir ganz schnell zurück. Und der Schmerz des gebrochenen Beins zwingt uns, so lange zu ruhen, bis der Knochen geheilt ist. Leiden Kinder unter Schmerzen, sind Eltern oft verunsichert. Denn Schmerzen sind anders als andere Symptome: Fieber kann man messen, einen Hautausschlag kann man sehen und ein gebrochenes Bein kann geröntgt werden. Nur den Schmerz kann man von außen nicht beurteilen. Was zählt, ist allein die subjektive Erfahrung des Kindes. „Alle kleinen Kinder erleben Schmerzen“, sagt Dr. Markus Blankenburg, ärztlicher Direktor des Kinderschmerzzentrums Baden-Württemberg. „Die entscheidende Frage ist, wie stark der Schmerz die Kinder beeinträchtigt.“ Denn Schmerz ist immer individuell. Selbst in klinischen Studien können erwachsene Testpersonen nur selbst beurteilen, wie schlimm sich ein Schmerz im Rahmen ihrer Erfahrungen anfühlt. Der gleiche Schmerzauslöser wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich empfunden. Kinder reagieren auch sehr verschieden auf Schmerzen. Deshalb sollten Eltern immer darauf achten, ob sich ihr Kind anders verhält als sonst: Zieht sich das lebhafte Kind still in eine Ecke zurück? Weint das Kind in einer neuen, unbekannten Tonlage? Dann sollten Eltern aufmerksam werden und den Schmerz ernst nehmen.

Akute Schmerzen haben einen Auslöser

Akute Schmerzen treten meist nach einer Verletzung oder Verbrennung auf, bei Infektionen oder nach einer Operation. Eine Mittelohrentzündung tut richtig weh: Die in eine Studie befragten Kinder empfanden den Ohrenschmerz im Mittel als einen Schmerz mit 7,5 Punkten – auf einer Skala von 0 bis 10. Dabei entspricht 0 der Schmerzfreiheit und 10 dem größten vorstellbaren Schmerz. Kinder- und Jugendärzte erleben regelmäßig, dass an einer Mittelohrentzündung erkrankte Kinder mit schmerzverzerrtem Gesicht in ihre Praxis kommen und verstehen nicht, warum die Eltern die Kinder bis zum Arztbesuch leiden lassen. Offenbar trauen sich viele Eltern nicht, rechtzeitig ein Schmerzmittel zu verabreichen, obwohl das in der Apotheke erhältlich und in der richtigen Dosierung auch für kleine Kinder zugelassen ist.
Akute und starke Schmerzen bei Kindern sollten schnell und wirksam behandelt werden, andernfalls kann das ungünstige Folgen haben. Selbst wenn sich die Kinder später nicht mehr an den Schmerz erinnern können, erinnert sich ihr Körper. Schmerzen beginnen als Schmerzreiz, der zunächst ans Rückenmark und anschließend ins Gehirn weitergeleitet wird. Erst dort wird der neutrale Reiz in eine unangenehme Empfindung umgewandelt. Anschließend bewertet das Gehirn den Schmerz und verarbeitet ihn für Lernprozesse. Unbehandelte Schmerzen können einen Eindruck im sogenannten Schmerzgedächtnis hinterlassen. Dann bleiben Spuren des Schmerzes im Rückenmark und im Gehirn zurück und verstärken neue Schmerzreize. Starke Schmerzerfahrungen im Kindesalter können also beim Erwachsenen dazu führen, dass Schmerzen stärker empfunden werden und Schmerzmittel schlechter wirken.
Bei chronischen Schmerzen wird dieser Mechanismus zum Teufelskreis: Die körperliche Schmerzempfindlichkeit nimmt immer weiter zu. Was im Schmerzgedächtnis einmal eingeprägt ist, kann nicht wieder gelöscht werden. Aber es kann zumindest manchmal „überlistet“ werden: So ist eine Schmerztherapie bei Kindern mit chronischen Schmerzen sehr viel öfter erfolgreich als bei Erwachsenen.

Chronische Schmerzen

Wir neigen dazu zu glauben, dass alle Schmerzen eine konkrete Ursache haben und automatisch verschwinden, sobald die Ursache gefunden und beseitigt wird. Bei den meisten chronischen Schmerzen ist das nicht so. Chronische Schmerzen liegen vor, wenn Kinder seit mindestens drei Monaten zwei- bis dreimal pro Woche über länger andauernde, mittelschwere bis schwere Schmerzen klagen.
Mediziner erklären die Entstehung chronischer Schmerzen mit einem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren und nennen dies das bio-psycho-soziale Modell. Meist gibt es biologische Faktoren, die die Entstehung eines Schmerzes begünstigen: Vielleicht gibt es eine genetische Anlage für Migräne, vielleicht hat das Kind häufig verspannte Muskeln oder Haltungsschäden aufgrund mangelnder Fitness. Dazu kommt die psychische Komponente: Das Kind oder die Eltern bewerten den Schmerz als sehr schlimm, sie haben Angst und richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Wohlbefinden des Kindes. Die erhöhte Aufmerksamkeit verstärkt den Schmerz. Zuletzt vergrößern auch soziale Faktoren den Schmerz: Das Kind liegt krank auf der Couch, statt in die Schule zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen, und denkt immerzu an den Schmerz.
„Im Gehirn sind die Bereiche, in denen Schmerzen verarbeitet und Emotionen wie Angst oder Depressionen entstehen, eng miteinander verbunden. Schmerzen erzeugen dunkle Gedanken und dunkle Gedanken erhöhen die Schmerzempfindlichkeit“, sagt der Schmerzspezialist Dr. Markus Blankenburg.

Ablenkung tut gut

Wie können Kinder mit chronischen Schmerzen den Teufelskreis durchbrechen? Körperliche Aktivität ist ein wichtiger Baustein – dabei werden Stresshormone ab- und Muskeln aufgebaut. In einem Schmerztraining erlernen die Kinder psychologische Tricks, wie sie sich von den Schmerzen ablenken und dunkle Gedanken ausblenden können. Sie stärken außerdem ihre sozialen Kompetenzen, ihre Konfliktfähigkeit und ihr Selbstwertgefühl, was ihnen dabei hilft, den Schulalltag und Freizeitaktivitäten wieder aufzunehmen.
Für den Umgang mit leichten Bauch- oder Kopfschmerzen gelten ähnliche Regeln: Nehmen Sie die Schmerzen Ihres Kindes ernst, ohne sie zu dramatisieren, und äußern Sie keine Zweifel an seinem Empfinden. Bieten Sie akute Hilfe an, etwa den schmerzenden Bauch zu streicheln, einen Tee zu kochen oder bei Kopfschmerzen die Schläfen zu massieren. Dann aber wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit bald wieder anderen Dingen zu: Was bastelt ihr gerade im Kindergarten? Soll ich Spaghetti zum Abendessen machen? Bewegung an der frischen Luft lässt Schmerzen meist sehr schnell vergessen. Und in einer Pause zwischen Rutschen und Schaukeln können sie Ihr Kind vorsichtig fragen, ob es gerade Zoff im Kindergarten gibt. 

Ausgrenzung tut weh

Wenn Kinder auf dem Spielplatz ausgelacht werden, nicht mitspielen dürfen oder den besten Freund verlieren, tut das weh. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne: Die amerikanische Psychologin Naomi Eisenberger fand heraus, dass die Erfahrung sozialer Ausgrenzung ähnliche Signale erzeugt wie körperlicher Schmerz. Die Reizübertragung nutzt die gleichen Wege und die Verarbeitung findet in den gleichen Gehirnregionen statt. 

Häufige Schmerzen bei Kindern

Bauchschmerzen: Kleine Kinder zeigen häufig auf den Bauch, wenn sie gefragt werden, wo ihnen etwas wehtut. Und zwar auch dann, wenn eigentlich die Ohren schmerzen. Auch ältere Kinder sind mit der Einordnung von Schmerzen oft noch überfordert und spüren den Schmerz häufig in der Mitte des Körpers. Bei der Lokalisierung eines Schmerzes braucht es also oft weiteres Nachfragen und Beobachten. Häufig stehen Bauchschmerzen im Zusammenhang mit der Verdauung – sowohl Verstopfung als auch Durchfall können wehtun. Sehr oft haben Bauchschmerzen auch einen psychosozialen Auslöser. Bei akutem Bauchweh hilft Nachfragen, Zuhören, Anteilnahme, eine warme Wärmflasche und Ablenkung.

Kopfschmerzen: Immer mehr Schulkinder klagen über Kopfschmerzen. Zum Zeitpunkt der Einschulung sind etwa 10 Prozent der Kinder betroffen, beim Abitur sind es 95 Prozent. In den meisten Fällen treten die Kopfschmerzen nicht im Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung auf. Ärzte sehen den steigenden Leistungsdruck und Stress in Schule, Familie und Freizeit als Gründe dafür an. Linderung bei akuten Spannungskopfschmerzen kann etwas Pfefferminzöl aufgetragen auf die Schläfen bringen. Der Ratschlag, mehr zu trinken, ist zwar in der Regel nicht falsch – ein Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und der täglichen Trinkmenge oder auch den Mahlzeiten konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Schmerzen am Bewegungsapparat: Die sogenannten Wachstumsschmerzen beginnen meist bereits im Kleinkindalter und treten überwiegend am Abend oder in der Nacht auf. Häufig werden die Schmerzen in der Schienbeinregion empfunden. Hier hilft nur Geduld und Ablenkung: Meist dauern diese Schmerzepisoden nicht allzu lange an.

Schürfwunden: Schürfwunden sind besonders schmerzhaft, weil häufig auf einer großen Fläche viele Nervenenden beschädigt wurden. Gleichzeitig bluten Schürfwunden relativ wenig, sodass Dreck und Keime nicht herausgespült werden. Deshalb sollte die Wunde mit Wasser gespült, desinfiziert und anschließend mit einem großen Pflaster, Sprühpflaster oder Wundverband abgedeckt werden.

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