SchwiegerelternLass meine Mutter aus dem Spiel

Wenn wir jemanden kennenlernen, bekommen wir eine Familie dazu. Sind Enkelkinder da, wird das Verhältnis enger – und manchmal schwieriger.

Lass meine Mutter aus dem Spiel
© Julia Dürr

Sarah (33) liebt ihren Mann und ihre kleine Familie. Doch mit der Mutter ihres Mannes kommt sie nicht zurecht. „Ich habe das Gefühl, sie mag mich nicht. Dauernd fallen spitze Bemerkungen, es ist echt anstrengend“, beklagt sie sich bei ihrer Freundin. – „Was sagt denn dein Mann dazu?“, fragt diese. – „Ach der“, seufzt Sarah, „der ist mir keine Hilfe. Ich soll mich nicht so anstellen, sagt er, schließlich sei sie seine Mutter.“
Die eigenen Eltern sind oft schon eine Herausforderung, doch Schwiegereltern können das noch toppen. Allerdings gibt es auch keine Gesetzmäßigkeit, nach der das so sein muss. Zwischen Ihnen und Ihren Schwiegereltern besteht keine untrennbare Verbindung. Sie stehen weder in deren Ahnenreihe noch ist es Ihre Herkunftsfamilie. Dadurch gewinnen Sie einen natürlichen Abstand zu deren Befindlichkeiten. Was sagt die Wissenschaft dazu? Professor Dr. Peter Kaiser erforscht als Psychologe an Universität Vechta die Beziehungen zu Schwiegereltern: „Nach aktueller Forschungslage sind etwa zwei Drittel der Beziehungen mehr oder weniger intakt“, sagt er. „Nur rund ein Drittel der Beziehungen zu Schwiegereltern sind konflikthaft – insofern stimmt das geläufige Vorurteil nicht ganz.“

Konkurrenz zwischen den Frauen?

In einem Punkt stimmt die Forschung von Professor Kaiser der allgemeinen Wahrnehmung jedoch zu: „Die Schwiegermutter-Schwiegertochter-Beziehung ist aber grundsätzlich etwas störanfälliger.“ Und: „Besonders kompliziert ist es, wenn Mutter und Sohn ein sehr enges Verhältnis haben.“ Spannungen sind dann programmiert, denn in dem Fall stehen die Frauen oft in einem offenen oder versteckten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit und Gunst des Mannes respektive Sohnes. Zusätzlich interpretieren und leben heutzutage viele Frauen ihre Mutterrolle anders, als es früher der Fall war. Dadurch ist Ihre Schwiegermutter – wie übrigens auch Ihre Mutter – zusätzlich mit der eigenen Mutterrolle konfrontiert. Das kann Bewunderung für Sie hervorrufen wie „Schön, dass du Beruf und Familie so vereinbaren kannst.“ Die gegenteilige Reaktion speist sich eher aus Unverständnis und Neid: „Also, ich habe immer meinem Mann den Rücken freigehalten. Dass du wieder arbeitest, ist doch nicht gut für die Kinder!“ In beiden Fällen können und sollten Sie es Ihrer Schwiegermutter nicht recht machen. Sie hat ein Problem damit, dass Sie anders leben. Eine selbstbewusste Reaktion auf solche negativen Äußerungen könnte lauten: „Mensch, interessant, wie du das damals für dich entschieden hast. Dein Sohn und ich machen das anders.“
Mit der Geburt des Enkelkindes stehen Sie doppelt im Fokus Ihrer Schwiegereltern. Zuvor ging es eher darum, welchen Partner sich deren Sohn/Tochter ausgesucht hat. Schon da wurden erste (Vor-)Urteile bei den Schwiegereltern aktiviert: Passt das künftige Schwiegerkind zu meinem Kind? Oder ist diese Wahl ein Affront gegen mich als Vater oder Mutter? Sobald Sie einen Partner im Elternhaus vorstellen, werden sich Ihre Eltern fragen, ob Ihnen die Beziehung guttut oder nicht. Und sie werden eine Haltung zu Ihrem Partner einnehmen auf einer breiten Skala von herzlich offen bis offen ablehnend.
Sobald Sie dann eine Familie gründen und sich die erste Schwangerschaft einstellt, erweitert sich Ihre Rolle. Sie sind dann nicht nur Partner/in, sondern zusätzlich Mutter oder Vater des Enkelkinds. Die Schwiegereltern stellen Sie auf den Prüfstand: Üben Sie die Mutter- oder Vaterrolle so aus, wie sich die Schwiegereltern das vorstellen? Oder ganz anders? Bei „ganz anders“ öffnet sich automatisch ein Spannungsfeld zwischen Ihnen und Ihren Schwiegereltern. Professor Kaiser attestiert: „Grundsätzlich ist es so: Je größer die Unterschiede der Herkunftsfamilien sind, desto mehr Sollbruch- und Konfliktstellen kann es geben.
“Maßgebliche Faktoren, die eine gute Beziehung zu den Schwiegereltern erschweren, sind Herkunft und Bildungsstand, politische Ansichten und persönliche Wertvorstellungen. Diese Aspekte beeinflussen die Vorstellung davon, wie Familie gelebt werden soll. Schwiegertochter oder -sohn bringen Neues und Ungewohntes in die Familie und werden von den Schwiegereltern im ungünstigsten Fall als Störfaktor empfunden.
Zwar kennen Sie manche der genannten Probleme auch vom Umgang mit Ihren eigenen Eltern. Doch das hat einen anderen Stellenwert. Sich von den Schwiegereltern und deren Ansichten zu distanzieren, fällt leichter, als mit den eigenen Eltern in die Konfrontation zu gehen. Da Ihnen die Schwiegereltern nicht so nahestehen, schmerzt es weniger und kostet nicht so viel Kraft.

Schwiegereltern als Schlüssel zum Partner

Eine Redensart lautet: Wenn du wissen willst, wie dein Partner im Alter sein wird, dann schau dir seine Mutter oder seinen Vater an. Widerspruch? Ja, zu Recht, denn glücklicherweise besagt kein Naturgesetz, dass wir irgendwann so werden wie unsere Eltern. Wir haben es selbst in der Hand, unser Leben zu gestalten, und doch steckt ein Fünkchen Wahrheit in dem Spruch. Wir stehen in der Ahnenreihe unserer Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und so fort. Dasselbe gilt für die männliche, väterliche Linie. Glaubenssätze wie „Mach dich (beruflich) niemals selbstständig“ haben oft ihren Ursprung in schlechten Erfahrungen der Herkunftsfamilie. Vielleicht ist der Urgroßvater pleitegegangen und das hat die Familie dermaßen beschämt, dass daraus dieser Glaubenssatz entstand. Er zeigt dann noch heute bei den Nachfahren Wirkung, ohne jedoch einen realen Bezug zu haben.
Neben der tiefen Verwurzelung gibt es auch den unmittelbaren Einfluss unserer Eltern auf uns. Auch Ihr Mutter- und Vaterbild wurde entscheidend von Ihren Eltern geprägt. Alles, was Sie in Ihrer Kindheit erlebt haben, ist zugleich Rüstzeug für Ihre eigene Elternschaft. Entweder ahmen Sie Ihre Eltern nach oder handeln in bestimmten Situationen bewusst anders als diese. Für Ihre/n Partner/in gilt dies genauso bezogen auf seine/ihre Herkunftsfamilie. Daher sind Ihre Schwiegereltern der Schlüssel dafür, Ihren Partner besser zu verstehen. Wenn Sie seine Kindheitsgeschichte und seine Eltern kennenlernen, wird für Sie nachvollziehbar, warum er die Elternrolle so ausfüllt. Das kann Sie versöhnlicher stimmen, wenn Sie einen Paarkonflikt wegen der Erziehung Ihres Kindes haben.
Es ist daher nicht ratsam, sich in Anwesenheit des Partners abfällig über die Schwiegereltern zu äußern. Denn in dem Moment greifen Sie immer auch einen wichtigen Teil von ihm an, selbst wenn er mit Ihnen prinzipiell übereinstimmt und bei manchen Äußerungen seiner Eltern auch die Augen verdreht. Im Konfliktfall wird der Partner sich möglicherweise trotzdem auf die Seite seiner Eltern stellen und damit zu seiner Herkunft bekennen. Denn würde er diese verleugnen, müsste er damit eigene Anteile verleugnen. Das kann man von niemandem verlangen und das tut auch niemandem gut.

Vom Glück, Schwiegereltern zu haben

Neben allen Spannungen und Konflikten, die mit Schwiegereltern entstehen können, gibt es auch sehr viele Chancen für Ihr Familienleben. Gerade wenn das Verhältnis zu den eigenen Eltern zerrüttet ist, können Schwiegereltern als Großeltern sehr hilfreich und heilend sein. Wohltuende Worte aus dem Munde der Schwiegermutter können zwar die fehlende Anerkennung von der eigenen Mutter nicht ersetzen, zugleich sind sie eine kraftvolle Unterstützung für Ihr Muttersein. Für Väter und Schwiegerväter gilt das Gleiche. Viele Eltern schließen ihre Schwiegertöchter und -söhne spätestens mit der Geburt des ersten Enkelkindes in ihr Herz. Aus ihrer Sicht ist es spannend zu erleben, wie Sie als Mutter oder Vater Ihre Elternrolle annehmen. Sie lernen etwas Neues kennen, denn Sie als Schwiegertochter oder -sohn machen definitiv Sachen anders, als es in der Familie der Schwiegereltern üblich war. Das erweitert den Horizont und eröffnet neue Perspektiven – übrigens auch andersrum.

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