Ramona und ihre SchrottwerkstattLernwerkstätten in Kita und Krippe (1)

Was wären Lernwerkstätten ohne die Fachfrauen und -männer, die sie gestalten, begleiten und für „ihr“ Thema brennen? Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben Fachkräfte gebeten, ihre Lernwerkstatt vorzustellen. Das Ergebnis: ganz persönliche Einblicke in spannende Räume.

Ramona und ihre Schrottwerkstatt
© Kita „Erlach“, Renchen

Meine Erfinderwerkstatt lebt vom Ungenutzten und Kaputten – was sonst im Keller verstaubt oder entsorgt werden muss, kann für uns ein wahrer Schatz sein. Die Schrottmaterialien zu organisieren, ist deshalb meist unkompliziert: Ich informiere die Eltern und bitte sie um Hilfe. Die Eltern freuen sich, ihren Schrott leicht zu „entsorgen“. Um die Schrottmaterialien aufzubewahren und zu sortieren, verwende ich Sammelkisten und Aufbewahrungskisten für Kleinteile.
Um mit den Materialien umzugehen, benötigen die Kinder auch Werkzeug. Dazu gehören verschiedene Schraubendreher, Akkuschrauber, Zangen, Schraubstock, Klemmen, Hammer und Schutzbrille sowie Schraubzwingen. Zum Verbinden braucht man Klebeband, Schnur, Heißklebepistole und Kabelbinder.
Für Arbeiten mit Strom benötigt man zusätzlich noch eine Abisolierzange, Batterien (Strom aus Batterien ist für Menschen ungefährlich, bis maximal 4,5 Volt), Klemmen und Glühlampen.

So klappt es im Alltag

Meine Lernwerkstatt funktioniert auf verschiedene Weisen. Immer mal wieder gibt es Projekteinheiten mit einer Kleingruppe oder auch einem einzelnen Kind. In dieser Zeit bin ich zur Unterstützung in der Werkstatt anwesend. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Kinder allein, ohne meine Begleitung, in die Erfinderwerkstatt gehen. In beiden Fällen ist es jedoch Voraussetzung, dass sie die Regeln kennen. Wer allein arbeiten möchte, muss außerdem zuerst einen Erfinderwerkstattführerschein machen. Dafür muss das Kind die Regeln kennen, schon einmal ein Gerät auseinandergebaut und etwas „Neues“ erfunden haben. So kann ich als Fachkraft sicherstellen, dass das Kind mit dem Material und dem Werkzeug fachgerecht umgehen kann.
Wenn die Schrottwerkstatt einmal eingerichtet ist und über ausreichend Werkzeug verfügt, wechsele ich die Grundausstattung in der Regel nicht. Die Schrottmaterialien und Geräte schaue ich mir immer mal wieder an und entsorge sie ggf., wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind.
Wenn viel Werkstoffmaterial verarbeitet wurde, fülle ich die Werkstatt mit neuem Schrott auf. Dadurch gehen die Kinder wieder motivierter und mit viel Neugier in die Werkstatt und untersuchen die neuen Materialien.
Es kommt vor, dass die Kinder verschiedene Materialien miteinander kombinieren möchten. In diesem Fall biete ich eine zusätzliche Materialkiste an. Die Idee, mit verschiedenen Materialien wie z. B. Holz, Korken, Papier oder Glitzersteinen zu arbeiten, entsteht bei den Kindern meist im Tun und kann sofort umgesetzt werden, da in meiner Einrichtung die Schrottwerkstatt direkt an die Holzwerkstatt und das Atelier angrenzt.
Ich beobachte die Interessen der Kinder und berücksichtige ihre Ideen und Wünsche. Wenn sie partizipieren dürfen, sind die Kinder voller Tatendrang und bringen sich in die Umgestaltung mit ein.

Mein Weg zur Lernwerkstatt

Seit 2012 arbeite ich in der Kita „Erlach“ im Funktionsbereich „Atelier und Werkstatt“. Ich entschied mich 2013 zu einer mehrjährigen Weiterbildung zur Atelier- und Werkstattpädagogin bei der Pädagogischen Ideenwerkstatt BAGAGE in Freiburg. 2015 schloss ich die Weiterbildung ab.
Für meine Abschlussarbeit richtete ich eine Erfinderwerkstatt ein, um den Kindern einen erweiterten Handlungs- und Erkundungsspielraum zu geben. Da neben der bereits eingerichteten Holzwerkstatt, die von den Kindern gerne genutzt wird, noch Platz zur Verfügung stand, habe ich mich für dieses Projekt entschieden.
Unscheinbare, alte, abgenutzte und kaputte Gebrauchsgegenstände und deren besondere Materialeigenschaften sind in erster Linie eine Herausforderung an die fantasievolle Nutzung und deren Bearbeitung. Gerne lassen sich Kinder auf solches Material ein, da ihre Sinne für visuelle Eindrücke geschärft sind.
Die Kinder lernen die Materialien durch das Auseinanderbauen kennen und nehmen sie durch das Ordnen und Sortieren differenzierter wahr. Ziel des Projektes war es, die Kinder zu begleiten und sie darin zu unterstützen, eine gemeinsame Erfindung oder ein Kunstwerk herzustellen. Das Arbeiten mit Strom stand vorerst eher im Hintergrund.
Nach dem Projekt integrierte ich die Werkstatt in den Kita-Alltag und baute sie weiter aus. So entwickelte sie sich immer weiter. Es kamen Materialien hinzu und immer öfter wurde auch mit Strom gearbeitet. Es entstand sogar ein Fahrzeug, das mit Batterien angetrieben wurde.

Faszination Schrott und Schrauben

Vor der Einheit „Kunst und Krempel“, einem Modul der Weiterbildung in Freiburg, hatte ich zunächst großen Respekt. Ich selbst hatte das letzte Mal im Werkunterricht in der Schule mit Strom zu tun. Anfangs hatte ich kaum Ideen, was ich mit dem „Schrott“ anfangen sollte. Doch ich merkte schnell, was für ein Potenzial in diesem besonderen Material steckt. In vielen elektrischen Geräten sind Teile verbaut, die glitzern, leuchten oder Töne erzeugen, wenn man sie an Strom anschließt. Die Teile lassen sich leicht mit alltäglichen Sachen assoziieren und ich habe schnell Vorstellungen entwickelt, was ich daraus bauen könnte. Das Arbeiten mit dem Material hat mich begeistert. Auch stellte es eine Herausforderung für mich dar, da es nichts Alltägliches ist. Nur selten werden alte elektrische Geräte auseinandergebaut und repariert. Kaum jemand weiß heutzutage noch, wie ein Gerät von innen aussieht.
Es gibt viele Vorurteile, wenn es darum geht, eine Werkstatt in einer Kita einzurichten. Doch was die Interessen der Kinder betrifft, ist es ein äußerst attraktives Angebot. Die Kinder erlernen den sicheren Umgang mit verschiedenem Werkzeug und können ihren kreativen Prozessen freien Lauf lassen. Spielerisch werden erste Erfahrungen mit technischen Geräten gemacht und die Kinder erhalten Einblicke in die Physik. Deshalb würde ich immer wieder Ja sagen zu einer Werkstatt in der Kita. Ich bin heute immer noch begeistert von der Schrottwerkstatt und ihrem Potenzial. Das Arbeiten mit „Schrott“ ist für viele Kinder und Erwachsene neu. So war es auch für mich. Die künstlerische Herausforderung bestand deshalb in dem neuen, unbekannten Material. Die Handhabung von Werkzeugen und neue Materialeigenschaften mussten kennengelernt werden. Für das Erfinden braucht man aber mehr als nur handwerkliches Geschick. Es bietet einen Anreiz für Geist, Kreativität und Fantasie.
Deshalb steht die Erfinderwerkstatt für mich ganz im Sinne des Leitgedankens Friedrich Fröbels, sich die Welt mit Kopf, Herz und Hand anzueignen.
Nicht nur die Kinder, sondern auch ich selbst war von Anfang an eine Forscherin. Noch heute entdecke ich mit den Kindern gerne neue Materialien und Funktionen und tüftle an Geräten, um sie wieder funktionsfähig zu machen. In einer Erfinderwerkstatt gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Die Kinder geben mir Energie, die Erfinderwerkstatt zu leiten und immer weiter zu entwickeln. Sie sind so begeistert am Werkeln, Auseinanderschrauben, Entdecken und Zusammenbauen, dass es einen sofort ansteckt, und freuen sich, wenn sie endlich eine feste Schraube lösen konnten oder der Lautsprecher wieder Geräusche macht. Wenn sie ihre eigene Erfindung fertiggestellt haben und diese in der Einrichtung präsentieren, sind sie unfassbar stolz. Auch von Eltern bekomme ich immer wieder positive Rückmeldungen, wie beeindruckt sie von der Erfindung ihres Kindes sind. Sie sind froh, dass es in der Einrichtung die Möglichkeit gibt, sich schon im Kindergartenalter an das Thema Technik und Physik heranzuwagen.

Persönliches Lern- und Entwicklungspotenzial

In der Zeit, in der ich mich mit der Lernwerkstatt intensiv auseinandergesetzt habe, sowohl durch Fachliteratur als auch durch das Material, habe ich viel dazugelernt. Im Tun mit den Kindern und der Lernwerkstatt erlernt man neue Methoden, um die Kinder zum Forschen und Ausprobieren anzuregen. Es ist ein stetiger Prozess, in dem sich nicht nur Berufseinsteiger*innen, sondern auch Fachkräfte, die schon länger im Beruf sind, neues Fachwissen aneignen können.
Jede Lernwerkstatt ist anders und jede Fachkraft hat ihre eigene Persönlichkeit. Deshalb denke ich, dass jede*r persönlich ein unterschiedliches Lern- und Entwicklungspotenzial hat. Wer eine Lernwerkstatt selbst nicht mit Interesse und Motivation startet, kann Kinder wahrscheinlich schwerer an das Thema heranführen und sie nur mühsam für das Neue begeistern. Ich nehme persönlich vieles mit. Oft bin ich so interessiert an der Lösung von Problemen, dass ich auch mein privates Umfeld um Rat frage, um technische Geräte in der Kita funktionsfähig zu machen. Dieses Wissen trage ich wieder in die Kita, um dort die Kinder bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Meine Tipps für Neueinsteiger*innen

Gut ist es, sich zuvor mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen, Fachliteratur zu lesen und sich genau über das Material und mögliche Gefahren zu informieren. Auch finde ich es hilfreich, wenn man sich erst einmal allein mit dem Material beschäftigt, um ein Gefühl für die Handhabung und den Umgang damit zu bekommen. Dann kann man bei Bedarf als Expert*in Unterstützung anbieten, allerdings mit Zurückhaltung und der Ermutigung zum Selbsttun. Es ist hilfreich, ohne Vorurteile und Ängste mit der Arbeit in einer Lernwerkstatt zu starten. Dies bietet die Chance, mit den Kindern gemeinsam zu forschen, zu experimentieren, zu lernen und Neues zu entdecken.

Blick nach vorn

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass noch viele Kinder die Möglichkeit haben werden, in der Schrottwerkstatt kreativ zu sein, zu arbeiten, ihre Ideen umsetzen und durch Experimentieren und Tüfteln dazuzulernen. Es soll ein Ort sein, an dem Ideen entstehen und mit Begeisterung umgesetzt werden.

In der kommenden Ausgabe gibt uns Julia Zdrenka einen Einblick in ihr Medienatelier.

Die Grundausstattung

Das Herzstück meiner Erfinderwerkstatt ist ein Regal mit verschiedenen Kisten. Diese Kisten sind mit Bildern versehen, die zeigen, was darin aufbewahrt wird (Werkzeug, Platinen, Plastikteile, Lautsprecher, Lichter ...).
Außerdem sind die Regeln, die in der Lernwerkstatt gelten, sichtbar angebracht.
Unverzichtbar für meine Werkstatt sind Schrottmaterialien, z. B. alte oder kaputte

  • Telefone und Handys
  • Computer und Laptops
  • Radios
  • Rasierer und Küchenmaschinen

Achtung: Fernsehgeräte und Monitore mit Bildröhre, Drucker, Auto- und Motorradteile und Haushaltsgeräte mit Spezialschrauben eignen sich für die Lernwerkstatt nicht, da sie für die Kinder gefährlich sein können.

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