Lisa, Ulrike und die HolzwerkstattLernwerkstätten in Kita und Krippe (3)

Hämmern, sägen, schleifen – in der Holzwerkstatt der Kita „Junkergasse“ arbeiten die Kinder mit einem vielseitigen Werkstoff. In ihren kreativen Prozessen geht es nicht immer um ein konkretes Endprodukt, sondern manchmal auch nur darum, das Sägemehl rieseln zu sehen.

Lisa, Ulrike und die Holzwerkstatt
© Kita Junkergasse, Lampsheim

Am Anfang unserer Holzwerkstatt stand die Befürchtung, es könne in Chaos enden, wenn wir die Kinder frei mit Werkzeug arbeiten lassen. Und tatsächlich haben wir zunächst vieles als chaotisch wahrgenommen. Doch bald stellten wir fest, dass alles, was Kinder tun, einen Sinn hat. Der Entwicklungsprozess zeigt sich auf verschiedene Weise. Kinder lernen durch Ausprobieren und Üben. Zum Beispiel hämmern sie sehr häufig einen Nagel in ein Stück Holz und wiederholen verschiedene Vorgehensweisen – scheinbar wahllos – immer wieder. Dass das KEIN Chaos ist, das mussten wir erst verstehen lernen.
Es ist eine Herausforderung für Erzieher*innen, zu erkennen, worin das eigentliche Interesse des Kindes besteht. Die Fachkraft hat die Aufgabe, sich zurückzuhalten, dem Kind nichts vorwegzunehmen und sein Tun nicht am fertigen Ergebnis zu bewerten. Stattdessen soll sie die Kinder in ihrem Tun beobachten, sie begleiten, ggf. Hilfestellung geben und bei Bedarf eine Expert*innenrolle einnehmen.

So gelingt es im Alltag

Unsere Holzwerkstatt ist an einen Gruppenraum angegliedert. Können wir die Aufsicht gewährleisten, ist die Werkstatt geöffnet.
Natürlich kann eine Werkstatt mit echtem Werkzeug gefährlich sein. Trotzdem gibt es bei uns keine generelle Begrenzung in Bezug auf die Anzahl, das Alter der Kinder und die Zeit, die sie in der Werkstatt verbringen. Altersentsprechende Regeln, die gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt werden, und die Begleitung durch die Fachkräfte ermöglichen den Kindern, egal ob 2-Jährigen oder Kindern im Vorschulalter, ihren Interessen nachzugehen und die Werkstatt und ihre Materialien zu erkunden.
Die Ausstattung der Werkstatt verändert sich immer dann, wenn wir beobachten, dass Kinder neue und andere Materialien benötigen, um ihre Interessen weiter verfolgen zu können. Unser Ziel ist es, dadurch eine anregungsreiche Umgebung mit einem hohen Aufforderungscharakter für die Kinder in der Werkstatt zu gewährleisten.
Immer wieder machen wir Erwachsenen die Erfahrung, dass aus einem kleinen Bauvorhaben der Kinder ein größeres Projekt entsteht, das auch Auswirkungen auf andere Lernbereiche hat. Eine Kollegin beobachtete vier Mädchen in der Werkstatt, die ein Vogelhaus bauen wollten. Sie blieben mehrere Wochen dran. Die Gruppe machte sich viele Gedanken und tüftelte die Konstruktion genauestens aus. Schließlich bauten die Kinder sogar Möbel für die Vögel. Sie setzten sich intensiv mit dem Thema auseinander, recherchierten in Büchern und fragten auch bei ihren Eltern nach. Daraus entstand zum Schluss die Idee, echtes Vogelfutter – nämlich Meisenknödel – selbst herzustellen.
Diese Projekterfolge erfüllen die Kinder mit Stolz und Begeisterung. Sie sind die Motivation, Neues zu entdecken, Herausforderungen einzugehen und weitere Lernerfahrungen zu sammeln.
Damit die Kinder aber überhaupt ihre Vorhaben und Ideen umsetzen können, müssen die für sie zur Verfügung stehenden Materialien und Werkzeuge auch handhabbar sein. Das bedeutet: Das Holz darf kein Hartholz sein oder gar in Form von Multiplexplatten vorliegen. Weiches Holz wie Fichte, Tanne oder Kiefer eignet sich für die Kinder am besten. Akkus müssen geladen sein, Sägen dürfen nicht stumpf sein und so weiter.

Unser Weg zur Holzwerkstatt

Eine kleine Werkbank gab es bereits seit einigen Jahren in einem Gruppenraum unserer Kita. Schon damals nahmen wir wahr, dass viele Kinder begeistert daran arbeiteten. Allerdings störte das laute Hämmern manche Kinder und auch Erzieher*innen. Deshalb wurde die Werkbank immer wieder aus dem Gruppenraum verbannt. Während der Planung unseres Umbaus zur fünfgruppigen Einrichtung war uns aus diesem Grundklar, dass wir einen eigenen Werkstattraum für unsere Kinder anbieten wollen.
In der Anfangszeit fehlte uns noch einiges an Hintergrundwissen. Wir wurden z. T. ganz anders ausgebildet: mit einem eher defizitären Blick auf das Kind. Freies Experimentieren, selbstbestimmtes Lernen kannten wir nicht. Trotzdem haben wir uns entschlossen, diesen Weg gemeinsam mit den Kindern zu gehen. Dabei haben wir erfahren, wie sehr sich Kinder für ihre Vorhaben engagieren.
Um das Konzept der Werkstatt noch besser umzusetzen, haben wir 2019 an einer Fortbildung „KiTec – Kinder erleben Technik“ teilgenommen. Diese Fortbildung wurde veranstaltet durch die „Wissensfabrik – Unternehmen für Deutschland“. Die Wissensfabrik initiiert Bildungspartnerschaften zwischen einem Unternehmen und Kitas bzw. Schulen. Ziel dieser bundesweiten Mitmach-Initiative ist die frühkindliche Bildungsförderung. In unserem Fall haben wir als Kooperationspartnerin die BASF Ludwigshafen gewählt. Sie unterstützt uns jederzeit durch das Bereitstellen der Materialien, mit denen die KiTec-Kisten ausgestattet sind.

Unser Lern- und Entwicklungspotenzial in der Holzwerkstatt

Eine wichtige Erkenntnis für uns war: Alles, was Kinder tun, ist zielgerichtet. Alles, was sie tun, hat Sinn. Spielen ist Lernen. Man kann das Tun der Kinder durch die Räume und deren Ausstattung anregen und ihnen Forschungs- und Experimentierfelder öffnen. Kinder machen vielfältige Wahrnehmungen in solchen Lernwerkstätten. Manchmal wollen sie vielleicht auch gar nichts bauen, sondern nur ausprobieren: Wie hört es sich denn an, wenn ich mit verschiedenen Werkzeugen auf verschiedene Materialien schlage? Viele Kinder kommen in die Werkstatt und fangen einfach mal an zu sägen, nicht weil sie sich ein spezielles Endprodukt vorstellen, sondern weil es so interessant ist, dass das Sägemehl herunterrieselt. Diese Prozesse geduldig zu begleiten und wertschätzend wahrzunehmen, war ein wichtiger Lernschritt für uns.

Unsere Tipps für Neueinsteiger*innen

Für Neueinsteiger*innen ist es aus unserer Sicht wichtig, sich mit dem Umfeld „Werkstatt“ auseinanderzusetzen. Es ist hilfreich, Werkzeuge und Materialien kennenzulernen und auszuprobieren. Außerdem empfehlen wir, die Kinder genau zu beobachten und ihre Interessen zu erkennen. Sich in Zurückhaltung üben, sich als Mitlernende*r verstehen, sich auf Neues und Unbekanntes einlassen, die eigene Begeisterung wecken und eigene Fehler als Lerngeschenke begreifen – diese Haltung ist für Fachkräfte in Lernwerkstätten besonders wertvoll.

Blick nach vorn

Wir wünschen uns, dass sich mehr Erzieher*innen für diese Art der Lernform interessieren. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Fokus eine Lernwerkstatt hat. Wichtig ist, dass die Kinder jederzeit Zugang dazu haben und sich ausprobieren können. Dafür braucht es Zeit, engagierte Kolleg*innen und eine Reflexion des Alltags: Wo können wir umorganisieren und Freiräume schaffen?
Diese Form der pädagogischen Arbeit lohnt sich auf jeden Fall, denn eine Lernwerkstatt ist für Kinder wie für Erzieher*innen bereichernd.

Die Grundausstattung der Holzwerkstatt

  • Sägen, Hammer, Gliedermaßstäbe, Schutzbrillen, Akkuschrauber, Feilen
  • Nägel, Schrauben, weiches Holz, Holzleim, Klebeband
  • Garn, Pappröhren
  • 2 Werkbänke mit Schraubstöcken
  • „KiTec“-Kisten: Hammer, Säge, Sägeblätter, Handbohrmaschine mit Bohrsätzen, Kugelgelenkschraubstock, Kombizange, Nägel, Schrauben, Holzräder, Leim, Draht, Schleifpapier, Muttern

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