„Demokratie fällt nicht vom Himmel“Ein Plädoyer für frühe politische Bildung in der Kita

Frühe politische Erfahrungen sind das beste Mittel, um Demokratiemüdigkeit vorzubeugen. Das meint jedenfalls Bildungspolitiker Christoph Bayer und sieht dabei nicht nur frühpädagogische Fachkräfte in der Verantwortung.

„Demokratie fällt nicht einfach vom Himmel“
© Christoph Bayer (privat)

Ich höre schon den Aufschrei: „Jetzt auch noch politische Bildung! Um was sollen wir uns denn noch alles kümmern?“ Ja, da ist etwas dran. Kindertageseinrichtungen werden heute mit Erwartungen überhäuft. Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Eltern und Träger sprechen dem Elementarbereich zwar eine immer größere Bedeutung zu, die Rahmenbedingungen werden diesen Ansprüchen aber nicht gerecht.
Hierbei ist die völlig unzureichende Bezahlung der Fachkraft nur ein (wenn auch wichtiges) Indiz. Aber: Es geht bei der politischen Bildung in Kitas nicht um ein zusätzliches Vermittlungsfeld, sondern um die Art und Weise, den Alltag so zu gestalten, dass die Kita zur „Kinderstube der Demokratie“ wird. Denn: Demokratie fällt nicht einfach vom Himmel, sie muss von jeder Generation neu gelernt werden.
„Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform, sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrungen“, sagt der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey. Richtig! Bei politischer Bildung in der Kita stehen deswegen nicht politische Institutionen und formale Formen der politischen Partizipation im Vordergrund. Nein, im Kindergarten geht es ums Demokratielernen. Im Vordergrund stehen also Fragen wie:

  • Wie funktioniert das Zusammenleben?
  • Wie kann es organisiert werden?
  • Wie geht man mit den damit verbundenen Konflikten um?
  • Welche Möglichkeiten bestehen, sich zu engagieren und sich einzubringen?

Es geht also um die Weiterentwicklung von sozialen Kompetenzen durch konkretes Handeln. Viele Kinder wachsen als Einzelkinder oder in kleinen Familien auf und müssen das komplexere Zusammenleben erst lernen. Die Kita ist der zentrale Ort dafür. So gesehen verliert der oben genannte Aufschrei an Wucht. Er kann sogar dazu motivieren, den Bildungsauftrag dezidiert im Sinne des Demokratielernens zu interpretieren. Umso besser, wenn dieser Aspekt in den Bildungsplänen bereits formuliert ist. Manche Bundesländer wie Schleswig-Holstein (seit Jahrzehnten führend in Sachen Kinderbeteiligung) gehen hier mit gutem Beispiel voran. In den Leitlinien des Landes wird der demokratietheoretische und pädagogische Hintergrund – für mich exemplarisch – formuliert:
„In Kindertageseinrichtungen erleben Kinder in der Regel das erste Mal außerhalb der Familie, wie eine Gemeinschaft zwischen Kindern und Erwachsenen geregelt ist, wie Entscheidungen gefällt werden und welchen Einfluss sie auf diese Prozesse haben. Sie erleben, ob alle Entscheidungen von anderen gefällt werden oder ob ihre Stimme gehört wird und sie Einfluss auf die Gestaltung ihres unmittelbaren Alltags in der Einrichtung haben. Wenn Demokratie als Leitprinzip angewendet wird, sind Kindertageseinrich tungen ein Lern- und Übungsfeld für demokratische politische Bildung und wirken als ‚Kinderstube der Demokratie‘.“ 1

Unterschiedliche Interessen erkennen

Wenn Kinder unterschiedliche Standpunkte und Interessen erkennen und aushandeln, lernen sie Formen der politischen Beteiligung kennen. Allerdings halte ich es für enorm wichtig, dass Beteiligung nicht probeweise simuliert, sondern in Echt-Situationen praktiziert wird. Auf diese Weise lernen Kinder ihre Einrichtung als demokratische Gemeinschaft kennen, als Ort, an dem man seine Ansichten vortragen und sich einbringen kann. Ich weiß, dass sich viele Kitas bereits auf den Weg zu mehr Demokratie und Mitbestimmung2 gemacht haben. Das Bundesfamilienministerium fördert ebenfalls die frühkindliche Demokratiebildung mit einem Projekt.3
Modelle und Projekte sind gut, es braucht aber mehr. Als Bildungspolitiker und langjähriger Vorsitzender des Kuratoriums der Landeszentrale für politische Bildung, Baden-Württemberg, appelliere ich an die Verantwortlichen in folgenden Bereichen:

  1. Partizipation und gesellschaftliches Engagement sollten nicht nur zufälliger Bestandteil in öffentlichen Einrichtungen sein. Für den Kita- Bereich halte ich eine Verankerung in den entsprechenden Leitlinien und Gesetzen für unabdingbar.
  2. Die Fachkräfte in den Kitas legen die Basis eines gelingenden Demokratielernens. Indem sie früh Freude am Verhandeln, Verständnis für anderen Positionen, die Notwendigkeit von Kompromissen vermitteln, tragen sie als Erste wesentlich dazu bei, dass die Kinder in eine lebendige Demokratie hineinwachsen. Sie sollten sich dieser wichtigen gesellschaftspolitischen Aufgabe noch stärker bewusst sein und sich entsprechend qualifizieren.
  3. Kitas müssen Bestandteil kommunaler Bildungslandschaften werden. Das heißt allerdings, sich gemeinsam auf einen umfassenden Bildungsbegriff zu verständigen, der über kognitives Wissen hinausgeht. Schlüsselqualifikationen wie Kooperations- und Teamfähigkeit, Empathie und demokratische Kompetenzen (Partizipations- und Mitbestimmungsfähigkeiten) dürfen dann nicht nur in den Kitas eine zentrale Rolle spielen.

Wenn Kitas im Sinne des Demokratielernens interpretiert, systematisiert und strukturell abgesichert werden, sind sie Kinderstuben der Demokratie und strahlen – hoffentlich – auf alle nachfolgenden Bildungsbereiche aus. Wenn nicht, wird die Demokratiemüdigkeit wachsen. Auf den Anfang kommt es an – auch bei der Einübung von Demokratie.

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