„Wie beziehe ich die Kinder in die Raumgestaltung ein?“Fragen und Antworten im Berufseinstieg

Wie beziehe ich die Kinder in die Raumgestaltung mit ein?
© Harald Neumann, Freiburg

Tina Kühn: Bei uns gibt es einen Katalog mit allen Materialien. Per Abstimmung dürfen die Kinder sich ihre Wunschmaterialien aussuchen. Danach geht es in die Planung: Müssen dafür Möbel gerückt werden? Müssen Absprachen mit anderen Gruppen getroffen werden? Usw. Bis das gewünschte Material dann „einzieht“, sind die Kinder tatkräftig dabei.

Jennifer Rothe: Während der Freispiel-Zeit haben die Kinder beispielsweise die Möglichkeit, kleine Möbel im Raum umzustellen und für ihr Spiel entsprechend umzubauen ...

Menekse Caglar: Es gibt Kinderkonferenzen und genau wie bei Erwachsenen ein Brainstorming mit einer Ideensammlung, Gruppenaufgaben, Diskussion und am Ende wird gewählt.  

Die Partizipation von Kindern hat mittlerweile in alle Bildungspläne und -programme Einzug gehalten. Partizipation bedeutet dabei „Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, zu teilen und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden“.1

Somit eröffnet partizipative Pädagogik Kindern das Recht, sich an möglichst allen Entscheidungen zu beteiligen, die den Alltag der Kindertageseinrichtung betreffen. Was bedeutet dies konkret für die Gestaltung der Räume? Viele Entscheidungen, die Kinder objektiv betreffen, sind für sie nicht sofort subjektiv wahrnehmbar. So wird zum Beispiel die Neugestaltung des Außengeländes ohne Zutun der pädagogischen Fachkräfte erst zum Thema, wenn die Außenarbeiten beginnen – zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Entscheidungen bereits durch Erwachsene getroffen worden sind.2 Bis heute gibt es Einrichtungen, in die die Kinder nach Schließzeiten zurückkehren und „ihre Räume“ vollkommen umgestaltet wiederfinden. Nicht selten führt dies zu Verwunderung, Unbehagen und auch Unwohlsein bei den Kindern. Wie können also Prozesse aussehen, die gemeinsam mit den Kindern gestaltet werden? 

Zunächst bedarf es einiger Voraussetzungen, damit die Beteiligung gelingen kann:3

  • Prinzip der Information: Die Kinder müssen wissen, worum es geht. Die Erzieher*innen und Kinder sprechen gemeinsam über geplante Veränderungen in der Raumgestaltung. Ebenso wichtig ist es, über die Gründe zu sprechen. Zum Beispiel: Waren die Kin der unzufrieden? Die Erzieher*innen? Gibt es Vorgaben vom Träger? Haben sich rechtliche Vorschriften geändert?
  • Prinzip der Transparenz: Die Kinder müssen wissen, wie es geht. Es muss für die Kinder verstehbar sein, wie ihre Beteiligung an der Neu- oder Umgestaltung geschehen kann. Wo und wann können sie ihre Ideen und Meinungen äußern? Welche Entscheidungsgremien werden genutzt? Auch Fragen der Realisierbarkeit, beispielsweise bei Anschaffungswünschen, müssen transparent besprochen werden.
  • Prinzip der Freiwilligkeit: Die Kinder müssen selbst entscheiden dürfen. Partizipation muss freiwillig erfolgen; die Kinder müssen also auch das Recht haben, sich gar nicht oder nur an einzelnen Schritten der Raumgestaltung zu beteiligen.
  • Prinzip der Verlässlichkeit: Die Kinder müssen sich auf die Erwachsenen verlassen können. Sie müssen spüren können, dass die pädagogischen Fachkräfte ihnen zutrauen, sich an einem solchen Prozess zu beteiligen, und sie bei Bedarf unterstützen. Sie müssen erfahren, dass getroffene Vereinbarungen verbindlich sind und von den Erwachsenen eingehalten werden.
  • Prinzip der individuellen Begleitung: Die Kinder müssen von den Erwachsenen individuell begleitet und unterstützt werden. Junge Kinder brauchen aktive Unterstützung, um beteiligungsfähig zu werden und zu bleiben. Welche konkrete Unterstützung sie benötigen, um die Sachverhalte erfassen und mündige Entscheidungen treffen zu können, unterscheidet sich z. B. nach bisherigen Erfahrungen, Ausdrucksmöglichkeiten oder ihrem Entwicklungsstand. So gestaltet sich die Beteiligung von Krippenkindern an der Raumgestaltung anders als der Prozess mit älteren Kindern.

Phasen der Mitgestaltung

Nur die Beteiligung von Kindern gewährleistet, dass die Räumlichkeiten ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechen. Dabei finden Kinder häufig sogar Lösungen, auf die Erzieher*innen bisher nicht gekommen sind. Im Vorfeld ist es Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte zu klären, über welche Räume die Kinder mitentscheiden können, bspw. auch über Büro oder Küche? Zudem muss der Umfang der Mitbestimmung definiert werden: Geht es um grundsätzliche Funktionen der Räume? Oder um die Auswahl der Einrichtungsgegenstände (u. a. fest eingebaute Hochebenen, Gestaltung der Räumlichkeiten, Wandfarbe)?4 Im weiteren Verlauf haben sich die drei folgenden Phasen bewährt:5

1. Kritikphase: Hier wird der aktuelle Zustand kritisch analysiert.

2. Fantasiephase: Es werden Ideen zur Veränderung und Lösungsvorschläge gesammelt und geordnet.

3. Umsetzungsphase: Aus den gesammelten Punkten werden gemeinsam Realisierungsmöglichkeiten entwickelt.

Im Situationsansatz schließt sich noch Schritt 4 an, die Reflexions- und Auswertungsphase, in der z. B. die folgenden Fragen gestellt werden können: Konnten wir die Ziele erfüllen? An welchen Aktivitäten haben sich die Kinder besonders gern beteiligt? Was haben wir erreicht? Was konnten wir verändern? Was ist noch offen? Welche nächsten Schritte wollen wir gemeinsam gehen?

Eigene Wünsche und Vorstellungen zu artikulieren, ist nicht immer leicht. Im Gespräch mit den Kindern können die nachfolgenden Fragen unterstützend helfen:6

  • Was soll genau so bleiben, wie es ist?
  • Was möchtet ihr nicht mehr?
  • Was soll umgeräumt werden?
  • Was könnte neu hinzukommen?
  • Was soll auf jeden Fall neu hinzukommen?
  • Was soll wohin geräumt werden?

Erweisen sich diese Fragen als zu abstrakt, kann auch eine gemeinsame Raumbegehung hilfreich sein. Eine Erzieherin berichtet: „Bei einer Begehung des Gruppenraums bat ich die Kinder, überall, wo sie gern spielen, einen grünen Klebepunkt anzubringen; überall da, wo sie gar nicht gern spielen, einen roten. Anschließend besuchte ich mit den Kindern die grünen, roten und grün-roten Bereiche des Raumes und fragte sie, was ihnen konkret gefällt oder missfällt.“7
Abstimmungsprozesse mit jungen Kindern, also den 0- bis 3-Jährigen, können noch nicht immer verbalsprachlich erfolgen, aber welche Alternativen gibt es? Wenn die Wahlmöglichkeiten als Bilder vorliegen, können die Kinder z. B. zustimmen, indem sie sich zu den Bildern setzen oder kleine Steinchen auf die Bilder legen. Auch vorbereitete Smileys, auf die die Kinder ihre Steinchen zur Abstimmung legen, sind eine hilfreiche Methode. Die für die Raumgestaltung zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel können in Form eines großen Thermometers dargestellt werden, das anzeigt, wie viel Geld vorhanden ist; die Kosten für Materialien können ebenso bildhaft dargestellt werden. Um neue Gestaltungsmöglichkeiten erfahrbar zu machen, lohnen sich Besuche in Museen, Handwerksbetrieben oder Werkstätten.8 Sie erleichtern es Kindern, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was räumlich möglich sein kann.
Einige Einrichtungen halten die Rechte der Kinder in sogenannten „Kita-Verfassungen“ fest. Der Absatz zur Raumgestaltung lautet in einer Einrichtung z. B. folgendermaßen: „§5 Die Kinder haben das Recht, mitzuentscheiden über die Gestaltung aller ihnen zugänglichen Räume der Einrichtung, einschließlich des Außengeländes.“9

Fazit

Auch wenn die Beteiligung von Kindern an der Raumgestaltung zunächst als große Herausforderung erscheint, ist sie ein notwendiger und lohnenswerter Prozess. Und zwar einer, der mit einer gemeinsamen Entwicklung verbunden ist.  

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