Geschichte des Zweiten Vatikanischen KonzilsGegenspieler

Konzilstagebücher sind eine eigene Quellengattung in der Erforschung der Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Tagebücher von Yves Congar, Henri de Lubac oder Edward Schillebeeckx liegen bereits als Editionen vor, ebenso wie das Tagebuch von Sebastian Tromp, der als rechte Hand von Kardinal Alfredo Ottaviani als wichtiger Vertreter der konservativen römischen Schule beim Konzil gilt. Nun wurden auch die Aufzeichnungen Heribert Schaufs ediert. Der Aachener Geistliche war ein Schüler und enger Vertrauter von Tromp und vertrat als Konsultor der das Konzil vorbereitenden Theologischen Kommission sowie als Konzilsperitus ebenso wie dieser die konservative Fraktion beim Konzil. Die Würzburger Kirchenhistoriker Dominik Burkard und Joachim Bürkle haben Schaufs Tagebuch mit einer Einleitung und vielen nützlichen Erläuterungen versehen. Hilfreich sind auch die beigefügten Kurzbiogramme der von Schauf erwähnten Personen sowie das umfangreiche Register. Die Leser erleben den Tagebuchschreiber als Akteur in zahlreichen Auseinandersetzungen mit intellektuellen Gegenspielern wie Joseph Ratzinger, Hans Küng oder Karl Rahner. Dem Vertreter der konservativen Minderheit gelang es dabei, einige seiner Positionen in wichtige Konzilsdokumente einzubringen. Dabei fällt auf, dass die Debatte nicht nur in Kommissionssitzungen und in der Konzilsaula geführt wurde. Eine wichtige Rolle spielten im Vorfeld und im Verlauf des Konzils Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften, etwa in der „Herder Korrespondenz“. Die Streitfragen, die beim Konzil von Bedeutung waren, wurden vor den Augen der interessierten Öffentlichkeit ausgetragen. Durch die gezielte Platzierung solcher Veröffentlichungen versuchten die Parteien, die Debatten in ihrem Sinne zu beeinflussen. Schauf verfasste auch sein Tagebuch mit Blick auf eine zukünftige Veröffentlichung. Denn mit dem Abschluss des Konzils ist die Debatte nicht beendet. Bis heute wird über die theologische Auslegung der Texte gestritten. Die Herausgeber schreiben: „Schaufs Tagebuch [dürfte] einen Beitrag dazu leisten, die Komplexität der Verhandlungs- und Diskussionsprozesse im Hintergrund des Konzils noch einmal schärfer hervortreten zu lassen.“

Benjamin Leven

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