Die fragwürdigen Praktiken der Integrierten Gemeinde und die Nachsicht der KircheDer Gottesbeweis

Die Katholische Integrierte Gemeinde galt als Paradebeispiel für christlichen Aufbruch. Bis immer mehr Ex-Mitglieder ihr autoritäre Strukturen und Gehirnwäsche vorwarfen. Erst jetzt, Jahrzehnte später, reagiert die Amtskirche allmählich, und ein langer Bekannter der Gemeinde geht auf Distanz: Papst emeritus Benedikt XVI.

Der Gottesbeweis
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Am 27. Oktober 1998 schreibt Traudl Wallbrecher einen Brief. Die damals 75-jährige Initiatorin und Leiterin der „Katholischen Integrierten Gemeinde“ (KIG) wendet sich an ein Mitglied: „Warum sträubst Du Dich gegen die Scheidung? (…) Jeder von Euch kann seinen eigenen Weg in der Gemeinde neu beginnen, dazu braucht man nicht verheiratet zu sein. (…) Ich würde wünschen, dass Du diesmal den Rat der Gemeinde annimmst und den vorgeschlagenen Weg gehst.“

Traudl Wallbrecher ist 2016 verstorben. Die von ihr mitbegründete Gemeinschaft sorgte im Oktober 2019 für Schlagzeilen. Medien berichteten über schwere Vorwürfe ehemaliger Mitglieder im Rahmen einer Visitation, also einer kirchenrechtlichen Untersuchung, durch das Erzbistum München und Freising. Dabei wurde aus einem Zwischenbericht der Visitatoren vom 1. Oktober 2019 zitiert, der der Redaktion vorliegt. In diesem findet sich der lapidare Satz: „Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien.“

Weiter heißt es in dem Bericht: „Die Gemeindeversammlung entschied darüber, ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte oder sollte. Dies wurde im Interesse der Gemeinde mitunter so weit verschoben, dass es letztlich zur Kinderlosigkeit kam; eine Wunde, die oft nicht geheilt werden konnte.“ Das ehemalige Gemeindemitglied erinnert sich: „Mir wurde gesagt, ich solle die Pille nehmen.“

Sich zur Wehr zu setzen, sei nicht möglich gewesen. „Ich hatte oft das Gespür, es könnte nicht richtig sein, was in der Gemeinde getan und gesagt wurde. Doch ich hatte nicht die Kraft, ein anderes Leben zu führen. Eine Beichte, die vieles erleichtert hätte, gab es nicht in der Gemeinde.“ Seine Erinnerungen an die Zeit in der Gruppe hat das Ex-Mitglied schriftlich festgehalten; sie liegen, wie alle weiteren hier zitierten Dokumente, der Redaktion vor.

Auch andere ehemalige Mitglieder geben gegenüber der „Herder Korrespondenz“ an, dass zu ihrer Zeit in der Gemeinde die Einzelbeichte nicht üblich gewesen sei; an ihre Stelle sei eine „Correctio Fraterna“ (geschwisterliche Zurechtweisung) genannte Maßregelung im Rahmen von Versammlungen getreten.

Der Adressat des erwähnten Briefs erlebte diese Zusammenkünfte so: „Die Gemeindeversammlung war der Ort, wo die Einzelnen angesprochen und einem seelischen Tribunal unterzogen wurden. Das vermeintliche Vergehen eines Gemeindemitglieds wurde von Frau Wallbrecher dargestellt, andere Gemeindemitglieder sollten ihr beipflichten. Danach musste der Schuldige umziehen, sich von seinem Partner trennen oder einen anderen Beruf ergreifen. Ihm wurden die Kinder weggenommen, oder er wurde aus der Gemeinde gewiesen. Man durfte nicht protestieren, sonst war man ungläubig.“ Auch im Visitationsbericht heißt es: „Die Gemeindeversammlungen waren für die Einzelnen mit großer Angst verbunden, da über sie, ihre Partnerwahl, ihren Beruf, ihren Wohnort und vieles mehr entschieden wurde.“

Ein weiteres Ex-Mitglied, das ebenfalls (in knapper Form) einige Erinnerungen schriftlich festgehalten hat, berichtet, ihm sei von der Leitung der KIG zunächst entgegen seiner eigenen Empfindung ein Verlobungspartner vorgeschlagen worden. Einige Zeit später sei es dann vor die Alternative gestellt worden, sich von diesem Partner wieder zu trennen oder die KIG zu verlassen.

Die neue Familie

Weitere Ex-Mitglieder erzählen, sie hätten oft den Eindruck gehabt, dass Beschlüsse vorab festgelegt und Diskussionen in der Versammlung inszeniert gewesen seien. Den vermeintlichen „Rat der Gemeinde“ hätten sie vor allem als den persönlichen Willen von Traudl Wallbrecher erlebt. Im Rahmen von Auseinandersetzungen sei es zu schweren Konflikten zwischen Kindern und ihren Eltern gekommen. „Die Herkunftsfamilie wurde gering geachtet und hatte keinen Wert. Es zählte nur die neue Familie in der Gemeinde“, heißt es im Zwischenbericht der Visitation.

Am 5. April 2004 wandte sich eine Führungspersönlichkeit der Gruppe mit einem Brief an ein Mitglied. Dessen Eltern waren im Zuge einer Auseinandersetzung Jahre zuvor aus der Integrierten Gemeinde geworfen worden. Darin ist zu lesen: „Willst Du Deine Kraft der neuen Familie schenken und sie schützen vor den Verleumdungen der alten – oder willst Du das nicht?“ Weiter heißt es: „Ist es noch zu rechtfertigen, dass Du in der Gemeinde mitleben darfst“?

Ex-Mitglieder berichten, sie hätten das „Herausfallen aus der Gemeinde“ als beständige Drohkulisse erlebt. Ein Schreiben von Traudl Wallbrecher und einer weiteren Leitungsperson vom 28. Oktober 2002 an alle Mitglieder stellt die Frage in den Raum, ob man wirklich Teil der Gruppe bleiben wolle: „Will ich Gott verfügbar sein entsprechend meiner Berufung, oder will ich mir die Freiheit nehmen, mich und mein Leben selbst zu bestimmen? Ist diese Katholische Integrierte Gemeinde der Ort, zu dem ich gerufen wurde und der Sache Gottes mit meinem Leben dienen möchte – heute noch“? Dann wird in Bezug auf einen zurückliegenden Ausschluss von Personen gefragt: „Hast Du die (…) Entscheidungen der Verantwortlichen verstanden, nachvollziehen und bejahen können?“ Und: „Weißt Du noch von anderen Personen in der Gemeinde, von denen Du glaubst, dass es gut wäre, wenn auch mit ihnen in (…) Versammlungen noch offene Fragen geklärt werden könnten?“ Ein Ex-Mitglied gibt an, im gleichen Jahr ausgeschlossen worden zu sein, weil es den Ausschluss anderer kritisiert hatte.

Die Angst vor einem Ausschluss sei bei ihnen auch deshalb groß gewesen, so ehemalige Mitglieder, weil ihre Sozialkontakte oftmals ganz auf die Gemeinde beschränkt gewesen seien. Auch hätten sie befürchtet, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Im Zwischenbericht heißt es, dass Mitglieder große Teile ihres Einkommens sowie Geld aus Erbschaften und Darlehen für Aktivitäten der Gemeinde aufgewandt hätten. „Das Geld floss grundsätzlich Stiftungen oder Unternehmungen zu, die mit der Gemeinde verbunden waren, dies jedoch so, dass die Gemeinde selbst immer mittellos blieb. Dies führte dazu, dass sich ehemalige Mitglieder heute in prekären Lebenssituationen befinden, die KIG dafür aber jede Verantwortung ablehnt und auch keinerlei Hilfe gewährt.“ Dafür machen ehemalige Mitglieder auch die Bistümer verantwortlich, die durch die Approbation der jeweiligen Statuten für dieses problematische Arrangement mitverantwortlich seien.

Die Visitatoren schreiben: „All dies ist strafrechtlich nicht fassbar, hat aber über weite Strecken den Charakter von geistlichem Missbrauch“.

Indes sind die Anschuldigungen gegen die Integrierte Gemeinde (IG) (den Zusatz „katholisch“ gab man sich erst in den Neunzigerjahren) nicht neu, sondern begleiten sie seit Jahrzehnten. Bereits Anfang der Siebzigerjahre waren Beschwerden beim Erzbistum München und Freising anhängig. Der Zwischenbericht zitiert eine von Generalvikar Gerhard Gruber verfasste Note vom 3. April 1973. Darin werden erwähnt: „Beeinträchtigung der Freiheit der Mitglieder, Trennung von Familien, berufliche und finanzielle Abhängigkeit und die unchristliche Behandlung Ausgetretener“.

1989 schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ): „Angehörige wissen von ‚psychischem Druck‘ zu berichten, unter dem ihre – der ‚Gemeinde‘ angehörenden – Verwandten zu stehen scheinen, und vor allem wird immer wieder über das ‚einnehmende Wesen‘ der Organisation geklagt. (…) Ehemalige Mitglieder berichten, dass es zu den Regeln der Gemeinschaft gehöre, sehr ‚flexibel‘ zu sein und ständig den Wohnsitz zu wechseln. Kinder, so wird berichtet, wachsen oft nicht bei ihren Eltern, sondern in anderen ‚Gemeinde‘-Familien auf“ (SZ, 25.2.1989). Auch im Zwischenbericht der Visitation ist zu lesen: „Kinder wurden von ihren ‚biologischen‘ Eltern getrennt und oft innerhalb kurzer Zeit einem mehrmaligen Wechsel der Bezugspersonen unterworfen. Manche Kinder und Jugendlichen mussten mehrmals pro Schuljahr die Schule wechseln.“

1998, als man dabei war, einen Ableger in Wien zu gründen, zitierte die österreichische Wochenzeitung „Die Furche“ eine Frau, die die Gemeinde verlassen hatte: „Dem einzelnen wird die Möglichkeit der Erkenntnis des Willens Gottes vollkommen abgesprochen“, heißt es da. Entscheidungen der Gemeinde würden zunächst als „Rat“ formuliert, doch wer sich dagegen wehre, würde so lange bedrängt, bis er zustimme. Wer den „Rat“ nicht befolge und beim Gottesdienst die Kommunion empfange, könne der „Gotteslästerung“ bezichtigt werden. Verteter der Gemeinde wiesen in der „Furche“ diese Darstellung zurück und beteuerten, ihr Engagement beruhe ganz auf Freiwilligkeit („Die Furche“, 7.5.1998).

Um die Jahrtausendwende erreichten das Erzbistum wieder Klagen. Der Visitationbericht zitiert eine Vorlage von Offizial Lorenz Wolf für Kardinal Friedrich Wetter vom 5. Oktober 2000, die mehrere Vorwürfe aufführt. Diese sind einerseits sakramentenrechtlicher Natur – „Missbrauch des Bußsakraments, unwürdiger Umgang mit den eucharistischen Gaben, Verhältnis zum Sakrament der Ehe“ – und andererseits wirtschaftlicher Art – die Rede ist von „besorgniserregende(n) wirtschaftliche(n) Verhältnisse(n) der Mitglieder und Gläubigen mit anderen Zugehörigkeitsformen“. Zur selben Zeit soll es laut ehemaligen Mitgliedern zu „sehr kontroversen“ Gesprächen zwischen dem Münchener Ordinariat und der KIG-Leitung gekommen sein.

Am 14. September 2001 wendet sich ein Ex-Mitglied in einem Schreiben an den Paderborner Kardinal Joachim Degenhardt und den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Die Haltung der Gemeinde gegenüber der Initiatorin Traudl Wallbrecher empfindet der Autor des Briefes als „ausgeprägten Führerinnenkult“, verbunden mit einer „Dämonisierung von Kritikern“ und einer „Ermunterung ständiger Denunziation der Gemeindemitglieder untereinander“. Auch spricht er von einer „Verachtung und Zerspaltung natürlicher Familienstrukturen“, wie sie auch der Visitationsbericht erwähnt, sowie einer „Instrumentalisierung der Kinder gegen ihre Eltern“.

Haltlose Anschuldigungen?

Die „Herder Korrespondenz“ hat verschiedene Verantwortliche kontaktiert; als einziges Mitglied der KIG äußerte sich der Theologe Achim Buckenmaier zu den Vorwürfen. Er leitet den seit 2008 bestehenden „Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes“ an der römischen Lateran-Universität. Dort sollen „die theologischen Erkenntnisse und die Erfahrungen des Lebens in der Katholischen Integrierten Gemeinde“ ihren „Weg in die akademische Theologie“ finden. Von der „Herder Korrespondenz“ um Stellungnahme zu den verschiedenen Anschuldigungen gebeten, sagte Buckenmaier: „Ich kann mich zu diesen Vorwürfen nicht mehr äußern, da die KIG beschlossen hat, ihre Aktivität als kirchliche Vereinigung ganz einzustellen, und dies auch inzwischen getan hat.“

Vor einem Jahr, am 22. Oktober 2019, hatte Buckenmaier die Vorwürfe im Zuge der Münchner Visitation noch als „absurd und falsch“ zurückgewiesen. In einem Interview mit „Radio Horeb“ sagte er, der an die Öffentlichkeit geratene Zwischenbericht stelle „Vorwürfe wie Tatsachen“ dar. Einige Sachverhalte seien zudem „längst geklärt“. Er beklagte außerdem, dass das Erzbistum München-Freising der KIG nie die konkreten Anschuldigungen mitgeteilt habe. Im Zwischenbericht der Visitatoren ist hingegen zu lesen, die KIG-Verantwortlichen würden Schreiben „nur sehr formal“ beantworten, Bedingungen stellen und die Nennung der Personen verlangen, von denen die Anschuldigungen stammen.

In einer auf der Website der Gruppierung am 14. November 2019 veröffentlichten – und einige Monate später wieder entfernten – Stellungnahme hieß es, der Bericht enthalte „völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile“, die zusammengetragen worden seien, um der Gemeinde „ihre Katholizität“ abzusprechen. Ziel sei eine „massive Rufschädigung“ und die „Verhinderung ihrer Arbeit“.

Die Stellungnahme betont zudem, es handle sich um Vorwürfe „gegen die örtliche Integrierte Gemeinde“. Dies zeigt eine Problematik des Verfahrens auf. Die Gemeinschaft ist in verschiedenen Bistümern in Deutschland und im Ausland kanonisch errichtet und verfügt außerdem über verschiedene weltliche Rechtsträger. Eine kirchenrechtlich fassbare Gesamtstruktur scheint nicht zu existieren. So heißt es im Zwischenbericht, Gegenstand der Untersuchung sei nur der kirchliche Verein „Katholische Integrierte Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising“. „Weitere Gruppierungen, Institutionen oder Unternehmen im Umfeld der KIG (…) sowie Niederlassungen gleich welcher Rechtsform in anderen Diözesen und deren Finanzen“ würden nicht untersucht. Ehemalige Mitglieder betonen jedoch, dass die Gemeinde sich selbstverständlich als Einheit verstanden habe und auch so aufgetreten sei. Der komplexe Aufbau habe es jedoch ermöglicht, sich der Kontrolle durch die Amtskirche zu entziehen.

Heute sagt ein emeritierter deutscher Diözesanbischof, er habe zwar bei früheren Begegnungen mit der Gemeinde „nie etwas Negatives gehört oder bemerkt“. Inzwischen würden ihn jedoch Zuschriften ehemaliger Mitglieder erreichen: „Sie berichten von einer Indoktrination, die bis in innerste Gewissens- und Lebensbereiche ging.“ Die Zeugnisse halte er für „glaubwürdig“, so der emeritierte Bischof.

Das Experiment Gottes

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die ungeheure Faszination, die von der IG ausgegangen sein muss und die in breite Kreise des deutschen Katholizismus wirkte. Noch 2008 wird die Gemeinde in einem Artikel dieser Zeitschrift zu „den profiliertesten Aufbrüchen und Bewegungen innerhalb der Kirche“ gezählt (vgl. HK, Januar 2008, 38–44). Und ein Religionsbuch des Klett-Verlages präsentiert die KIG bis heute als „wegweisendes Modell“ von Kirche.

Zahlreiche Veröffentlichungen über die KIG berichten von ihrer Entstehungsgeschichte. Auch in ihren eigenen Publikationen kommt die Gruppe immer wieder auf ihre Ursprünge zu sprechen. Hervorgegangen war sie aus einem Kreis um den charismatischen Priester und Intellektuellen Aloys Goergen, der in der Nachkriegszeit junge Menschen um sich geschart hatte. Man versammelte sich zu Vorträgen, studierte Theaterstücke ein und traf sich zu den Festen des Kirchenjahres in Urfeld am Walchensee in den bayrischen Voralpen. Diese Feste waren tatsächlich Feste: mit Essen, mit Musik, Gesang und Tanz. Ab 1964 unterhielt die Gruppe in München ein „Lehrhaus“. Nach und nach wurden weitere Immobilien erworben, „Festhäuser“ im Grünen errichtet. „Wo bleibt das Experiment im deutschen Katholizismus?“ Diesen Satz Karl Rahners schrieb sich die Gruppe 1967 mit einer Plakataktion auf die Fahnen – und unterstrich so ihren avantgardistischen Anspruch: Die Gemeinde sah sich selbst als „Experiment Gottes mit der Kirche“.

Im Jahr 1968 verließ Goergen die Gemeinde im Streit. Spätestens jetzt wurde Traudl Wallbrecher zur unangefochtenen Matriarchin, während ihr Mann Herbert ganz im Hintergrund blieb. Etwa zur selben Zeit entschloss man sich – angeregt durch die israelischen Kibbutzim und nach dem Vorbild der „Urgemeinde“ – zu einem Leben in sogenannten „Integrationshäusern“. Von nun an wohnten die Gemeindemitglieder in Hausgemeinschaften zusammen: Familien und Alleinstehende, Arbeiter und Akademiker, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Priester und Laien. Man ging „in die Integration“, wie es in der Gemeinde hieß. Ab 1969 erschien eine Reihe von Heften mit dem Titel „Die Integrierte Gemeinde“, in denen man sein Selbstverständnis dokumentierte; von diesen übernahm die zunächst namenlose Gruppe ihren Namen.

Nach wenigen Jahren verfügte die IG nicht nur über zahlreiche Immobilien in München und anderswo, sondern auch Kindergärten und Schulen, eine Krankenstation, ein Verlagshaus sowie mehrere Wirtschaftsbetriebe, darunter eine Pumpenfabrik in Wangen im Allgäu, deren Profite in die Arbeit der Gemeinde flossen. Offiziell, darauf legte man großen Wert, handelte es sich dabei stets um gemeinsame soziale und wirtschaftliche Aktivitäten einzelner Mitglieder. Im Jahr 1972 gründeten 120 Gemeindemitglieder sogar eine eigene Genossenschaftsbank: die „Integra Bank“.

Die IG wuchs, gründete Ableger in weiteren Diözesen. Früh ließ man sich in Hagen nieder, woher Herbert Wallbrecher stammte und wo mit dem Paderborner Erzbischof Joachim Degenhardt ein Jugendfreund Wallbrechers amtierte. Ende der Achtzigerjahre entstand eine Niederlassung in Tansania. Langsam sei ein Gewirr von Zugehörigkeitsformen, Strukturen und Gremien entstanden, das sich mehrfach geändert habe und darum von den jeweils gültigen Statuten nur unzureichend abgebildet worden sei, sagen Ex-Mitglieder. Eine Priestergemeinschaft bildete sich, die schließlich 1989 in Paderborn kanonisch errichtet wurde.

Viele Mitglieder waren künstlerisch tätig, entwarfen, dichteten, komponierten. „In München haben sich vor einiger Zeit Menschen zusammengefunden, die überzeugt sind, dass nicht die Kirche (mit ihrer gesellschaftlichen Widersprüchen ausweichenden Verheißung) die eigentliche Kirche sei, sondern dass die Existenz in einer Stadt beispielsweise, hier und jetzt, mitten im Diesseits, eine Aufgabe für die Kirche ist“, notierte im Jahr 1974 ein Autor der „Süddeutschen Zeitung“. Besonders hebt der journalistische Beobachter den Formwillen und die Stilsicherheit der Integrierten Gemeinde hervor: „Beim gemeinsamen praktischen Handeln merken diese Christen, dass die Neugestaltung von intensiver Kommunität auch eine Verbesserung der formalen, dinglichen Umwelt nach sich zieht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sich Angehörige der Integrierten Gemeinde in einem muffig-kitschigen Zimmer wohl fühlen würden“ (SZ, 9.5.1974). Im Jahr 1979 lobte ein Beitrag derselben Zeitung die „heitere Unbefangenheit, Unverkrampftheit, Weltoffenheit und phantasievolle Produktivität“ der Gruppe (SZ, 11./12.8.1979).

Große Bedeutung wurde der zeitgenössischen Theologie zugemessen, insbesondere der exegetischen Forschung. Zu den Mitgliedern der ersten Stunde gehörte etwa der Systematiker Ludwig Weimer. Das sorgte für Interesse in akademischen Kreisen. 1984 verzichtete etwa der Neutestamentler Rudolf Pesch (verstorben 2011) auf seinen Freiburger Lehrstuhl und wurde Gemeindemitglied. Später fanden weitere prominente deutschsprachige Theologen ihren Weg in die Gemeinde – und bekundeten in der Öffentlichkeit ihre Begeisterung über das, was sie dort erlebten. Mit ihren Publikationen lieferten sie „zum Gebrauch ihres Gemeindeverständnisses entsprechende Exegesen“, wie der damalige HK-Chefredakteur David Seeber anmerkte (HK, Februar 1984, 49–51, 49).

In der Tat begründete die Gemeinde ihre Gestalt und Praxis, durchaus anspruchsvoll, mit der Methode der „strukturkongruenten Hermeneutik“: In den Texten des Neuen Testaments fand man vor allem Erfahrungen der urchristlichen „Gemeinde“ verarbeitet, in denen des Alten Testaments analog des „Volkes Gottes“. Diese interprierte man als „strukturkongruent“ zu den eigenen Erfahrungen als Gruppe. Im Fokus standen deshalb nicht das Individuum und das Jenseits, sondern die Gemeinschaft und das Heute. Hier und jetzt, konkret: in der Gemeinde, sollte Gottes Wille Wirklichkeit werden. Die entsprechenden Argumentationen verbreitete man bei Seminaren, in den eigenen Zeitschriften sowie in den vielen theologischen Publikationen aus dem Umfeld der Gruppe.

Mit dem intensiven Studium des Alten Testaments ging auch ein großes Interesse am Judentum einher. Die IG engagierte sich intensiv im jüdisch-christlichen Dialog, 1995 entstand ein Gesprächskreis mit israelischen Kibbutz-Mitgliedern. Immer wieder wurde von der IG auch das „Versagen der Kirche“ angesichts des Holocaust als einer der Anlässe für die Gründung angeführt.

Faszinierend wirkte auch das praktische Leben der IG. Für den Publizisten Christian Nürnberger, der die Gemeinde in den Achtzigerjahren kennengelernt hatte, ist sie die Verwirklichung einer „Utopie Gottes“, wie er in seinem Buch „Jesus für Zweifler“ (Gütersloh 2007) schreibt. In der Gemeindeversammlung zähle „das Wort der Hausfrau so viel wie das des Atomphysikers“, hier würden Banker das Klo putzen und Fabrikdirektoren beim Umzug ihrer Mitarbeiter mit anpacken. Die Mitglieder würden zwischen ihrem Leben und den Geschichten der Bibel „so etwas wie Strukturkongruenz“ feststellen: „Da werden dann tatsächlich Kranke wieder gesund, kaputte Ehen heil und zerbrochene Kinder wieder ganz“. Heilsam und hilfreich sei dabei die „Preisgabe von Autonomie“: Wer in Schwierigkeiten stecke, müsse sich nur „ganz der Gemeinde anvertrauen“ und sich „von bestimmten Gemeindemitgliedern führen lassen“ (266–267). „Wer immer noch meint, von einem besseren Leben für alle träumen zu müssen, der sollte sich diese Integrierte Gemeinde anschauen“ (268), so Nürnberger.

Eine seltsame Freundschaft

Das Faszinosum IG und die Beschwerden von Aussteigern – für kirchliche Verantwortliche muss das schwer zusammenzubringen gewesen sein. Und dennoch hätten die massiven Vorhaltungen schon vor Jahrzehnten zumindest eine Untersuchung gerechtfertigt, haben doch die Bischöfe laut can. 305 des Kodex des Kanonischen Rechts eine Aufsichtspflicht über „Vereine von Gläubigen“. Warum wird der Integrierten Gemeinde also erst jetzt der Prozess gemacht?

„Bei allem, was man in München in Bezug auf die Integrierte Gemeinde unternommen hat, musste man immer davon ausgehen, dass sie einen mächtigen Protektor hat.“ Das sagt eine Person, die mit der Angelegenheit seit Langem vertraut ist. Vertreter der IG hätten gegenüber den Münchner Autoritäten mitunter sogar behauptet, über Sondergenehmigungen aus Rom zu verfügen. Genauer gesagt: von der römischen Glaubenskongregation.

In der Tat pflegte die IG schon seit den Siebzigerjahren freundschaftliche Verbindungen mit Joseph Ratzinger. Der IG-Theologe Ludwig Weimer habilitierte ab 1974 bei Ratzinger in Regensburg und war 1978 Gründungsmitglied des Ratzinger-Schülerkreises. Nach der Papstwahl widmete man der Freundschaft ein ganzes Buch: „30 Jahre Wegbegleitung. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und die Katholische Integrierte Gemeinde“ (Bad Tölz 2006) heißt der aufwendig gestaltete Bildband. Es dokumentiert die Berührungspunkte und Begegnungen: Gespräche, Tagungen und Symposien, Gottesdienste, Feierlichkeiten. 1993 weiht Ratzinger Mitglieder zu Priestern, 1996 traut er einen Sohn der Gründerin, später tauft er dessen Kinder.

Erstmals folgte Ratzinger 1976 der Einladung der Gruppe und nahm an einem Gottesdienst im Günther-Stöhr-Hof in Wolfesing bei München teil, einem der Festhäuser der Gemeinde. Ein Foto des Anlasses verwendete die Gemeinde später gerne in ihren Veröffentlichungen. Ratzinger – dem nachgesagt wird, als Professor von den Studentenprotesten in Tübingen so beunruhigt gewesen zu sein, dass er ins beschaulichere Regensburg wechselte – traf sich hier mit derselben Gruppe, die wenige Monate zuvor über Nacht den Münchner Liebfrauendom (und zeitgleich die Bischofskirchen in Münster, Paderborn und Rottenburg) besetzt hatte, um gegen eine Jubiliäumsfeier ihres ehemaligen Mentors Goergen zu protestieren, sich gegen eine Etikettierung als Sekte zu wehren und die offizielle kirchliche Anerkennung zu erzwingen (vgl. SZ, 13.7.1976). Münchens Erzbischof, Kardinal Julius Döpfner, reagierte nach einem Gespräch mit Vertretern der Gemeinschaft genervt (vgl. SZ, 15.7.1976); anderthalb Wochen später starb er. Kaum war Ratzinger sein Nachfolger geworden, verhalf dieser mit Dekret vom 24. November 1978 den katholischen Revoluzzern zur lang ersehnten kirchlichen Anerkennung.

Traudl Wallbrecher, so berichten es ehemalige Mitglieder, habe sich mit größter Aufmerksamkeit um die Beziehungen zu hohen kirchlichen Würdenträgern gekümmert. Neben Ratzinger und Degenhardt habe es auch regelmäßige Kontakte zu den Kardinälen Christoph Schönborn und Walter Kasper gegeben.

Die Nähe Ratzingers zur Integrierten Gemeinde blieb auch den Papstbiografen nicht verborgen. Alexander Kissler schildert die Gemeinde als „Ort, an den Benedikt XVI. denkt, wenn er träumt von einer mutigen, kreativen Minderheitenkirche“ (Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat, Freiburg 2005). Weniger wohlwollend deutet Alan Posener die „Integrierte Gemeinde als das von Benedikt gewollte Gegenbild zur offenen Gesellschaft: eine antiindividualistische „katholische Kommune“, in der sich das Individuum im Kollektiv auflöst (Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft, Berlin 2009).

Peter Seewald tut sich erkennbar schwer mit der seltsamen Freundschaft. In seinem Buch „Benedikt XVI. Ein Leben“ (München 2020) spricht er vor einer „unverständlichen ‚Nibelungentreue‘“ (915) Ratzingers gegenüber der Gruppe. Die IG habe ihn als „Aushänge- wie als Schutzschild“ nutzen können. Als sie 2006 ihre Nähe zum neuen Papst mit einem Bildband demonstrierten sei dieser jedoch schon „längst auf Distanz gegangen“ (630). Einen Beweis dafür bleibt Seewald schuldig. Der Autor berichtet, Benedikt XVI. habe einem Sohn der Gründerin und seiner Ehefrau später geraten, aus der Gemeinde auszutreten. Das könnte tatsächlich als späte Distanzierung verstanden werden. Die Betroffenen legen jedoch Wert darauf, dass Benedikt XVI. ihnen nicht zum Austritt „geraten“ habe, sondern lediglich „Verständnis“ für diesen Schritt geäußert habe. Der Verlag Droemer, in dem die Biografie erscheint, bestätigte, dass die Passage in den nächsten Auflagen des Buches gestrichen werde.

Dabei sollen Ratzinger mehrfach persönlich Beschwerden über die Gruppe vorgetragen worden sein, auch von offizieller kirchlicher Stelle. So berichtet ein hochrangiger Geistlicher, dass ein Vertreter eines deutsches Bistums im Jahr 2000 eigens nach Rom gereist sei, um den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation über verschiedenste Vorwürfe gegen die IG ins Bild zu setzen. Den Angaben zufolge fand das Gespräch im römischen Palazzo der Kongregation statt. Ratzinger sei unter anderem darüber informiert worden, dass nach Angaben von Aussteigern manche IG-Mitglieder ihr ganzes Vermögen der Gemeinde überlassen hätten und in die Überschuldung getrieben worden seien. Dass Aussteigern Schwierigkeiten gemacht würden. Dass die ordentliche Beichte abgeschafft sei und durch öffentliche Bußgespräche im Rahmen von Versammlungen ersetzt werde. Das Ziel des Treffens in Rom, so stellt es der Insider dar, habe darin bestanden, sicherzustellen, „dass Ratzinger diese Informationen tatsächlich erreichen“. Ratzinger soll freilich wenig überrascht reagiert haben. Die Vorwürfe seien ihm bekannt, habe der Präfekt gesagt, aber Aussteigerberichte seien immer von begrenzter Glaubwürdigkeit. Die IG verfolge einen guten theologischen Ansatz. Statt sie zu ghettoisieren, solle die Kirche sie eng begleiten.

Von der „Herder Korrespondenz“ zu seiner Beziehung zur Katholischen Integrierten Gemeinde befragt, teilt der emeritierte Papst Benedikt XVI. heute mit: „Als Erzbischof von München und Freising sah ich es als meine amtlich begründete Aufgabe und Verpflichtung an, die IG, deren theologische Ausrichtung von den exegetischen Arbeiten der Professoren Lohfink und Pesch zutiefst geprägt wurde, auf deren Rechtgläubigkeit hin zu begleiten. Inwieweit eine konsequente Umsetzung der theologischen Vorgaben im konkreten, alltäglichen Lebensvollzug der IG letztlich realisiert worden ist, ist schwer zu beurteilen. Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden. Meine Informationen in diesem Bereich blieben dürftig. Ich bedauere es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt. Mein bischöfliches Handeln zielte allein darauf ab, von der IG den vollen Glauben der Kirche als konkretes Ziel zu fordern und zu fördern. Offensichtlich wurde ich über manches im Innenleben der IG nicht informiert oder gar getäuscht, was ich bedauere.“ Darstellungen, er habe der Gemeinde als Präfekt der Glaubenskongregation oder Papst irgendwelche Sondergenehmigungen erteilt, weist Benedikt XVI. überdies als „falsch und frei erfunden“ zurück.

Scripta manent

Auch bei kirchlichen Stellen in Deutschland sollen laut Ex-Mitgliedern schon früh Beschwerden eingegangen sein: zum Beispiel im Erzbistum Paderborn, wo die IG zeitweilig über acht Immobilien verfügte und mit mehreren Firmen aktiv war. Auch zuletzt hätten sich Personen an das Erzbistum gewandt, wie es heißt, und unter anderem auf die Bedeutung der dort beheimateten Priestergemeinschaft hingewiesen. Doch Pressesprecher Benjamin Krysmann wehrt ab: „Seit ihrer Gründung liegen die Tätigkeitsschwerpunkte der Integrierten Gemeinden außerhalb des Erzbistums Paderborn, von den Integrierten Gemeinden im Erzbistum Paderborn geht keine nennenswerte Aktivität aus. Die Priestergemeinschaft hat zwar formal ihren Sitz im Erzbistum Paderborn, faktisch ist sie ausschließlich außerhalb des Erzbistums aktiv, die Verwaltung erfolgt durch die Geschäftsstelle mit Sitz in München. Beschwerden über Fehlverhalten der zu den Integrierten Gemeinden gehörenden Vereinigungen im Bereich des Erzbistums Paderborn liegen uns nicht vor.“ Auf Nachfrage gibt Krysmann zu, dass „Kritik immer wieder einmal das Erzbistum Paderborn erreicht hat“. Sollten sich aus der Münchener Visitation „Fragen“ hinsichtlich der Priestergemeinschaft und der KIG in Paderborn ergeben, wolle man diese „einer Klärung zuführen“.

In München sollte die Visitation einem Sprecher zufolge eigentlich „im Spätsommer oder Frühherbst“ dieses Jahres abgeschlossen sein, was aber bis Redaktionsschluss noch nicht geschehen ist. Die Visitatoren mussten bei ihrer Arbeit nicht zuletzt die Frage beantworten, für wie glaubhaft sie die Vorwürfe gegen die Integrierte Gemeinde halten. In dubio pro reo heißt es im Lateinischen, im Zweifel für den Angeklagten. Scripta manent heißt es aber auch – Geschriebenes bleibt. Vieles, was zum Selbstverständnis der Gemeinde gehörte und was aus Sicht der Ex-Mitglieder fatale Konsequenzen zeitigte, lässt sich in den Schriften prominenter Theologen aus dem IG-Umfeld aufspüren. Das Leben der ersten Christen etwa gleicht dem Alltag in einem Integrationshaus: Die „natürliche Familie“ öffne sich in den größeren Zusammenhang der „neuen Familie“ der Gemeinde, liest man. Dabei komme es auch zu „Entzweiuungen“. Als Begründung dienen Schriftstellen wie Lukas 12,51 f.: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. (…) Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter (…)“.

Dann sind da die frühen Publikationen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, jene Hefte also, die der Integrierten Gemeinde erst ihren Namen liehen. Hier werden stolz Briefe von Mitgliedern mit emphatischen Bekenntnissen präsentiert, die offenbar auch im Gottesdienst verlesen wurden. Dass diese Texte Zeugnisse eines kaum reflektierten Fanatismus sind, war bereits von den Papst-Biografen Alexander Kissler und Alan Posener bemerkt worden.

„Mein Leben hat im Januar 1969 neu begonnen, als ich in die Gemeinde kam“, ist da zu lesen. „Die Integrierte Gemeinde ist die einzig mögliche Daseinsform des Christen in unserer Zeit.“ – „Mein Leben selbst ist hingeordnet auf ein Zentrum. Dieses Zentrum heißt Gemeinde.“ – „Der Anspruch der Gemeinde geht auf das Ganze.“ – „Meine ganze Zeit ist von der Gemeinde her einzuteilen und auszukaufen. Mein ganzes Geld ist von der Gemeinde her zu verwalten. Meine ganze Kraft gehört der Gemeinde.“ In einem Gedicht heißt es: „Schau genau hin. / Du siehst richtig. / Es ist nichts da / es fällt nichts ab für dich. / Die Gemeinde gibt dir nichts / sie braucht dich / dich, der du glaubtest, nichts zu haben. / Die Gemeinde sagt dir: / du bist reich. / Ich brauche alles, was du hast. / Ich bin immer in Not. / Du kannst mir helfen.“

„Ich brauche alles, was du hast“ – da ist Widerspruch schwierig: „Wer den Gehorsam verweigert“, schreibt ein Mitglied, „verrät die Kirche und den Glauben. Denn das Nicht-hören auf die Gemeinde bedeutet entweder: man glaubt nicht an die Anwesenheit Gottes in der Gemeinde, oder: dieser vielleicht anwesende Gott ist einem gleichgültig. Beides aber ist Unglaube – die Sünde wider den Heiligen Geist.“

Dass man in späteren Jahrzehnten ähnlich radikal dachte, lassen nicht zuletzt die zitierten Briefe erahnen, in denen Mitgliedern die Scheidung oder die Distanzierung von den eigenen Eltern nahegelegt wurde und in denen ihnen indirekt mit dem Ausschluss gedroht wurde.

Den Auftrag wach halten

Und heute? Spätestens mit dem Tod der Gründerin 2016 scheint die KIG ein Großteil ihrer Lebenskraft verlassen zu haben. Die Münchner Gruppe verfügte laut dem Zwischenbericht der Visitatoren zum Zeitpunkt der Untersuchung noch über 15 Mitglieder. Noch vor fünfzehn Jahren war in Publikationen der Gemeinde von insgesamt über 1000 Zugehörigen die Rede. Ex-Mitgliedern zufolge habe es aber im Jahr 2011 eine radikale Verkleinerung der gesamten Gemeinde gegeben, bei der nur wenige Dutzend Personen als Voll-Mitglieder verblieben seien, während einige hundert Personen nur noch als „Freunde“ gegolten hätten.

Die Festhäuser sind längst verkauft und auch die Integrationshäuser scheinen nicht mehr zu bestehen. In München existierten noch ein Gymnasium und eine Grundschule. Auch der römische KIG-Lehrstuhl setzt seine Arbeit fort. Zur Priestergemeinschaft gehören laut Auskunft des Erzbistums Paderborn noch zwanzig Geistliche. Aussteigern zufolge müsste aber eine gut gefüllte „Kriegskasse“ aus dem Verkauf der römischen Villa Cavaletti und der Pumpenfabrik in Wangen existieren.

Laut KIG-Professor Achim Buckenmaier will die Gemeinde „ihre Aktivität als kirchliche Vereinigung ganz einstellen“. Allerdings können sich die kirchlichen Rechtsträger der KIG – also die Ableger in den Bistümern und die Paderborner Priestergemeinschaft – nicht selbst auflösen. Dies obliegt dem jeweiligen Ortsbischof. Ein Blick ins Vereinsregister beim Amtsgericht München zeigt, dass auch bei den weltlichen Rechtsträgern Veränderungen im Gange sind: Aus dem dortigen „Integrierte Gemeinde e.V.“ wurde am 20. Mai 2020 der „collegium theologia e.V.“. Und der „P.i.D. Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden e.V.“ (der weltliche Rechtsträger der Priestergemeinschaft) heißt seit dem 13. Mai 2020 „collegium scientia e.V.“. In einem Schreiben des Vorstands des„Förderkreises der Katholischen Integrierten Gemeinden e.V.“ an seine Mitglieder vom 24. September heißt es, die KIG habe ihre Arbeit „in der bisherigen kirchenrechtlichen Form (...) für beendet erklärt und dies auch allen zuständigen Bischöfen mitgeteilt“. Allerdings habe eine „Gruppe von Personen zwischen 25 und 65 Jahren“ die „Verantwortung“ übernommen, „den Auftrag auf der Basis der vergangenen 70 Jahre wachzuhalten und in einem neuen rechtlichen Gewand zu verwirklichen.“ Wenn der Münchner Kardinal Reinhard Marx sich also als Konsequenz aus der Visitation entschließen würde, die örtliche KIG aufzulösen, wäre das aus Sicht der Ex-Mitglieder zwar folgerichtig, aber eher eine Formsache. Einige von ihnen verlangen darum die Einrichtung einer eigenen Aufarbeitungskommission, Hilfsangebote vonseiten der Erzdiözese sowie eine öffentliche Stellungnahme von Kardinal Marx.

Es spricht einiges dafür, dass die KIG an einem Comeback im neuen „Gewand“ arbeiten könnte: Aus ihrer Sicht ist ja noch ein Beweis anzutreten – ein Gottesbeweis. „Es braucht also ein heutiges Experiment und heutige Wunder (...), und zwar das originale Experiment mit einem Volk echter Jesusjünger, die als Werkzeug Gottes etwas in der Gesellschaft ändern und heilen können, um zumindest dem Vorwurf der Erfindung eines wirkungslosen Gottes zu antworten. Der heute gefragte Gottesbeweis kann nur der Verweis auf eine Geschichte und eine Praxis sein, die überzeugen, also ein Experiment der Überprüfung“. Als eben jenes „Experiment“ hat sich die Integrierte Gemeinde stets verstanden. Die zitierten Sätze stammen von ihrem „Cheftheologen“ Ludwig Weimer, und zwar aus dem Vortrag, den er vor wenigen Wochen, am 25. September 2020, bei der Tagung des Ratzinger-Schülerkreises in Rom hielt. Diese Geschichte ist offenbar noch nicht zu Ende.

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